Du bist ein Kind deiner Zeit


 
Pfarrer Horst Gamerdinger über das Verhältnis der Generationen

 
Jeder ist ein Kind seiner Zeit. Meine Zeit begann im Jahr 1963, da bin ich geboren. „Geburtenstarke Jahrgänge“ waren das damals. „Pillenknick“ kam später. Grafisch wird das gerne mit Balken als Baum dargestellt, die Männer links, die Frauen rechts. Mein Jahrgang ist der mit dem längsten Balken. Im Kindergarten war ich in einer Zusatzgruppe, in der Schule gab es Wanderklassen, in der Uni hörte ich die überfüllten Vorlesungen oft auf dem Fußboden mit.
Irgendwann wurde mir klar, dass meine Geschichte nicht nur meine individuelle Geschichte ist, sondern die Geschichte der Kinder meiner Zeit. Kein Zufall, dass meine Freunde auch Väter hatten, die vieles aufhoben und Kaputtes immer noch mal repa-rieren konnten.

Warum ich darüber schreibe? Es ist so spannend, witzig und erkenntnisreich, sich darüber mit Gleichaltrigen zu unterhalten. Jede Jahrgangs-Generation hat ihre Erfahrungen und Erlebnisse, die sie prägen und bestimmen. Noch interessanter ist es aber, sich zwischen den Generationen auszutauschen.

Die Älteren haben den Mangel und Hunger der Kriegsjahre und danach erlebt und können es nicht sehen, wenn Essen weggeworfen wird. Die Jüngeren sind in der Fülle der achtziger und neunziger Jahre aufgewachsen und möchten selbst entscheiden, was sie essen. Früher tat man vieles ohne lange zu reden aus Pflichtgefühl gegenüber der Familie oder der Gesellschaft heraus. Wer so groß geworden ist, tut sich manchmal schwer mit dem Selbstbewusstsein und der Eigenverantwortlichkeit der Jüngeren.

Es braucht oft viel Toleranz zwischen den Generationen. Wenn man voneinander weiß, fällt vieles leichter. Es hilft, sich von den kleinen und großen Selbstverständ-lichkeiten der Zeit, in der man groß wurde, zu erzählen. Und sich zuzuhören über Generationsgrenzen hinweg. Zu fragen: Wie war es bei dir damals?
Ich freue mich über jede Situation, in der es gelingt, das Verständnis der Generationen untereinander zu fördern. Wenn sich Großvater und Enkel über die Pausenbrote damals und heute unterhalten. Oder wenn die Jugendliche sich mit ihren Großtanten darüber austauscht, was man als junges Mädchen auf keinen Fall anziehen kann und was man unbedingt haben muss.

Übrigens: Im ökumenischen Arbeitskreis zur „Woche für das Leben“ planen wir zur Zeit eine Veranstaltung für Ende April, bei der es um diese Gespräche zwischen den Generationen geht.

Weingarten im Blick, 17. Februar 2012


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Letzter Halt

Foto: Dieter Schütz_pixelio.de

Foto: Dieter Schütz_pixelio.de


Pfarrer Wolfgang Rapp über Albrecht Dürer und seine Betenden Hände
 
Albrecht Dürer, der große Maler aus Nürnberg. Vor mehr als einem halben Jahrtausend hat er gelebt. Aber seine Bilder sprechen die Menschen immer noch ganz unmittelbar an. Das Bild eines jungen Hasen etwa. Oder Dürers zahlreiche Bilder vom Leiden Jesu. Ganz besonders aber haben es die betenden Hände vielen Menschen angetan.
Faszinierend, wie genau Dürer hier jede winzige Einzelheit festgehalten hat: Die Fingernägel, die Hautfalten an den Knöcheln, die Adern und Sehnen bis zu den umgeschlagenen Ärmeln an den Handgelenken. Die Wissenschaft hat übrigens herausgefunden: Dürer hat hier seine eigenen Hände gemalt. Er hat zwei Spiegel zu Hilfe genommen und so jede Einzelheit genau vor Augen gehabt beim Malen.

Inzwischen hat sich der fromme Kitsch über dieses Motiv hergemacht. Dürerhände überall und in allen Formen, vom Konfirmationsbildchen bis zum Bronzeguss auf dem Grabstein. Dabei wird deutlich: Die zahllosen Nachahmer haben es nicht geschafft, dem Bild seine ursprüngliche Kraft zu nehmen.
Beten! Dürers Hände machen deutlich: Im Gebet finde ich Maßstäbe. Und sinnvolle Ziele für meine Arbeit. Mit meinen Händen kann ich mithelfen, dass Gottes Wille in dieser Welt geschieht. So wird aus dem Beten auch ein Arbeiten. Beten heißt eben nicht, die Hände in den Schoß zu legen.


Albrecht Dürer soll einmal gesagt haben: „Das Leben ist entweder ein Seil oder ein Federbett. Man gebe mir das Seil." Bequem nur das Dasein genießen oder sich angesichts von Nöten und Problemen unter der warmen Bettdecke zu verkriechen - das war Dürers Sache nicht. Kennzeichnend für seine Werke ist: immer genau hinsehen. Und - bei aller Genialität - immer auch handwerkliche Sorgfalt, Fleiß und Genauigkeit bis ins letzte Detail.Das Leben - nicht Federbett, sondern Seil! Mit einem Seil kann, wer die Mühe nicht scheut, hoch hinaus kommen. Mit einem Seil kann man Abgründe überwinden. Kinder verwenden das Seil zum Hüpfen und entfalten dabei ihre Beweglichkeit. Seile dienen auf vielfältige Weise als Werkzeug und Hilfsmittel bei der Arbeit. Im Hochseilgarten setzen sich Jugendliche und junge Erwachsene (und nicht nur sie) mit ihren körperlichen und psychischen Grenzen auseinander. Seitdem ich diesen Satz von Albrecht Dürer kenne, stelle ich mir seine Hände vor, wie sie ein Seil umfassen. Sinnbild von Tätig sein, Spielen und lustvollem Gestalten. Und zugleich Sinnbild für einen letzten, sicheren Halt.
 
 

Segen

Es sei mit uns
der Segen Gottes
im Atemholen
im Träumen
im Wachen
im Schmerz
in der Freude
im Denken
im Tun
im Verweilen
im Fortgehen

es sei mit uns
der Segen Gottes
wie eine Hand
auf unserer Schulter
 
 
Weingarten im Blick, 27. Januar 2012
 
 


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Wartezeit

Thomas Max Müller_pixelio.de

Thomas Max Müller_pixelio.de


Pfarrerin Marit Hole über geraubte und geschenkte Zeit

Die Fußgängerampel zeigt Grün. Du willst sie schnell noch überqueren, da schaltet sie auf Rot und bremst deinen Schritt. Anderthalb Minuten warten, bis die Ampel wieder umschaltet. Geraubte Zeit oder geschenkte Zeit?
Du sitzt vor dem Computer und wartest, bis er eine umfangreiche Datei geöffnet hat. Lohnt es sich, zu warten – oder stehst Du lieber auf, um schnell etwas anderes zu erledigen?
Du gehst mit deinem Kind durch die Stadt, um noch schnell ein paar Geschenke zu besorgen. Da entdeckt es das Polizeiauto. Es parkt neben euch an der Straße. Das müssen wir von allen Seiten begutachten. Geraubte Zeit oder geschenkte Zeit?

Jeden Tag hängen wir mehrfach in der Warteschleife. Wie sollen wir damit umgehen? Wir können die Wartezeit mit Ungeduld überbrücken. Wir können versuchen, sie abzukürzen. Vielleicht ist da doch eine Lücke im Verkehr, in der Du über die Straße springen kannst. Du kannst schnell das Kind vom Polizeiauto wegziehen. Du kannst auch versuchen, die kleinen Warte- Pausen produktiv zu nützen – eine SMS schreiben, bis die Ampel umschaltet oder den Müll rausbringen, während der Computer arbeitet.

Noch etwas anders ist möglich: Du kannst dich bremsen lassen, mitten am Tag. Du kannst dir zum ersten Mal in deinem Leben ein Polizeiauto wirklich von nahem anschauen. Du kannst dich vor dem Computer zurücklehnen und noch einmal an das kurze Gespräch mit der Nachbarin am Morgen denken. Du kannst an der Ampel in die Gesichter der Menschen schauen, die neben dir warten. Kannst einen Moment auf die Stille um dich herum hören. Geraubte Zeit oder geschenkte Zeit?
 
Adventszeit ist Wartezeit. Geschenkte Zeit. Der Advent will unseren Alltag unterbrechen. Er möchte uns aufmerksam und offen machen für den, der kommt. Deshalb: Lass dir die Zeit schenken, und wenn es nur einige kleine Momente am Tag sind. Momente, in denen nicht du bestimmst, was getan wird, sondern in denen du hinhörst, durchlässt, was von außen kommt.

Lass dich überraschen von dem, was kommt, ohne, dass du es geplant hättest. Lass dich überraschen von dem, der kommt, ganz anders, als du es dir vorgestellt hättest. Oder, wie es der 24. Psalm sagt:
Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch – dass der König der Ehre einziehe (Ps 24,7).


Weingarten im Blick, 16. Dezember 2011


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Advent

Der scheidende Pfarrer Edwin Schulz zur Adventszeit
 
Nun dürfen wir im Adventskalender wieder die erste Tür öffnen. Advent – es beginnt die Zeit des Wartens. Kinder wünschen sich, dass die Zeit schnell vergeht; Erwachsene fragen sorgenvoll, ob sie alles bis zum Weihnachtsfest schaffen. Advent – die Zeit des Wartens.
Worauf aber warten wir? Auf ein Geschenk? Auf harmonische Tage in der Familie? Auf Zeit für Begegnungen? Auf einige Tage der Ruhe und Entspannung? Auf den, dessen Geburt an diesem Fest gefeiert wird?
Advent heißt Ankunft, das Kommen dessen, der „Heil und Leben mit sich bringt“ in eine Welt, die nicht „heil“ ist, aber doch voller Sehnsucht nach Licht und Leben.
Einer der für mich bewegendsten biblischen Texte zum Advent nimmt diese Sehnsucht auf. Es sind Worte aus dem Propheten Jesaja (Kap 63 und 64). Worte, die ein Schrei nach Rettung und Befreiung sind, noch mehr – ein Schrei nach Gott – die erschütternde Klage dessen, der auf Gott hofft, aber der Himmel scheint verschlossen. „Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen ...“. Und an anderer Stelle: „Bist du doch unser Vater, „Unser Erlöser“, das ist von alters her dein Name“. Eine Klage, die unter die Haut geht. Der Prophet behaftet Gott bei seinem Namen: Bist du doch unser Erlöser, unser Vater.
Um solcher Texte willen muss man zur Bibel greifen. Sie sind ganz auf der Seite des Menschen und in ihrer Klage ganz bei Gott. „Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab ...“.
Über die Jahrtausende kommt uns der Prophet nahe und mit ihm hoffen wir auf Gott – für unser Leben und diese Welt. Und vielleicht kann man sagen: wo im Leid und in der Klage die Hoffnung nicht untergeht, wo wir einander zum Leben helfen, wird es Advent, leuchtet ein Licht in der Dunkelheit, kommt er uns nahe.

Eine gesegnete Adventszeit!

Pfarrer E. Schulz


im Gemeindebrief Ende November 2011


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Der alte Birnbaum


Pfarrer Wolfgang Rapp
 
Lieber Leserinnen und Leser!

Haben Sie dieses Gedicht auch in der Schule auswendig gelernt?

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
ein Birnbaum in seinem Garten stand.
Und kam die goldene Herbsteszeit
und die Birnen leuchteten weit und breit,
da stopfte, wenn's Mittag vom Turme scholl,
der von Ribbeck sich beide Taschen voll.
Und kam in Pantinen ein Junge daher,
so rief er: „Junge, wiste 'ne Beer?"
Und kam ein Mädel, so rief er: „Lütt Dirn!
Kumm man röwer, ick hebb 'ne Birn."


Dieses Bild sehe ich seit Kindertagen vor mir: Da steht ein Herr mit grauem Haar an einem hölzernen Lattenzaun. Der Zaun umgibt den parkartigen Garten mit dem Birnbaum darin. Vor dem Garten führt eine Straße entlang, Kopfsteinpflaster. Die Wege am Rand sind nicht befestigt. Und der Junge, der da entlang schlendert, in der stillen Hoffnung, eine Birne zu bekommen: das bin natürlich ich.
Kennen Sie nicht auch diese Freude, etwas geschenkt zu bekommen?! Herr von Ribbeck weiß freilich, dass das Geben auch den Geber erfreut. Darum stelle ich ihn mir als einen glücklichen und zufriedenen Menschen vor. Ach, möchte man sagen: Wo ist diese Lebensklugheit geblieben? Gilt nicht heute mehr und mehr die entgegengesetzte Devise? Denk an dich selbst! Jeder muss zuerst für sich selber sorgen! Geiz ist geil!
Aber das kannte natürlich auch schon der Dichter Theodor Fontane. Und er beschreibt auch diese Seite in seinem Gedicht: Der alte von Ribbeck stirbt, der Sohn ist ganz anders.

Der neue freilich, der knausert und spart,
hält Park und Birnbaum streng verwahrt.


Knausern und sparen: Die Geiz ist geil Mentalität hat sich in unseren Köpfen festgesetzt.
Ist Fontanes von Ribbeck ein Gegenbild hierzu? Für mich bedeutet dieses Gedicht, dass wir uns hüten sollten vor Hartherzigkeit und vor Gleichgültigkeit gegenüber denen, die sich aus eigener Kraft nicht helfen können.
Und es steckt noch mehr darin: Als der alte von Ribbeck stirbt, da bittet er darum, man möge eine Birne mit in sein Grab legen. Das geschieht. Die Jahre vergehen. Schließlich wächst ein neuer Baum aus der Frucht. Und wenn die Kinder über den Kirchhof gehen, dann ist es, als rufe der alte von Ribbeck wie eh und je: „Kumm man röwer, ick hebb 'ne Birn.“

Das ist meine Hoffnung: Dass bei allem Knausern und Sparen im Verborgenen etwas Neues heranwächst, etwas, das die Großzügigkeit zurückkehren lässt. Diese Erfahrung wünsche ich uns!

Es grüßt Sie herzlich
Ihr Pfarrer Wolfgang Rapp
 
Weingarten im Blick, 14. Oktober 2011


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Ein Reden des Herzens ...

Foto (c): winny, pixelio.de

Foto (c): winny, pixelio.de


Pfarrer Edwin Schulz, Gedanken über das Gebet

Martin Luthers kurze Erklärung zum Gebet in seinem Kleinen Katechismus haben Generationen auswendig gelernt.
„Das Gebet ist ein Reden des Herzens mit Gott in Bitte und Fürbitte, Dank und Anbetung.“

Ein Reden des Herzens! Wir alle kennen Situationen in unserem Leben, in denen wir in der Sprache des Herzens Gott gedankt und um seine Hilfe gebeten haben. Wie von selbst kamen uns die Worte über die Lippen und eines der häufigsten und kürzesten Gebete ist wohl dies: „Gott, hilf mir.“

Wir beten mit unseren eigenen Worten, aber es gibt auch Gebete, in die wir einstimmen können, die auf ihre Weise zur Sprache bringen, was uns auf dem Herzen liegt.
Das Gebet verbindet alle Religionen. Im Gebet reden wir nicht über Gott, sondern zu ihm – wir tragen unser Herz gleichsam zu ihm, mit unserer Freude, unseren Sorgen und Ängsten, unserer Hoffnung, unserem Dank. Im Gebet erfahren wir uns zutiefst in unserer menschlichen Verwiesenheit auf den Himmel über uns.

Worte aus Psalm 36 – einem Gebet – bringen diese Erfahrung und Erkenntnis für mich unvergleichlich zur Sprache.

Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist,
und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.
Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes
und dein Recht wie die große Tiefe.
Herr, du hilfst Menschen und Tieren.
Wie köstlich ist deine Güte, Gott,
daß Menschenkinder unter dem Schatten
deiner Flügel Zuflucht haben!
Sie werden satt von den reichen Gütern deines Hauses,
und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom.
Denn bei dir ist die Quelle des Lebens,
und in deinem Lichte sehen wir das Licht.
                Psalm 36,6-10
 

Weingarten im Blick, 23.9.2011


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Einer von uns

Pfarrer Horst Gamerdinger
über Tod und einen Augenblick kurzer Stille beim Zugfahren

Diesen Sommer gab es ein Erlebnis, zu dem meine Gedanken seither immer wieder zurückgehen. Es war auf einer Zugfahrt mit dem ICE. Drinnen unterhalten sich Menschen, draußen ziehen stille Landschaften vorbei. Plötzlich ein Ruck, der Zug bremst abrupt ab und kommt auf freier Strecke zum Stehen.
„Meine Damen und Herren, ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit“, meldet sich eine Stimme über die Lautsprecher. „Wegen eines Personenunfalls wird unser Zug bis auf weiteres nicht weiterfahren ...“ Für kurze Zeit ist Stille im Großraumwagen, vielleicht im ganzen Zug. Personenunfall – das heißt doch … da ist jemand gestorben, jetzt gerade, hat sich vor den Zug geworfen, in dem ich sitze, wollte nicht mehr leben, hat entschieden, dass sein Leben auf diese Weise beendet werden soll.
Ich rede mit meiner Sitznachbarin, die mir bis dahin völlig fremd war, über Selbstmord und Freitod, über Lebensschicksale und darüber, was einen Menschen wohl dazu bringt, sich vor einen Zug zu legen. Vor uns, hinter und neben uns ähnliche Gesprächsthemen. Niemanden höre ich über die Verspätung schimpfen oder über verpasste Termine und Anschlusszüge reden. Wie unwichtig das plötzlich ist, wenn es um ein Menschenleben geht! Die Bahn übrigens hat die ganze Zeit hervorragend darüber informiert, was gerade passiert und worauf man noch wartet.
Nicht vergessen werde ich diese intensive Stille im Zug. Ein Augenblick des kollektiven Schweigens und Gedenkens, ohne das jemand dazu auf gerufen hatte. Es war einer von uns, von uns Menschen, dessen Leben da zu Ende ging. Solche Gedanken waren es, die im Raum schwebten. Einer von uns.
Für mich war es, als hätten in diesem Moment des Innehaltens plötzlich alle im Zug eine Zusammengehörigkeit zwischen den Menschen gespürt, eine Art Lebensband, das uns alle verbindet. Ob es so etwas wohl gibt? Ich bin überzeugt davon.

Weingarten im Blick, 9.9.2011


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Hauptsache gesund

Pfarrerin Marit Hole über das Wichtigste im Leben

Kaum ein Tag vergeht, an dem wir uns das nicht gegenseitig wünschen: „Hauptsache, du bist gesund“. So viele Gespräche beim Einkaufen oder bei der Arbeit werden damit beendet! Für die meisten scheint die Gesundheit der größte Wunsch überhaupt zu sein.

Aber wenn ich mich genau umschaue in meiner Umgebung, dann sind es doch viele Menschen, auf die dieser Wunsch gar nicht zutrifft: Da hat bei den einen die Grippewelle zugeschlagen. Manche haben Schmerzen beim Gehen, weil die Hüfte kaputt ist. Da sind diejenigen, denen ihr Gewicht auf die Gesundheit schlägt. Viele, die sich mit chronischen Krankheiten abmühen. Und natürlich alle, die im Krankenhaus behandelt werden müssen, dieses eine Mal oder immer wieder. Nicht nur die älter Werdenden habe ich vor Augen, sondern auch Jüngere und ab und zu ein Kind. Die meisten erzählen überhaupt erst von vergangenen oder gegenwärtigen oder befürchteten Beschwerden, wenn wir ein bisschen vertrauter geworden sind.
Wie hören sie alle das „Hauptsache gesund“? Fühlen sie sich selber schuldig, weil sie nicht alle Vorschriften über Ernährung, Bewegung und den gesunden Lebensstil beachtet haben? Hadern sie mit ihrer Familie, weil sie be-stimmte Veranlagungen geerbt haben? Fühlen sie sich ausgeschlossen, aus der Gruppe der Gesunden? Oder verdrängen sie die eigenen Beschwerden?

„Hauptsache gesund“ – das schließt Mose aus, der vermutlich gestottert hat, und Paulus, der mehrfach von einer Krankheit berichtet, die Epilepsie gewesen sein könnte. Von Philip Melanchthon wissen wir, dass er zeitweise Magersucht hatte und Martin Luther litt unter Depressionen. Bei ihnen allen wären wir wohl vorsichtiger mit unse-rem Urteil und würden zumindest einräumen: Die Hauptsache in ihrem Leben war nicht Ihre Gesundheit, sondern das, was sie trotz Krankheit für andere Menschen getan, was sie entwickelt und aufgebaut haben.

Und wenn nun eine oder einer nichts mehr für andere leisten kann? Wenn ein Mensch schon mit solchen Ein-schränkungen geboren wird, dass er nie etwas wird leisten können? Ja, dann müssen wir entscheiden, ob wir bei unseren Maßstäben bleiben oder ob wir bereit sind, über anderes nachzudenken.

Gott hat jedenfalls nie von einem Menschen verlangt „Hauptsache gesund“. Er hat – zum Glück – andere Prioritä-ten. Für ihn ist – da bin ich mir sicher – das Lächeln eines behinderten Menschen weit wichtiger. Oder die Hände, die sich am Krankenbett treffen. Wenn Menschen, die selbst eine schwere Krankheit überstanden haben, Ver-ständnis für andere entwickeln.

Die Geduld und Hartnäckigkeit, mit der sich Menschen, die chronisch krank sind, durchs Leben vortasten. Und in all dem der Glaube, dass man in guten wie in schweren Zeiten, mit Schmerzen und mit Gesundheit, in Gottes Hand aufgehoben ist.
„Hauptsache geborgen“ wünsche ich Ihnen deshalb für Ihren Weg.
 
Weingarten im Blick, 2.9.2011


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Unterwegs


Pfarrer Horst Gamerdinger über die Zeit und das sich treiben lassen im Urlaub

Im Urlaub ist gut Gott suchen.
Morgens, beim Aufwachen ist noch offen, wohin es mich heute treibt.
Vielleicht ins quirlige Gewühle der Stadt, heute allerdings ohne Zieladresse und Termin. An der Ecke da vorne gehe ich einfach da hin, wo es am Schönsten aussieht.
Oder unterwegs in den Bergen: Ich gehe immer höher hinauf. Ärger und Enge bleiben unten im Tal. Wunderbare Ausblicke tun sich auf. Der Geist erwacht zu neuem Leben. Die Weite erfüllt mein Herz.

Ein Psalmvers fällt mir ein: „Gott, deine Güte reicht, soweit der Himmel ist und deine Wahrheit, soweit die Wolken ziehen“ (Psalm 36) 

Vielleicht finde ich eine kleine Kapelle am Wegesrand. Viele Kirchen und Kapellen habe ich schon betreten, eine Kerze angezündet und für jemanden gebetet.
Ich setze mich, sehe mein Leben an. Von hier aus erscheint vieles in einem anderen Licht. Kann sein, ich treffe auch eine Entscheidung.

Oft bin ich im Urlaub am Meer. Es ist alles so frei dort. Ich lasse mich erfüllen von der Weite und kann mich gar nicht satt sehen an dem endlosen Horizont.
Frischer Wind weht weg, was sich an Sorgen festgesetzt hat. Der uralte Rhythmus der Wellen lässt den Alltag und die Zeit vergessen.

Überhaupt, die Zeit. Wie immer ist sie auch mit dabei. Doch sie bewegt sich anders im Urlaub, scheint mir. Hier und da verweilt sie etwas länger, um ganz genau hinzuschauen. Da und dort bleibt sie mal stehen und genießt etwas ganz besonders intensiv. Und ab und zu, ganz selten allerdings, frage ich mich: Ist sie überhaupt noch da, die Zeit?


Weingarten im Blick, 22.7.2011


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Siehe, es war sehr gut

Pfarrer Horst Gamerdinger über die besondere Verbindung aller Geschöpfe untereinander

Kinder, so habe ich manchmal den Eindruck, haben eine ganz besondere Verbindung  zu Tieren und Pflanzen, ja sogar zu Dingen. Eine Verbindung, die uns Erwachsenen wohl irgendwann abhanden gekommen ist. Eine kleine Geschichte erzählt von dieser besonderen Verbindung:

Ein furchtbarer Sturm kam auf. Das Meer tobte und meterhohe Wellen brachen sich ohrenbetäubend am Strand. Als das Unwetter nachließ und der Himmel aufklarte, lagen am Strand unzählige Seesterne, die die Wogen auf den Sand gespült hatten.
Ein kleines Mädchen lief am Wasser entlang, nahm einen Seestern nach dem anderen in die Hand und warf ihn zurück ins Meer. Ein Spaziergänger sah das und sprach das Mädchen an: „Ach Kleine! Was du da machst ist vollkommen sinnlos. Siehst du nicht, dass der ganze Strand voller Seesterne ist? Die kannst du niemals alle zurück ins Meer werfen! Was du da tust, ändert nicht das Geringste!“
Das Mädchen schaute den Mann an. Dann nahm sie den nächsten Seestern und warf ihn in die Fluten. „Für ihn wird es etwas ändern!“ 


Was der Mann sagt, mag vernünftig und realistisch sein, meine Sympathie jedoch hat das Kind. Das Mädchen steht auf der Seite des Lebens. Sie setzt sich ein für das Leben, für jedes einzelne Leben. Und sie lässt sich auch durch die Größe der Aufgabe nicht entmutigen. Sie tut eben, was sie kann, da, wo sie gerade ist. Dass es „nur“ ein Seestern ist, spielt für das Mädchen keine Rolle.
Vielleicht spüren Kinder so etwas wie eine tiefe Verbindung mit anderen Geschöpfen. Und das auf einer Ebene, die tiefer geht, als Vernunft und Realitätssinn je kommen. Wie ein „Band des Lebens“, das alle Lebewesen miteinander verbindet. In der biblischen Schöpfungsgeschichte ist diese Verbindung Gott, er ist der Grund und der Schöpfer, aus dem alles Leben entsteht. „Siehe, es war alles sehr gut.“ , heißt es da am Ende. Wie unsere Welt wohl aussähe, wenn uns die Verbindung zwischen allen Geschöpfen genauso selbstverständlich wäre wie dem Mädchen?
 
Gemeindebrief im Juli 2011

Die Geschichte ist entnommen dem Buch: Oh! Noch mehr Geschichten für andere Zeiten, Andere Zeiten e.V., Hamburg, das Bild ist von delater_pixelio.de


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Mit den Wölfen heulen oder wie Lämmer springen?

Pfarrer Wolfgang Rapp
 
Christus spricht (zu seinen Jüngern): Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich. (Lukas 10, Vers 16)
Wochenspruch für den 1. Sonntag nach Trinitatis


Jesus sandte seine Jünger aus, um die Gute Nachricht von der Liebe Gottes weiterzugeben – so erzählt der Evangelist Lukas. „Wer euch hört, der hört mich!“, gibt Jesus ihnen mit auf den Weg. An euch erkennen Men-schen, wer ich bin, wie ich rede und handle. Deshalb: Lebt, wie ich gelebt habe. Euer Leben wird nicht einfach sein – manchmal wie „Lämmer unter Wölfen“.

Aber: Wer will schon Lamm sein unter Wölfen in einer Welt, in der es darum geht, den eigenen Platz zu finden, sich zu behaupten und sich durchzusetzen?! Was meint Jesus mit dem Bild von den Lämmern? Vielleicht haben wir sie jetzt vor unserem inneren Auge: unverwechselbar, zutraulich, zärtlich und schön. Sie verstellen sich nicht und jagen keine Angst ein. Sie rufen Aufmerksamkeit und Zuwendung hervor. Kinder spüren das auf ihre Weise: Sie laufen hin, um sie zu streicheln. Unbekümmert wecken sie Freude. Sie manipulieren nicht und drängen sich nicht auf. So verstanden sind sie ein Bild für das Evangelium: Es stiftet Frieden, wo Menschen Frieden wollen. Und wo nicht, empfiehlt Jesus: „Schüttelt den Staub von euren Füßen und zieht weiter“. Denn: „Wer euch verach-tet, der verachtet mich.“

Zuvor erinnert uns Lukas an die sogenannten „Weherufe“ Jesu über Städte, in denen er und seine Jünger abge-lehnt und davongejagt wurden – im Bild: Orte, an denen die Wölfe heulen, Orte, an denen wir meinen, unauffällig sein und still halten zu müssen Aber Jesus sieht den Weg der Lämmer für uns Christen vor. Die Frage an uns lautet: Was wollen wir? Wollen wir stillhalten, mit den Wölfen heulen oder lebendig wie die Lämmer springen?

Gute Erfahrungen mit der Unbekümmertheit und Lebensfreude der Lämmer wünscht Ihnen

Ihr Pfarrer Wolfgang Rapp
 
Weingarten im Blick, 24.6.2011


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Eine verrückte Welt ...

Pfarrer Edwin Schulz über die Ernährung der Weltbevölkerung im 21. Jahrhundert

Das Jahresthema 2011 ist in unserer Kirchengemeinde eine Bitte aus dem Vaterunser: „Unser tägliches Brot gib uns heute ...“. Sie steht im Zentrum der sieben Bitten des Vaterunsers.

Die Bitte um das tägliche Brot nimmt unsere irdische Existenz in den Blick, die Welt, in der Menschen um leben zu können, Nahrung brauchen, ein Auskommen haben müssen, sich um die Zukunft sorgen.

In einer Fernsehdiskussion mit Ernährungswissenschaftlern ist mir die Dringlichkeit dieser Frage erneut aufgegangen. Wie soll die Weltbevölkerung ernährt werden? Reicht es für alle? Inzwischen leben nach neuen Erhebungen 7 Milliarden Menschen auf der Erde und schon jetzt hungern mehr als eine Milliarde, v.a. auch Kinder.
Schätzungen gehen davon aus, dass die Weltbevölkerung bis ins Jahr 2050 auf 10 Milliarden Menschen anwachsen soll. Auch sie wollen satt werden, auch sie brauchen das tägliche Brot.

„Verrückte Welt!“ Hunger und Unterernährung in unvorstellbarem Ausmaß und bei uns gefüllte Regale, Dutzende von Brotsorten, die man auswählen kann.
„Verrückte Welt!“ In manchen Regionen dieser Erde suchen ganze Scharen von Kindern nach etwas Eßbarem im Müll der Großstädte und in unseren Breiten werden etwa 30% der Nahrung weggeworfen. Hier unglaublicher Überfluss, andernorts unvorstellbarer Mangel.

Der Gedanke, dass ganze Weizenfelder in „Bioenergie“ verarbeitet werden sollen, „Nahrungsmittel“ also im Autotank, ist für viele Menschen nur schwer erträglich, wenn überhaupt. Dass alle das tägliche Brot haben, hat neben vielen anderen Aspekten auch eine geistliche und ethische Dimension.

Einer der Teilnehmer bei dieser Fernsehdiskussion sagte sinngemäß: Die Nahrungsfrage wird zu einer entscheidenden Menschheitsfrage des 21. Jahrhunderts werden, zu einer globalen Herausforderung. Es geht um das Überleben von Millionen von Menschen.

Auch diese Menschen heben den Blick zum Himmel. Die Bitte um das tägliche Brot ist auch im Zeitalter beeindruckender Erfolge der Agrartechnik kein Relikt aus der Vergangenheit. Sie bringt Gott ins Spiel. Sie nimmt den Beter in Verantwortung in einer „verrückten“ Welt.


Weingarten im Blick, 10.6.2011


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Du stellst meine Füße auf weiten Raum

Pfarrer Horst Gamerdinger über mutige Konfirmanden, denen die Frage nach Gott nicht gleichgültig ist

Zur Zeit sind wieder Konfirmationen in der Weingartner Stadtkirche. An den beiden vorhergehenden und am kommenden Sonntag entscheiden sich die jugendlichen Konfirmanden für den christlichen Glauben. Das ist mutig. Denn sie zeigen damit öffentlich einen Standpunkt: Ja, ich will Mitglied in der christlichen Gemeinschaft bleiben. Die Frage nach Gott ist mir nicht gleichgültig, sondern sie soll mich auch weiterhin begleiten.
Damit ist nichts abgeschlossen oder festgelegt, es ist eher ein neuer Raum eröffnet. Wie bei den Füßen auf dem Bild nebenan. Es zeigt einen Schmuckanhänger zu dem Psalmspruch „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ (Psalm 31). Wir sehen einen Raum, noch unberührt, ohne Spuren. Nur unten am Rand sind zwei Fußabdrücke. Sie stehen noch halb draußen und auch schon halb drin. Noch schreiten sie nicht, die Füße, machen keinen Schritt hinein ins Blaue, sie warten noch ab.
Es sind die Abdrücke einer Person, die auf ihrem Weg kurz stehen bleibt, um sich zu orientieren. Wir sehen nicht, was die Person schon alles hinter sich hat, wir sehen sie nur hier stehen am Rand eines neuen Raums. Noch ist nicht klar, was passieren wird. Noch ist nichts entschieden.
Vielleicht reizt sie das Unberührte und Neue und sie geht gleich los, um ihre Fußspuren zu hinterlassen, wie am Strand, wenn man der erste ist, der durch den Sand geht. Vielleicht schreckt sie aber auch die Weite und sie wartet lieber noch auf Begleitung.

Wie ein Leben verläuft, haben wir nur zum Teil in der Hand. Ich selbst konnte mir mit 14 nicht im Entferntesten vorstellen, was alles noch kommen würde, weder an Schönem noch an Belastendem. Wie oft stand und stehe ich auch heute noch da wie die Füße auf dem Bild: ei-nen weiten Raum vor mir, der viel Freiheit und Möglichkeiten bietet, aber auch das Durchschreiten fordert, den festen Schritt und die Entscheidung für die Richtung.
Dass die Frage nach Gott mich dabei immer begleitet, empfinde ich dabei als Hilfe und Un-terstützung.
Ich wünsche Ihnen die gute Erfahrung, dass Gott Sie begleitet und stützt und über schwierige Abschnitte hilft, wenn es nötig ist.

Weingarten im Blick, 20.5.2011


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Das wäre doch gelacht


Pfarrerin Marit Hole über das Osterlachen
 
Offenes Lachen in der Kirche? Für unsere Ohren klingt das ungewöhnlich, für manche Kirchenbesucher sogar unangebracht. Kirche als Raum der Stille und lautes Gelächter – das beißt sich. Im Mittelalter hat man das anders gesehen: damals räumte man in den Kirchen bewusst einen Ort für das Lachen ein: im Ritual des Osterlachens. An Ostern, und nur an diesem einen Festtag, war das Lachen nicht nur nicht verboten – es war geradezu gewollt. Die Prediger erzählten von der Kanzel Anekdoten, machten Anspielungen und derbe Späße, um ihren Hörern dieses Lachen zu entlocken.
Im Hintergrund stand der Wunsch, das Ostergeschehen mit allen Sinnen zu erfassen – über gute Predigten, wohlschmeckendes Ostergebäck, den Ohrenschmaus der Musik und eben: das Lachen. An Ostern sollte nicht nur der Kopf das Geschehen begreifen, sondern der ganze Mensch. Man lachte das Leben an - und den Teufel lachte man aus. Er ist mit der Auferstehung zu einer lächerlichen Figur geworden.
Das Osterlachen hat auch eine Spur in unserem Gesangbuch hinterlassen. Paul Gerhard dichtete 1647 sein bekanntes Lied „Auf auf mein Herz, mit Freuden“. In der fünften Strophe heißt es:
„Die Welt ist mir ein Lachen/ mit ihrem großen Zorn/ sie zürnt und kann  nichts machen,/ all Arbeit ist verlorn./ Die Trübsal trübt mir nicht/ mein Herz und Angesicht/ das Unglück ist mein Glück/ die Nacht mein Sonnenblick (EG 112,5).
Haben wir das Osterlachen in unseren Gottesdiensten vergessen? Mag sein, wir zögern. Wir zögern aus Respekt davor, dass es auch in der Osterzeit vielen Menschen nicht zum Lachen zumute ist. Vielleicht zögern wir auch, weil uns bewusst ist: Lachen ist spontan. Man kann es nicht einfach anknipsen wie eine Lampe. Aber wenn wir Paul Gerhardts Liedstrophe noch einmal lesen und innerlich mitsingen, dann finden wir auch darin die Gedanken eines Menschen, dem das Lachen oft selbst im Hals stecken geblieben ist: „Die Trübsal trübt mir nicht/ mein Herz und Angesicht“ dichtet er mitten im dreißigjährigen Krieg. Gerhardt singt vom Lachen eines Menschen, der nicht nur die Furcht vor dem Tod verloren hat, sondern auch vor dem Leben. Sein Lachen weiß darum, dass mit Ostern zwar nicht das Leid abgeschafft ist, aber einer unseren Kummer teilt. Er verspricht, am Ende aller Tage die Tränen von unseren Wangen zu trocknen. Wäre doch  gelacht, wenn wir da nicht einstimmen könnten in ein freudiges Osterlächeln oder gar in ein wirklich herz-haftes Lachen: Staune, Mensch, und lache, mit allen Sinnen und jeder Pore deines Daseins. Christus ist auferstanden!

Weingarten im Blick, 6.5.2011


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Was kommt noch?


Pfarrer Horst Gamerdinger über das Potential der Osterhoffnung

Das frische Grün der neuen Triebe auf dem Foto kann man leider in schwarz-weiß nicht erkennen. Trotzdem fällt es nicht schwer, es sich vorzustellen, denn draußen sehen wir es zur Zeit tausendfach.
Ich bin immer wieder beeindruckt. Jedes Frühjahr neu. Diese enorme Lebenskraft, die da zum Ausbruch kommt! Wie auf ein geheimes Zeichen geht es los. Stimmen die Bedingungen, will jede Knospe die erste sein, so scheint es.
Es ist ein enormes Potential, das sich da zur Entfaltung aufmacht. Die ganze Erwatung des künftigen Lebens steckt schon in den ersten kleinen Blättern: Wachsen, Frucht bringen, vergehen.
Was wird sich alles noch entwickeln? Was wird noch passieren? Darum kreisen in diesen Tagen meine Gedanken, angestoßen durch die aufblühende Frühlingsnatur und das nahende Osterfest. Welche Erwartungen habe ich für die Zukunft? Was wird noch alles möglich sein? Was gibt mir in meinem Leben immer wieder Kraft und Auftrieb?
Es ist ja kein Zufall, dass das Osterfest gerade in dieser Jahreszeit gefeiert wird, wo sich in der Natur die neu erwachende Lebenskraft Bahn bricht.
Doch Absterben und Aufleben gehören zusammen. In der kommenden Karwoche steht zunächst das Dunkle und Belastende des Lebens im Vordergrund. Das folgende Osterfest ist ein Fest des neuen Lebens, das alles umschließt und von dem alles getragen wird.
Was wohl noch alles aufblühen wird?

Weingarten im Blick, 15.4.2011


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„Unser täglich Brot gib uns heute ...“

Pfarrer E. Schulz

Diese Bitte aus dem Vaterunser ist unser Jahresthema 2011. „Brot“ ist in der Bibel ein zentraler Begriff, der zu vielen Assoziationen einlädt z.B.: Brot und Bitte, Brot und Dank, Brot und Teilen, Brot und Gemeinschaft, Brot und Wein, Brot und Abendmahl, Brot und Schöpfung, Brot und Arbeit, Brot und Gerechtigkeit, Brot und Leben, Brot und Wort Gottes, Brot und Himmel, Brot und Reich Gottes, Brot und Segen ...

Die Bitte um das tägliche Brot im Vaterunser verweist auf die elementare Bedürftigkeit des Menschen, auf seine Geschöpflichkeit. Die Bitte um das tägliche Brot war in früheren Zeiten tief im Lebensgefühl der Menschen verankert; es war schlicht die Bitte um die tägliche Nahrung in einem ganz konkreten Sinn, es war die Bitte in manchen Zeiten und heute in manchen Regionen dieser Welt um das schlichte Überleben. Wir dürfen Gott um für das tägliche Leben Notwendige bitten.
Aber „Brot“ steht in der Bibel noch für etwas anderes, für Leben in einem weiteren Sinn. Jesus macht das deutlich (Matthäus 4,1-11) als er es ablehnt, aus Steinen Brot zu machen.
In einer Geschichte mit dem Titel: „Brot zum Leben“ kommt dieses „Mehr“ auf anschauliche Weise zur Sprache: In einem Land herrschte große Christenverfolgung. Es war lebensgefährlich, eine Bibel zu besitzen. Die Familie eines Küsters konnte sich nicht von dem Buch lösen. Es war für sie wie das tägliche Brot, ohne das man nicht leben kann. Eines Tages aber kamen Fahnder. Die Mutter hatte es geahnt, als sie durchs Fenster schaute und zwei fremde Herren ankommen sah.
Sie war gerade dabei, ein Brot zu backen. Der Teig lag ausgerollt auf dem Tisch. In Windeseile nahm sie die Bibel, rollte sie in den Teig ein und schob das Ganze in den Ofen. Mit peinlicher Genauigkeit durchsuchte die Polizei das Haus, fand die Heilige Schrift aber nicht. Als am nächsten Tag das Brot auf den Tisch kam und die Bibel in der Mitte heil und unversehrt zum Vorschein kam, hatte jeder begriffen: Die Bibel ist Brot zum Leben. Wie das tägliche Brot den Menschen nährt, so ist auch Gottes Wort Nahrung für unser Lobe, Brot zum Leben.

Gemeindebrief, 28. März 2011


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Am Tisch der Menschheit ...


Pfarrer E. Schulz über ökumenische Partnerschaft

 
Seit mehr als einem Jahrzehnt besteht zwischen dem Kirchenbezirk Ravensburg und den Gemeinden von Fako South Presbytery in Kamerun eine Partnerschaft.
Es gab und gibt Besuche hin und her, Unterstützung von Projekten, z.B. dem Aufbau einer Mädchenschule. Jugendliche von hier verbrachten einige Wochen in einer Art Baucamp in Kamerun. Begegnungen, die immer wieder beeindruckend sind und auch die Erfahrung wie Kirche anderorts gelebt und Gottesdienst gefeiert wird.
Beim Blättern in einem Büchlein – Gebete aus den Jungen Kirchen – bin ich auf ein Gebet aus Kamerun gestoßen, das mich sehr angesprochen hat. Es wirft auf unser Jahresthema: Un-ser tägliches Brot gib uns heute ... ein weiteres Licht:

Gib uns heute das Brot deiner Gegenwart,
Herr, unser Bruder;
wir werden dich nicht mehr loslassen,
bis du uns gesättigt hast.  
Wir sind die stumme Stimme,
die Stimme Afrikas.

Sieh uns hier als Stimme der Stille
unter der Schwere der Trommeln,
unter der Last der Klagen,
die das Meer der Schmerzen füllen;
kein Ufer außer dem Leuchtturm der Hoffnung,
der aus deinem Herzen kommt
und alle unsere Wege erhellt.

Gib uns heute unser tägliches Brot
und blicke auf das Reich des Hungers:
Segne die Hungernden!
Gib uns heute nach so vielen Umwegen,
Rückzügen, Umkehren,
dass wir unseren Platz einnehmen
am Tisch der Menschheit,
dass wir unser Brot brechen
am Tisch deiner Brüder und Schwestern –
aller Menschen
auf der ganzen Welt.

            Aus Kamerun


Weingarten im Blick, 25. März 2011


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Weggabelung


Pfarrer Wolfgang Rapp zum Beginn der Passionszeit
 
 
Wochenspruch für den Sonntag vor der Passionszeit
Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.
(Lukas 18,31)


Liebe Leserinnen und Leser,
am Anfang unserer Lebensreise scheinen uns alle Wege offen zu stehen. Und dann beginnt ein Prozess der persönlichen Reifung, bis wir es für uns selber gelten lassen können, dass die Wahlmöglichkeiten im Äußeren nach jeder Weggabelung weniger werden. Mit jedem Tag unseres Lebens nimmt die Zahl der offenen Möglichkeiten langsam aber stetig ab. Gleichzeitig gewinnt die Frage an Bedeutung, wie ich die Chancen, die ich habe, am besten nutzen kann. Manchmal stehe ich dann auch vor Entscheidungen, von denen ich ahne, dass sie unwiderruflich sein könnten. In solch einer Situation finden wir Jesus in unserem Wochenspruch für den Sonntag vor Beginn der Passionszeit wieder.
„Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.“ (Lukas 18,31)
Jesus weiß: In Jerusalem kann es eng werden. Wenn ich dort hingehe, muss ich mit allem rechnen. Er trifft seine Entscheidung mit klarem Bewusstsein. Er strebt das Leiden nicht an, aber er geht ihm auch nicht aus dem Weg.

Jerusalem ist für die damaligen Gläubigen die Stadt Gottes. Hier sitzen diejenigen, die sich als seine Sachwalter verstehen, die bestimmen, wie die heiligen Schriften auszulegen sind. Deren Tun war beherrscht vom Streben nach Macht und eigener Sicherheit und damit von der Angst vor der Unberechenbarkeit des göttlichen Geistes. Das verdunkelte ihren Blick auf den, der in dieser heiligen Stadt gerne wohnen wollte. Und so wuchs an diesem heiligen Ort über die Jahrzehnte und Jahrhunderte ein Stahlnetz aus Geboten und Vorschriften, mit dem die Menschen klein und unmündig gehalten wurden.

Jesus, der sich selbst »Menschensohn« nennt, hat Gott anders erfahren. Gott, den er »abba - Papa« nennt, begegnet ihm als Leben schaffende, befreiende Kraft. Und so ist Jesus ganz und gar erfüllt von der Gewissheit, dass wir alle Gottes Söhne und Töchter sind.

Mit seiner Lebenshaltung müssen uns Erstarrung und Ängste nicht länger lähmen. An ihm sehen wir, wie die Änderung der Blickweise das ganze Leben verändern kann, wenn wir uns mit dem Ursprung allen Lebens verbinden. Wir entdecken Freude und Mitgefühl. Menschen, die sich von seinem Lebensgefühl berühren lassen, gewinnen innere Freiheit.

Jesus ist so frei: Er entscheidet sich für Jerusalem. Er bleibt sich selber, er bleibt seinem Weg treu: im Vertrauen auf den Leben schaffenden Gott. An jeder Weggabelung meines Lebens fragt die Vernunft: Wie sind die Chancen und meine Sicherheiten, wenn ich so oder so entscheide? Und mein Herz sagt: Das Leben ist mehr als alle äußeren Chancen und mehr als äußeren Sicherheiten . Hören wir auf die Stimme unseres Herzens!

Einen gesegneten Übergang in die Fasten- und Passionszeit wünscht Ihnen
Pfarrer Wolfgang Rapp
 
Weingarten im Blick, 4. März 2011


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Nicht vom Brot allein …


Pfarrer Horst Gamerdinger über die Vesperkirche

 
„Nächsten Donnerstag bin ich wieder da, vielleicht treffen wir uns noch mal, jetzt, wo wir uns nach 18 Jahren wieder gesehen haben.“ Mit diesen Worten wurde neulich ein Gespräch am Nebentisch beendet.
Ja, man trifft sich in der Vesperkirche, kommt auch ins Gespräch mit Menschen, die man schon lange nicht mehr gesehen  hat oder mit solchen, die man noch nie vorher getroffen hat.
Die Stadtkirche ist ein täglicher Treffpunkt geworden, ganz anderer Art als sonst. Der Kirchenraum hat sich völlig verändert: Wo sonst Bänke fest verschraubt in Rei-hen stehen, finden sich jetzt Essenstheken, Stühle und geschmückte Tische. Man sitzt sich gegenüber, spricht und isst miteinander.

Und doch – trotz Gedränge, Lautstärke und Essensgeruch, es bleibt eine Kirche, und das ist das Besondere an der 3-wöchigen Veranstaltung. Was in der Luft liegt, was mitschwingt, ist stets auch der geistliche Aspekt der Nahrung: Gemeinsame Abendmahlsfeiern, biblische Geschichten vom Brot, das neben dem materiellen Hunger ebenso den Hunger der Seele und die Sehnsucht des Geistes stillt. Oder Sätze wie: “Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt“, all das ist beim Essen in der Vesperkirche immer auch dabei.
 
Die Vesperkirche ist ein Ausnahmezustand in vielerlei Hinsicht, nicht zuletzt in der freundlichen, offenen, zugewandten Atmosphäre, in der sich Fremde hier begegnen.
Und dann – was ist, wenn alles wieder vorbei ist? Hat sich etwas verändert? Die Strukturen bleiben doch die gleichen. Arme bleiben arm und Reiche bleiben reich – und der politische Wind weht sowieso in Richtung Auseinandergehen der Schere.
Also was bringt’s?
Es ist ein Zeichen. Ein Postulat. Die Vesperkirche ist die lebendige Behauptung, dass es geht, gehen kann, gehen muss: Alle werden satt. Es ist genug für alle da, es kommt nur auf die Verteilung an. Nicht nur in Weingarten, sondern in der ganzen Welt.

11. Februar 2011, Weingarten im Blick


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Vesperkirche – Kirche einmal anders ...

Eingang der Stadtkirche

Willkommen zur Vesperkirche


Vom 25. Januar bis 13. Februar 2011 öffnet die Evang. Stadtkirche ihre Türen für die „Vesperkirche“.

Pfarrer E. Schulz
 
Sie findet zum ersten Mal in unserer Kirche statt und alle sind herzlich eingeladen, in diesen drei Wochen Kirche einmal anders zu erleben. In der Vesperkirche wird der Kirchenraum zum Lebensraum. Wie bei den bisherigen Vesperkirchen ist auch in Weingarten das Motto: miteinander essen, reden, leben. Die Vesperkirche bietet die Möglichkeit neuer Begegnungen. Sie ist offen für Jung und Alt, für Arm und Reich, krank oder gesund, einsam oder eingebun-den - alle sind willkommen. Täglich gibt es ein Mittagessen in der besonderen Atmosphäre eines Kirchenraumes. Essen und Trinken bringt Menschen an einen Tisch, bringt Menschen ins Gespräch.

Die Evangelien berichten davon, dass Jesus sich immer wieder mit allen Menschen ein einen Tisch gesetzt hat. Für ihn war das die gelebte Botschaft von der Liebe Gottes, für ihn war das gelebte Gemeinschaft im Angesicht Gottes. Die Kirche ist
hierfür der richtige Ort. Vesperkirche ist Gottesdienst in anderer Form – so hat es einmal je-mand treffend ausgedrückt.

Wir alle wünschen uns Gemeinschaft, Zuwendung, ein christliches Miteinander. Möge die Vesperkirche viele solcher Begegnungen ermöglichen.

 
Weingarten im Blick, 14.1.2011


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Ein Kind ist uns geboren


Pfarrerin Marit Hole
 
„Ein bisschen Mama, ein bisschen Papa und ganz viel Wunder“ -  „Längst in unser Herz – jetzt endlich in unsere Arme geschlossen“ – begeistert verkünden Eltern so die Geburt eines Kindes. Wer selbst einmal eine Geburtsanzeige entworfen hat, der weiß: das Glück, das man bei der Ankunft eines Kindes empfindet, in Worte zu fassen, das ist schier unmöglich. Egal, ob der Text schließlich mehr romantisch, eher staunend oder ganz lapidar ausfällt, immer lassen die Zeilen spüren, wie bewegend die Ankunft des kleinen Menschen für seine Familie ist. Eines fehlt nie: der Name. Ihn geben die Eltern allen Menschen bekannt. Deshalb steht der Name immer in großen Buchstaben mitten auf der Anzeige.
Eine solche Geburtsanzeige findet sich auch in der Bibel, beim Propheten Jesaja. Und der ist, nicht anders als die Eltern unserer Tage, völlig aus dem Häuschen:
Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst. (Jes 9,5).
Auch Jesaja stellt den Namen des Kindes in den Mittelpunkt. Dieser Name ist Programm: Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst. Jesaja legt in den Namen des neugeborenen Kindes alle seine Hoffnung auf eine friedliche, bessere, gerechte Zukunft für ein Volk, das im Finstern wandelt. Seine Begeisterung ist grenzenlos.
Sie sehen auf dem Bild einen Abdruck dieses Bibelverses aus einer mittelalterlichen Handschrift. Aber der Text des Jesaja ist nicht nur abgeschrieben. Der Maler hat das getan, was wir auch meist in Geburtsanzeigen tun: Er hat ein Bild des Neugeborenen hinzugefügt. Damit bekennt er, wer dieses Kind für ihn ist: Aus dem Anfangsbuchstaben „P“ – vom lateinischen „puer natus“ des Textes wächst uns das Bild von Jesus Christus, dem Kind in der Krippe. Malend macht der Künstler deutlich: Jesus ist es, von dem wir Frieden, Gerechtigkeit, Heil erwarten und er ist hier, unter uns, in unseren Texten und Überlieferungen. Wir sind seine Familie. Aus seiner Geburt wachsen prächtige Knospen, die sich weiterranken, über die ganze Seite, weit über die Welt der Buchstaben hinaus  – bis hinein in unser Leben?
 
Weingarten im Blick, 24.12.2010


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Advent heißt Ankunft

Auf dem Weg zum Weihnachtsfest
Wenn Gott zu dir kommt – auf wen wird er treffen?







Die Worte zu diesem Bild hat gefunden und angeordnet
Pfr. H. Gamerdinger
Weingarten im Blick, 3.12.2010

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Am Ende des Kirchenjahres

Im November stehen Feiertage im Kalender, die uns auf den ersten Blick nicht so sehr zum Feiern einladen, weil ihre Themen – Buße, Trauer und Tod – eher ernst und traurig stimmen. Mit diesen Tagen neigt sich das Kirchenjahr dem Ende zu. Welche sind es?

Der Volkstrauertag ist kein kirchlicher Feiertag, aber er nimmt ein christliches Anliegen auf. 1952 wurde er als nationaler Gedenktag eingeführt und hat so auch eine politische Dimension. Gedacht wird der Gefallenen beider Weltkriege, darüber hinaus aber auch der Opfer von Krieg und Gewalt damals und heute. Welch unvergessliches Leid? Die Toten mahnen uns, Versöhnung und Frieden zu leben. In der Bergpredigt (Matthäus 5) sagt Jesus: „Selig sind die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen.“

Der Buß- und Bettag ist seit Mitte der 90er Jahre – bis auf das Bundesland Sachsen – nicht mehr staatlich geschützter Feiertag. In Abendgottesdiensten wird er aber dennoch in vielen Gemeinden gefeiert, bei uns in Weingarten sogar ökumenisch gestaltet.

In vielen Religionen gab und gibt es allgemeine Bußtage. Die Wurzeln solcher Bußtage in der Geschichte des christlichen Abendlandes reichen zurück bis Kaiser Konstantin.
Innere Einkehr, sein Leben vor Gott bedenken ist nicht an einen bestimmten Tag gebunden. Aber ich frage mich: Ist nicht durch den Wegfall des öffentlichen Charakters dieses Tages eine Dimension verloren gegangen, die auch heute von gesellschaftlicher Bedeutung wäre?
Buße, Umkehr, Sinnesänderung also nicht nur auf die Privatsphäre und den binnenkirchlichen Raum beschränkt, sondern auch als Möglichkeit in der gesellschaftlichen und politischen Sphäre, über das politische Tagesgeschehen hinaus Fragen zu stellen, die unser Gemeinwesen, unser Dasein in dieser Welt betreffen. Z.B.: Wie wollen wir Zukunft gestalten? Welche Verantwortung tragen wir dabei vor Gott und den kommenden Generationen?

Wir sind auf dieser Erde nicht ganz zuhause. Daran erinnert uns der letzte Sonntag im Kirchenjahr: der Totensonntag. Auch daran erinnert er uns: an die Vergänglichkeit des Lebens und dass unsere Zeit begrenzte Zeit ist. Wie Urworte stehen sie da, die Worte in Psalm 103: „Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde; wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennt sie nicht mehr.“ Aber das ist nicht das letzte Wort des Glaubens. In unser Herz ist eine Sehnsucht gelegt, die nicht ohne Antwort bleibt, eine Sehnsucht nach Leben über den Tod hinaus.

Das Ende des Kirchenjahres weist auf einen Anfang, der in der Hand eines Anderen liegt. In der Offenbarung des Johannes, dem letzten Buch der Bibel schaut der Seher: „Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde.... und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein.“

Tage, am Ende des Kirchenjahres....

Pfarrer E. Schulz
in Weingarten im Blick, 12.11.2010


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Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

(Römer 12, 21)

So lautet der Wochenspruch für die kommende 43. Kalenderwoche.
Ein großes Wort: Es sagt genau das Gegenteil von »Auge um Auge, Zahn um Zahn«. Also nicht vergelten, sondern vergeben. Keine Rache, sondern Frieden suchen mit allen Menschen. Dabei geht es Paulus um das einzig Erfolg versprechende Mittel im Kampf gegen das Böse in der Welt. Es kann besiegt werden – allerdings nicht mit den herkömmlichen Mitteln.

Das Böse ist eine Realität in unserer Welt. Es zerstört Familien, Menschenleben, Völker – aber Menschen, die vom Geist Christi ergriffen sind, haben etwas, was sie dagegen stellen können: Gewaltverzicht, Friedensbereitschaft, Gutes tun mit der hingebenden, versöhnenden Liebe, die Jesus in die Welt gebracht hat.

Am 3. Oktober haben wir der Wiedervereinigung vor 20 Jahren gedacht. Diesem Ereignis vorausgegangen war die Friedliche Revolution im Jahre 1989, manche nannten sie auch die Revolution der Kerzen. Aufrecht durch die Rückenstärkung der Gebete mit Kerzen in den Händen riefen damals die Menschen in Ostdeutschland »Keine Gewalt« und forderten ihre Bürgerrechte. Und es geschah so, wider aller Erwartungen auf beiden Seiten! Die Gewalt der Waffen, der Spitzel, der Angst und Lügen wurde besiegt durch den Mut derer, die auf Hass und Rache verzichteten. Das Böse wurde vom Guten überwunden. Welch ein Triumph, der unser Land, ja ganz Europa verändert hat.
 
Durch die Geschichte und die eigene Erfahrung ist vielfach bestätigt: Vergeltung schafft keinen Frieden, Opfer von Gewalt werden nicht getröstet durch Rache. Nur das Gute hat die Kraft, das Böse zu überwinden.

Das gilt auch für unsere Kirchen: Lasst euch nicht vom Hass, der Vergeltung und Verachtung, der Verdammungen und Kriege zwischen den christlichen Konfessionen weiter bestimmen, sondern überwindet den Graben der Spaltung mit dem Gebet und dem Willen zur Einheit in versöhnter Vielfalt!

Wenn wir Protestanten am 31. Oktober das Reformationsfest feiern, heißt das eben nicht, über die anderen christlichen Konfessionen zu triumphieren, sondern in ökumenischer Verbundenheit sich die Hände zu reichen und sich gemeinsam dafür einzusetzen, dass die Tür zur Versöhnung im Feiern der einen Kirche Jesu Christi sich öffnen möge.

In diesem Sinne grüßt Sie herzlich
Ihr Pfarrer Wolfgang Rapp
Weingarten im Blick 22.10.2010
 
Foto: Marctwo, pixelio.de


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Vorrat für kalte Tage


Gedanken zum Erntedankfest

Vielleicht kennen sie das Bilderbuch von der Maus Frederick, die nicht wie die anderen Mäuse Körner und Nüsse als Vorrat für den Winter sammelt, sondern scheinbar gar nichts tut. Tatsächlich sammelt sie aber Wärme, Farbe und gute Worte, die die anderen Familienmitglieder schließlich über die kalten Tage retten.
 
Diese Geschichte hat mir schon immer sehr gut gefallen. Ganz ohne Zeigefinger, ganz ohne auf unsympathische Art moralisch zu sein, sagt die Geschichte von Frederick: Materielle Grundversorgung ist zwar lebenswichtig, aber sie ist nicht alles. Auch Wärme, Farbe und gute Worte sind wichtig zum Leben, ja zum Überleben.
 
Und diese Dinge zu ernten und zu sammeln – auch das ist Arbeit! Einfallsreichtum und Bunt-heit machen das Leben schöner und bringen mehr Lebensqualität. Wärme und Liebe im Umgang der Menschen miteinander stärken die Lebenskraft. Das ist ganz besonders dann wichtig, wenn es einem nicht so gut geht. In den Zeiten, in denen die eigenen Vorräte aufgebraucht sind, in denen es kälter und dunkler wird in meinem Leben. Dann ist es gut, sich an das Schöne, Bunte und Fröhliche des Lebens zu erinnern.
 
Der Mensch lebt eben nicht nur vom Brot allein. Jesus zitiert dieses Wort aus dem 5. Buch Mose gegenüber dem Versucher, der ihn auffordert, Steine zu Brot zu verwandeln. Damit will der ihn dazu verführen, seine Kraft ganz auf die materiellen Bedürfnisse zu richten. Jesus lässt sich nicht darauf ein …
„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund geht.“ Brot ist das eine, Gottes Wort kommt dazu. Brot und Wort, Materielles und Geistliches, müssen zusammen kommen, damit der Mensch zu seiner Ganzheit kommt.
 
Die Sorge um mein tägliches Brot ist eine materielle Frage. Die Sorge um das Brot meines Bruders ist eine geistliche Frage. Dieser Satz steht auf S. 863 in unserem Evangelischen Gesangbuch als Zwischentext.
 
Eine geistliche Frage, was ist denn das? Mein Leben ist ein Geschenk. Ich habe meinen Anfang nicht selbst gemacht, Gott steht am Anfang allen Lebens, meines ebenso wie das meiner Mitmenschen. Mein Leben ist ein Geschenk, ebenso wie vieles andere in diesem Leben mir nur geschenkt werden kann: Würde, Anerkennung, Liebe.
 
Ich bin ein Geschöpf Gottes. Meine Mitmenschen – jeder ein Geschöpf Gottes. Das zu spüren und zu bejahen ist eine geistliche Dimension: Die Verbindung aller Geschöpfe in Gott. Die Verbundenheit mit meinem Bruder und meiner Schwester. Dann kann es mir nicht mehr egal sein, wie es um ihr täglich Brot steht. Dann will ich auch Ihren Teller im Blick haben, mit verantwortlich sein dafür, was dort liegt. Gerechtigkeit ist mir dann kein leerer Begriff, Frieden keine hohle Phrase, sondern ein Anliegen und eine Aufgabe.

Pfr. Horst Gamerdinger
am 1. Oktober 2010 in Weingarten im Blick

 
 
Foto: Rainer-Sturm, pixelio.de


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Gott & der Nächste

Spruchband am Gemeindehaus

Spruchband am Gemeindehaus


Seit Anfang Juli grüßen den an der Evang. Stadtkirche und Gemeindehaus Vorbeigehenden die Worte: Gott & der Nächste – Die Zehn Gebote. Das Spruchband erinnert an das Jahresthema 2010 der Evang. Kirchengemeinde: Die Zehn Gebote – Regeln für ein Leben in Freiheit – und bringt es auf den Punkt. Im Zentrum der Gebote stehen Gott und der Nächste.

Aber: Wer ist unser Nächster? Diese Frage wird Jesus einmal gestellt und er antwortet darauf mit der Geschichte vom barmherzigen Samariter (Lukas 10,25-37). Die Pointe dieser Geschichte ist - für mich immer wieder faszinierend - dass sich die Frage verändert. Aus der eher theoretischen Frage  - Wer ist mein Nächster? – wird am Ende dieser Geschichte die jeden betreffende und bedrängende Frage: Wem werde ich zum Nächsten?

Die Flutkatastrophe in Pakistan hat uns in diesen Tagen die Brisanz dieser Frage - Wem werde ich zum Nächsten? – erneut bewusst gemacht. Die Bereitschaft zu helfen, sprich, die Spendenbereitschaft kam nur zögerlich in Gang. Es bedurfte mehrerer Aufrufe, die, Gott sei Dank, dann Gehör fanden. Die Not des anderen macht uns zu seinem Nächsten. Sie ist das entscheidende Kriterium im Horizont des Gottes, der will, dass wir einander zum Leben helfen.

Wer das Wort „Gott“ in den Mund nimmt, so verstehe ich Jesus, der redet einer offenen Menschlichkeit das Wort, dem kann der Nächste nicht gleichgültig sein, hier oder anderorts. Auch wenn die Aufgabe unermesslich ist, wenn wir an die Not und das Leiden vieler Menschen in dieser Welt denken, so ist uns doch die Richtung gewiesen. Gott & der Nächste.

Pfarrer E. Schulz
am 17. September 2010 in Weingarten im Blick



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Ich hoffe, du hast ein gutes Leben


Religionsunterricht in einer Grundschulklasse. Thema: Das Gebet. Die Schüler/ Schülerinnen bekommen die Aufgabe gestellt, Gott zu erzählen, was sie beschäftigt, was sie ihm sagen wollen. Sie schreiben ihre Gedanken auf.
Manche danken Gott für die Sonne, für Mama und Papa, für das Essen, dass ein Wunsch in Erfüllung ging. Andere bitten Gott darum, dass die Oma wieder gesund wird, dass sie Nachts keine Angst mehr haben und Gott auf sie aufpasst.

Ein Schüler schreibt: „Ich hoffe, du hast ein gutes Leben...“. Wann und wem sagt man so etwas? Vielleicht einem Freund, von dem man lange nichts mehr gehört hat und mit dem man wieder Kontakt aufnehmen möchte. Oder wir begegnen einem ehemaligen Klassenkameraden, den wir seit der Schulzeit nicht mehr gesehen haben. Auch dann könnten wir uns eine solche Aussage vorstellen.

In dieser Schüleräußerung aber gilt dieser Wunsch Gott. Nicht ein Mensch ist angesprochen. Gott ist gemeint. Das ist hier das besondere und spannende.
Darauf kann wohl nur ein Kind kommen. Ich hoffe Gott, du hast ein gutes Leben.
Man bedenke einmal diesen Satz in aller Stille. Hier sorgt sich jemand um Gott. Ich finde diese Vorstellung faszinierend. Gott kommt hier ganz neu in den Blick, ganz anders als sonst.

Ob Gott ein gutes Leben hat? Darf man überhaupt so fragen? So viel kann man zumindest sagen: Der Gott, den Jesus unseren Vater nennt, bleibt nicht unberührt von dem, was in dieser Welt und mit uns geschieht – und das hat Auswirkungen auf sein Leben. Zumindest wird man soviel sagen können: Gott will, dass wir leben und er freut sich, wenn es uns gut geht. Dann hat auch er ein gutes Leben.

Pfarrer Edwin Schulz
am 16.7.2010 in Weingarten im Blick


 
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Rundum sorglos


Vom Autohaus gibt es das Rundum-Sorglos-Paket: Urlaubs-Check und Versicherung für die Fahrt in die Ferien. Diese Sorge bin ich also schon mal los.
„Seht die Vögel unter dem Himmel,“ fällt mir da ein, „sie säen nicht, sie ernten nicht und ihr himmlischer Vater ernährt sie doch“. Dieser Jesus-Spruch war für mich schon immer eine Herausforderung.
So sorglos kann ich nicht sein. Wenn ich anfange darüber nachzudenken, mache ich mir genau genommen sogar sehr viele Sorgen.

Ich sorge mich um das Ökosystem und die Tiere und Pflanzen im Golf von Mexiko, die wir durch unser aller Öldurst gefährden. Ich sorge mich um die finanzielle Zukunft unseres Staates. Schulden, Schutzschirme und Bürgschaften schnüren die Handlungsspielräume immer mehr ein. Was können kommende Generationen noch gestalten? Wie viel Geld bleibt noch übrig, wenn alle Schuldzinsen bezahlt sind?

Und ich mache mir Sorgen darum, was meine Kinder wohl noch alles erwartet. Gerade an ihnen fällt mir besonders auf, wie gefährdet und zerbrechlich das Leben doch in jedem Augenblick ist.

Andererseits lebe ich auch in dem Vertrauen, dass ich gut aufgehoben bin bei Gott. Und dass ich schon die nötige Kraft bekommen werde, wenn es darauf ankommt. Wie Bonhoeffer es in seinem Glaubensbekenntnis schreibt: „Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.“

Das trifft ganz gut mein Lebensgefühl: Die Sorgen um die Zukunft und das Wissen um die Zerbrechlichkeit des Lebens einerseits und andererseits das Vertrauen, von Gott getragen zu sein. In diesem Spannungsverhältnis leben wir, müssen wir wohl leben.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie zwischen diesen beiden Polen ein ausgewogenes Verhältnis finden und dann auch gut auf Reisen gehen können, nicht ganz sorglos vielleicht, aber in Gottes Hand.
Einen schönen Sommer!


Pfarrer Horst Gamerdinger
im Juli im Gemeindebrief