Lebenskunst

von Pfarrer Stephan Günzler

An der Nordwestküste Sardiniens weht die meiste Zeit im Jahr ein heftiger Wind.
Mich hat es fasziniert zu sehen, dass einige Bäume dieser Dauerbelastung standhalten können.

Wie alt mag die abgebildete Korkeiche sein?
Die Menschen, die sie vor 100 bis 150 Jahren gepflanzt haben, leben längst nicht mehr.  
Erst wenn die Eiche 15 Jahre alt ist, kann sie zum ersten Mal geschält werden, Dann dauert es jeweils 9 bis 12 Jahre, bis die Rinde wieder nachwächst und wieder geerntet werden kann.
Kork ist ein wertvoller Rohstoff. Nicht nur Flaschenkorken werden daraus hergestellt, auch in Schuhsohlen und in Bodenbelägen wird Kork wegen seiner stoßdämpfenden und wärmeisolierenden Eigenschaften geschätzt.

Pfahlwurzeln, die tief in den felsigen Boden hinunterreichen, geben dem Baum Halt. Er  erträgt auch lange Dürreperioden und kann bis zu 400 Jahre alt werden.

Warum hat mich dieser Baum so fasziniert?
Mich beeindruckt seine (Über)-lebenskunst. Er hat gelernt, sich nach den Gegebenheit zu richten. Er reibt sich nicht auf in Kämpfen, die nicht zu gewinnen sind. Seine Äste wachsen nur in die windabgewandte Richtung.
Auf der Seite aber, wo der Wind angreift, bleibt sein Stamm kahl. Er steht dazu. Er schert sich nicht darum, dass er anders aussieht als andere Bäume.

Die Stürme haben diese Eiche stark werden lassen in all den Jahren ihres Lebens. Enorm, dass sie die Kraft hat, die einseitige Krone mit den weit ausladenden Ästen zu tragen.
Den Wind kann er nicht abstellen, dieser alte Baum, aber er hat gelernt, mit dem zu leben, was ihm zu schaffen macht. Er macht das Beste daraus.

Da kann ich noch eine Menge lernen, waren meine Gedanken. Ich war mit dem Rad unterwegs gewesen an diesem Tag, und der kräftige Gegenwind hatte mir ziemlich zugesetzt.
Ein wenig Gelassenheit möchte ich lernen, gerade in den Zeiten, wo es stürmisch zugeht in meinem Leben. Nicht alles lässt sich so richten, wie ich es gerne hätte.
Und doch, das lehrte mich diese alte Korkeiche, kann etwas Wertvolles daraus wachsen. Es braucht eben seine Zeit.

Jetzt in den Ferien wäre vielleicht Gelegenheit, etwas von dieser Lebenskunst einzuüben.

Mach in mir deinem Geiste Raum,
dass ich dir werd ein guter Baum
und lass mich Wurzel treiben.
Verleihe, dass zu deinem Ruhm
ich deines Garten schöne Blum
und Pflanze möge bleiben.

(aus dem Lied: Geh aus mein Herz und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit
von Paul Gerhardt)


Bild und Text: Stephan Günzler,
Weingarten im Blick, 4. August 2017


Tief verwurzelt und hoch hinaus

Pfarrer Steffen Erstling über Bäume

Ich liebe Bäume. Schon als Kind bin ich oft auf Bäume geklettert, entweder um Kirschen zu pflücken oder einfach wegen der besseren Aussicht, die man von da oben hat. Oder um mich zu verstecken, wenn ich etwas angestellt hatte.

Und auch heute noch bleibe ich beim Waldspaziergang immer wieder mal stehen, wenn ich ein besonders schönes oder hohes Exemplar entdecke und lasse meinen Blick nach oben schweifen. Den Stamm entlang bis in die höchsten Baumwipfel. Und ich komme ins Staunen darüber, wie so ein hoher Baum einem starken Wind oder gar Sturm standhalten kann.

Dann wird mir bewusst, dass das nur geht, weil jeder Baum, der in den Himmel wächst, ja nur einen Teil seiner ganzen Gestalt zeigt. Was unserem Auge verborgen bleibt, liegt im Dunkel der Erde. Aus unsichtbaren Wurzeln steigt der Baum in seiner sichtbaren Form dem Licht entgegen. Jeder lebendige Baum wächst in zwei Richtungen, in die Tiefe hinab und in die Höhe hinauf. Da gibt es eine sichtbare und eine unsichtbare Wirklichkeit, hier die Tiefe und Dunkelheit, da die Höhe und das Licht. Die unsichtbaren Wurzeln ermöglichen erst den sichtbaren Stamm. Die Krone aus Ästen und Zweigen, Blättern und Früchten entspricht dem verborgenen Geäst der Wurzeln tief in der Erde. Jeder, der schon einmal versucht hat, einen Baum samt Wurzeln auszugraben, weiß das.

Für mich ist das ein schönes Gleichnis für unser Leben. Jeder Mensch, der wachsen und groß werden will, der sich entfalten, wirken und Frucht bringen will, braucht die verborgenen Wurzeln, die ihm festen Halt geben. Groß werden ohne tief zu werden ist (lebens-)gefährlich.
Der Glaube an Gott kann helfen beim Wurzeln bilden. Wer aus dem Glauben heraus seine Lebenskraft empfängt, wer aus Gottes Kraft und Liebe heraus aufwächst, der kann auch nach oben wachsen und gute Früchte bringen. Deshalb ist das (verborgene) Gebet so wichtig. Oder das Sich immer wieder einmal Zurückziehen in die Wirklichkeit des unsichtbaren Geistes Gottes.

Denn so, wie die Wurzeln für den Baum Lebensquelle und Lebenshalt bedeuten, so ist der Glaube für unser Leben ein Verwurzeltsein in Gott. Wer fest in Gott verankert ist, wird manchen Sturm im Leben überstehen. Der Glaube und das Gebet, das Wohnen und Hineinwachsen in Gottes Wort und seine Gemeinde sind Lebensquelle und Haltgeber für uns. Aus diesen Wurzeln können wir leben, selbst noch im Tod.

Der bekannte Liederdichter Paul Gerhardt hat das in seinem Lied „Geh aus, mein Herz“ wunderbar beschrieben:
„Mach in mir deinem Geiste Raum,
dass ich dir werd ein guter Baum,
und lass mich Wurzel treiben.
Verleihe, dass zu deinem Ruhm
ich Deines Gartens schöne Blum
und Pflanze möge bleiben.“

Pfarrer Steffen Erstling

Weingarten im Blick 14.7.2017

Bild: Erich Keppler, pixelio.de

Kleine Menschen - große Fragen

Diese Woche erhielt ich Post von den Kindern aus dem evangelischen Religionsunterricht der 4. Klasse der Promenadenschule. Ihre Lehrerin hatte mit ihnen ihre Fragen zum Thema Religion gesammelt. Die Kinder gaben ihre Fragen an Personen weiter, die sich damit auskennen könnten. Schön, dass wenigstens die Kinder noch Fragen stellen, dachte ich mir und so nutze ich jetzt die Gelegenheit, über eine der Fragen hier zu schreiben.

Liebe Kinder aus der 4. Klasse,
aus euren Fragen habe ich mir diese ausgesucht: „Sind die biblischen Geschichten wirklich wahr?“ Um es gleich zu Beginn zu sagen: Ja, ich glaube, dass sie wahr sind. Allerdings – ganz so einfach ist es dann doch nicht, aber das hast du dir sicher schon gedacht.
Erst einmal ist es wichtig, sich klar zu machen: Was meinen wir eigentlich mit dem Wort „wahr“? Stell dir vor, jedes Kind eurer Klasse erzählt von einem Erlebnis, das ihr zusammen erlebt habt. Ihr erzählt zum Beispiel von der Übernachtung im Wildnis-Camp, das ihr in diesen Tagen mitmacht. Jeder erzählt anders. Dem einen ist etwas wichtig, was dem anderen nicht einmal auffiel. Die eine erzählt ganz ausführlich und schmückt gerne noch aus, die andere erzählt ganz knapp. Und darüber, wer als letzter eingeschlafen ist, gehen die Meinungen stark auseinander.
Was ist jetzt wahr? Sicher ist: Für dich ist wahr, was du erlebt hast. Wahrheit ist also etwas Persönliches. Und es kann gut sein, dass es für verschiedene Personen auch verschiedene Wahrheiten gibt.

Aber jetzt willst du bestimmt wissen: Sind die biblischen Geschichten denn wirklich so passiert, wie Sie uns in der Bibel erzählt werden? Auch wenn es dich vielleicht enttäuscht: Es gibt nicht eine Antwort für alle Geschichten, dazu sind die Geschichten zu unterschiedlich. Aber ich will an einem Beispiel erzählen, was mir dabei wichtig ist.

Es gibt eine Geschichte, da sind 5000 Menschen schon den ganzen Tag mit Jesus zusammen. Abends haben sie Hunger. Allerdings sind nur 2 Fische und 5 Brote da. Und doch wird erzählt: Jesus verteilt und alle werden satt – und bleibt sogar noch etwas übrig.
Wie kann so etwas sein? Ein Wunder? Mag sein, dass die 5000 Menschen übertrieben viele sind. Mag sein, dass 2 Fische und 5 Brote stark untertrieben ist. Ich finde, auf die genauen Zahlen kommt es hier nicht so an. Wichtig ist, was die Menschen erlebt haben. Diese Erfahrung wollen sie uns weitererzählen, nämlich: Manchmal sind Dinge im Leben möglich, die eigentlich unglaublich sind. Wir haben so etwas mit Jesus erlebt. In dem Augenblick waren wir Gott ganz nahe. Wir dachten, es wäre zu wenig da für die vielen Menschen. Aber wir merkten: So ist es gar nicht. Es reicht locker für alle. Es ist sogar mehr da als wir brauchen. Angst und Sorge sind nicht nötig. Verteilungskämpfe auch nicht. Das haben diese Menschen erlebt und deshalb ist es wahr.

Es steckt sogar noch mehr Wahrheit in der Geschichte. Sie will dir sagen: Auch, wenn es dir unglaublich vorkommen mag, es gibt für dich genug von dem, was du zum Leben brauchst. Dafür stehen nämlich Brot und Fisch in der Geschichte. Es gibt genug Vertrauen, genug Liebe und genug Glück. Und mein Wunsch für dich ist, dass du immer sagen kannst: Ja, das ist auch für mich wirklich wahr.

Und noch etwas steckt in dieser Geschichte. Stell dir vor, irgendwann müsste auf unserer Welt niemand mehr hungern. Leider ist das nicht so. Aber es könnte jetzt schon wahr sein. Es gibt nämlich genug zu essen für alle auf der Welt. Es ist nur falsch verteilt. Stell dir vor, es wäre wie in der Geschichte: Alle werden satt! Unglaublich? Ich hoffe darauf, dass das irgendwann einmal wahr wird. So ist diese Geschichte auch wie eine Aufgabe an uns Menschen, daran mitzuarbeiten, dass sie in Zukunft wahr wird.
 
Herzliche Grüße
Pfarrer Horst Gamerdinger
Bild unsplash.com

Wo der Geist des Herrn ist

Pfarrer Stephan Günzler über Pfingsten und den Geist der Freiheit

„…da ist Freiheit!“ steht weithin sichtbar zu lesen auf den beiden Fahnen an der Evangelischen Stadtkirche und vor der Kirche St. Maria. Der erste Teil des Zitats fehlt. Das, worauf es ankommt.
Unwillkürlich sucht man selber nach einer Antwort. Wo ist sie denn, die Freiheit? Wo ist sie bedroht?  Bin ich denn wirklich frei?


Was ist mit den „Mauern unserer Angst“, hinter denen wir uns verschanzen? „Nur durch Gitter sehen wir uns an“, heißt es in einer Strophe im Gesangbuch.
Auf den Fahnen steht klein geschrieben eine Bibelstelle, die uns eine Antwort gibt:
 „Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit!“ schreibt der Apostel Paulus in 2.Kor 3,17.
Freiheit ist nach biblischem Verständnis nichts, was ein einzelner Mensch für sich haben kann. Von Freiheit kann deshalb nicht die Rede sein, wenn die einen auf Kosten der anderen leben. Und schon gar nicht, wenn alle nach einer Pfeife tanzen müssen.
Freiheit ist ein Pfingstereignis. Sie ist da, wo der Geist Gottes weht. Sie beschreibt ein neues Miteinander, wo jeder und jede in seiner Besonderheit wahrgenommen wird und zu seinem Recht kommt.
Damals beim Pfingstfest in Jerusalem ist der Funke übergesprungen zwischen Menschen aus verschiedenen Ländern und Sprachen.
Sie waren plötzlich gepackt von der Botschaft, dass durch die Auferstehung Jesu der Himmel allen Menschen offen steht. Wir sind Brüder und Schwestern! Alle miteinander leben wir aus der Barmherzigkeit dessen, der Vater ist über alles im Himmel und auf Erden.
Diese Erfahrung war die Initialzündung für Kirche.
Wenn wir Freiheit wollen, dann müssen wir um diesen Geist bitten, der befreit, indem er uns miteinander verbindet.

Ich bin noch ganz erfüllt von den Erlebnissen beim Kirchentag in Berlin.  Am vergangenen Freitagabend durfte ich an einem „Fest der Verschiedenheit“ teilnehmen, wo wir mit Juden den Sabbat begrüßten, mit Muslimen  den Vorabend des Ramadan begingen und als Christen gemeinsam das Abendmahl feierten. Die Religionen wurden dabei nicht vermischt, und doch feierten wir gemeinsam, waren beieinander zu Gast und hörten einander zu. Die Schönheit der Musik war dabei eine wichtige Brücke. In einem der Lieder, die wir miteinander gesungen haben, hieß es sinngemäß: „Wenn wir nun miteinander vielerlei hören, vielerlei schmecken, vielerlei feiern, dann ist viel mehr da, als wir denken. Es geht um Größeres als uns.“

Die Pfingsttage liegen vor uns. Das Fest des Heiligen Geistes und die anschließenden Ferientage.
Lassen Sie uns, wo wir auch sind, den Geist suchen, der versöhnt und befreit, den Geist Jesu. Er öffne uns die Augen für das wunderbare Geschenk der Menschen, die uns begegnen, und er helfe uns dabei, freudig Ja zu sagen zu unserer eigenen Begrenztheit.


Bild und Text: Stephan Günzler,
zuerst erschienen in Weingarten im Blick, 2. Juni 2017

Halt finden

Pfarrer Steffen Erstling über den Konfirmandenunterricht

Es ist Mittwochnachmittag, kurz vor halb drei. Vor dem Gemeindehaus warten die Konfirmandinnen und Konfirmanden. Es ist der vorletzte Konfirmandenunterricht vor der Konfirmation. Bald ist es für die Jungs und Mädchen soweit, und sie stehen vorne in der Kirche, sagen ihre auswendig gelernten Katechismusstücke auf und werden eingesegnet. Ihr großes Fest markiert das Ende eines Weges, den sie gemeinsam mit mir im vergangenen Jahr zurückgelegt haben. Aber - so frage ich mich auch diesmal wieder - was bleibt von diesem Jahr Konfirmandenunterricht? Haben diese jungen Menschen etwas mitgenommen von dem, was sie gehört haben, worüber sie mit mir an den vielen Nachmittagen zusammen nachgedacht haben? Von dem, was sie erlebt und erfahren haben auf dem Konficamp und in den Gottesdiensten, die sie ein Jahr lang besucht haben?

Was bleibt? Die Konfirmation ist keine Prüfung (mehr), die kontrolliert, was die Konfirmanden gelernt haben und ob sie jetzt recht glauben. Nein, die Konfirmation ist der Abschluss und der Höhepunkt eines wichtigen Lebensabschnitts für die Jugendlichen. Sie ist das Ja der Konfirmanden zu dem, was Gott ihnen schon bei ihrer Taufe zugesagt hat: Dass er sie begleiten will auf ihrem Lebensweg, dass sie als getaufte Christen als seine Kinder zu ihm gehören und dass er ihnen immer wieder Halt geben will.

Beim oben erwähnten Konfirmandenunterricht haben wir uns das Bild vom Poller und dem Seil angesehen. Aufgefallen ist den Konfirmanden die Kreuzform des Pollers und dass das Seil eigentlich gar nicht richtig festgemacht ist.

Zwei Beobachtungen, die ziemlich genau das ausdrücken, was Konfirmation eigentlich bedeutet. „Confirmare“ heißt übersetzt ja „festmachen“. So, wie man ein Schiff im Hafen an einem Poller festmacht, dürfen auch wir bei Gott festmachen. Er bietet uns festen Halt in einer oftmals haltlosen Welt. Aber wieso ist das Tau nur so locker um den Poller gelegt? Kein Matrose würde ein Schiff so festmachen. Für uns war das ein Zeichen dafür, dass Gott gar nicht dieses feste und unerschütterliche „Ja“ des Glaubens verlangt. Das Ja der Konfirmation bedeutet nicht: „Ja, jetzt hab ich’s ein- für allemal und 100%ig festgezurrt. Nichts kann meinen Glauben von jetzt an noch erschüttern.“ Ich glaube, so einen festen Glauben gibt es gar nicht. Und niemand verlangt von unseren Konfirmanden so einen Glauben. Nein, die Konfirmation bedeutet vielmehr: Ja, ich weiß, dass Gott mir festen Halt anbietet. Ich weiß, dass ich zu ihm kommen und bei ihm festmachen kann. Aber ich darf auch losfahren aufs weite Meer des Lebens, um Lebenserfahrungen zu sammeln und andere Dinge kennen zu lernen. Ich darf mich auch mal vom sicheren Hafen entfernen. Aber wenn ein Sturm tobt und hohe Wellen mein Lebensschiff hin und her werfen, dann weiß ich: Bei Gott ist ein sicherer Hafen. Bei ihm darf ich jederzeit festmachen. Er steht felsenfest zu mir. Wo werden die jungen Menschen, die an den drei kommenden Sonntagen in unserer Stadtkirche konfirmiert werden, Halt suchen? Wird es die Kirche, wird es der Glaube, wird es Gott sein? Wir wissen es nicht. Aber wir laden sie ein, festen Halt bei Gott zu suchen und zu finden. Vielleicht im Jugendtreff oder einem anderen Kreis der Gemeinde oder von Zeit zu Zeit auch mal wieder im Gottesdienst. Wichtig ist, dass sie nie vergessen, dass Gott sie nicht vergisst und dass sie bei ihm Halt finden können.

Ich wünsche ihnen das jedenfalls von ganzem Herzen.

Pfarrer Steffen Erstling

Weingarten im Blick, 12. Mai 2017

Ein starkes Team

Pfarrerin Hole über die 14 Nothelfer, Gottvertrauen und Lebensmut

Wenn nichts mehr ging, mussten sie ran: die „Vierzehn Nothelfer“. In Zeiten ohne moderne Medizin, ohne Versicherungen und Blitzableiter standen sie im 13. und 14. Jahrhundert für das einzige Hilfsprogramm, an das man sich in den Notlagen des Lebens wenden konnte. Zur Riege dieser Heiligen, denen unser Krankenhaus seinen Namen verdankt, gehören drei Bischöfe, drei Ritter, drei Jungfrauen, dazu ein Arzt, ein Mönch, ein Knabe, ein Diakon und ein Riese namens Christophorus. Fast alle starben als Märtyrer schreckliche Tode. Je nach ihrem Schicksal galten – und gelten - sie als zuständig für unterschiedliche Notlagen von Halsweh bis Hagelschlag. Eines haben sie gemeinsam: die Nothelfer traten in ihrem Leben für ihr Christentum ein – und für ihre Mitmenschen. Nach ihrem Tod orientierten sich Glaubende an ihrem Vorbild und baten sie in Notlagen um Fürsprache bei Gott.

Und heute? Sind die 14 Nothelfer noch hilfreich? Mit Blick auf unsere vernetzte Welt und unsere ausdifferenzierte Medizin ist es schwer vorstellbar, dass ein Einzelner zuständig für eine spezielle Lebenslage sein soll. Außerdem: kann ich mich mit meiner Not nicht un-vermittelt an Gott wenden?

Andererseits gibt es zu allen Zeiten Nothelfer, die rettend eingreifen und auf diese Weise etwas von Gottes bewahrender Macht weitergeben. Ich kenne jedenfalls 14 und mehr Menschen, die mir in Notsituationen geholfen oder Orientierung gegeben haben.

Von solchem Gottvertrauen und Mut können sich Menschen anstecken lassen, sich daran festhalten.

Ein altes Wiegenlied vermittelt schon den Kleinsten den Halt dieses 14fachen Geländers: Abends, wenn ich schlafen geh, 14 Englein um mich stehn: zwei zu meinen Häupten, zwei zu meinen Füßen...“

Dietrich Bonhoeffer hatte dieses Gebet im Kopf, als er 1944 aus dem Gefängnis schreib: „Wenn es im alten Kinderlied von den Engeln heißt: ,zweie, die mich decken, zweie, die mich wecken´, so ist diese Bewahrung am Abend und am Morgen durch gute unsichtbare Mächte etwas, das wir Erwachsenen heute nicht weniger brauchen als die Kinder“. Und er fand für diese Einsicht Bilder, die die Botschaft der Nothelfer in Worten unserer Zeit vermitteln: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns, am Abend und am Morgen, und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Marit Hole

 

Bildnachweis:

Arndorfer Altar in der Wallfahrtskirche Mariae Himmelfahrt/Maria Saal
Foto: Johann Jaritz

Ökumenische Bibelwoche

Bild: Jörgen Habedank: Sichere Überfahrt

Ein Kräutlein, das duftet
Pfarrer Stephan Günzler zur diesjährigen ökumenischen Bibelwoche

Jahr für Jahr gibt es in Weingarten eine Ökumenische Bibelwoche. Dieses Jahr, wo wir auf 500 Jahre Reformation zurückblicken, hat diese Woche eine besondere Bedeutung.

Martin Luther hat mit seiner Übersetzung der Bibel ins Deutsche die Welt verändert. Endlich standen die Worte der Bibel allen offen, nicht nur den Gelehrten, die Latein konnten. Millionenfach wurde die Bibel gedruckt und ist bis heute das meistverkaufte Buch weltweit. „Die Schrift ist ein Kräutlein. Je mehr du sie reibst, desto mehr duftet es“, sagte Luther einmal. Die Bibel will gelesen werden.
Lesen ist dabei ein aktiver Vorgang. Wir müssen uns selber einbringen mit unseren Erfahrungen. Die Bibel ist nicht einfach ein Gesetzbuch, das zu befolgen ist, oder ein Lehrbuch, das unser Wissen erweitert. Die Bibel erzählt! Sie erzählt die Geschichte Gottes mit uns Menschen. Und sie möchte uns dabei helfen, dass wir uns in dieser Geschichte wiederfinden.

In diesem Jahr lesen wir Texte aus dem Matthäusevangelium. Es ist eine Jesusgeschichte. Matthäus erzählt von Gott, in dem er von einem Menschen spricht, von Jesus. Schon bei Jesu Geburt lässt er einen Engel sagen, welchen Namen dieses Kind tragen soll: „Immanuel“, das heißt übersetzt „Gott mit uns“.
Gott hat ein Gesicht. Gott ist konkret. Er redet und handelt. Er ist schwach und verletzlich. Glaube ist bei Matthäus deshalb nicht etwa das Wissen um die Existenz eines höheren Wesens. Glaube ist Lebenspraxis. Wir sind in die Nachfolge Jesu gerufen, auf den Weg der Liebe und der Gerechtigkeit!

Das Matthäus-Evangelium ist vermutlich im heutigen Syrien entstanden. Dass dort, wo heute alles in Trümmern liegt, die Bergpredigt Jesu niedergeschrieben wurde, Worte wie „Vergeltet nicht Böses mit Bösem. Liebet eure Feinde! Tut wohl denen, die euch hassen!“ (Mt 5,48) sollte uns zu denken geben.
„Matthäi am letzten“ stehen die Worte Jesu: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende!“ (Mt 28,20). Der Name „Immanuel“ (= Gott mit uns) ist ein Versprechen, das nicht mit dem irdischen Leben Jesu endet: Jesus ist lebendig da, wo zwei oder drei versammelt sind in seinem Namen (Mt 18,20). Seine Worte, seine Geschichte, sind eine frohe Botschaft, die nicht haltmacht an irgendwelchen Grenzen. Sie ist völkerverbindend. „Gehet hin in alle Welt!“

Herzliche Einladung zu den Gottesdiensten zum Auftakt der Bibelwoche, wo wir in jeder Kirche einen ökumenischen Gast predigen hören können! Herzliche Einladung auch zu den ökumenischen Gesprächsabenden in der kommenden Woche!
Wir dürfen gespannt sein, welchen Duft die Kräutlein des Matthäus-Evangeliums unter uns entfalten werden.

Stephan Günzler


Bild: Jörgen Habedank: Sichere Überfahrt
Weingarten im Blick, 10.März 2017

    
 

Was ist Zeit?

Liebe Gemeinde!

Was ist Zeit? Die Uhr auf dem Titelbild legt uns nahe, dass die Zeit die Abfolge von Stunden im Laufe eines Tages ist. Der Kalender auf meinem Schreibtisch erinnert mich daran, dass der erste Monat des neuen Jahres schon wieder vorbei ist. Die Dekorationen in der Stadt weisen auf die Faschingszeit hin. Die kräftigeren Sonnenstrahlen wecken in mir die Vorfreude auf das Frühjahr. In meiner Familie zeigen mir die größer werdenden Kinder, dass ich mich in der Mitte meines Lebens befinde.

Vielleicht lebe ich zur gleichen Zeit in unterschiedlichen Zeitsystemen, die sich nebeneinander entwickeln, manchmal ergänzen, manchmal auch widersprechen: Da ist meine Lebenszeit, eingeteilt in Jahre und Monate mit manchen Wendepunkten und gleichförmigen Strecken. Der Ablauf des Kirchenjahres, des Schuljahres, mein Tagesablauf, meine Lebenszeit: alle mit eigenen Höhepunkten, mit Arbeitsphasen, mit Fest- und Fastenzeiten. Unglaublich, welche Fülle von Maßen und Abläufen wir entwickelt haben, um unsere Zeit zu beschreiben und einzuteilen.
Und noch war nicht die Rede davon, wie ich die Zeit – oder sollte ich sagen, den Mangel an Zeit? - fühle: Meistens ist es, als ob sie davoneilt. Oft fühle ich mich durch Aufgaben und Tage gejagt. Aber es gibt auch andere Momente. Da bin ich ganz bei einer Sache oder einem Menschen, und es spielt überhaupt keine Rolle, wieviel Zeit vergeht.

Worauf kommt es an im Umgang mit der Zeit?

Die Welt der griechischen Sagen teilt die Zeit zwei unterschiedlichen Göttern zu:

Chronos, das ist der Gott der voranschreitenden Zeit. Sie ist eingeteilt in Jahre, Monate, Tage und Stunden.

Chronos – das ist die Zeit, von der wir oft beklagen, dass sie uns fehlt. Wir fühlen uns dann unter Druck, rastlos. Dabei haben wir Zeit im Überfluss zur Verfügung – jeden Tag 24 Stunden – unser ganzes Leben lang. So gesehen sind wir Zeitmillionäre, denn wir können aus einer Fülle von Möglichkeiten wählen, jeden Tag, jede Minute neu.

Kairos – ein Verwandter des Chronos ist hingegen der Gott der Gelegenheit oder des rechten Augenblicks. Er wird dargestellt mit Flügeln an den Füßen und einem Kopf der ganz kahl ist – mit einer Ausnahme: oben auf seinem Kopf prangt eine einzelne kräftige Haarlocke. Will man die Gelegenheit beim Schopf packen, kommt aber einen winzigen Moment zu spät, so rutscht man am kahlen Hinterkopf ab und hat den Zeitpunkt verpasst. Den davoneilenden Gott sieht man nur mehr von hinten.

Unsere Zeit, so betrachteten es die Griechen, besteht also aus beidem: der ruhig dahinströmenden Lebenszeit und den entscheidenden, von mir ergriffenen Gelegenheiten. Ich kann also keine Zeit verlieren, aber sehr wohl Gelegenheiten verpassen.

Wenn ich an mein Leben denke, fällt mir mancher Augenblick ein, in dem etwas Wichtiges geschehen ist: der erste Schritt aus dem Elternhaus. Die Entscheidung für einen Beruf. In besonderer Weise die ersten Begegnungen mit dem Menschen an meiner Seite. Manche dieser Wendepunkte waren im Erleben unscheinbar, erst im Rückblick oder beim Erzählen habe ich sie mit Bedeutung angereichert. Wieviel Gelegenheiten habe ich wohl verpasst, wie oft habe ich den Gott mit den geflügelten Füßen nicht bei seiner Haarlocke erwischt?

Im Buddhismus ist das verblüffend klar: Die ganze Zeit besteht aus den rechten Augenblicken. Kairos ist sozusagen immer da. In jedem Moment deines Lebens hast Du die Möglichkeit, das Richtige zu tun, etwas Entscheidendes anzupacken. Mir gefällt dieser Gedanke. Es ist also meine Sache, wie ich meine Zeit und mein Zutun verteile. Ich bin nicht vom Erscheinen eines vorbeieilenden Boten abhängig, muss nicht immer darauf lauern, etwas zu verpassen.

Noch einen ganz anderen Blick auf den richtigen Augenblick hat unser christlicher Glaube.

Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils, schreibt Paulus (2 Kor 6,2).

Wo Christus ist, ist immer der richtige Augenblick, der alles entscheidet. Der Augenblick, der für uns und andere das Heil bedeutet. Darauf kommt es an. Daneben verlieren unsere Lebensentscheidungen ihre Tragweite. Bei allen Einteilungen, bei ergriffenen und verpassten Gelegenheiten: Meine Zeit ist bestimmt. Sie ist ein Teil von Gottes Ewigkeit. Sie liegt zwischen Geborenwerden und Sterben. Vor allem aber steht sie in Gottes Händen.

Eine gute Zeit wünscht Ihnen allen,

Ihre Pfarrerin Marit Hole

Zeit für Gott?

Bild: Ben White, unsplash.com

Liebe Leserin, lieber Leser,

haben Sie noch Zeit für Gott? Ich meine, schaffen Sie es, wenigstens einmal am Tag ein Gebet zu sprechen? Oder wenigstens einen Gedanken in Richtung Himmel zu schicken? Ich erschrecke, wenn ich abends feststelle: Mensch, heute hab‘ ich ja überhaupt nicht gebetet! Und dann fehlt es mir richtig. Und mir tut es auch leid. Zum einen, weil ich weiß, wie gut es mir tut, wenn ich bete. Zum andern weil ich denke, dass Gott auf mein Gebet gewartet hat. Dass er einfach erwartet, dass seine Kinder mit ihm reden. Ihm wenigstens kurz sagen, wie es einem gerade so geht. Oder ihn um etwas bitten oder für etwas Schönes danken. Sich Zeit für Gott nehmen, weil er sich so viel Zeit für uns nimmt. Gott macht auch keine Pausen oder ist auch nicht einfach dann mal weg. „Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht“ heißt es in einem Psalmvers (Psalm 121,4). Gott ist da, immer, von morgens bis abends, ja, auch die ganze Nacht hindurch. Und er freut sich über jeden Kontakt, den wir mit ihm aufnehmen. In einem Buch habe ich den folgenden Text gelesen, den ich Ihnen gerne mitgeben möchte. Es ist zwar ein Text für Jugendliche, aber ich denke, jeder kann ihn sehr gut auf seine eigene Situation umformulieren.

„Hallo, Du! Als ich dich heute Morgen geweckt habe, kurz bevor dein Wecker klingelte – weißt du noch? – da habe ich mir gewünscht, du würdest vor deinem Tagesstress vielleicht noch ein bisschen mit mir plaudern. Gern hätte ich dich ermutigt für den Tag. Aber ich habe gesehen, dass du dir viele Gedanken gemacht hast. Du hast dich gefragt, was du frühstücken und anziehen sollst. Als du unter der Dusche standst, hätte ich mich gefreut, wenn du mir Guten Morgen gesagt hättest. Ich hätte dir gern zugezwinkert. Aber dein Kopf war voll mit ganz anderen Dingen. Als du auf dem Weg zur Schule warst, hätte es Zeit gegeben zu reden. Aber du hattest deine Kopfhörer auf. Musik mag ich. Ich hab sie mir ausgedacht. Hätte mich gern zusammen mit dir über dein Lieblingslied gefreut. Die zweite Strophe erinnert mich an etwas, das auch in meiner Bibel steht – das hätte ich dir gerne gezeigt. Als endlich die sieben Stunden Schule um waren, warst du ganz schön erledigt. Kein Wunder! Ich hatte gehofft, wir würden uns nach dem Mittagessen ein bisschen zusammensetzen. Du hättest in der Bibel lesen können. Ich hätte dich gern erfrischt. Aber du hast den Fernseher angemacht. Scheint ein ziemlich guter Freund von dir zu sein. Du verbringst viel Zeit mit ihm. Ich dachte, sicher bist du danach genug ausgeruht, dass wir noch miteinander reden können. Aber du hattest viele dringende Schularbeiten zu erledigen, die dir bestimmt nicht leicht gefallen sind. Morgen schreibst du ja auch die Mathearbeit. An die hast du auch beim Zähneputzen gedacht. Und du warst schon richtig müde. Wahrscheinlich hast du gar nicht gemerkt, dass ich die ganze Zeit neben dir war. Ich habe geduldig gewartet. Ich sehne mich jeden Tag danach, dass du mich anlächelst, mich um Hilfe bittest, mir Zeit schenkst. Ich liebe dich und würde dich gern noch viel mehr beschenken. Wir könnten noch ein viel spannenderes Leben zusammen führen. Aber ich bin ein Gentleman. Ich dränge dich nicht. Morgen ist ein neuer Tag und ich werde wieder darauf warten, dass du zu mir kommst. Dein Gott.“

Ich habe mir jedenfalls fest vorgenommen, mir jeden Tag Zeit für Gott zu nehmen – und wenn es auch nur ein kurzes Gespräch mit ihm ist. Ich glaube, er freut sich darüber.

Meint jedenfalls Ihr
Pfarrer Steffen Erstling

Weingarten im Blick, 17.2.2017
Bild: Ben White, unsplash.com

Allein Christus!

Reformations-Banner am Gemeindehaus

Aber eben nicht wir allein!

„Solus Christus“ (= allein Christus) war einer der Grundgedanken der Reformation vor 500 Jahren. Für Luther, der sich als Mönch Tag und Nacht mit dem Gedanken quälte: „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ war es eine seelische Befreiung, als ihm sein Beichtvater Staupitz sagte: „Bruder Martin, vertrau allein auf Jesus Christus!“ Du musst dir Gottes Liebe nicht erkaufen oder erkämpfen. Du bekommst sie geschenkt, einfach so, ohne jede Bedingung. Und weil Gott zu dir steht, brauchst du dich vor nichts auf der Welt fürchten. Diese (Wieder-) Entdeckung des Evangeliums hat der Christenheit wichtige neue Impulse gegeben.
Wie aber heute vom „Solus Christus“ reden, wo wir mit Menschen anderen Glaubens in derselben Straße zusammenleben?  Diese Frage brach kürzlich auf in der theologischen Gesprächsrunde, die unsere vierteilige Predigtreihe zum Reformationsjahr 2017 begleitet. Wie muss das „allein Christus“ in den Ohren eines Juden, eines Muslim oder eines Hindus klingen? Es wäre ja geradezu zynisch, wenn wir ihnen sagen würden. Du hast eben Pech gehabt, dass du im falschen Glauben erzogen wurdest. Das Heil gibt´s nur für uns Christen. Schlimmer könnten wir Jesus wohl nicht missverstehen.
Der interreligiöse Dialog hilft bei einer wichtigen Klärung:
Das „allein Christus“  ist nicht dazu da, damit ich es anderen um die Ohren schlage. Mir selber muss ich es sagen lassen, damit ich aufhöre, mich vor anderen ins rechte Licht zu rücken und lerne, mich voll und ganz auf Gott zu verlassen. Die ängstliche Sorge um mich selbst will mir das „solus Christus“ nehmen, damit ich frei werde, mich zu öffnen für andere - gerade auch meinen Nachbarn mit anderem Glauben und anderer Kultur. Das wäre - denk ich - im Sinne Jesu.
Wir Christen sind nicht allein auf dieser Welt. „Wir haben ein großes Welthaus geerbt, in dem wir zusammen leben müssen, Schwarze und Weiße, Heiden und Juden, Moslems und Hindus“ sagte Martin Luther King in seiner Rede zum Friedensnobelpreis 1964, „wir sind eine Familie, die in ihren Ideen, ihrer Kultur und ihren Interessen übermäßig verschieden ist, die aber irgendwie lernen muss, in dieser großen Welt miteinander zu leben.“
Christus hat uns die Tür aufgemacht.
Sollten wir dann einander die Tür vor der Nase zuschlagen? Sollten wir nicht vielmehr Türen einander aufhalten?


Foto und Text: Stephan Günzler,
Pfarrer an der Stadtkirche

(Weingarten im Blick, 27.01.2017)


Weihnachten

Am Heiligen Abend werden die am besten besuchten Gottesdienste wieder die mit Krippenspiel sein. Was ist es eigentlich, das uns so berührt, wenn wir ein Krippenspiel ansehen? Es sind auf jeden Fall die Kinder, die so engagiert bei der Sache sind und ihre Rolle mit so viel Einfühlungsvermögen spielen. Und doch ist Weihnachten natürlich nicht nur für Kinder. Die Weihnachtsgeschichte spricht – so meine ich – auch in uns Erwachsenen etwas an, von dem wir alle eine Ahnung haben, aber auch merken, dass wir weit davon entfernt sind.

Weihnachten rührt an die Sehnsucht nach Frieden und Heil, nach einer Welt, die von Nächstenliebe nicht nur zwischen dem 24. und 26. Dezember spricht, sondern in Nächstenliebe handelt - und zwar vom 1. Januar bis zum 31. Dezember. Es ist die Sehnsucht nach einer anderen Wirklichkeit. Es ist eine Ahnung davon, dass alles auch ganz anders sein kann, dass es noch mehr gibt als unser Leben, Arbeiten und Sorgen im Alltag.

Die Weihnachtsgeschichte erzählt davon, dass unsere menschliche Wirklichkeit mit der göttlichen Wirklichkeit verbunden ist. Das ist gemeint, wenn es heißt: „Gott sandte seinen Sohn als Kind zu den Menschen.“ Die Herausforderung für jeden von uns ist, das im eigenen Leben wahr in werden zu lassen: das Göttliche, das Leben spendende oder das Heilige im eigenen Leben zu entdecken und zu fördern. Keine leichte Aufgabe. Aber ich glaube, es lohnt sich.

Pfarrer Horst Gamerdinger

 

Weingarten im Blick, 23. Dezember 2016
Bild: unsplash.com

Zeichen der Hoffnung

Geht es Ihnen auch so, wie mir, liebe Leserin, lieber Leser? Diese trüben, wolkenverhangenen, oft nebligen Herbsttage schlagen mir gewaltig aufs Gemüt. Wenn sich die Sonne tagelang nicht mehr blicken lässt, dann komme ich einfach nicht richtig in die Gänge. Dazu noch die kurzen Tage, wo es schon um fünf Uhr Nacht wird. Nicht wenige leiden ja sogar unter einer Herbst- bzw. Winterdepression. An so einem trüben Tag und mit einer entsprechend trüben Stimmung laufe ich durch die Straße und sehe plötzlich vor einem Blumenladen eine ganz besondere Pflanze: Eine Christrose. Die gibt es gerade jetzt wieder zu kaufen. Ich bleibe stehen und bewundere diese kleine unscheinbare Pflanze, die es schafft, mitten im Winter Blüten zu treiben. Erstaunlich, wie sie sich gegen das Dunkel und die Kälte durchsetzt und Blätter, Stängel und Blüten treibt.

Diese Pflanze mit ihren großen, weißen Blüten ist für mich ein Zeichen der Hoffnung. Der Winter wird irgendwann wieder ein Ende haben. Schnee und Eis werden sich zurückziehen. Die Sonne, die wochenlang verhangen war, wird wieder durchkommen und Leben in unsere Gesichter zeichnen.

In der Kälte unserer Welt brauchen wir Zeichen der Hoffnung. Täglich erfahren wir, wie Menschen sich gegenseitig bekämpfen. Wie Kinder unter Kriegen leiden. Wie Mütter und Väter, Alte und Junge auf der Flucht sind. Wie Menschen gefangen, gefoltert und getötet werden. Täglich sind wir selbst der Kälte unserer Welt ausgesetzt, wenn wir am Arbeitsplatz und in der Schule gemobbt werden, wenn nur die Leistung zählt, wenn Menschen sich von uns abwenden, wenn kein Raum für Liebe bleibt.
Manchmal wünsche ich mir, dass gegen die Kälte unserer Welt ein Kraut gewachsen wäre. Eine Pflanze, die uns zeigt, dass diese Kälte nicht ewig anhält. Eine Pflanze, die uns auf den Weg zum Frieden und zur Freiheit führt. Eine Pflanze als Zeichen der Hoffnung gegen alle Hoffnungslosigkeit dieser Welt.

Vielleicht ist sie aber auch schon längst gewachsen? Das Weihnachtslied „Es ist ein Ros entsprungen“ erzählt davon:
„Das Blümelein so kleine, das duftet uns so süß;
mit seinem hellen Scheine vertreibt‘s die Finsternis.
Wahr‘ Mensch und wahrer Gott,
hilft uns aus allem Leide, rettet von Sünd’ und Tod.“

(Evang. Gesangbuch Nr. 30 / Gotteslob Nr. 243)

Dass Sie – gerade in dieser Adventszeit – immer wieder Zeichen der Hoffnung entdecken mögen, das wünsche ich Ihnen. Vielleicht, wie ich, beim Anblick einer Christrose. Oder durch das Lächeln eines lieben Menschen. Oder beim Singen eines schönen Weihnachtsliedes.

Ihr Steffen Erstling

Weingarten im Blick, 2. Dezember 2016
Bild: R.B., pixelio.de


Haltung und Verhalten

von Pfarrer Horst Gamerdinger

Meine innere Haltung hat eine Auswirkung auf mein äußeres Verhalten.
Je nach Haltung entscheide ich, wofür ich mich engagiere, wo und was ich einkaufe, wofür ich mein Geld ausgebe und wofür ich meine freie Zeit verwende.
Es gilt aber auch das Umgekehrte: Wie ich mich verhalte, hat Einfluss auf meine Haltung. Ob man jeden Tag im Wald spazieren gehen kann oder nicht, ob man mit der U-Bahn oder mit dem Auto zur Arbeit fährt oder ob man Mechatronikerin oder Altenpfleger lernt, alles beeinflusst die Haltung, das Denken und die Wahrnehmung der Welt.
Binsenweisheiten? Mag sein, aber nutzen Sie das konsequent für sich? Denn wenn das so ist, kann ich ja bis zu einem gewissen Grad meine Haltung und mein Erleben der Welt beeinflussen und die Richtung der Veränderung selbst bestimmen. In dieser Hinsicht möchte ich von zwei Vorschlägen erzählen, die meiner Erfahrung nach die Lebenszufriedenheit sehr erhöhen und sofort einsetzbar sind.
Erster Vorschlag: Seien Sie dankbar für das Schöne, das Sie erleben! Überlegen Sie jeden Tag, zum Beispiel beim Einschlafen, wofür Sie heute dankbar sein können, alleine, mit den Kindern oder mit dem Partner. Danke für das Amselzwitschern heute Morgen, danke, dass mir Frau F. heute zugehört hat – es muss nicht unbedingt etwas Spektakuläres sein, was das Leben lebenswert macht.
Zweiter Vorschlag: Nehmen Sie sich einen biblischen Satz oder einen Weisheitsspruch mit in den Tag, den Sie immer wieder einmal vor sich hinsagen. Biblische Sätze wie zum Beispiel „Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig“ oder „Warum habt ihr Angst? Habt Vertrauen! Ich bin doch bei euch!“

Ich bin überzeugt: Langfristig verbessern die Vorschläge mein Leben und mehr Zufriedenheit stellt sich ein. Sogar Ergebnisse der Hirnforschung unterstützen das. Was man einübt, stärkt die entsprechenden Verbindungen der neuronalen Netze. Die eigene Wahrnehmung und das Erleben der Welt verändert sich.
Wenn ich aufmerksam auf das sehe, wofür ich dankbar sein kann, entwickle ich eine Haltung, die sich positiv auf mein eigenes Leben und auf das Leben der Menschen um mich herum auswirkt.

Pfarrer Horst Gamerdinger
(Weingarten im Blick, 11.11.2016)
Bild: unsplash.com

Reformation auf ökumenisch

Denkmal auf dem Wittenberger Marktplatz zum Reformationsjubiläum

Pfarrer Stephan Günzler zum Reformationstag und dem Beginn des Reformationsjubiläums

Der Globus auf dem Marktplatz in Wittenberg zeigt es an: Das Reformationsjubiläum 2017 soll ein weltweites Fest der Ökumene werden.
500 Bäume wurden im Luthergarten in Wittenberg gepflanzt. Aus allen Teilen der Welt wurden sie gestiftet. Katholische, orthodoxe, lutherische, anglikanische und eine Vielzahl weiterer Kirchen haben Baumpatenschaften übernommen. Unsere Kirchengemeinde Weingarten ist mit einer Birnenquitte vertreten, die übrigens dieses Jahr schon einige leuchtend gelbe Früchte trägt.
„Auch wenn ich wüsste, dass morgen die Welt zugrunde geht, würde ich heute noch einen Apfelbaum pflanzen.“ soll Martin Luther gesagt haben. Vor 500 Jahren hat er mit der Veröffentlichung seiner 95 Thesen am 31. Oktober 1517 eine neue Zeit eingeläutet.
Der Luthergarten führt vor Augen, wie viel Gutes inzwischen in der Gemeinschaft der Kirchen gewachsen ist.
Es war nicht immer so. Das wissen wir nicht nur aus den Geschichtsbüchern. Viele gemischt konfessionelle Ehepaare tragen bis heute schwer an Ausgrenzungen, die sie von ihrem Umfeld zu spüren bekamen.
Die Christenheit hat seit den Tagen der Reformation einen schmerzlichen Lernprozess durchlaufen, der vom erbitterten Gegeneinander zu einem konstruktiven Miteinander geführt hat.
Heute erleben wir die Vielfalt der Ausdrucksformen des Glaubens als Reichtum. Keiner hat die Wahrheit für sich allein gepachtet. Wir brauchen das gegenseitige Gespräch.
Es ist eine historische Chance, diesen Lernprozess, für den die Reformation der Auslöser war, heute fruchtbar zu machen für ein friedliches Miteinander der Religionen auf dieser Erde und für die kulturelle Vielfalt vor Ort.
In Weingarten wollen wir deshalb den Auftakt des Jubiläumsjahr der Reformation gemeinsam begehen, als ökumenisches Fest.
Wir Evangelischen freuen uns, wenn Sie mit uns Gottesdienst feiern am Reformationstag, 31. Oktober um 19.00 Uhr in der Stadtkirche Weingarten.

Pfarrer Stephan Günzler

Foto: Volker Kühn
(Weingarten im Blick, 28.10.2016)

Wurzeln

von Pfarrerin Marit Hole

Vieles in unserem Leben ist aufs Blühen ausgerichtet. Unsere Mitmenschen sollen uns bemerken: wie wir aussehen. Was wir tun. Womit wir Erfolg haben.
Es gibt aber auch Manches, das für andere nicht sichtbar ist – und trotzdem wichtig. So wie die Wurzeln der Pflanzen im Boden verborgen sind, liegt auch unserem Leben einiges zugrunde, das kein Mensch auf den ersten Blick vermutet.
Graben wir also etwas tiefer und schauen uns an, was unter der Erde liegt:
Wurzeln fristen eigentlich eine kümmerliche Existenz. Sie wachsen unter der Erde. Sie bekommen kein Sonnenlicht. Sie müssen die ganze Last der Pflanze tragen. Zu alledem können sie ihren eigenen Standort nicht selbst bestimmen. Und dennoch sind sie unverzichtbar: Sie verankern die Pflanze im Boden. Schon ein kleiner Löwenzahn streckt seine Wurzeln bis zu zwei Meter unter die Erde, bei einer Kiefer können es bis zu 10 Meter werden. Je an ihrem Ort sorgen die Wurzeln auch für die Nahrungszufuhr in die Pflanze. Oft bieten sie kleinen Tieren Schutz.
Was erzählen uns die Wurzeln denn über unser eigenes Leben?
Auch unserem Gedeihen und Blühen liegen Wurzeln zugrunde.
Das sind Menschen, die uns begleiteten und uns nahestehen. Sie nähren uns mit ihrem Zuspruch aber auch ihrem Widerspruch. Solche Wurzeln sind unsere Fähigkeiten und Begabungen, die wir mitbekommen und entwickelt haben – oft in Krisen. Sie geben uns Selbstbewusstsein.
Auch was ich mit anderen teile oder an sie weitergebe, verankert mich zugleich im Boden: Meine Fröhlichkeit, meine Kritik, meine Ideen, mit denen mich einmische. Der Beruf oder das Engagement, mit dem ich ein Baustein in unserer Gesellschaft bin. Mit all dem stifte ich Sinn. Das gibt auch mir Halt.
Eine Wurzel ist unser Glaube. Er sagt etwas darüber, woher wir kommen und wohin wir gehen. Er verankert uns in Gottes Liebe. „Nicht Du trägst die Wurzeln – die Wurzeln tragen dich“, schreibt Paulus. Es ist auch eine Wurzel meines Lebens, dass ich getragen werde. Dass ich die entscheidenden Dinge nicht mir selbst verdanke.
Nun haben wir tief gegraben. Werfen wir nochmals einen Blick auf die ganze Pflanze: Die Wurzel ist nur ein Teil von ihr. Denn: Jede Pflanze wächst ja eigentlich von ihren Wurzeln weg. Blühen, Schön sein, erfolgreich sein: das kann eine Pflanze nur als Ganze. Nur mit einem festen Wurzelwerk – aber auch nur, wenn sie aus dem Boden heraus dem Licht zuwächst. So entfaltet sich unser Leben zwischen diesen beiden Polen: den Wurzeln, die uns tragen und dem Wunsch, dem Licht entgegenzuwachsen, selbst Frucht zu tragen. Kurt Marti formuliert so: „Wer nicht Wurzeln hat, wächst in keine Zukunft. Wer eigenen Wurzeln aber nie entwächst entfaltet sich nicht zum Neuen, zum Baum.“

Weingarten im Blick, 30.9.2016

Dankbare Erinnerung

von Pfarrer Steffen Erstling

Liebe Gemeindeglieder!
Kennen Sie Frederick? Wenn nicht, fragen Sie ein Kind. Klar kenn ich Frederick, die Maus, wird es Ihnen antworten. Und dann kann es Ihnen die Geschichte von Frederick, der kleinen Maus, die Farben für den Winter sammelt, erzählen. Frederick ist nämlich der "Held" aus einem sehr bekannten Kinderbuch von Leo Lionni.
Der kleine Mäuserich Frederick beteiligt sich nicht an der emsigen Ernte von Körnern, Beeren und Nüssen im Herbst wie all die anderen fleißigen Mäuse. Nein, Frederick sitzt anscheinend tatenlos herum und lässt die anderen schaffen. Die anderen Mäuse werden darüber recht schnell sauer, doch Frederick lässt sich nicht beirren. Denn er sammelt, so sagt er, Farben, Bilder und Worte für den Winter. Das können die anderen Mäuse natürlich nicht verstehen.
Als aber dann der Winter kommt und die gesammelten Vorräte der anderen fast aufgebraucht sind und es den Mäusen immer schlechter geht, öffnet Frederick seinen „Ernteschatz“. Er lässt die versammelte Mäuseschar die Augen schließen.
Und dann beginnt er zu erzählen. Er malt ihnen mit wunderbaren Worten die Bilder des Sommers. Er lässt sie das Gelb und die Wärme der Sonnenstrahlen nacherleben, malt ihnen die Sommerwiesen mit den bunten Blumen vor Augen und erfreut sie mit kleinen, im Sommer ausgedachten Gedichten.
Mit seinen gesammelten Erinnerungen an den Sommer hilft Frederick ihnen über den Winter.
Diese kleine Geschichte von Frederick ist ein schönes Beispiel für dankbares Erinnern. Die Mäuse, die im Herbst  fleißig sammeln, machen augenscheinlich erst mal alles richtig. Frederick käme ohne ihren Einsatz - nur mit seinen Bildern und Geschichten alleine – auch nicht durch den Winter. Doch in ihrem unermüdlichen Sammeln und Ernten übersehen sie viel Wichtiges.
Das Schöne, das der gegenwärtige Augenblick für einen bereithält, zum Beispiel. Für uns kann es das Erleben und bewusste Wahrnehmen von Dingen, Menschen und Ereignissen sein, die einen mit Freude und Dankbarkeit erfüllen können. Und dieses bewusste Erleben wird für uns dann zu einem Schatz - einem Schatz der Erinnerung.
Gerade jetzt, wenn die Tage wieder kürzer und trüber werden, wenn im Herbst das Laub von den Bäumen fällt, dann tut es mir gut, mich an die schönen Erlebnisse des Sommers zu erinnern. Und diese Erinnerung erfüllt mich mit Dankbarkeit und hilft mir so, die manchmal tristen Tage zu überstehen. Max Frisch hat es einmal so gesagt: "Gott schenkt uns Erinnerungen, damit wir Rosen im Winter haben."
Wenn ich mich dankbar erinnere, blühen die Rosen viel schöner, wärmen die Erinnerungen intensiver. So finden wir in der erlebten Vergangenheit, wenn wir sie uns bewusst machen, einen Schlüssel für die Gegenwart und die Zukunft. Und so eine gute Dankbarkeit kann heilen. Kann aus scheinbar aussichtsloser Gegenwart einen Weg in die Zukunft eröffnen. Weil ich mich an Gottes Fürsorge erinnere, an die Zusage seiner liebenden Nähe. Wenn ich dankbar bin für das, was Gott mir früher alles geschenkt hat, dann weiß ich, dass er mich auch in der gegenwärtig schwierigen Situa-tion nicht alleine lässt.
Die Mäuse haben mit Hilfe von Frederick und seinen gesammelten Farben und Bildern den kalten, harten Winter überstanden.
Ich wünsche Ihnen, dass auch Sie in Ihrer Erinnerung die bunten, warmen und schönen Erlebnisse des vergangenen Sommers, ja, Ihres ganzen Lebens, voller Dankbarkeit bewahren. Und dass sie Ihnen helfen, so manchen Herbst und Winter im Leben zu überstehen.


Gebet
Mein Gott, ich schließe die Augen, ich fange noch ein paar Sonnenstrahlen ein auf meiner Haut. Ich höre und lausche, was du mir zuflüsterst. Dann gehe ich ruhig in die Nacht und die Kälte - du hörst nicht auf, mich zu wärmen. Amen.

Text und Bild: Pfarrer Steffen Erstling
zuerst erschienen im Gemeindebrief September 2016 

86400 Euro

Pfarrer Steffen Erstling über sinnvoll genutzte Zeit

„Stell dir vor, du hast bei einem Wettbewerb folgenden Preis gewonnen: Jeden Morgen würde dir bei einer Bank ein Konto mit 86400 € zur Verfügung stehen.“ Mit diesen Worten beginnt eine Geschichte aus dem Buch „Solange du da bist“ von Marc Levy. Aber dieser Preis hat zwei kleine Bedingungen:
Das Geld, das im Laufe eines Tages nicht ausgegeben wurde, wird wieder vom Konto genommen. Es ist nicht möglich, das Geld auf ein anderes Konto zu überweisen. Es kann nur ausgegeben werden. Aber jeden Morgen eröffnet dir die Bank ein neues Konto mit neuen 86400 € für den kommenden Tag. Die nächste Bedingung ist, dass die Bank dir das Konto ohne Vorwarnung sperren kann. Zu jedem Zeitpunkt kann sie dir sagen, dass es vorbei ist, dass du kein neues Geld mehr bekommst. Mit diesen Einschränkungen lässt sich aber ganz gut leben. Jeden Tag so viel Geld ausgeben zu können, wie wir wollen, klingt verlockend.
Das Geld würde seine Verwendung finden – kein Zweifel. Ganz sicher um uns selbst und den Menschen, die wir lieben, eine Freude zu machen, um unser Leben und das der Menschen in unserer Umgebung zu verschönern.
Das Schöne an der Geschichte ist, dass wir alle so eine magische Bank haben: Die Zeit!
„Jeden Morgen“, so schreibt Marc Levy, „wenn wir aufwachen, bekommen wir 86400 Sekunden Lebenszeit für den Tag, und wenn wir am Abend einschlafen, wird uns die übrige Zeit nicht gutgeschrieben. Was wir an diesem Tag nicht gelebt haben, ist verloren, gestern ist vergangen. Jeden Morgen beginnt der Zauber von neuem, aber die Bank kann unser Konto zu jeder Zeit ohne Vorwarnung auflösen: Das Leben kann jeden Moment zu Ende sein.
Was machen wir also aus unseren 86400 täglichen Sekunden? Sind sie nicht viel mehr wert als die gleiche Menge Euros?“
Vielleicht hilft uns diese Geschichte, immer wieder mal innezuhalten und darauf zu achten, was uns wirklich wichtig ist. Die Zeit, die wir vertrödeln, sinnvoll nutzen und öfter einmal zu überdenken, warum wir in Dinge Zeit investieren. Und manchmal ist es auch nötig, sich ganz bewusst Zeit für sich selbst einzuplanen, für sich etwas Gutes zu tun. Oder einfach auch einmal nichts zu tun, um zur Ruhe zu kommen, um über sich, das Leben und Gott nachzudenken. Michael Ende hat wohl Recht, wenn er schreibt:
„Alle Zeit, die nicht mit dem Herzen wahrgenommen wird, ist verloren.“

Gebet
Herr meiner Stunden und meiner Jahre,
du hast mir viel Zeit gegeben. Sie liegt hinter mir, und sie liegt vor mir.
Sie war mein und wird mein, und ich habe sie von dir.
Ich danke dir für jeden Schlag der Uhr und für jeden Morgen, den ich sehe.
Ich bitte dich nicht, mir mehr Zeit zu geben.
Ich bitte dich aber um viel Gelassenheit, jede Stunde zu füllen.
Ich bitte dich, dass ich ein wenig dieser Zeit freihalten darf von Befehl und Pflicht,
ein wenig für Stille, ein wenig für das Spiel,
ein wenig für die Menschen am Rande meines Lebens, die einen Tröster brauchen.
Ich bitte dich um Sorgfalt, dass ich meine Zeit nicht töte, nicht vertreibe, nicht verderbe.
Jede Stunde ist ein Streifen Land. Ich möchte Liebe hinein werfen, Gedanken und Gespräche, damit Frucht wächst.
Segne du meinen Tag.

Jörg Zink

Weingarten in Blick, 9.9.2016
Bild: Lupo, pixelio.de

 

 

Verrückte Welt

von Pfarrer Horst Gamerdinger

Vor einigen Wochen las ich in einer Zeitschrift einen Artikel über Quantenphysik, der mich sehr fasziniert hat. In der Welt des Allerkleinsten geschehen Dinge, die unseren Alltagserfahrungen komplett zuwider laufen.
In unserer gewohnten Alltagswelt existieren die Gegenstände, egal, ob wir sie beobachten oder nicht: Das Nachbarhaus zum Beispiel steht da, auch wenn wir nicht hinsehen. In der Quantenwelt ist das ganz anders. Dort wird etwas in bestimmten Fällen nur dann wirklich, wenn ich hinsehe. Vorher muss es dort nicht gewesen sein. Und seine Eigenschaften hängen davon ab, wie ich hinsehe.
Das Gesetz von Ursache und Wirkung scheint in der Quantenwelt außer Kraft zu sein. Wir merken zwar nichts davon, weil unsere Sinne diese kleinen Dimensionen gar nicht wahrnehmen können. Und doch finde ich das sehr faszinierend: den Gedanken, dass es Bereiche unseres Lebens gibt, in denen ganz andere Gesetze gelten.

Solche Gedanken sind ja für die Religion nicht uninteressant. Dort ist ebenfalls von einer anderen Wirklichkeit die Rede, die unsere bekannte Wirklichkeit übersteigt und transzendiert. Jesus erzählt viel vom „Himmelreich“, vom „Reich Gottes“, wo ebenfalls andere Gesetze gelten. Es geht dabei allerdings weniger um Physik, sondern oft um Beziehungen zwischen uns Menschen.

„Die ersten werden die letzten sein“ ist so ein Satz, der die herrschenden Verhältnisse auf den Kopf stellt. Er stammt aus dem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg. Diese werden nicht wie üblich entsprechend ihrer Leistung belohnt, sondern jeder erhält das, was er an diesem Tag zum Leben braucht.
In einer anderen biblischen Geschichte werden alle anwesenden Menschen satt, obwohl kaum etwas zu essen da ist. Auch das ist leider immer noch eine ferne Utopie für unsere Welt, Millionen Hungertote erinnern uns jedes Jahr daran. Und das, obwohl eigentlich genug da wäre, es ist nur nicht richtig verteilt. Ganz andere Gesetze des Zusammenlebens bräuchten wir da … Könnte diese Utopie vielleicht auch für unsere Welt wirklich werden, wenn wir nur anders hinsehen würden, wenn es uns wichtig genug wäre, dass niemand an Hunger stirbt?

Die Bibel erzählt von einer ganz anderen Wirklichkeit, die schon unter uns und zwischen uns und in uns da ist, sich aber auch oft unseren Sinnen entzieht. Doch die Gedanken sind in der Welt und ich vertraue darauf, dass sie die Ursache einer großen Wirkung sind. Auch aus dem kleinen Senfkorn wird einmal eine große Pflanze.

Text: Horst Gamerdinger, Weingarten im Blick, 22. Juli 2016
Bild: unsplash.com


Wer gewinnt?

von Pfarrer Stephan Günzler

Am Sonntag ist Finale.
Dann steht fest, wer Europameister wird. Millionen rund um die Welt werden im Fernsehen die Siegerehrung miterleben. Auf den Straßen werden sich viele in den Armen liegen. Hupende Autokorsos werden durch die Innenstädte fahren. Jubeln tut gut. Wir tun´s viel zu selten. Wer gönnt es sich noch, mal ganz außer sich zu sein vor Freude? Allenfalls den Kindern gestehen wir es noch zu.

Bei denen, die verloren haben, wird die Enttäuschung allerdings umso größer sein.
Dabei hat den Verlierern oft nur das nötige Quentchen Glück gefehlt, sie wurden vom Verletzungspech verfolgt oder vom Schiedsrichter benachteiligt.
Doch wo´s Gewinner gibt, gibt´s auch Verlierer. So ist es im Sport, und so ist es leider auch im Leben.
Wir dürfen uns keine Blöße geben, um nicht unter die Räder zu kommen. Wo jeder darauf ausgerichtet ist, sich selber möglichst gut in Szene zu setzen - auf Kosten der anderen - wird aus dem Spiel schnell bitterer Ernst.
Das gilt im Privaten genauso wie im Miteinander der Völker. Wer sich aber als Verlierer fühlt, verliert auch bald das Vertrauen in die anderen. Das erleben wir gerade in Europa.

Bei der Vorbereitung des Ökumenischen Gottesdienstes am Welfenfestsonntag bin ich gemeinsam mit Pfarrer Ohrnberger auf die Geschichte gestoßen, wo ein junger Mann zu Jesus kommt und fragt: Was muss ich tun, um das Leben zu gewinnen? (Lk 10,25)
Der Fragende findet selber die Antwort, die die Bibel dafür gibt: Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben von ganzem Herzen und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Jesus sagt: Du hast richtig geantwortet. Handle danach und du wirst leben!
Leben gewinnen, so verstehe ich Jesus, geht nicht auf Kosten der anderen. Es dreht sich nicht alles um mich. Ich werde getragen von vielen anderen, die mit mir verbunden sind.

Ich sehe unser Welfenfest als eine schöne Gelegenheit, den anderen, die mit mir in derselben Stadt leben, ins Gesicht zu schauen und mich an ihnen zu freuen.
Es wäre ja todlangweilig, wenn wir immer nur uns selbst begegnen würden. Gerade die Vielfalt der anderen macht mein Leben reich. Beim Tag der Begegnung am Samstag auf dem Löwenplatz können wir es erleben.
Beim Welfentheater im Schlösslesgarten und beim großen Festzug können wir außerdem einen Blick in unsere Geschichte werfen. Sich selbst wahrzunehmen ist - so der Rat der Bibel - eine wichtige Voraussetzung für eine gute Beziehung zu unseren Mitmenschen. Nur wer mit sich selbst barmherzig ist, kann es anderen gegenüber sein.
Wir dürfen zu unseren Grenzen stehen. Das ist die frohe Botschaft unseres Glaubens. Wir verdanken uns nicht uns selbst, und was aus uns wird, steht nicht in unser Hand.
Darum ist es schön, dass wir in der Mitte unseres Festes Gott feiern und ihm die Ehre geben.
Herzliche Einladung zum Gottesdienst am Sonntag um 9.30 Uhr im Stadtgarten.

 
Foto: Andreas Praefcke
Text: Pfarrer Stephan Günzler

Weingarten im Blick, 08.07.2016

Zum Leuchten gebracht

Liebe Mitglieder unserer Kirchengemeinde,
zum Studentenleben gehören Partys. Das war schon zu meiner Studentenzeit so und ist auch heute hier in Weingarten nicht anders.
Zu Beginn jedes Semesters gibt es zum Beispiel die legendäre Mensaparty. Sie wird seit vielen Jahren vom Hoki-Team der Hochschulgemeinde veranstaltet. In diesem Frühjahr stand die Party unter dem Motto „Neon-Dresscode: leuchtend“.
Wie immer kannte die Kreativität der jungen Leute keine Grenzen. Mit neonfarbenen Kleidungsstücken, Accessoires und Schminkfarben wurden viele sensationelle Outfits kreiert, die im Dämmerlicht der Partynacht erst so richtig zur Geltung kamen. Ein wunderbares Spiel mit Licht und Schatten!
Sich zeigen oder sich verbergen, hervorstechen oder sich zurücknehmen - beides war möglich beim Motto „Neon“.

Und im wahren Leben? Da ist die Frage nicht immer so spielerisch und leicht zu beantworten: Kann ich mich zeigen? Und was von mir kann ich zeigen? Was halte ich zurück, weil ich mich vor der Reaktion anderer fürchte - oder weil ich es anderen nicht zumuten möchte?
Oder anders herum gefragt: Wie werde ich gesehen? Werde ich überhaupt wahrgenommen - oder doch übersehen, weil andere neben mir auffallender sind?
Wenn es gut geht im Leben, dann gibt es Freundinnen oder Freunde, bei denen ich sein kann, wie ich bin. Mit allem, was zu mir gehört. Da muss ich keine Fassade aufbauen, da darf ich auch mal Schwäche und Angst zeigen, sogar Versagen.
Denn eine gute Freundin oder ein guter Freund sieht mich mit  Freundesaugen an, mit einem Blick voller Wohlwollen.

Wie gut das tut, wenn uns jemand wohlwollend anschaut. Und wie nötig wir das haben, Große und Kleine, Alte und Junge.
Wie hilfreich, wenn Eltern ihre heranwachsenden Kinder wohlwollend ansehen - und nicht bestimmt von der Angst, das Kind könnte den Leistungsanforderungen unserer Gesellschaft nicht genügen.
Wie befreiend, wenn Lehrerinnen und Lehrer ihre Schüler als Men-schen sehen, die aus mehr bestehen, als aus ihren intellektuellen Fähigkeiten.
Wie entlastend, wenn Studierende auf dem Weg ins Berufsleben wohlwollenden Erwachsenen begegnen, die ihnen auch den einen oder anderen Umweg zugestehen.
Und wie versöhnend, wenn ein alter Mensch jemanden an der Seite hat, der voller Wohlwollen mit ihm auf sein Leben zurück schaut - all dem Misslungenen und Fragmentarischen zum Trotz.

Wohlwollende Blicke bringen uns zum Leuchten! Ob jung oder alt.
Am Ende jedes Gottesdienstes wird uns im Segen zugesagt, dass Gottes Freundesaugen uns wohlwollend begleiten: Gott lässt sein Angesicht leuchten über uns! Wie gut, dass wir das jeden Sonntag wieder hören.

Esther Manz, Hochschulpfarrerin

Erfahrung

von Pfarrer Horst Gamerdinger

Die vier sehen aus, als hätten sie schon einiges hinter sich. Da kommt ganz schön was an Lebenserfahrung zusammen. Viel gearbeitet haben sie, wie es aussieht, mit den Händen und mit vollem Körpereinsatz. Reich scheinen sie dabei nicht geworden zu sein.

Wahrscheinlich mussten sie auch einiges einstecken an Verletzungen und Enttäuschungen, die das Leben ihnen vor die Füße warf. Doch sie sehen auch recht zufrieden aus, auf ihren gleichen Stühlen, auf denen sie bestimmt nicht nur an diesem Tag sitzen. Der eine kramt gleich etwas aus der Hosentasche hervor um es dem andern zu zeigen, dem mit der Warnweste, die in diesem Fall nicht nur warnt, sondern auch wärmt. Der Dritte scheint etwas zu sehen, was ihm nicht so ganz gefällt, vielleicht ist er aber auch einfach nur in Gedanken. Und der Vierte amüsiert sich über den Fotografen, der extra vor ihm in die Hocke geht um zu fotografieren, was für ihn alltäglich ist: dazusitzen und zu schauen.

Mir gefällt, dass die vier so gelassen sind. Jetzt haben sie Zeit, die alten Männer, schauen zu, wie die Jüngeren im Dorf das Leben bestehen und ihre Erfahrungen machen. Was sie wohl weitergeben würden als Erfahrungsschatz, als Essenz des Lebens?

Bild: Christian Steiner, pixelio.de

Wo wohnt Gott?

von Pfarrer Stephan Günzler

„Wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist?“
heißt das Bibelwort für den Monat Mai aus dem 1. Korintherbrief (1.Kor 6,19).


Wie bitte? Die Jugendlichen, die am 1. Mai und den zwei anderen Sonntagen in unserer Stadtkirche konfirmiert werden, würden vermutlich nur verständnislos den Kopf schütteln bei einer solchen Frage.

Damals, in der reichen Hafenstadt Korinth, hatten die Menschen die heidnischen Tempel vor Augen. Klein mussten sie sich vorkommen angesichts dieser prachtvollen Bauten, steinerne Zeugen der Macht ihrer Götter. Der Artemistempel in Ephesus galt sogar als eines der sieben Weltwunder.

Paulus aber ruft den Korinthern zu: Ihr seid Gottes Tempel! Ihr mit eurem Körper aus Fleisch und Blut.
Wie bitte? So haben wohl auch die Menschen damals schon verwundert gefragt.
So jemand wie du und ich, - mit seinem kleinen Verstand, seinen müden Gliedern,
seinen Launen, Grenzen und Schwächen, -
so jemand soll der Ort sein, an dem Gott wohnt?
Ja, tatsächlich, so klein will er sein, der große Gott. In Jesus hat er den Anfang gemacht. Er ist Mensch geworden.

Lass es dir sagen, wenn du mal wieder vor dem Spiegel stehst und unglücklich bist über einen winzigen Pickel oder ein paar Falten in deinem Gesicht; wenn du mal wieder an dir selber zweifelst und neidisch auf das schielst, was die anderen haben oder können:
Weisst du nicht, dass dein Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist?

Darum: Geh achtsam mit dir um! Treib nicht Raubbau mit deinem Körper! Atme und lebe! Öffne dein Herz für Gottes Schönheit! Freu dich an dem wunderbaren Monat Mai!
Entdecke die guten Gaben Gottes!
Mit allem, was du bist, sollst du Gott loben.
Wie würde sich das Gesicht unserer Welt verändern, wenn wir mit dieser Wertschätzung auch unseren Mitmenschen begegnen würden? Wenn schon Gott so hohe Stücke auf uns hält, sollten wir nicht gering von einander denken.

Bei der Konfirmation fragen wir unsere Konfirmanden nach ihrem Ja zu Taufe.
Du trägst den Christusnamen. Das soll man dir in deinem Leben abspüren. Salopp gesagt: Wo Christus draufsteht, soll auch Christus drin sein.

Eine jüdische Weisheit sagt es so: Gott wohnt, wo man ihn einlässt.    
Gott ist eben nicht überall und nirgends. Er wohnt nicht irgendwo im Himmel. Er braucht auch keine Gotteshäuser - und seien sie noch so prächtig und erhaben -, wenn ihm unsere Herzen verschlossen blieben,
wenn er keinen Raum bekäme in uns selber.
Gott möchte in uns wohnen und durch uns sein Werk in dieser Welt tun.

Enorm, was er uns da zutraut.
Du bist ein Tempel Gottes.
Nichts weniger als ein Weltwunder.

Foto und Text:
Pfarrer Stephan Günzler        
Weingarten im Blick, 29.04.2016

Der grüne Daumen Gottes

Bild: calyponte / www.commons.wikipedia.org

Pfarrerin Marit Hole über das kraftvolle Erwachen der Natur im Frühling und die "Grün-Kraft" bei Hildegard von Bingen

Die sonnigen Tage über Ostern haben mich in den Garten gelockt. Narzissen, Tulpen und Hyazinthen habe ich gepflanzt und sogar ein kleines Bäumchen. Jetzt schaue ich jeden Tag nach, wie weit es gediehen ist. Siehe da: Tag für Tag ein wenig mehr. Knospen, grüne Blätter, frische Triebe. Wie sehr ich die grüne Farbe den Winter über vermisst habe, merke ich erst jetzt so richtig.

In den unterschiedlichsten Grüntönen zeigen sich Pflanzen, Gräser und Bäume. Jedes einzelne Blatt oder Stengelchen ist ein kleines Kunstwerk und alle zusammen einfach überwältigend – grün!

Grün-Kraft nennt Hildegard von Bingen im 12. Jahrhundert die heilende Kraft dieser Farbe. „Der Monat April“, schreibt sie, „ist voller Lebensgrüne und Wohlgeruch, ...in dem alle Frucht der Erde zu grünen anhebt und der des Duftens so voll ist.“ Grünkraft: eine schöne Beschreibung von Gottes Wesen und von seiner Absicht. Er ist die Quelle all dieses Aufblühens.

Und so, wie die grüne Natur im April ihren Sieg über den Winter laut hinaustrompetet, ist sie auch ein Zeichen dafür, dass diese Lebenskraft von Gott stärker ist als der Tod. Die Grünkraft ist deshalb für mich auch eine österliche Kraft. Ostern ist ja mehr als nur ein rätselhaftes Ereignis vor zweitausend Jahren. Was sich damals abgespielt hat und wovon die biblischen Ostergeschichten erzählen, hat eine erstaunliche Wirkung entfaltet. So, als sei – mit den Worten der Hildegard von Bingen – die Grünkraft Gottes noch einmal auf eine unerhörte Weise mächtig geworden.

Nicht ohne Grund wird erzählt, das Grab Jesu habe sich in einem Garten befunden. Der Garten ist ein Inbegriff des Grünen, und jeder mit Liebe gepflegte Garten erinnert auf seine Weise ein wenig an das Paradies, jenen ersten Garten des Lebens. Maria hält den auferstandenen Jesus für den Gärtner. Erst als er sie bei ihrem Namen nennt, erkennt sie: Es ist Jesus. Er lebt. Er lebt jenseits des Todes. „Such den Lebendigen nicht bei den Toten“. Maria erhält den Auftrag, dieses Unfassbare den Jüngern zu verkünden: ein Wort aus einem Garten, das grüne Wort Leben, dem Dunkel des Todes entsprungen.

Ich wünsche ihnen, dass die Freude und der Geschmack der Grünkraft Gottes Sie in diesen Tagen begleitet und belebt.

Marit Hole, Pfarrerin
Weingarten im Blick, 8. April 2016

 
 

Wo sich Schweres in Leichtigkeit auflöst

Pfarrer Horst Gamerdinger über Ostern und die Auferstehung

Liebe Mitglieder unserer Kirchengemeinde,

wenn alles läuft wie geplant, dann bekommen Sie diesen Gemeindebrief in den Tagen vor Ostern in Ihren Briefkasten. Das möchte ich als Anlass nehmen, hier etwas über Ostern zu schreiben.
Ostern ist ja nicht nur das älteste christliche Fest, sondern gleichzeitig auch das mit der größten Herausforderung für den menschlichen Verstand. Denn an Ostern läuft nichts wie geplant.
Das, was an Ostern gefeiert wird, die Auferstehung, sprengt jede menschliche Erfahrung. Und was ist das eigentlich, Auferstehung? Man kann es nicht mit Worten beschreiben, nicht einmal in der Bibel gibt es dafür Worte. Es ist nur die Enttäuschung und Trauer davor beschrieben. Und dann wird über das Erschrecken, das Staunen und die Freude danach erzählt. Doch das Eigentliche bleibt ungesagt und wohl auch unsagbar.

Dennoch, ein Satz aus den biblischen Ostererzählungen beschäftigt mich immer wieder. Die zwei oder drei Frauen, die früh am Ostermorgen unterwegs sind, sprechen ihn aus. Sie wollen zum Grab, um den Leichnam Jesu einzubalsamieren, als Ausdruck ihrer Verbundenheit und Trauer. Auf dem Weg fragen sie sich: „Wer wälzt uns den schweren Stein vom Grab?“ Daran hatten sie vorher gar nicht gedacht. Der Stein. Er symbolisiert alles, was traurig und schwer ist in unserem Leben. Er steht für alles, was hart ist, fest und kalt und tot, für alles Starre, Unverrückbare und Unabänderliche.

Als die Frauen am Grab ankommen, ist alles völlig anders, als sie es geplant und erwartet haben. Und zwar so anders, dass sie es gar nicht einordnen können. Es fehlen ihnen die Kategorien und die Begriffe. Die Auferstehung ereignet sich. Alles was war, verändert sich zum Guten. Was ihnen eine Last war, löst sich auf. Was dem Leben entgegensteht, verwandelt sich zur Freude über das Leben. So erleben sie Auferstehung, als eine Verwandlung zu einem Fest des Lebens.

Der schwere Stein – das Hindernis ist beseitigt. Die geschlossene Grabhöhle – wird zum offenen Zugang. Die dunkle Verlassenheit im Innern des Grabes - wird zu einer Begegnung mit Gottes Engel im Licht. Die Verlorenheit im Angesicht des Todes - wird zum persönlichen Angesprochen werden, als Maria den Auferstandenen im Garten trifft. Hoffnungslosigkeit - wird zu einer Hoffnung auf einen neuen Anfang.

Und was hat das alles mit mir zu tun? So mag sich mancher fragen. Für mich ist die Auferstehung kein einmaliges historisches Ereignis. Auferstehung ist etwas, was sich immer wieder ereignet. So etwas wie ein Lebensprinzip, das immer gilt. Die Geschichte von Jesu Tod und Verwandlung zu neuem Leben ist auch ein Deutungsmuster für das Auf und Ab unseres Lebens.

Auferstehung geschieht überall da, wo diese Verwandlung erlebbar wird. Und hat deshalb eine enorme Sprengkraft, in persönlicher, gesellschaftlicher und politischer Hinsicht. Manches läuft dann nicht mehr wie geplant, aber es ist lebendig und hat etwas mit mir zu tun. Auferstehung geschieht da, wo etwas abgestorben war und neu auflebt, wo sich Schweres in Leichtigkeit auflöst und wo sich Enge in Weite und Verzweiflung in neues Vertrauen verwandelt.

Dass diese Art von Auferstehung Ihr Leben lebendig macht wünsche ich Ihnen zu Ostern und danach im Namen unseres ganzen Teams

Ihr Pfarrer Horst Gamerdinger

Gemeindebrief 1/ 2016, Ende März

Kleidung

Pfarrer Steffen Erstling betrachtet die biblischen Geschichten von Palmsonntag bis Ostern mit besonderem Augenmerk auf die Kleidungsstücke der handelnden Personen

Liebe Leserin, lieber Leser!
Am kommenden Sonntag ist Palmsonntag. Wir erinnern uns daran, wie Jesus in Jerusalem einzog und dabei von den Menschen bejubelt wurde. Das muss wirklich ein beeindruckender Einzug gewesen sein. Da waren die Straßen voller Menschen in Jubel, Trubel, Glaubensheiterkeit. Jesus wurde beklatscht und besungen. Heute wäre sein Weg von Paparazzi und Autogrammjägern gesäumt gewesen. Die begeisterten Leute zogen ihre Mäntel und Kleider aus und breiteten sie auf dem Boden aus, was wohl eine antike Form des roten Teppichs war. Überhaupt die Kleider! Achten Sie in der kommenden Karwoche doch einmal auf die Textilien, wenn Sie die Geschichten vom Leiden und Sterben Jesu, die Passionsgeschichte hören oder lesen. Am Anfang sieht es ja noch ganz gut aus, ganz feierlich. Erst der Kleiderteppich, dann festliche Gewänder beim Feiern des Passamahls mit den Jüngern. Bestimmt hat man sich da auch schon etwas Angemessenes übergezogen. Doch dann fliegen die (Kleider-)fetzen: Im Garten Gethsemane hüllen sich drei der Jünger in ihre Mäntel um es warm zu haben beim Schlafen, während Jesus ein paar Meter entfernt bittere Tränen weint. Dann kommen die Häscher samt Judas und Kuss. Jesus wird verhaftet. Ein unbekannter Jünger, so heißt es, flieht „nackt davon“. Nackt und bloß, vielleicht ein Sinnbild für das Grauen, das jetzt kommt. Jesus wird den prächtig gewandeten Priestern vorgeführt, dann dem schillernden Herodes im königlichen Purpur. Vom römisch-soldatisch gewandeten Pilatus wird Jesus den Folterknechten übergeben. Die peitschen ihm das letzte Hemd in Fetzen und ziehen ihm, als Gipfel des Hohns, einen Purpurmantel über. So verspotten sie Jesus als Narrenkönig und Witzfigur. Schließlich stirbt Jesus halbnackt, zerschunden und gequält, den Verbrechertod am Kreuz.

In der Passionsgeschichte wird deutlich: Gott ist ein Gott, der Menschenkleider trägt. Ein Gott, der sich – wie Paulus einmal sagt – „seiner Göttlichkeit entkleidet“, um mit den Menschen zu leiden, ihren Weg zu gehen, bis in den Tod. Darum lässt er sich die Kleider vom Leib reißen, darum schleppt er sich ans Kreuz fast nackt, darum wickeln sie ihn in Grabtücher. Darum: Weil er unser Menschenschicksal teilen will, damit jeder Mensch weiß, dass er in seinen Fetzen nicht alleine dasteht. Dass er in seiner Nacktheit nicht ohne Freund bleibt. Doch das Grabtuch ist nicht das Letzte, was es von Jesus zu sehen gibt. An Ostern steht er im Garten im weißen Gewand. Es ist das Kleid des Siegers über den Tod, das Lichtkleid, vor dem alle Dunkelheit fliehen muss. Da zeigt sich Jesus im Kleid des Gottes, der Hoffnung macht. Hoffnung gegen das Kleiderzerreißen, gegen die Nacktheit des Todes und gegen die Mäntel aus Schmerz und Traurigkeit. Und wenn wir selber einmal unser irdisches Gewand an der Garderobe der Todespforte abgeben müssen, dann, so verspricht es uns die Bibel, bekommen wir ein ganz neues Lebenskleid übergezogen, das wie angegossen passen wird – für alle Ewigkeit. Darauf dürfen wir uns jetzt schon freuen.

Weingarten im Blick, 18.3.2016

Die andere Wirklichkeit des Friedens

Warum der Krieg unterblieb

Als der Krieg zwischen den beiden benachbarten Völkern unvermeidlich schien, schickten die Feldherren beider Seiten Späher aus, um zu erkunden, wo man am leichtesten in des Nachbarland einfallen könne. Die Kundschafter kehrten zurück und berichteten auf beiden Seiten dasselbe: Es gebe nur eine Stelle an der Grenze, die sich dafür eigne. „Dort aber“, sagten sie, wohnt ein braver Bauer in einem kleinen Haus mit einer anmutigen Frau. Sie haben einander lieb, und es heißt, sie seien die glücklichsten Menschen auf der Walt. Sie haben ein Kind. Wenn wir nun über ihr Grundstück marschieren, dann zerstören wir das Glück. Also kann es keinen Krieg geben.“
Das sahen die Feldherren ein, und der Krieg unterblieb, wie jeder Mensch begreifen wird.


Beim Lesen der Geschichte ertappte ich mich im Nachhinein dabei, dass ich ganz selbstverständlich dachte: Beide werden genau an dieser einen Stelle angreifen. Denn was zählt schon ein einzelnes Glück, wenn jemand Krieg führen will?
Und dann verblüfft mich die Geschichte, indem sie mir zeigt: Man muss nicht zwangsläufig so denken. Man kann auch zu einem ganz anderen Schluss kommen. In dieser Verblüffung steckt die Kraft der Geschichte. „Der Krieg unterblieb, wie jeder Mensch begreifen wird.“ Das erzählt von einer ganz anderen Wirklichkeit.
Wieviel muss sich doch noch in unseren Köpfen ändern, dass wir nicht ganz selbstverständlich Entscheidungen nur nach dem eigenen Vorteil treffen, sondern dass die Liebe und das Glück meines Nächsten der Maßstab sein können. In der Geschichte unterblieb der Krieg als Folge so einer Entscheidung – und das war für alle ein Glück.

Pfarrer Horst Gamerdinger, Evangelische Kirchengemeinde

zuerst erschienen in Weingarten im Blick,  26.2.2016
Geschichte: Typisch. Andere Zeiten e.V., Bild: unsplash.com

„Augen auf und durch!“

Pfarrer Steffen Erstlingüber das Leben zwischen erfahrener Wirklichkeit und geglaubter Hoffnung

„Augen auf und durch!“
So lautet der Titel der diesjährigen ökumenischen Bibelwoche zum Propheten Sacharja, die an diesem Wochenende mit ökumenischen Gottesdiensten in den evangelischen und katholischen Kirchen in Weingarten beginnt.
Moment mal! Müsste es nicht eigentlich heißen: „Augen zu und durch?“
So kennen wir doch den Spruch. Wenn eine Situation besonders schwierig, brenzlig, gefährlich wird, dann heißt es: „Augen zu und durch!“ Nur nicht hinschauen, das Bedrängende der Situation ausblenden, sie so schnell wie möglich hinter sich bringen – und hoffen, dass es danach wieder besser wird. Das ist eine Strategie im Umgang mit schwierigen Situationen.
„Augen auf und durch!“ lautet dagegen das Motto der ökumenischen Bibelwoche 2016. Es lädt zu einer anderen Strategie im Umgang mit schwierigen Situationen ein.

„Augen auf!“, das heißt: Sieh genau hin! Mogle dich nicht an der Realität vorbei! Verschließe nicht die Augen vor den Problemen dieser Welt. Verschlaf nicht dein Leben, sondern tue Gutes.
Aber dann „und durch!“, das heißt: Halte durch! Gib bei dem, was du siehst, die Hoffnung nicht auf! Verlier nicht den Mut!

„Augen auf!“, das bedeutet, wenn man einen Propheten des Alten Testaments zu Wort kommen lässt: Richte deine Augen auch auf Dinge, die du normalerweise nicht sehen kannst, auf die himmlische Realität dahinter und auf die Zukunft, die Gott schaffen wird. Gott ist da, er ist an deiner Seite. Du gehst deinen Weg nicht alleine!

Schön und gut, aber wie hält man die Spannung aus zwischen dem, was uns täglich vor Augen steht, und dem, was uns Sacharja vor Augen malt? Wie können wir leben und glauben, wenn sich zwischen erfahrener Wirklichkeit und geglaubter Hoffnung ein Graben auftut?
Genau mit diesen Fragen schlägt der Prophet Sacharja sich herum. Und dabei mogelt er sich wahrlich nicht an der Realität vorbei. Sacharja greift starke Themen auf, die uns bis heute beschäftigen:
Wie kann man sich das vorstellen, dass Gott in dieser Welt Frieden schafft?
Wenn es stimmt, dass er auch die politischen Realitäten nicht aus der Hand gibt, woran lässt sich dann Gottes Wirken in der Weltpolitik ablesen? Wie passen Gott und Gewalt, Gott und Gericht zusammen? Wie passen Gott und Leiden zusammen?
Welche Hoffnung dürfen wir haben?

Aber über allem und vor allem hat Sacharja eine Heilsbotschaft für uns: Gott sieht hin, er vergisst uns nicht. Er greift ein und er schafft uns eine Zukunft und eine Hoffnung.
Wie diese alten Sätze auch für uns heute noch gelten, das wollen wir in der Bibelwoche von den biblischen Texten aus dem Sacharjabuch erfragen.
Sind Sie dabei? Wir würden uns sehr freuen, Sie bei den Gottesdiensten und Gesprächsabenden begrüßen zu dürfen.

Foto: CFalk, pixelio.de

Friede auf Erden - wie soll man das glauben?

von Pfarrer Stephan Günzler

Bald hören wir sie wieder, die vertrauten Worte der Weihnachts-geschichte: „Es begab sich aber zu der Zeit...“ In keinem Gottesdienst an Heiligabend dürfen sie fehlen.
Und das ist gut so! Denn schon von Maria heißt es am Ende, als die Engel und Hirten wieder fort waren: „Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“  
Die Botschaft, um die es geht, ist ja nicht etwa eine Allerweltswahrheit,
sondern eine im wahrsten Sinne weltbewegende Nachricht:
Der Heiland ist geboren.
Der Himmel hat sich aufgetan.
Friede auf Erden.
Wie soll man das glauben? Sieht die Welt nicht ganz anders aus?
Der Evangelist Lukas erzählt uns die Geschichte eines unverheirateten jüdischen Mädchens, das unter schwierigsten Bedingungen in einem armen Stall ihr Kind zur Welt bringt. Er erzählt diese Geschichte so, dass von Anfang an klar wird: Dieses Kind ist etwas Besonderes.
Engel treten auf und künden es an: Maria soll schwanger werden, obwohl sie „von keinem Manne weiß“.
Die jungfräuliche Geburt, mit der heute ja manch einer seine Probleme hat, ist für Lukas das erzählerische Mittel, um uns zu verstehen zu geben: In Jesus ist Gott selbst zur Welt gekommen.
Die Jungfrauengeburt ist keine biologische Sensation, sondern der Ausdruck dafür, dass das Kommen Jesu der Kraft des Heiligen Geistes zuzuschreiben ist.
Gott gibt die Welt nicht verloren.
Er ist bereit, neu anzufangen.
Das ist das eigentliche Wunder.

Der Evangelist stellt uns Maria vor Augen. Wie sie stehen auch wir vor der Frage: Sind wir bereit, Gott bei uns einzulassen?
Wie soll ich dich empfangen
und wie begegn ich dir?
Maria, so wird erzählt, wunderte sich:
Ausgerechnet sie soll Gottes Sohn zur Welt bringen? Wie soll das zugehen?
Der Engel antwortet: Bei Gott ist kein Ding unmöglich!  
Diese Zusage gilt allen, die meinen, sie würden eh keine Rolle spielen auf dieser Welt. Gott würde sich nicht für sie interessieren.
Doch bei Gott zählt nicht, was einer zu bieten hat. Er selbst ist der Schenkende. Er macht alles neu.
Die Frage ist nur, ob wir bereit sind, ihn bei uns wohnen zu lassen.
Weihnachten steht vor der Tür: Lassen Sie sich überraschen!
Vielleicht erleben Sie auch so etwas wie eine Jungfrauengeburt.
Ich wünsche es Ihnen!


Stephan Günzler
Schwäbische Zeitung, 19.12.2015
Bild Cekora / pixelio.de

Die Nachrichten der Engel

von Pfarrerin Marit Hole

Betritt man die Kathedrale St. Trophime im französischen Arles, geht man durch ein Portal mit beeindruckenden romanischen Bildhauereien. Christus selbst als Weltenrichter blickt auf den Kirchenbesucher herab. In der einen Hand hält er das Buch mit den sieben Siegeln, die Rechte ist zu einem Segensgestus erhoben. Ihn umgeben die vier Evangelisten, dargestellt als vier mächtige geflügelte Gestalten.
Vermutlich legen nur wenige der Besucher den Kopf so weit in den Nacken, dass sie ganz oben am Scheitelpunkt des Portals die Gruppe der drei Engel zu sehen bekommen. Mit einem gewaltigen Sprung fliegen sie dem Betrachter entgegen. Sie fliegen aus der Kirche hinaus. Sie scheinen zu fliegen, ohne ihre Flügel zu benutzen. Unter ihren Füßen eine Heerschar von andächtigen Engelskollegen. Mit vollen Backen blasen sie ihre in Instrumente. Aufwändig ist der Faltenwurf ihres Gewandes aus dem Stein herausgemeißelt.
Ohne Zweifel: diese Gestalten haben eine wichtige Ankündigung im Gepäck! Ihre Botschaft setzt sie in Bewegung: von den Zehenspitzen bis zu den Fingerspitzen. Von der Mitte ihrer Körper her ziehen sich die Kreise, wie wenn man einen Stein ins Wasser wirft. Was diese drei im Innersten bewegt, das will, nein, es muss hinaus in die Welt.

Botschaften und Nachrichten – damit haben wir im zurückliegenden Jahr unsere eigenen Erfahrungen gemacht. In Hülle und Fülle sind sie auf uns eingeprasselt. Viele von ihnen waren bedrückend und erschütternd. Sie schienen manchmal übermächtig und lassen uns ohnmächtig dastehen. No news ist good news, heißt es. Wir hätten uns manchmal weniger Nachrichten gewünscht.
Welche Nachricht verkünden diese Engel? Die Historiker sind uneins. Die einen sagen: Die Engel verkündigen das jüngste Gericht. Schließlich sind sie ja über dem Weltenrichter platziert.
Andere entdecken, dass weiter unten am Portal die Verkündigung und Geburt Jesu dargestellt sind. Sie schließen daraus, dass die Engel ganz oben die Weihnachtsbotschaft aus der Kirche in die Welt hinaus tragen. Vielleicht hat der Bildhauer es absichtlich im Unklaren gelassen, hat erfreuliche und bedrohliche Nachricht auf diese Weise ins Gespräch gebracht.

Ganz ähnlich geschieht das dieses Jahr auch in unserem Krippenspiel:
Ein kleiner Ausrufer steht im Mittelpunkt. Im Auftrag des Kaisers befiehlt er, dass alle Menschen sich in ihrem Geburtsort registrieren lassen müssen. Denn der Kaiser braucht Steuern. Deshalb schickt er seine Herolde und Soldaten durch das Land. Ihre Botschaft macht den Menschen Angst.
Den kleinen Ausrufer kümmert das nicht. Er ist gerade erst dabei, sein Handwerk zu lernen. Begeistert trägt er die Befehle des Augustus vor und holt sich Ratschläge von den Großen.
Doch dann beobachtet er eine junge Familie auf Herbergssuche. Das berührt ihn. Er sieht die Hirten zum Stall eilen. Er spürt, dass etwas Besonderes geschieht. Da vergisst er alles, was er gerade lernen soll: Dass er unter keinen Umständen seinen Posten verlassen darf. Dass ihn die Menschen nicht interessieren sollen. Dass er neutral bleiben muss. All das geht nicht mehr. Er will dabei sein. Er folgt den Hirten. Die Botschaft, der der Ausrufer im Stall begegnet, hat eine andere Qualität als alles, was er bislang verkündet hat. Sie lautet: Denn euch ist heute der Heiland geboren.  (Lukas 2).
Wie die Engel auf dem Portal in Arles, so bewegt auch den kleinen Ausrufer diese Nachricht in seinem Innersten. Er kann gar nicht mehr  anders, als sie in die Welt hinauszutragen. Ab sofort wechselt er seinen Arbeitgeber. Er beschließt: Ich werde jetzt der Ausrufer des neugeborenen Königs! Ich will keine Botschaft mehr ausrufen, die den Menschen Angst macht! Ich will ihnen eine gute Botschaft zurufen, eine gute Nachricht, ein Evangelium! Als erstes überzeugt er mit diesen Worten seine beiden Kollegen.
Mich erinnern beide – die Engel oben im Portal und der kleine Ausrufer an diesen Vers aus Jesaja: „Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der Frieden verkündet, der gute Botschaft bringt, der Rettung verkündet, der zu Zion spricht: Dein Gott ist König.“  (Jes 52,7).  
Auch zu uns kommen sie, die Freudenboten. Lassen wir uns anstecken. Setzen wir den schlechten Nachrichten unserer Tage die Weihnachtsbotschaft entgegen. So dass es in unserer Kirche klingt und aus ihr herausposaunt wird, für uns selbst und die ganze Stadt: Denn euch ist heute der Heiland geboren!
Im Namen des ganzen Teams wünsche ich Ihnen eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit.

Text und Bild: Pfarrerin Marit Hole
Gemeindebrief  4/2015


Licht

"Dein Licht kommt" - Foto: unsplash.com

"Dein Licht kommt" - Foto: unsplash.com

„Mache dich auf und werde licht, denn dein Licht kommt. Und die Herrlichkeit des Herrn leuchtet über dir.“ Jesaja 60,1

von Pfarrer Horst Gamerdinger

Dieses Jahr im Advent begleitet mich das kleine Lied „Mache dich auf und werde licht, denn dein  Licht kommt“. Immer wieder stoße ich darauf, eher zufällig als geplant und ich fange an, über das Licht nachzudenken.
Licht ist hell und warm, Licht gibt Orientierung und macht Dinge sichtbar. Licht strahlt und leuchtet. Licht gibt Hoffnung, ganz besonders in dunklen Zeiten.
Was aber heißt „werde licht“, licht klein geschrieben als Eigenschaft? Ich würde sagen: Werde selbst wie das Licht, übernimm seine Eigenschaften. Werde selbst innerlich hell und nach außen hin strahlend, klar und voller Hoffnung, für dich und für andere.

Das ist eine schöne Aufgabe für die Adventszeit und darüber hinaus: Mache dich auf, geh los, werde selbst wie das Licht, für dich und andere.
Die Kraft dafür musst du nicht nur aus dir selbst mobilisieren. Du bekommst Unterstützung und Entlastung, die schon unterwegs ist zu dir. „Dein Licht kommt.“ Das ist das Versprechen, das die Adventszeit ausmacht. Das Licht deines Lebens kommt.  - Gibt es etwas, das wir dafür tun können? Mit ihm rechnen und aufmerksam sein, es nicht übersehen, wo es scheint, das wäre schon viel.

„Geh deinen inneren Weg durch die Tage des Advents. Bewahre dir, wenn es möglich ist, Zeit, in der der Atem ruhig geht, in der nicht gehetzt und gerannt wird. Es soll ja etwas in dir selbst geschehen. Richte deine  Gedanken und Erwartungen auf das, was sich lohnt.“ (Jörg Zink)

Eine gesegnete Adventszeit wünsche ich Ihnen.

Horst Gamerdinger


Weingarten im Blick, 11. Dezember 2015
Bild: Joshua Hibbert, unsplash.com


So nimm denn meine Hände

Hungerkreuz in der Burachstraße in Weingarten

Pfarrer Stephan Günzler zum Totensonntag am 22. Nov 2015 und dem Lied "So nimm denn meine Hände"


Am südlichen Ortsende von Weingarten steht in der Burachstraße ein steinernes Kreuz, ein altes Sühnekreuz. Es erinnert an die Menschen, die in den Hungerwintern 1816/17 verhungert sind.
In der Not sind damals viele aus Oberschwaben ausgewandert und haben im Osten Zuflucht gesucht.
Hölzerne Kreuze am Straßenrand halten heute noch die Erinnerung wach an Menschen, die im Verkehr verunglückt sind.
Am Tod kommen wir nicht vorbei.
Nachrichten wie die vom letzten Wochenende in Paris machen uns bewusst, wie verwundbar wir sind. Wir sind mitten im Leben vom Tod umfangen.

Am kommenden Sonntag gedenken wir in den evangelischen Gottesdiensten der Verstorbenen des zurückliegenden Jahres.
„So nimm denn meine Hände und führe mich“ haben wir bei so mancher Trauerfeier gesungen, ein Lied, das schon viele getröstet hat.  Julie Hausmann hat es 1862 gedichtet, nachdem ihr Verlobter starb. Der war Missionar in Afrika gewesen. Sie wollte ihn besuchen. Als sie dort ankam, fand sie nur noch sein Grab. Er war bei einer Epidemie gestorben.

Der Verlust eines geliebten Menschen kann unseren Glauben auf eine harte Probe stellen.
Wenn ich auch gleich nichts fühle
von deiner Macht,
du führst mich doch zum Ziele
- auch durch die Nacht

heißt es in der dritten Strophe. Wo ist Gott? Warum hat er den Menschen sterben lassen, den ich liebe? Julie Hausmann gibt mit ihrem Lied keine Antwort auf diese Frage. In der Nacht ihrer Verzweiflung klammert sie sich an die einzige Hoffnung, die ihr noch bleibt: Dass Gott da ist!

Ein Kind, das im Dunkeln Angst hat, sucht die Hand der Mutter oder des Vaters. Es weiß, da bin ich sicher. Ich werde gehalten. Ich kann nicht verloren gehen.
Julie Hausmann bleibt nur dieses grenzenlose blinde Vertrauen.
Lass ruhn zu deinen Füßen
dein armes Kind.
Es will die Augen schließen
und glauben blind
.

Es gibt Situationen, wo wir keine Worte mehr finden. Da ist es gut, wenn eine Hand da ist, die uns spüren lässt: Du brauchst keine Angst zu haben. Du bist nicht allein.
Mit unseren Händen können wir einander fühlen lassen, dass Gottes Hände da sind, die uns halten und trösten und segnen.
So nimm denn meine Hände
und führe mich
bis an mein selig Ende
und ewiglich.
Ich mag allein nicht gehen
nicht einen Schritt.
Wo du wirst gehn und stehen,
da nimm mich mit.


Die tröstliche Melodie stammt übrigens von Friedrich Silcher. Seine Tochter Julie hat 1865 den evangelischen Pfarrer in Weingarten geheiratet. Ob bei der Trauung „So nimm denn meine Hände“ gesungen wurde, ist nicht überliefert. Es wurde auch bei Hochzeiten ein vielgesungenes Lied.

Dass Gott treu ist, dieses Vertrauen trägt - in Freude und Leid.
Geben wir diese Hoffnung einander weiter:
Er führt mich doch zum Ziele
auch durch die Nacht.


Foto und Text: Pfarrer Stephan Günzler       
Weingarten im Blick, 20.11.2015


Ein Freundebuch

Bibel

Die Bibel im Gemindehaus Berg

Pfarrer Steffen Erstling über die Bibel als Freundebuch

Von Julia in der 2. Klasse habe ich vorige Woche ein Freundebuch bekommen, zum Ausfüllen und mich drin Verewigen. Früher gab es ja diese Poesiealben; ich hatte natürlich keins – ich war ja ein Junge! Aber ab und zu musste ich für eine Klassenkameradin in Schönschrift einen altklugen oder ziemlich dämlichen Spruch auf rosafarbene Seiten schreiben. Das fand ich immer furchtbar.
Da gefällt mir das Freundebuch heutzutage schon besser; da geht es um den Menschen selbst, der da reinschreibt. Das ist viel persönlicher – auch wenn ich bei manchen Fragen etwas ratlos bin. „Meine Freunde nennen mich auch…“, „Mein Lieblingslehrer“ oder „Mein Lieblingsstar“. Aber trotzdem: Ein Freundebuch drückt Freundschaft aus. Es ist eine Ehre, wenn ein Schüler, eine Schülerin ihren Relilehrer so schätzt, dass er sich ins Freundbuch eintragen darf.

Ein anderes Freundebuch hab ich schon lange, und – als Pfarrer – sogar gleich in mehreren Ausgaben: die Bibel. Die ist das Freundebuch, das Gott für uns angelegt hat. Da stellt er sich vor (auf den ersten Seiten eines Freundebuchs tun das seine Besitzer nämlich immer), nennt seine Hobbys (Wandeln im Paradies in der Abendkühle zum Beispiel, oder sich freuen an der Schöpfung), seinen Beruf (Schöpfer und Erhalter), sein Alter (ewig) und seine Leidenschaft (Menschen lieben). Ein Foto hat er allerdings nicht eingeklebt. Er hat es nämlich ganz gern, wenn es noch ein paar Geheimnisse gibt, die uns neugierig machen. So bleibt Gottes Freundebuch eine spannende Lektüre.

Aber: Wo ist denn der Platz, wo wir uns eintragen könnten? Wo sind die leeren Seiten, auf denen wir Fragen zu beantworten haben, Fragen nach dem, was uns beschäftigt und umtreibt, was uns prägt und wachsen lässt, was uns verletzt und schmerzt? Leere Seiten hat die Bibel keine, aber ich habe Platz darin zwischen den Zeilen.
In den Menschengeschichten, die erzählt werden, komme ich mit meiner menschlichen Geschichte, mit all ihren Höhen und Tiefen, auch vor. Und in den Gottesgeschichten begegne ich einem, der mir zusagt: Hier, bei mir, ist Raum für dich, hier kannst du dich entfalten, hier findest du Zuflucht und Geborgenheit, hier bist du zuhause.
Die Fragen, die mein Leben mir stellt, werden in Gottes Freundebuch auf ganz spezielle Weise beantwortet oder zumindest verhandelt. Und das Beste: Er drückt es mir in die Hand, weil er mich hoch schätzt, weil ich sein Freund bin (und er meiner) – schon lange!

Text und Bild: Pfarrer Steffen Erstling
Weingarten im Blick, 9.10.2015

Sich verabschieden

Pfr. Horst Gamerdinger über wegwerfen und loslassen

Jetzt in den Ferien habe ich wieder viel weggeworfen. Ich hatte Zeit, Sachen auszusortieren und mich von Dingen zu befreien. Ja, oft ist es eine Befreiung sich von Dingen zu verabschieden. Vor allem, wenn sie aus einer längst vergangenen Lebensphase stammen: Aufschriebe aus dem Studium, Kleidung, die ich schon seit Jahren nicht mehr anhatte oder Selbstgebasteltes und Urlaubsmitbringsel von früher.
Und doch: Mir fällt das Wegwerfen schwer. Theoretisch kenne ich die Vorteile: Ein leer geräumter Keller ist psychologisch wie die Befreiung von einer Fußfessel, erst dadurch werden neue Schritte möglich. „Loslassen können“ bindet meine Gedanken und Kräfte nicht in der Vergangenheit, sondern gibt mir die Möglichkeit, aufmerksam zu sein für das, was der gegenwärtige Augenblick fordert. Vor mir selbst zugeben können, dass eine Lebensphase abgeschlossen ist macht mich offen für das, was jetzt gerade dran ist. Und doch – das Wegwerfen fällt mir schwer.
Das Nachdenken über Sammeln und wegwerfen, festhalten und loslassen führt schnell zu der Frage, was eigentlich wichtig ist im Leben. Wofür will ich meine Lebenszeit verwenden? Doch eher weniger für das Aufbewahren und die Pflege von Besitz und Dingen, mehr auf die Pflege von Beziehungen zu Menschen in und außerhalb der Familie, auf das Leben in der Gegenwart.
Auch die Bilder der ankommenden Flüchtlinge, die fast alles zurückgelassen haben, bestärken diese Gedanken. Wichtig ist, dass ich am Leben bin, dass ich in Beziehung stehe zu meiner Familie und Freunden, dass ich für andere Verantwortung übernehmen kann und dass ich Hoffnung habe auf eine Zukunft. Dafür bin ich dankbar. Was sind dagegen schon die gesammelten Dinge von früher?

Weingarten im Blick, 18.9.2015
Bild: unsplash.com

 

 

Francois - Freundschaft mit einem Fremden

Regenbogen

von Pfarrer Stephan Günzler

Liebe Gemeindeglieder!
Ich möchte Ihnen von Francois erzählen. Er betreibt eine kleine Tankstelle in den Bergen der Provence. Er spricht kein Deutsch, und ich kein Französisch. Aber als ich mit dem defekten Vorderrad vom Rad meiner Tochter bei ihm in den Hof radelte, verstand er auch ohne Worte.
Auf einer Tour ins Hinterland, weit weg vom nächsten größeren Ort, war plötzlich ein Reifen platt. An eine Weiterfahrt war nicht mehr zu denken. Ausgerechnet dieses Mal hatte ich die Luftpumpe nicht dabei. Blieb nichts anderes übrig, als das Rad auszubauen, die Tochter zu vertrösten und mich auf die Suche nach einer Werkstatt zu machen.
Welch ein Glück, dass ich schon nach wenigen Kilometern die kleine Tankstelle entdeckte! Francois, schon etwas älter, mit Glatze, schaute unter einer Motorhaube hervor, unterbrach sofort seine Arbeit und nahm mich mit in seine Werkstatt, die ein bisschen aussah wie bei Pettersson und Findus.
Fröhlich pfeifend machte er sich in seinem ölverschmierten Overall an die Arbeit. Schnell war das Loch gefunden, fachmännisch geflickt, der Schlauch wieder auf die Felge gezogen und mit der hydraulischen Pumpe ordentlich mit Luft gefüllt. Doch dann geschah das Unglück: Genau in dem Moment, wo der Alte mir stolz das Vorderrad zurückgeben wollte, platzte der Schlauch mit lautem Knall.
Dem armen Mann war das furchtbar peinlich. Er wollte gleich ans Telefon, um einen Freund zu bitten, bis zum nächsten Morgen einen passenden Ersatzschlauch aus der Stadt zu besorgen. Mir bot er ein Nachtquartier in seinem Haus an, um irgendwie den Schaden gut zu machen.
Ich musste ablehnen, weil ja meine Tochter auf meine Rückkehr wartete.
Francois war untröstlich, dass er mir nicht hatte helfen können.
Drei Tage später traf ich ihn morgens in der Boulangerie. Francois hatte gerade zwei Baguettes gekauft, als ich in den Bäckerladen seines kleinen Dorfes trat. Zur Verwunderung der Bäckerin fiel er mir spontan um den Hals und freute sich wie ein Kind über unser Wiedersehen.
Meine Tochter samt fahruntüchtigem Rad war am Abend unserer Pannentour noch von meiner Frau mit dem Auto abgeholt und glücklich über den Berg gebracht worden.
Doch unweit von Francois Tankstelle hatte ich an diesem Tag einen netten Campingplatz entdeckt, und wir beschlossen, unser Zelt für den Rest unseres Urlaubs dort aufzuschlagen.
So kam es, dass ich meinen freundlichen Tankwart wieder traf, und wir uns am Ende der Woche wie alte Freunde voneinander verabschiedeten, als wir die Heimreise nach Deutschland antraten.
Wie fühlt man sich, wenn man irgendwo fremd ist und Hilfe braucht?

Die Flüchtlinge, die in diesen Wochen zu uns kommen, haben nicht nur eine Reifenpanne hinter sich und sind nicht da, um bei uns Urlaub zu machen. Die meisten von ihnen haben Schreckliches durchgemacht und krallen sich fest an der Hoffnung, bei uns Asyl zu finden.
Auch wenn es Tausende sind, die inzwischen auf den Bahnsteigen ankommen: Sie sind keine „Naturkatastrophe“, keine „Flut“, die uns überschwemmt,  sondern Menschen! Menschen wie du und ich, die jetzt unsere Hilfe brauchen: Väter und Mütter, Kinder und Alte, Frauen und Männer. Jeder mit seiner eigenen Geschichte.
Sie als Gäste bei uns aufzunehmen und ihnen zur Seite zu stehen, solange ihre Heimatländer in Flammen stehen, ist ein Gebot der Nächstenliebe.
Wir werden viele ihrer Probleme nicht lösen können. Francois an seiner Tankstelle hat mein Problem auch nicht gelöst, aber er ist mir als Mensch begegnet und hat alles getan, was er konnte. Mehr wird auch von uns nicht erwartet.

„Dass es so viele sind, die als Flüchtlinge kommen, ist eine große Herausforderung für unser Land. Doch groß ist auch die Kraft, die uns zur Verfügung steht“, sagte Heinrich Bedford-Strohm, der Ratsvorsitzende der Ev. Kirche in Deutschland.
Dabei meint er nicht nur unsere Wirtschaftskraft, sondern die Kraft der Solidarität, die gewachsen  ist in 70 Jahren der Demokratie.

Und wir, die wir den Namen Christi tragen, der alle Macht hat im Himmel und auf Erden, wissen noch von um eine ganz andere Kraft.
Der Regenbogen ist Gottes Zeichen, dass seine Liebe keine Grenzen kennt. Sie gibt keinen verloren. Gottes Barmherzigkeit hat kein Ende.
Im Regenbogen berühren sich Himmel und Erde. Mitten im Sturm scheint schon die Sonne durch und zeigt uns die Farben des Lebens.
Gehen wir mit dieser Zuversicht in den stürmischen Herbst, der vor uns liegt!


Gemeindebrief Sept - Dez 2015
Bilder: Victoria Günzler

Gott befohlen

Gott segne dich - auch unterwegs

von Pfarrer Stephan Günzler    

Voll bepackt steht das Auto der Nachbarn da.
Morgen in aller Frühe fahren sie in den Urlaub. Auf Wiedersehen! Gute Reise! Kommt heil wieder zurück! rufen wir ihnen zu.

Ade! sagt man im Schwäbischen zum Abschied. Andere sagen  Tschüs!, was übrigens genau dasselbe bedeutet.
Ursprünglich hieß es noch Atschüs und hat sich dann im Lauf der Jahre abgeschliffen.
Ade, Atschüs oder auch das französische Adieu kommen alle vom lateinischen
Ad deus = zu Gott. Gemeint ist also dasselbe wie im alten Wunsch: Gott befohlen! Oder wie das bayrische Pfiat di!  = Behüt dich Gott.

Wir machen also etwas ganz Wertvolles:
Wir segnen einander zum Abschied.

Denn wir wissen nicht, was uns bevorsteht, und welche Wege wir geführt werden. Wir vertrauen darauf, dass uns als Getrennte etwas miteinander verbindet.
Wir geben uns den Segen Gottes mit auf den Weg und erinnern uns so daran:
Du bist nicht dir selber überlassen. Über dir leuchtet das Angesicht Gottes (wie es im aaronitischen Segen heißt).  Du bist angesehen! Angesehen von diesem Blick der Güte!  Mag dir auch manches misslingen oder manches schwer werden auf deinem Weg: Du gehst nicht allein!
Der Himmel Gottes ist über dir aufgespannt.

Der Sinn deines Lebens steht und fällt nicht damit, ob dir all das gelingt, was du dir vorgenommen hast. Deine Zeit steht in Gottes Händen. Befiehl dem Herrn deine Wege, er wird´s wohl machen (Psalm 37,5).

Auch Jesus hat seine Jünger zum Abschied gesegnet, wie wir in der Himmelfahrtsgeschichte erfahren.  Der Segen ist die Gegenkraft gegen alles Zerstörerische in unserem Leben. Er stellt uns Christus an die Seite. Er gibt Halt in Gott.

Das soll man uns abspüren. Wer gesegnet ist, kann anderen zum Segen werden.
Den Menschen auf unserem Weg soll die Freundlichkeit Gottes begegnen. Auch ihnen soll der Himmel aufgehen.

Nehmen wir ihn also mit, den Segen, den uns die Nachbarn, die Freunde oder Kollegen zum Abschied mitgeben.
Gehen wir mit offenen Augen und Ohren in die Ferienwochen, die vor uns liegen. Öffnen wir unsere Herzen und unsere Hände für die Fülle des Segens, die Gott für uns bereit hat.

Sollten wir uns Ende der Ferien wohlbehalten wiedersehen, freuen wir uns auf ein herzliches Grüß Gott!, denn das heißt nichts anderes als „Gott segne dich!“

(Weingarten im Blick, 31.07.2015)                                                                       Foto: Thorben Wengert/www.pixelio.de

Wie ein Kind

Foto: Lupo, pixelio.de

Pfarrer Steffen Erstling wünscht uns Momente der kindlichen Unbefangenheit

Gerade wird er aufgebaut, der Vergnügungspark auf dem Festplatz, an dem ich immer vorbeifahre. Das Welfenfest kann kommen. Dann geht es wieder rund – im wahrsten Sinne des Wortes. Kettenkarussell und Boxauto, Achterbahn und Schiffschaukel, Zuckerwatte und gebrannte Mandeln. Kinderherz, was willst du mehr.
Ja, dann kann man sie sehen, die leuchtenden Kinderaugen, diese Unbeschwertheit des Feierns, das Genießen dieses besonderen Augenblicks, der einen, wenigstens für kurze Zeit, die ganze Welt vergessen lässt. Was war das für mich als Kind immer für ein Spaß, bei einer rasanten Fahrt gegen die Sitze der Achterbahn gedrückt zu werden. Heute wird mir schon vom bloßen Zugucken schlecht. Überhaupt denke ich oft, dass da bei uns Erwachsenen nicht mehr viel übrig geblieben ist von dieser herrlich kindlichen Unbefangenheit. Heute hat die Vorsicht das Sagen, die Sorge, die Bedenklichkeit und manchmal gar die nackte Angst. Schade drum. Das Leben fühlte sich damals so viel leichter an, im wahrsten Sinne: unbeschwert, unbefangen, nicht getrübt und getrieben von den vielen Gefangenschaften, in denen Menschen stecken können: Einsamkeit, Langeweile, Lebensunlust oder der Sucht. Schade drum, denn unbeschwert und unbefangen soll das Leben doch sein, das uns zugedacht ist.
„Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder…“, hat Jesus seine Zuhörer einmal ermahnt, als er unbeschwert unter dem schattigen Baum saß und ein paar Stunden Ruhe genoss. „Kinder Gottes seid ihr!“, hat Paulus ergänzt. Da heißt es gut hinhören! Wir sind es – und wir können werden, können zur Entfaltung bringen und aufblühen lassen, was in uns steckt! Und wie? Ich glaube, das ist gar nicht so schwer. Wenn ich schon / noch Kind bin, dann muss ich es wohl nur zulassen: das Kind im Manne, das Kind in der Frau. Ich kenne solche Kinder-Momente durchaus, Momente kindlichen Staunens: Der Ausblick vom Berggipfel, der mir den Atem raubt; die zärtliche Umarmung, der innige Kuss; der zauberhafte Gesang eines Vogels oder das Leuchten des Glühwürmchens in der lauen Sommernacht; das Lachen beim Spiel mit den Kindern; die Gänsehaut beim Klang schöner Musik. Momente der Unbefangenheit – denen spüre ich nach, die lasse ich weiterklingen … und schon fängt das Kind, das in mir wohnt, zu lächeln an, schon reckt es die Arme und nimmt sich Raum.

Gebet: Gott, Vater und Mutter, ich bin dein Kind – und wie ein Kind will ich dieses Leben leben, immer wieder einmal. Sorglos und befreit – auch wenn ich weiß, dass zur Sorge Anlass wäre. Lass sie schweigen, für ein paar Momente. Amen.

Steffen Erstling
Weingarten im Blick, 10.7.2015

Fehler machen

Foto: unsplash.com

von Pfarrer Horst Gamerdinger

Fehler machen wir alle, die täglichen kleinen genauso wie die großen, die sich auf den ganzen Lebensweg auswirken. Deshalb kennen wir uns auch alle mit Fehlern ganz gut aus, mit den eigenen und besonders auch mit denen der anderen.
In der Theorie wissen wir viel darüber: Fehler machen ist ganz normal und menschlich, es kommt nur darauf an, wie man damit umgeht. Es ist hilfreich, wenn ich mir und den anderen meine Fehler eingestehen kann. Aus einem Fehler kann ich lernen und es das nächste Mal besser machen. Wichtig ist auch, dass ich verzeihen kann und dadurch ein Neuanfang möglich wird.
Ja, wir wissen viel über den guten Umgang mit Fehlern. Trotzdem scheitern wir, scheitere ich immer wieder, wenn ich selbst darin verwickelt bin. Verletzt sein, sich schämen, wütend sein, der eigene begrenzte Horizont – all das spielt dabei eine Rolle.
Hilfreich finde ich bei diesem Thema die Lebensgeschichten der großen biblischen Protagonisten wie z.B. Jakob, Mose, David oder Paulus. Keine Angst, es wird jetzt nicht moralisch. Ganz im Gegenteil.
Die genannten Personen machen alle einen großen Fehler in ihrem Leben. Trotzdem – und ich meine sogar: gerade deswegen – haben sie ihre Bedeutung und Größe. Einen Fehler gemacht zu haben hindert diese Personen nicht daran, Vorbilder, Träger der Verheißung oder Empfänger des Segens zu sein. Das Leben und die Lebendigkeit und die Liebe Gottes sind weiter auf ihrer Seite. Ich finde das sehr erleichternd und befreiend.

Weingarten im Blick 19. Juni 2015

Von großen und kleinen Pfeifen

von Pfarrer Stephan Günzler

„Wahnsinn!“  Die Jugendlichen staunten nicht schlecht, als sie neulich unsere Orgel erkundeten und die verschiedenen Register durften. Der tiefste Ton des Posaunenregisters, eine fast fünf Meter lange Pfeife, bringt tatsächlich die Bauchdecke zum Vibrieren, während die kleinsten Pfeifen so hoch klingen, dass sie nur noch als fernes Klirren wahrzunehmen sind. Fast 1000 Pfeifen hat die Orgel der Stadtkirche. Die berühmte Gablerorgel in der Basilika kommt locker auf das Sechsfache. Und jede dieser Pfeifen klingt anders. Da gibt´s hohe und tiefe, zarte und mächtige, schnarrende oder auch samtweiche Register. Alle tragen ihren Teil bei zum Gesamtklang.

Für mich ist die Orgel deshalb ein schönes Bild für Kirche, für das, was sie sein sollte. Im Lob Gottes finden viele Stimmen finden zusammen. Das macht Kirche aus.  So reich und vielfältig wie unsere je eigenen Lebensgeschichten, so vielfältig ist auch die Art und Weise, wie wir unseren Glauben leben. Keiner kann für sich allein Kirche sein. Keiner hat die Wahrheit allein gepachtet. Wir brauchen das Gespräch, die Wahrnehmung der anderen.

Bei der Orgel sind nur die wenigen Pfeifen sichtbar, die vorne im Prospekt stehen. Die meisten befinden sich irgendwo im Innern des Gehäuses. Wie in einer Gemeinde auch. Manch stilles Gebet, manch tröstendes Wort, mancher Liebesdienst bleibt im Verborgenen und trägt doch seinen Teil dazu bei, dass Gemeinde lebt.
Selbst Dissonanzen sind für den Gesamtklang einer Orgel wichtig.
Da gibt´s Register, die für sich allein fremd und eigenartig klingen, aber in der Kombination mit anderen dem Klang erst seine besondere Farbe verleihen. Eintönigkeit wäre der Tod der Kirche. Sie darf sich nicht selbst genug sein. Die Unbequemen, die Jungen mit ihren Fragen, sie haben in ihr genauso Platz wie die Fremden mit ihrer Not.

An Pfingsten in Jerusalem hatte die Kirche ihr Urerlebnis. Ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind sei zu hören gewesen. Über alle Grenzen der Sprache hinweg war auf einmal ein Verstehen da. Menschen aus aller Herren Länder fanden zusammen im Lob Gottes.
Der Geist Gottes ist der Atem der Kirche. Ohne ihn wäre sie tot. Ohne Wind bliebe ja auch die Orgel stumm.
Ich wünsche uns, dass wir an Pfingsten wieder zu Atem kommen. Freuen wir uns aneinander und an der Zeit, die uns geschenkt ist!
Stimmen wir mit ein ins Lob Gottes!

Weingarten im Blick, 22.05.2015
Foto: Johann Klusch


Webfehler

Pfarrer Steffen Erstling über die Wirkung des Heiligen Geistes


Wenn die Indianer vom Stamm der Navajos einen Teppich herstellen, dann weben sie – habe ich gelesen – bewusst in einer Ecke einen kleinen Webfehler ein. Den betrachten sie als die Stelle, an der der Geist in den Teppich hinein- und aus ihm herausgeht: Dort, wo das exakte Muster unterbrochen wird, bekommt der Geist eine Chance.
»Der hat einen Webfehler.« Das kann man bei uns von einem Menschen sagen, den man für verrückt hält.
An Pfingsten – als der Geist Jesu, der Heilige Geist einen Zugang zu den Aposteln fand, als sie be-geistert das Evangelium von Jesus Christus verkündeten – da sagten die anderen: »Die haben einen Webfehler! Die sind nicht ganz bei Verstand! Die sind verrückt oder betrunken!«

Die Geschichte der Kirche beginnt – könnte man salopp formulieren – mit einem Webfehler. Am Anfang steht nicht eine konstituierende Mitgliederversammlung, bei der sich die Jünger unter der Leitung von Petrus auf eine für alle Völker und alle Zeit unverändert gültige Verfassung geeinigt hätten. Am Anfang steht nicht das exakte Muster – Grundsätze, die man bewahren und vor jeder Veränderung schützen muss -, sondern ein Webfehler: Das Hereinbrechen des Heiligen Geistes in das Haus und in die Menschen, die im Vertrauen auf Jesus dort warten: Ängstliche bekommen Mut, Zögernde geraten in Bewegung, Unsichere werden Zeugen. Und es waren immer Menschen mit kleinen Webfehlern, begeisterte und begeisternde Christen, die der Kirche zu einem neuen Pfingsten verholfen haben.

Mein Pfingstwunsch an unsere Kirche wäre, dass sie sich von der Webkunst der Navajos inspirieren lässt, dass sie kleine Webfehler zulässt – als Türen für den Heiligen Geist: Denn ihre Sprache wird geistlos, wenn sie zu bloßen Formeln erstarrt, wenn Worte nicht mehr aufhorchen lassen und neugierig machen auf das Evangelium. Ihre Strukturen werden geistlos, wenn nur an den alten Mustern weitergewoben wird, wenn durch Festhalten an eingefahrenen Gewohnheiten die Offenheit für Überraschendes und Neues verlorengeht.

Und da wir alle miteinander Kirche sind, heißt mein Pfingstwunsch an Sie:
Machen Sie’s wie die Navajos – erlauben Sie sich einen Webfehler im oft so eintönigen Muster unseres Alltags! Gönnen Sie sich kleine Aus-Zeiten für Stille und Gebet, für etwas, das Sie begeistert und erfüllt!
Machen Sie’s wie die Navajos – erlauben Sie sich einen Webfehler im oft so festgefahrenen Umgang mit anderen Menschen! Durchbrechen Sie das geistlose Verhaltensmuster, immer mehr haben und immer besser sein zu wollen. Machen Sie sich selbst die Freude, Ihre Talente für andere einzusetzen!
Und wenn dann jemand von Ihnen behauptet, Sie hätten einen Webfehler, können Sie lächelnd antworten: »Hoffentlich!« oder »Gott sei Dank«!

Gemeindebrief 2/2015, Mai 2015
Foto: pixelio.de

einfach dasitzen

Foto: sassi/pixelio.de

„Und dann muss man ja auch noch Zeit haben,
einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen.“
                (Astrid Lindgren)


von Hochschulpfarrerin Esther Manz

einfach dasitzen und vor sich hin schauen – wer kann sich das schon leisten? Unser Alltag sieht anders aus. Manche von uns sitzen an ihrem Arbeitsplatz auf wackeligen Stühlen. Wie gut die Firma noch dasteht, weiß keiner so genau. Durch Spitzenleistung – auch bei der Arbeitszeit - auf sich aufmerksam machen, schadet nicht.

Einfach dasitzen und vor sich hin schauen – wozu soll das gut sein? Manche von uns bewältigen ihr umfangreiches Pensum an Arbeit und Ehrenamt nur durch ein immer besseres Zeitmanagement. Jede Menge Ratgeber sollen uns dabei helfen. Zeitschnipsel zum Beispiel, so erklärt mir ein junger Doktorand, seien dazu da, um genützt zu werden. Nur so komme man voran.

Einfach dasitzen und vor sich hin schauen – das ist doch Zeitverschwendung! Viele von uns sind schon sehr geübt darin, Verschiedenes gleichzeitig zu tun. Autofahren und Telefonieren zum Beispiel. Oder mit Freunden ausgehen und daneben per Smartphone Nachrichten empfangen.
Die Anstrengungen eines zunehmend beschleunigten und vergleichzeitigten Lebens spüren wir am eigenen Leib.

Einfach dasitzen und vor uns hinschauen – können wir das noch? Oder beschleicht uns unwillkürlich das Gefühl, eigentlich etwas tun zu sollen? Ohne die Zwänge verharmlosen zu wollen, die uns zu Zeiten zu pausenloser Höchstleistung antreiben, denke ich doch, dass wir etwas Einfaches, aber Wichtiges übersehen: Gott hat unserem Leben einen Anfang und ein Ende gesetzt. Dass unsere Lebenszeit begrenzt ist, bedeutet Verzicht. Denn jeder Mensch kann nur einen Ausschnitt dessen leben, was er leben könnte. Kinder zu haben zum Beispiel, setzt unserer Mobilität Grenzen - und dem beruflichen Aufstieg unter Umständen auch. Oder unser Körper: Er ist als Gefäß unseres Lebens eben so (wenig) belastbar, wie er ist. Die Einsicht, dass die Begrenztheit unseres Lebens zwangsläufig den Verzicht auf viele Möglichkeiten mit sich bringt, finde ich befreiend.

Einfach dasitzen und vor uns hin schauen – dürfen wir das, wenigstens ab und zu? Ja! Denn schließlich vertrauen wir als Christinnen und Christen darauf, dass wir Erlöste sind. Erlöst nicht von den uns von Gott gesetzten Grenzen, sondern von der Idee, sie überschreiten zu müssen.

Hochschulpfarrerin Esther Manz
Foto: sassi/pixelio.de

Zur Quelle

Foto: erysipel_pixelio.de

Pfarrer Steffen Erstling

Jetzt haben sie also wieder geöffnet, die Freizeit- und Erlebnisparks im Lande. Die Saison hat begonnen und viele dieser Parks werben mit neuen und nie dagewesenen Attraktionen um ihre Kunden. Immer höher, schneller, weiter muss es gehen um der Konkurrenz stets eine Nasenlänge voraus zu sein.

Der große Vorteil so eines Erlebnisparks ist, dass man, nachdem man einmal Eintritt bezahlt hat, alle Attraktionen beliebig oft benutzen bzw. fahren kann. Nach Lust und Laune kann man also mit der Achterbahn aus schwindelerregenden Höhen hinab in die Tiefe rasen. Oder, wenn man es gemütlicher will, mit Oldtimern oder Traktoren im Kreis herumtuckern. Von Schiffschaukel bis Kettenkarussell ist alles geboten. Die Attraktionen folgen Schlag auf Schlag. Kaum sitzt man in der einen Achterbahn denkt man schon an die nächste. Ja nichts auslassen und möglichst alles mitnehmen, lautet die Devise.

Ganz ähnlich wie so ein Tag im Erlebnispark ist manchmal auch unser Leben. Wir häufen Event auf Event, Genuss auf Genuss und, wenn jetzt die warme Jahreszeit kommt, Grillfest auf Grillfest. Unser Leben wird zum Erlebnispark: Attraktion folgt auf Attraktion. Die einen eilen von Urlaub zu Urlaub; die anderen von Party zu Party. Kaum mehr kommt man zum Atemholen. Bei immer mehr Erlebnissen bleibt letztlich die Frage: Was bleibt und was hat es gebracht?

Denn: Erlebnisse führen nicht unbedingt zum Leben. Spaß wird nicht in jedem Fall zur Freude. Fülle ist noch lange keine Erfüllung. Bitte nicht falsch verstehen: auch ich liebe Feste. Feiern und Fröhlichsein gehört zum Leben dazu. Aber es geht mir ums rechte Maß dabei.
Machen wir etwas falsch, wenn am Ende nicht selten Müdigkeit und Überdruss stehen? Was läuft verkehrt, wenn unsere Wochenenden zwar voll aber doch oberflächlich sind?
Ich vermute, unser Leben braucht mehr Tiefgang. Denn nur wer Tiefgang hat, kommt zu den Quellen wirklichen Lebens. Vielleicht brauchen wir alle mehr Wesentliches als Unwesentliches. Mehr Stille als Lärm. Mehr Tiefgründiges als Vordergründiges. In der Bibel heißt es: „Bei dir, Gott, ist die Quelle des Lebens und in deinem Lichte sehen wir das Licht.“ (Psalm 36,10)

Unser Leben kann neu Tiefgang gewinnen, wo wir uns zur Quelle hin orientieren. Aus der Quelle, die Gott selber ist, kann ich Leben schöpfen. Wie leicht geht diese Quelle in unserem betriebsamen Alltag verschüttet! Wir müssen sie neu entdecken!

Deshalb abschließend ein Tipp: achten Sie doch in den nächsten Wochen auf die Quelle und nehmen Sie sich Zeit, aus ihr zu trinken. Lassen Sie getrost auch mal ein Event ausfallen. Sie brauchen nicht zu jeder Grillparty gehen und nicht jedes Waldfest besuchen. Machen Sie stattdessen wieder einmal allein einen Spaziergang im Wald. Genießen Sie dabei die Schöpfung und danken Sie ihrem Schöpfer. Besuchen Sie wieder einmal einen Gottesdienst. Darin können Sie Auftanken und Ihrem Leben zu neuem Tiefgang verhelfen. Oder besuchen Sie doch wieder einmal einen schönen Aussichtspunkt, an dem Sie schon lange nicht mehr waren. Staunen Sie neu über einen Sonnenuntergang und vielleicht fangen Sie dabei an auch darüber zu staunen, wie wunderbar Gott alles gemacht hat. Er kennt auch Sie und hat Ihr Leben in der Hand.

Unser Leben ist zu kostbar, dass wir nur durch unsere Jahre rennen und rasen. Gott hat noch vielmehr bereit, als wir ahnen. Wir müssen es nur entdecken!
Zum Schluss grüße ich Sie deshalb mit einer Liedstrophe von Paul Gerhardt:
„Ich weiß, dass du der Brunn der Gnad und ewge Quelle bist, daraus uns allen früh und spat viel Heil und Gutes fließt.“ (Evang. Gesangbuch Nr. 324)

Text: Steffen Erstling, Weingarten im Blick, 10.4.2015
Bild: erysipel / pixelio.de

Über Grenzen

Foto: Rainer Sturm, pixelio.de

von Pfr. Horst Gamerdinger


Grenzen finde ich interessant. An der Grenze geschieht nämlich oft das Entscheidende. An der Grenze wird deutlich, wer man wirklich ist. Eine Grenze ist zur Unterscheidung da. Hier das eine, dort das andere. Hier bin ich und da bist du. Grenzen geben Gestalt und Profil, damit zeige ich mich den anderen.

Wenn Konflikte entstehen, dann am ehesten an einer Grenze, wenn sie missachtet oder überschritten wird. Jeder hat unterschiedliche persönliche Grenzen. Sie kennenzulernen ist eine wichtige Aufgabe der Identitätsfindung, die nie abgeschlossen ist. Es gehört zum eigenen Profil, zu merken, wann meine persönliche Grenze überschritten wird. Das ist z.B. der Fall, wenn mir jemand zu nahe kommt, sei es im körperlichen oder übertragenen Sinne. Seine Grenze verteidigen  kann man erst, wenn man sie selbst ernst nimmt und gelernt hat „Stop“ zu sagen.

An der Grenze wird deutlich, wer ich wirklich bin. Das gilt für eine einzelne Person genauso wie für eine bestimmte Gruppe oder für einen ganzen Staat. Über die Menschlichkeit der EU wird auch an den südlichen Außengrenzen der EU entschieden. Das Gesicht, das wir an unserer Grenze den Menschen, die übers Mittelmeer fliehen zeigen, sagt viel darüber aus, wie es dahinter aussieht.

Doch nicht nur politische Grenzen, auch Grenzen im Kopf geben Aufschluss über die Gestalt einer Gemeinschaft. Wo verläuft z.B. die Grenze zwischen arm und reich, wo verlaufen die Einkommensgrenzen? In Berufen, in denen man sich intensiv um Menschen kümmert, als Erzieherin oder in der Altenpflege z.B., verdient man vergleichsweise wenig. Das sagt viel aus über den Stellenwert des Menschlichen in der Gesellschaft.

Grenzen haben viel mit Identität zu tun. Sie stehen auch nicht ein für alle Mal fest, man kann sie verändern, verschieben oder zumindest darüber diskutieren. An der Grenze wird deutlich, wer man wirklich ist. Wie ist es bei Ihnen? Halten Sie sich von der Grenze eher fern? Eine Grenze kann ja auch ein Schutz sein, wenn man weiß: Innerhalb dieser Grenzen kann ich mich frei bewegen. Oder sind sie eher ein Grenzgänger? Jemand, der immer mal wieder die Grenzen testet oder verschiebt, Grenzerfahrungen macht und dabei viel über sich selbst erfährt?
Paul Tillich (Theologe und Religionsphilosoph, 1886-1965) sagte: "Die Grenze ist der eigentlich fruchtbare Ort der Erkenntnis".

Horst Gamerdinger

Weingarten im Blick, 20.3.2015
Bild: Rainer Sturm, pixelio.de


Aufrecht und frei

Bild: Mensi_pixelio.de

Pfarrer Horst Gamerdinger über biblische Geschichten

Welche Bedeutung hat für Sie die Bibel? Ist sie Ihnen eher eine vertraute Freundin oder eher ein unbekannter Fremder? Gibt es biblische Geschichten, die Sie ansprechen oder können Sie damit gar nichts anfangen? Ist die Bibel für Sie eine aktuelle Lebenshilfe oder halten Sie sie für harmlos und altmodisch? Könnten Sie sich sogar vorstellen, wie Bert Brecht auf die Frage, was Sie mit auf eine einsame Insel mitnehmen würden, ebenfalls mit dem berühmt gewordenen Satz „Sie werden lachen, die Bibel“ zu antworten?

Für mich enthält die Bibel viele Schätze und es sind vor allem die Geschichten, die mich faszinieren.
Seit Herbst letzten Jahres biete ich deshalb an verschiedenen Abenden ein Bibelgespräch an. Ich freue mich, mit denen, die kommen, gemeinsam über einen biblischen Text zu sprechen, das macht die Sache vielgestaltiger, denn jeder hat wieder andere Assoziationen und Erfahrungen.

Am Beispiel einer kurzen biblischen Geschichte, eine meiner Lieblingsgeschichten, möchte ich Ihnen mitteilen, was mich daran so begeistert, und ich hoffe, es gelingt mir.
In der Geschichte heilt Jesus eine Frau, die schon lange krank ist (Lukas-Evangelium, Kap 13, 10-17). Es heißt, sie „hatte seit 18 Jahren einen Geist, der sie krank machte, sie war verkrümmt und konnte sich nicht mehr aufrichten.“ Schon allein diese kurze Beschreibung hebt die Frau aus ihrer Zeit heraus und macht sie zu einer Frau, die zu allen Zeiten, in jeder Generation leben könnte und auch lebt.
Welcher „Geist“ ist es heute, der krank macht?
Man kann sich viel vorstellen, was der Frau alles aufgeladen wird, von der Gesellschaft, von den Männern oder von dem „Schicksal“. Immer noch was drauf, bis es kaum noch zu ertragen ist und der Rücken ganz krumm wird, bis sie nur noch unten sehen und sich gar nicht mehr aufrichte kann. Stellvertretend für viele gebeugte und geschundene Menschen zu allen Zeiten steht sie da.
Doch es gibt Hoffnung! Veränderung und Heilung ist möglich! Nicht garantiert, aber möglich! Das ist die Botschaft dieser Geschichte, und sie ist an die Menschen zu allen Zeiten gerichtet.

Die Frau, die sonst von niemandem mehr beachtet wird – Jesus sieht sie und ruft sie nach vorne in den Mittelpunkt, als ob er sagen wollte: Das Schicksal der Gebeugten und Unterdrückten soll nicht an den Rand gedrängt werden, sondern gehört in den Mittelpunkt und erfordert die Aufmerksamkeit aller. Jesus spricht die Frau an und sagt: „Sei frei von deiner Krankheit“. Er legt seine Hände auf sie, d.h. er berührt sie, deren Schicksal schon lange niemand mehr berührt hat.
Dass die Frau wirklich geheilt ist, merkt man an zweierlei, an einer äußeren und einer inneren Veränderung: „Sie richtete sich auf und pries Gott“, heißt es. Das bedeutet: Sie kann jetzt wieder als aufrechter Mensch und mit geradem Rückgrat durchs Leben gehen. Sie muss nicht mehr nach unten blicken, sondern kann ihren Mitmenschen wieder in die Augen sehen, sie kann ihren Blick sogar wieder zum Himmel richten und Gott gegenüber dankbar sein.

Für mich ist diese Geschichte eine Heilungs- und Hoffnungsgeschichte, die zu allen Zeiten Geltung hat. Sie kann jederzeit wahr werden kann, das ist die Verheißung, die in ihr steckt.
Jesus zeigt uns beispielhaft, wie Zuwendung zu den Mitmenschen eigentlich aussehen müsste, besonders zu denen, die die größte Last tragen und am Rand stehen. Und er zeigt uns beispielhaft, wie der Mensch, wie wir alle eigentlich gedacht sind: Aufrecht, frei und erlöst sollten wir durchs Leben gehen können!
Und das ist weder harmlos noch altmodisch!

Ende März, Gemeindebrief 1/2015
Bild: Mensi/pixelio.de

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Gebet für bedrängte Christen

Foto: Horst Oberkampf, Kinder in einem Flüchtlingslager im Nordirak

Foto: Horst Oberkampf, Kinder in einem Flüchtlingslager im Nordirak

Pfarrer Stephan Günzler

Der kommende Sonntag, der zweite in der Fastenzeit, trägt den Namen Reminiszere, das heißt „Gedenke“.  Aufgerufen wird zum Gebet für verfolgte und bedrängte Christen.

 

Besonders im Blick sind in diesem Jahr die Christen im Nordirak und in der Türkei. Im Jahr 1915 begann der Völkermord an den Christen im Osmanischen Reich, dem innerhalb von wenigen Monaten ca. 1,5 Millionen Armenier und 500 000 Assyrer und Aramäer zum Opfer fielen. Das liegt jetzt 100 Jahre zurück. Lange wurde diese schreckliche Unrecht totgeschwiegen. Im April 2014 sprach der türkische Regierungschef Erdogan den Nachkommen der Opfer erstmals sein Beileid aus.

Wenige Wochen später jedoch begann der grausame Feldzug der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS), der inzwischen auf viele Länder der arabischen Welt übergegriffen hat. Erst vergangene Woche wurden in Libyen 21 koptische Christen enthauptet. Ein Video der Bluttat wurde ins Internet gestellt. Erzbischof Mor Timotheus von der Diözese Tur Abdin im Grenzgebiet zwischen Türkei und dem Nordirak, schreibt: „Wir Christen haben Angst. Wir sollen aus unserer Heimat vertrieben und ausgelöscht werden. Doch wir fühlen uns getröstet und ermutigt durch das Wissen, dass wir Schwestern und Brüder haben, die für uns beten und an uns denken. Behalten Sie uns weiterhin in Ihren Gebeten. Wir beten auch für Sie.“
Evangeliumsgemäß ist unser Gedenken nur, wenn wir das Leid unserer bedrängten Glaubensgeschwister in Erinnerung rufen, ohne Feindbilder aufzubauen und die Religion des Islam schlecht zu reden. Unser Ziel muss sein, den gegenseitigen Respekt aller zu fördern, also auch die Achtung vor der Religion der anderen.

Das „Gedenke“, das dem Sonntag Reminiszere den Namen gab, entstammt dem Psalm 25, wo es heißt: „Gedenke, Herr, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte!“ Da ist kein erhobener Zeigefinger dabei, um andere zu belehren. Das „Gedenke“ ist hier ein Flehen um Gottes Erbarmen. Der Beter stellt sich mit allen anderen unter die Güte Gottes. Da bleibt kein Platz, sich selber ins rechte Licht zu rücken und andere niederzumachen. Da bleibt nur das gemeinsame Vertrauen in den barmherzigen Gott. Frieden und Versöhnung können wir uns alle nur schenken lassen.

Rette uns, unser Herr, in deinem Erbarmen: Dass Friede herrsche unter den Staaten der Erde, für die Beendigung der Kriege, um die Ruhe für die Verstorbenen und für uns um Verzeihung der Schuld und unserer Sünden. Hab Mitleid, du Gütiger, und erbarme dich unser. (Aus der Jakobusliturgie der Syrischen Kirche)

 

Weingarten im Blick, 27.02.2015

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Anfangen

Pfarrer Steffen Erstling über große Aufgaben und den Mut zum ersten Schritt


Jetzt ist es schon über einen Monat alt – das Jahr 2015. Längst hat der Alltag uns eingeholt. Die Terminkalender füllen sich immer mehr. Schon häufen sich die Dinge, die getan werden müssen, zu einem hohen Berg vor einem auf.
Werde ich es schaffen, diesen Berg zu bewältigen? Oder resigniere ich vor den vielen Aufgaben? Wie man trotzdem weiterkommt, davon erzählt folgende Legende:

Vor dem Haus eines alten Mannes lag ein hoher Berg. Der Berg nahm ihm alles Licht, das er sich zum Leben wünschte. Da beschloss er, den Berg abzutragen. Die Nachbarn machten sich lustig über ihn. „Jetzt bist du aber völlig verrückt geworden! Einen Berg willst du abtragen?“ Der Alte antwortete: „Wartet nur, ich werde es schon schaffen. Schaufel für Schaufel. Karre für Karre.“ „Das schaffst du nie!“, sagten die Nachbarn.
Der Mann entgegnete: „Vielleicht habt ihr Recht. Aber wenn ich es nicht schaffe, dann machen meine Kinder weiter – und irgendwann ist der Berg dann abgetragen.“
Als Gott im Himmel dieses Vertrauen sah, da schickte er zwei Engel, die trugen den Berg auf ihren Flügeln davon.

Die Legende hilft mir, wenn große Aufgaben vor mir liegen. Sie hilft auch bei den vielen kleinen alltäglichen Dingen, die wir jeden Tag neu anfangen müssen. Denn unser Leben ist immer durchzogen von Anfängen. Für Menschen, die alleine leben, ist es manchmal ein Riesenberg, heute damit anzufangen, sich gut zu ernähren und einkaufen zu gehen und sich etwas zu essen zu kochen. In Phasen der Schwermut liegt ein neuer Tag vor den Kranken oft wie ein riesiger Berg. Dann ist es unendlich schwer, morgens einfach nur aufzustehen und sich zu waschen und anzuziehen. Für jemanden, der schon wer weiß wie viele Bewerbungen geschrieben hat und lauter Absagen erhalten hat, ist es unglaublich mühsam, sich weiter auf die Suche nach einer Arbeit zu machen. Für jemanden, dem im Büro die Arbeit über den Kopf wächst und nicht weiß, wie er alles abarbeiten soll, ist jeder Gang an den Schreibtisch eine Tortur.
Aber die Legende macht Mut, anzufangen, auch wenn es schwer ist. Sie sagt: Es geht. Der Berg ist zu bewältigen. Aber nicht alles auf einmal, sondern Schritt für Schritt. Und mit Gottvertrauen. Entscheidend ist, dass ich einfach anfange mit dem ersten Schritt. Das reicht. Denn danach kommt wieder ein Schritt und dann wieder einer. Und so wird es gehen. Auf einmal ist der Berg nicht mehr da – als ob die Engel ihn davongetragen hätten. Gott gibt die Kraft für den ersten Schritt. Darauf zu vertrauen, das macht Mut, es wirklich anzugehen.

Der Apostel Paulus beschrieb den Christen in Philippi diese Erfahrung einmal mit einem einzigen Satz: „Gott, der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird es auch vollenden.“ (Phil. 1,6) Wer vor einer Aufgabe steht, der braucht genau dieses Gottvertrauen, um anfangen zu können. Und den Mut zum ersten Schritt.
Diesen Mut wünscht Ihnen
Ihr Pfarrer Steffen Erstling

Weingarten im Blick, 6.2.2015


Bild von Reinhold Kiss / pixelio.de

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Zeitansage

S. Hofschlaeger, pixelio.de

Pfarrer Stephan Günzler zum Lied "Wir sagen euch an den lieben Advent"

Weltbekannt ist es geworden, das Lied der Maria Ferschl Wir sagen euch an den lieben Advent.  Es hat Eingang in fast alle katholischen und evangelischen Gesangbücher gefunden. In 29 Sprachen ist es übersetzt, sogar auf Chinesisch kann man es inzwischen singen. Ganz in unserer Nähe, im oberschwäbischen 600-Seelen-Dorf Riedhausen ist das Lied vor genau 60 Jahren entstanden. Am Heiligen Abend des Jahres 1954 wurde es in der Riedhauser Kirche zum ersten Mal im Gottesdienst gesungen. Die in Österreich geborene Dichterin Maria Ferschl lebte mit ihrer Schwester im Pfarrhaus, wo die beiden dem Riedhauser Pfarrer den Haushalt führten.


In Bad Saulgau liegt die Dichterin begraben. Kaum einer hat sie dort gekannt, als sie 1982 starb. Mit meinen Konfirmanden musste ich jedes Mal eine Weile suchen, bis wir das unscheinbare Grab auf dem Friedhof fanden. Jetzt im Jubiläumsjahr ihres Liedes hat eine Schule die Grabpflege übernommen, um die Erinnerung an die Dichterin in Oberschwaben wachzuhalten.


Das Adventsansagen der Kinder geht auf einen alten Volksbrauch zurück. Maria Ferschl verbindet die vier Strophen mit dem Entzünden der vier Kerzen am Adventskranz. Dass Gott zur Welt kommt, das ist ein im wahrsten Sinn weltbewegendes Ereignis.  Es muss angesagt werden.
Man kann es nicht einfach im Vorübergehen zur Kenntnis nehmen. Da braucht´s eine Zeit der Vorbereitung. Zeit, die dazu da ist, sich darüber klar zu werden: Was ist angesagt? Auf was warten wir eigentlich in unserem Leben? Was erhoffen wir für unsere Welt?


Wir sagen euch an eine heilige Zeit! heißt es im Lied. Hier wird eine Zeit angesagt, die nicht nach Minuten und Stunden zu messen ist.
Gottes Zeit. Freudenzeit. Christ, der Retter ist da. Nur wer innehält im rasenden Lauf unserer Zeit, hat Ohren für diese frohe Botschaft.
Nehmet euch eins um das andere an, wie auch der Herr an uns getan! Freut euch ihr Christen, freuet euch sehr, schon ist nahe der Herr!

Ich wünsche Ihnen, dass Sie diese Zeit finden jetzt im Advent.
Schon ist nahe der Herr!

Pfarrer Stephan Günzler   
(Weingarten im Blick, 12.12.2014)

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Zieht in Frieden!

Pfarrer Stephan Günzler über erhofften Frieden im Nahen Osten und als Teil der Weihnachtsbotschaft

Go in Peace!, auf deutsch Zieht in Frieden! steht auf der Tafel bei En Gedi am Toten Meer. Auch in arabischer und hebräischer Sprache ist es geschrieben: Zet´chäm L´Schalom!

 

Die Botschaft vom Frieden ist mehrsprachig. Sie verbindet Christen, Juden und Muslime. Sie verbindet Menschen aus allen Völkern und Rassen. Wo einer befiehlt und alle anderen klein beigeben müssen, da ist kein Friede. Er ist dort, wo alle gehört werden und alle zu ihrem Recht kommen.
Vor wenigen Wochen war ich mit meiner Familie für acht Tage in Israel. Wir waren in einem Gästehaus auf dem Ölberg untergebracht an der Grenze zwischen Ost und Westjerusalem. Von dort oben hatte man einen herrlichen Blick bis hinüber nach Jordanien, aber man sah auch die fürchterliche Mauer, die zwischen palästinensischen und jüdischen Siedlungsgebieten hoch gezogen wurde, 6m hoch, stacheldrahtbewehrt, nachts taghell ausgeleuchtet.

 

Isa, ein arabischer Christ aus Beit Jala, erzählte uns, dass er für die 10 km, die er täglich zur Arbeit nach Jerusalem fährt, drei Stunden einrechnen muss wegen der endlosen Kontrollen am Checkpoint. Ohne Passierschein ist die Mauer völlig unüberwindbar. Manche Frauen aus Isas Dorf waren ihr Leben lang noch nie in Jerusalem.
Die Lage in der Stadt ist angespannt. An Straßenbahnhaltestellen kam es mehrfach schon zu furchtbaren Anschlägen. Die Sicherheitskräfte schlagen brutal zurück. Mitte November wurden vier Rabbis in einer Synagoge erschlagen. Der politische Konflikt droht ein religiöser zu werden.

 

Am Reformationstag erlebten wir einen eindrücklichen Gottesdienst mitten in der Altstadt, die an diesem Tag totenstill dalag, weil die Israelis eine Ausgangssperre verhängt und das Freitagsgebet der Muslime in den beiden Moscheen auf dem Tempelberg untersagt hatten. In der evangelischen Erlöserkirche feierten europäische und arabische Christen, Kopten, Armenier, Orthodoxe, Protestanten und Katholiken, gemeinsam einen vielsprachigen Gottesdienst mit Friedensgruß und Mahlfeier. Das Vaterunser wurde in vielen Sprachen gemeinsam gebetet.
Bei En Gedi hatte sich einst David in einer Höhle versteckt, als der jähzornige König Saul ihn mit seiner Streitmacht verfolgte. In 1. Samuel 24 wird erzählt, wie David der Versuchung widersteht, den wehrlosen Saul zu erschlagen, als dieser Rüstung und Kleider ablegt, um in der Höhle seine Notdurft zu verrichten. Leise schneidet David einen Zipfel von Sauls Mantel ab und verschont seinen Feind. Er vergilt nicht Böses mit Bösem, durchbricht damit den verheerenden Automatismus von Gewalt und Rache. Später wirft David sich Saul zu Füßen und zeigt ihm das Stück des Mantels. Es kommt zur Versöhnung.

 

An diesem Ort En Gedi fand ich also 3000 Jahre später das Schild mit der Botschaft vom Frieden. Sie ist heute so dringend wie eh und je.
Wann endlich wird die Welt bereit für den Frieden?
Zet´chäm L´Schalom - da werden wir auf einen Weg gerufen. Go in Peace geht nur, wenn wir uns bewegen.
Friede bedeutet, den alten Standpunkt aufzugeben und sich auf einen Weg einzulassen. Ich muss bereit sein, meine vorgefassten Meinungen über andere zu hinterfragen, muss heraustreten aus den Mauern, hinter denen ich mich verschanzt habe. Nur wenn Menschen aufeinander zu gehen, werden sie einander besser verstehen. Das Böse ist ihr gemeinsamer Feind. Es macht aus Menschen Unmenschen.


Lasst uns in dieser Weihnachtszeit miteinander beten für den Frieden auf Erden. Ich wünsche uns, dass wir uns wie die Hirten damals in Bethlehem auf den Weg machen und dem nachgehen, was uns verheißen ist.


Gesegnete Feiertage und ein friedvolles Jahr 2015,
Ihr Pfarrer Stephan Günzler

 

Gemeindebrief, Dezember 2014

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….Klopft an, so wird euch aufgetan

Kunstwerk „Erfülltes Leben“ von Martin Burchard auf der Landesgartenschau in Schwäbisch Gmünd

Kunstwerk „Erfülltes Leben“ von Martin Burchard auf der Landesgartenschau in Schwäbisch Gmünd

Von Pfarrerin Marit Hole

 

Eine grüne Türe. Mitten im Wald. Sie steht weit offen. Man braucht nicht anzuklopfen. Ich gehe durch - gelange aber nicht in einem Raum, sondern stehe vor einer weiteren Türe. Sie ist blau. Und dann noch eine Türe – violett. Nebendran ist noch eine Reihe aus drei bunten Türen: rot, orange und gelb. Alle Farben des Regenbogens sind hier vereint. Wer wohnt hier? Ich schaue von hinten auf die Türen und lese:  Zufriedenheit – Genügsamkeit – Gelassenheit. Und weiter: Achtsamkeit – Großzügigkeit – Heiterkeit. Ein Konzert positiver Lebenseinstellungen. Wer durch diese Türen gegangen ist, wird ein besserer Mensch sein…

 

„Erfülltes Leben“, so hat der Künstler Martin Burchard sein Kunstwerk auf der Landesgartenschau in Schwäbisch Gmünd genannt. Mich macht das nachdenklich: Stimmt denn das, was da einer als Behauptung in den Wald stellt?
Nicht immer öffnet das Leben uns die Türen so weit wie hier. Es gibt Wege, die enden und Hoffnungen, die enttäuscht werden. Es gibt Dinge, die wir gerne besitzen würden aber es geht nicht. Manche Türen werden uns geradezu vor der Nase zugeschlagen. Doch davon hängt nicht ab, ob unser Leben erfüllt ist. Das hängt vielmehr von der Haltung ab, in der wir annehmen, was uns begegnet. 

Positive Lebenseinstellungen sind wie offene Türen. Wer durch sie durchgeht, richtet sich innerlich auf – wird offen für sich und andere. Der kann Türen öffnen, die vorher fest verschlossen schienen. Dem stimme ich zu.


Allerdings fehlt mir im Konzert der Lebenshaltungen eine Tür mit der Überschrift „Glauben“. Für mich ist das Vertrauen auf Gott elementar für ein erfülltes Leben. Vertrauen darauf, dass etwas mein Leben trägt, über das ich nicht verfügen kann. Auf dieser Grundlage haben positive Lebenseinstellungen einen sicheren Halt. Ich würde die „Glaubens-Türe“ oben an den Scheitel zwischen die Türreihen setzen, so dass ein richtiger Tor-Bogen entsteht. Durch dieses Tor des Lebens mit seinen Türen der positiven Lebenshaltungen möchte ich gerne gehen.

Die Bibel geht noch einen Schritt weiter. Im Evangelium spricht Jesus von sich selbst als Türe, die zum erfüllten Leben führt: „Ich bin die Tür. Wenn jemand durch mich hindurchgeht, wird er selig werden und wird ein- und ausgehen und Weide finden“ (Johannes 10,9).


Weingarten im Blick, 21.11.2014

Bild: privat

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Gute Wege

Frau mit Rollator und Familie am Strand

Pfarrer Horst Gamerdinger

Ein kleiner Parkplatz in den Dünen. Im Strandcafé sitzen am Ende der Sommersaison noch zwei, drei Gäste.
Von hier aus geht ein Weg über den Strand, direkt nach vorne zum Wasser.
Es ist ein befestigter Weg, auch für Menschen mit Krücken oder Rollator.
Gut, dass es diesen Weg gibt, denn so kann auch Frau L. mit ihrem Rollator am Strand spazieren gehen.

Sie wohnt sie ein paar Kilometer landeinwärts und kommt schon ihr ganzes Leben lang ans Meer. Als Kind mit ihren Eltern, später dann mit ihren Freundinnen mit dem Fahrrad. Auch als sie selbst eine Familie hatte, war sie oft am Strand anzutreffen.


Inzwischen fällt das Gehen schwerer. Ohne Hilfe schafft sie es nicht mehr. Nur noch kurze Strecken sind möglich. Aber auf die muss sie nicht verzichten – weil andere da sind, die sie unterstützen. Schön, dass sie eine Freundin hat, die sie hierher begleitet, die versteht, wie wichtig ihr der Spaziergang am Strand ist, und sei er noch so kurz. Und sie hat eine Familie, die nicht sagt: „Tja, mit Rollator geht’s am Strand eben nicht mehr“, sondern die genau dorthin mitgeht, wo es auch für die Oma einen begehbaren Weg gibt.


Ich kenne Frau L. nicht. Ich weiß auch nicht, ob ihre Geschichte nicht vielleicht ganz anders ist als die, die ich hier aufgeschrieben habe. Aber ich sehe, wie wichtig es ist, das Leben zusammen und in Gemeinschaft anzugehen. Ich sehe, wie wichtig es ist, Wege zu suchen, die alle mitgehen können.


Weingarten im Blick, 31.10.2014

Text und Bild H. Gamerdinger

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Herbstgeschäfte

Bild: Petra Hegenwald, pixelio.de

 

Kartoffelpuffer mit Apfelmus.

Erntedankfest.

Die letzten Rosen genießen.

"Bunt sind schon die Wälder".

Oktoberfest.

Goldsonne auf den Feldern.

Walnüsse aufsammeln.

Meinen Geburtstag feiern.

Warme Wollsocken stricken.

Wind in den Haaren beim Spaziergang.

Zwiebelkuchen und neuer Wein.

Auf dem Sofa schmökern.

Kürbisse aushöhlen.

Mit den Kindern Laub rechen.

Das erste Mal wieder

Feuer im Kaminofen machen.

Regenmantel, Matschhose

und Gummistiefel anziehen

und in alle Pfützen treten.

Ein heißes Bad in Pfirsichöl.

Mit den Enkeln Kastanienfiguren basteln.

Abends das Windlicht

vor der Tür anmachen.

Frisch gepressten Apfelsaft trinken.

Die schönsten Blätter

zwischen Buchseiten trocknen

und daraus Karten basteln.

Reformationstag feiern.

Durch den bunten Herbstwald wandern.

Freunde zu heißem Kakao

mit (oder ohne) Rum einladen.

Nebel auf den Wiesen und Feldern.

Papas Norwegerpulli klauen.

Zwetschgenkuchen backen.

Mit den Kindern auf dem Stoppelfeld

Lenkdrachen fliegen lassen.

Brahms "Deutsches Requiem".

Heißer Tee mit Zitrone.

Auf dem Friedhof eine Kerze

für meinen Opa anzünden,

der ist nämlich gestorben.

Tulpenzwiebeln setzen.

 

31 Antworten von ganz verschiedenen Menschen.

Auf die Frage: Was gehört zum Herbst?

Lebkuchen essen und "O du fröhliche ..." hat mir niemand gesagt.

Stimmt ja auch. Die sind erst dran, wenn wir den Herbst richtig genossen haben.

Denn: „Alles hat seine Zeit“:

Advent ist im Dezember.

Machen Sie mit?

Ich jedenfalls versuch’s.

Ihr Pfarrer

 

Steffen Erstling

Weingarten im Blick, 10.10.2014

Bild: Petra Hegenwald, pixelio.de

 

 

 

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Göttlicher Glanz

von Pfarrer Stephan Günzler

Jetzt kann man sie wieder finden, die herrlichen Kastanien. Schon als Kinder haben wir sie eifrig gesammelt. Man kann sie nicht essen oder verwerten wie andere Früchte. Sie sind einfach nur schön. Frisch und kühl sind sie, wunderbar glatt. Echte Handschmeichler für die Hosentasche. Mit bunten Äpfeln zusammen ein traumhaft schöner Tischschmuck. Keine Kastanie sieht aus wie die andere. Da gibt´s große und kleine, runde und flache, dunklere und hellere. Wunderbare Figuren kann man daraus basteln mit Zahnstochern als Gliedmaßen, Tiere und Fabelwesen aller Art. Ein verregneter Herbsttag vergeht da wie im Flug.


Die Kastanie versteckt den einzigartigen Glanz ihrer Früchte hinter einer stachligen Schale. Erst wenn´s Herbst wird, wird sie braun und brüchig. Und erst wenn die Früchte auf den Boden fallen, geben sie ihr Inneres preis. Sind wir Menschen nicht auch ein bisschen so? Wir zeigen den anderen ja auch nicht gleich, wie´s in uns drinnen aussieht. Auch wir brauchen schützende Hüllen, Und manchmal können wir einander ganz schön weh tun mit den Stacheln, die wir uns im Lauf der Zeit zugelegt haben. Aber wer sich hinter der stachligen Schale verbirgt, das sehen wir nicht gleich. Da braucht´s Geduld. Vielleicht muss auch der eine oder andere Sturm an uns gerüttelt haben, bis wir uns füreinander öffnen.


Was ist der Mensch? Die Antwort auf diese Frage bekommen wir nur, wenn wir ihn mit den Augen Gottes sehen lernen, mit den Augen der Liebe.
Von Mose heißt es, als er nach vierzig Tagen vom Berg Sinai herabstieg: „Die Haut seines Angesichts glänzte, weil er mit Gott geredet hatte!“ (2. Mose 34). Jeder Mensch ist von Gott angeschaut, sagt die Bibel. Darum kann auch jeder etwas widerspiegeln von Gottes Schönheit. Auch der Mensch, mit dem ich mich schwer tue, trägt das Antlitz Gottes.


Darum - wenn mir mal wieder eine Kastanie vor die Füße fällt, möchte ich nicht einfach weitergehen oder sie achtlos zur Seite kicken. Ich werde schauen, was sich hinter ihrer hässlichen, piksenden Schale verbirgt und will mich freuen an ihrem göttlichen Glanz.  Gott selber kann ich nicht sehen, aber etwas vom Glanz seiner Gegenwart kann aufleuchten mitten in unser tägliches kleines Leben hinein. Dafür will ich Augen haben.
Doch ein wenig bücken muss ich mich dazu schon.
   
Weingarten im Blick, 19.09.2014
Foto: Michael Boenke


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Neue Freunde

Steffen Erstling

 

Pfarrer Steffen Erstling ist seit 1. September 2014 Pfarrer in unserer Kirchengemeinde. Er ist zuständig für die Seelsorge im Pfarrbezirk III (Untere Breite in Weingarten und Berg).

Liebe Gemeindeglieder,
„Papa, werden wir in Weingarten auch wieder Freunde haben?“
Diese sorgenvolle Frage stellte mir mein 10jähriger Sohn in den letzten Tagen vor unserem Umzug. Kurz davor hatte er sich von seinen besten Freundinnen und Freunden in Ingersheim verabschiedet. Ich habe natürlich versucht, ihn zu trösten, indem ich geantwortet habe: „Sicher, du wirst bestimmt ganz schnell wieder lauter tolle Freunde finden.“ Ob ich ihn damit über den schmerzhaften Abschied habe trösten können, weiß ich nicht. Aber nachdenklich gemacht hat mich diese kurze Begebenheit schon.
Natürlich ist ein Umzug an einen völlig fremden Ort für so einen kleinen Kerl was ganz Besonderes.
Aber auch für uns Erwachsene hat der Neuanfang etwas Ungewisses, weil Unvorhersehbares an sich. Viele Fragen türmen sich vor einem auf: „Wie werden wir aufgenommen? Wird alles gut gehen? Finden wir uns gut zurecht? Wird der vor uns liegende Weg ein guter, segensreicher Weg werden?“
Und mit solchen oder ähnlichen Fragen sind wir bestimmt nicht allein. Denn gerade jetzt, nach den Sommerferien, ist ja für viele Menschen ein Neuanfang angesagt: Für das Kind, das in die Schule kommt, für den jungen Menschen, der eine Ausbildung oder ein Studium beginnt, für die Frau, die nach der Erziehungsphase wieder zu arbeiten beginnt usw. Immer wieder gibt es Neuanfänge im Leben. Und damit verbunden eben die Sorge, ob auch alles gut gehen wird.
Welche Möglichkeiten haben wir, mit der Ungewissheit des vor uns liegenden Weges umzugehen? Gut ist es z.B., wenn ich mir Menschen suche, die mich auf dem Weg begleiten und mir dabei helfen, die Probleme, die sich ergeben, zu lösen. So, wie mein Sohn, der sich auch am neuen Ort wieder gute Freunde wünscht.
Und es kann bei einem Neuanfang auch helfen, wenn ich den Weg in Gottes Hände lege und ihn um seine Begleitung und seinen Segen bitte. Dann weiß ich, dass ich einen an meiner Seite habe, der wie ein guter Freund für mich da ist, der mir hilft, den ungewissen Weg vertrauensvoll und zuversichtlich zu gehen.
Mit dem folgenden „Wegsegen“ wünsche ich allen, die wie wir vor einem Neuanfang stehen, dass sie voller Vertrauen auf Gottes Begleitung mutig die ersten Schritte wagen.

 

 Gott segne deinen Weg
 die sicheren und tastenden Schritte,
 die einsamen und begleiteten,
 die großen und die kleinen.

 Gott segne dich auf deinem Weg
 mit Atem über die nächste Biegung hinaus,
 mit unermüdlicher Hoffnung
 die vom Ziel singt, das sie nicht sieht,
 mit dem Mut stehen zu bleiben
 und der Kraft, weiter zu gehen.

 Gottes Segen umhülle dich auf deinem Weg
 wie ein bergendes Zelt.
 Gottes Segen nähre dich auf deinem Weg
 wie das Brot und der Wein.
 Gottes Segen leuchte dir auf deinem Weg
 wie das Feuer in der Nacht.

 Geh im Segen
 und gesegnet bist du Segen,
 wirst du Segen,
 bist ein Segen,
 wohin dich der Weg auch führt.

 

 

 

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1914/2014

Pfarrer i.R. Edwin Schulz

 

Sommer 1914. Man saß in den Parks und Biergärten, freute sich auf die Ferien, ging zum Baden und wer es sich leisten konnte, fuhr in die Berge oder ans Meer. Es hätte ein Sommer wie jeder andere werden können.

In dieser sommerlichen Welt überreichte aber am 1. August 1914 der deutsche Botschafter in Sankt Petersburg die deutsche Kriegserklärung. Die Reaktion in Deutschland war nicht etwa Entsetzen, sondern man feierte ein Sommerfest und Gottesdienste. Jubel und Ausgelassenheit herrschte auf den Straßen. Man kann sich das heute kaum mehr vorstellen. Ein ganzes Volk geriet in eine Art Kriegstaumel. Man war wie verblendet.

Ich sage das nicht mit erhobenem Zeigefinger - sondern mit tiefem Erstaunen darüber, wie der" Zeitgeist" Menschen mitreißen und manipulieren kann. Und was hinzukommt: Die Kriegseuphorie war von religiöser Hochstimmung begleitet. Auch die Kirchen ließen sich von diesem nationalen Rausch anstecken. So protestierten z. B. evangelische Berliner Pfarrer dagegen, dass die Kirchenleitung ihnen den Dienst an der Waffe untersagte.

Das Reformationslied "Ein feste Burg ist unser Gott" wurde zum Kriegslied. Und in unzähligen Predigten wurde eine Stelle aus dem Römerbrief des Paulus, Kap. 8, 31-39: "Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein!" für die deutsche Sache in Anspruch genommen. Die kritische und korrigierende Kraft des Wortes Gottes ging unter in der nicht hinterfragten Haltung: Gott ist auf unserer Seite.

Unvergessen ist mir in diesem Zusammenhang ein Gespräch anlässlich eines Geburtstagsbesuches in meiner früheren Gemeinde Ummendorf geblieben: "Mit welcher Begeisterung sind sie in den Krieg gezogen. Es war ein Volksfest. Und wie sind sie zurückgekommen und wie viele nicht mehr", sagte die damalige Jubilarin. Sie hatte den Kriegsausbruch als Jugendliche in Ulm erlebt und eine gewisse Trauer war immer noch bei ihr zu spüren.

1914 - Es hätte ein Sommer wie jeder andere werden können. Aber es war der Beginn einer Katastrophe, wie Europa sie in dieser Weise noch nicht erlebt hatte.

Ich bin dankbar, dass wir in Europa fast 70 Jahre nun in Frieden leben können. Aber Frieden ist nicht nur Abwesenheit von Krieg. Wie schnell Dinge sich ändern können, hat uns die Krimkrise und die Situation in der Ukraine vor Augen geführt. Frieden ist deshalb immer auch "Arbeit für den Frieden". Und da gibt es in unserer Welt wahrlich noch viel zu tun. Europa sollte aufgrund der Erfahrung zweier verheerender Kriege sich nicht nur als ökonomische Gemeinschaft verstehen, sondern alles für den Frieden tun. Und wer für den Frieden arbeitet, hat Gott auf seiner Seite.


Pfarrer i.R. Edwin Schulz
Weingarten im Blick, 1. August 2014

Bild: Verena N./pixelio.de

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Zuspruch und Anspruch

von Pfarrer Stephan Günzler

„Europa rückt nach rechts!“ hieß die schockierende Erkenntnis nach der Europawahl am vergangenen Sonntag.  Rechtsextreme Parteien sind in einigen Ländern inzwischen die stärkste politische Kraft! Das muss beunruhigen, auch wenn in unserem Land aufgrund der guten wirtschaftlichen Lage die demokratiefeindlichen Parolen glücklicherweise (noch) keine Mehrheiten gefunden haben. Aber wenn mehr als die Hälfte der Bürger nicht mehr zur Wahl geht - wie jetzt bei uns in Weingarten - ist das Anlass zur Besorgnis. „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“- steht in Artikel 20 unseres Grundgesetzes. Stimmt das noch oder steht das nur auf dem Papier?


Am 31. Mai 1934 - es ist jetzt genau 80 Jahre her - wurde das Barmer Bekenntnis veröffentlicht, das wichtigste Dokument des Kirchenkampfes in der Zeit des Dritten Reiches. Anlass war der Versuch der Nationalsozialisten, die Kirche gleichzuschalten, also zu einem ideologischen Instrument des Staates zu machen.  Die „Bekennende Kirche“ hat sich dagegen gewehrt und sich als Gegenbewegung gegen die sogenannten „Deutschen Christen“ formiert. In Wuppertal - Barmen fand eine Bekenntnissynode statt, bei der sechs Thesen veröffentlicht wurden, die bis heute richtungsweisend sind für die Evangelische Kirche. Neben den Bekenntnissen aus den Anfängen der Kirche und dem Augsburger Bekenntnis von 1530 gehört es zu den wichtigsten Bekenntnisschriften unserer Kirche. Der Text ist im Evangelischen Gesangbuch abgedruckt (Nr. 836).


Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und Sterben vertrauen und zu gehorchen haben, heißt es in der 1. These der Barmer Erklärung. Das war eine klare Kampfansage gegen den totalitären Anspruch des NS-Staates. Daran knüpft die 2. These an: Wir verwerfen die falsche Lehre, als gebe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären. Das wird theologisch begründet: Jesus Christus sei beides für uns, Zuspruch und Anspruch. Christus spricht uns los von der Macht der Sünde, indem er uns in seine Nachfolge ruft. 

Das Evangelium betrifft also unser ganzes Leben. Glaube ist keine Privatsache. Auch als Bürgerinnen und Bürger im Staat stehen wir vor der Frage, ob wir anderen Herren dienen oder Christus unseren Herrn sein lassen.  Aufgabe der Kirche sei es, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit zu erinnern, sagt die 5. These im Barmer Bekenntnis. Das heißt nicht, dass Kirche selber Politik machen soll. Sie soll bei ihrer Sache bleiben und Gottes Wort verkünden.   Aber indem sie Regierung und Regierte an ihre Verantwortung vor Gott erinnert, zeigt sie dem Staat die Grenzen auf und bewahrt ihn davor, seine Macht zu missbrauchen.

Wir Christen haben einen öffentlichen Auftrag. Wir dürfen uns nicht verstecken. Diese Mahnung ist 80 Jahre nach Barmen wieder hochaktuell. Wo weltliche Institutionen, sei es der Staat, der Markt, die Forschung, das Internet - oder was auch immer - den Menschen Heil und Erlösung versprechen, sind wir als Kirche gefordert, kritische Fragen zu stellen und das Evangelium in Wort und Tat öffentlich zu machen.

Pfarrer Stephan Günzler                                                                                          

Foto: ekir.de/ Archiv/Susanne Pfannschmidt
(Weingarten im Blick, 30.05.2014)


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Konfirmation

Konfirmanden im Fußbaltrikot

Hochschulpfarrerin Esther Manz

 

Die Aufregung steigt – zumindest bei den Fußballbegeisterten unter uns, und das sind ganz schön viele. In wenigen Wochen beginnt die Weltmeisterschaft in Brasilien!
Schon wird wieder die spannende Frage diskutiert: Wen beruft der Bundestrainer in den Kader der Nationalmannschaft? Viele wollen dabei sein, es ist eine große Ehre, berufen zu werden.
An den nächsten Sonntagen konfirmieren wir in Weingarten und Berg  49 Jugendliche. Wir bringen damit zum Ausdruck, dass Gott sie berufen hat und dass er sich über ihr „Ja“ zu dieser Berufung freut.
Gott beruft. Da ruft er einen Mose, und als der seine Probleme bekommt, werden sie ihm von Gott - eines nach dem anderen - aus der Hand genommen. „Ich gehe mit dir!" Ins Innere schaut Gott und beruft Menschen, die nach außen hin nicht so aussehen, als ob sie die Richtigen seien. Mose stottert, hat schon einiges auf dem Kerbholz - und trotzdem führt er das Volk Israel aus Ägypten heraus. Maria und Salome laufen am Ostermorgen erst einmal entsetzt weg – und trotzdem vertraut Gott ihnen die Botschaft von der Auferstehung an und verspricht: „Jesus wird euch begegnen!“ Ein Jeremia sagt: „Ach, ich bin noch so jung." Er bekommt zur Antwort: „Geh' nur, wohin ich dich sende, verkünde, was ich dich heiße und fürchte dich nicht: Ich bin bei dir!"
Jede und jeder von uns hat seine Berufung in dieser Welt. Mit allen Stärken und Schwächen, die wir haben, sind wir berufen in Gottes Weltauswahl. Ohne uns will Gott nicht sein. Er setzt sein Vertrauen in uns – so wie Jogi Löw in seine Nationalelf. „Hab keine Angst, ich bin bei dir, ich gehe mit dir!“
Unser Gott, der uns beruft, schickt uns nicht nur los. Er geht auch mit. Und er freut sich, wenn wir unser Leben als Christinnen und Christen als „Mannschaftssport“ verstehen, wenn wir uns als Teamplayer in der weltweiten Verbundenheit der christlichen Kirchen einbringen. In diesem Sinne gilt unseren Konfirmandinnen und Konfirmanden: Willkommen im Team Kirche - wir freuen uns auf Euch!

Text und Bild: Esther Manz

Gemeindebrief 2014/2, Mai 2014

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Perspektivwechsel

Eines Tages kommt ein völlig erschöpfter Vater zum Rabbi: „Rebbe, was soll ich nur machen? Ich habe eine kleine Hütte, sie hat nur einen Raum, und ich habe sechs Kinder. Es ist so eng!“ Der Rabbi fragt: „Hast du Hühner? Hast du auch eine Ziege?“ „Ja“, antwortet der Mann. „Nimm die Tiere mit in deine Hütte und komm in drei Tagen wieder.“

Nach drei Tagen kommt der Mann und stöhnt: „Rebbe, ich halte das nicht mehr aus. Man kann sich nicht bewegen! Und wie die Ziege stinkt!“ „Gut“, sagt der Rabbi, „schmeiß‘ die Tiere raus und komm morgen wieder“.

Am nächsten Tag fragt ihn der Rabbi: „Und, wie fühlst du dich jetzt in deinem Haus?“ „Großartig“, strahlt er, „so viel Platz, - wie in einem Palast!“


Ist man - wie der erschöpfte Vater in der Geschichte - mit einer Situation nicht zufrieden, gibt es zwei verschiedene Möglichkeiten: Entweder man ändert die Situation oder seine eigene Einstellung zu ihr. Die Entscheidung zwischen diesen Möglichkeiten ist oft das Schwerste an der ganzen Sache, andererseits aber auch schon ein großer Schritt auf dem Weg zur Lösung.

Eine gute und genau für den Vater zugeschnittenen Weg hat der Rabbi da in der Geschichte gefunden: Er gab dem Mann die Möglichkeit, ohne großen Aufwand aus anderer Perspektive auf sein Leben zu sehen. Die eigene neue Erfahrung hat den Mann nachhaltig verändert.

Gut, dass er sich getraut hatte, sein Problem mit jemand anderem zu besprechen.

Text und Bild: Pfarrer Horst Gamerdinger, Evangelische Kirchengemeinde
Geschichte aus: „Oh! Noch mehr Geschichten für andere Zeiten“: Andere Zeiten e.V., Hamburg

 

Weingarten im Blick, 2.5.2014

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Rettungsgeschichte

Osterglocke

Palmsonntag, Karwoche, Karfreitag und Ostern – vom Kirchenjahr her gesehen ist es eine intensive Zeit.


Es geht um Themen wie: Einstehen für seine Überzeugung, Leiden und die Frage nach seinem Sinn, Enttäuschung, Trauer und Tod.


Mit Ostern dann dreht sich alles um, die Vorzeichen ändern sich. Im Vordergrund steht die Freude darüber, dass das Leben alles in sich aufnimmt und nicht tot zu kriegen ist.

Lebensfreude, neues Leben und Hoffnung für die Zukunft. Auferstehung und neues Leben – das ist etwas, was mit dem Verstand nicht ganz begriffen werden kann. Etwas Unbegreifliches bleibt, wir ahnen noch ganz andere Dimensionen des Lebens.
In diesem Zusammenhang bin ich auf eine kurze Geschichte gestoßen, die mich beeindruckt hat. Sie geht so:


Der einzige Überlebende eines Schiffsunglücks wird an den Strand einer einsamen und unbewohnten Insel gespült. Tag für Tag hält er Ausschau nach Rettung – vergeblich. Schließlich baut er für sich und seine wenigen Habseligkeiten eine kleine Hütte aus Holz.
Eines Tages aber geht seine Hütte in Flammen auf. Nun hat er alles verloren; er schreit und klagt vor Ärger und Verzweiflung.
Am nächsten Morgen hört er ein Motorboot herankommen. Er springt auf, und tatsächlich, man will ihn retten. „Woher wusstet ihr, dass ich hier bin?“, fragt er glückstaumelnd seine Retter. „Wir haben Ihr Rauchsignal gesehen.“


Eine Rettungsgeschichte, die Hoffnung macht. Das Beeindruckende für mich ist: Das Feuer, das dem Schiffbrüchigen alles nahm, genau das wird der Grund seiner Rettung. In ganz „unkirchlichen“ Worten drückt die Geschichte aus, worum es an Karfreitag und Ostern geht: Um den Weg durch die Hoffnungslosigkeit hindurch hin zum Geschenk des neuen Lebens.

Text und Bild: Horst Gamerdinger
Kurzgeschichte in: Imre Kertész, Dossier K. Eine Ermittlung, zitiert nach Der andere Advent 2007.

 

Weingarten im Blick, 11.4.14

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Geschwister

Pfarrer Stephan Günzler

Freunde kann man sich aussuchen. Brüder und Schwestern dagegen nicht. Viele, die als Einzelkinder aufwuchsen, haben sich oft nichts sehnlicher gewünscht als Geschwister, mit denen man hätte spielen und reden können. Andere dagegen müssen sich die Liebe der Eltern mit Brüder und Schwestern teilen und erleben ihre Familie als anstrengend. Da findet sich fast jeden Tag irgendein Anlass, sich in die Haare zu kriegen. Besonders empfindlich reagieren Kinder - und wir bleiben es ein Leben lang - , wenn sie sich zurückgesetzt fühlen. Kein Wunder also, dass Josef von seinen Brüdern gehasst wird. In vierzehn spannenden Kapiteln erzählt uns die Bibel die Geschichte ihrer Familie. Da wird nichts beschönigt. Im Gegenteil.

Josef, der verhätschelte Liebling seines Vaters, der nichts besseres weiß, als seine Geschwister auch noch ständig zu verpetzen und vor ihnen anzugeben, bekommt ihre Rache furchtbar zu spüren. Sie verkaufen ihren Bruder als Sklaven nach Ägypten und melden dem Vater, ein wildes Tier habe ihn getötet. Doch die Geschichte ist damit nicht zu Ende. Was aus Josef in Ägypten wird, und wie sich das Drama unter den Geschwistern weiter entwickelt, ist das Thema unserer diesjährigen Bibelwoche.

Eine Geschichte, keineswegs nur für Kinder. Es lohnt sich, sich mitten hinein zu versetzen in die handelnden Personen und damit selbst ein Teil der Geschichte zu werden, wie es im Bibliodrama geschieht. Ergreifend ist für mich die Szene, wo die Brüder vor Josef im Staub liegen, dem mächtigsten Mann in Ägypten neben dem Pharao, nicht ahnend, wer ihnen da gegenüber sitzt. Als sie sagen „Siehe, wir sind deine Knechte!“, wendet sich Josef ab und weint. Knechte hat er genug. Brüder möchte er haben. Doch, wer baut den Geschwistern die Brücke, nach allem, was vorgefallen ist? Es bleibt spannend bis zum Schluss.

Doch die Geschichte von Josef und seinen Brüdern ist mehr als ein Krimi. Das eigentlich Aufregende ist ja die Tatsache, dass diese zwölf Brüder Teil der Heilsgeschichte Gottes sind. Sie werden später die Stammväter des Volkes Gottes. David und Salomo, ja auch Jesus von Nazareth sind ihre Nachfahren. Gott schreibt auch auf krummen Linien gerade. Er kann Fluch in Segen verwandeln. Selbst aus dem Streit der Geschwister lässt Gott ein zartes Pflänzchen wachsen, das Versöhnung und Frieden in sich trägt.

Irgendwie tröstlich! Nicht nur für die Eltern, die sich fragen, was sie alles falsch gemacht haben an ihren Kindern. Auch allen, die Brüder oder Schwestern haben. Ich find´s schön, dass wir als Glaubensgeschwister gemeinsam die Bibel lesen und freue mich auf die Ökumenische Woche zur Josefsgeschichte.

Weingarten im Blick, 21.03.2014                                                                           
Foto: M. Günzler


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Aufblühen

Foto: Karin Jung, pixelio.de

„Kommt der Frühling eigentlich dieses Jahr auch?“ fragte mich neulich ein kleiner Junge aus der ersten Klasse. „Ja, auch dieses Jahr kommt der Frühling wieder“, konnte ich ihm versichern. „Immer nach dem Winter kommt der Frühling. Und dann bekommen die Bäume wieder grüne Blätter und alles fängt an zu blühen.“

Dem Jungen hat das gefallen. „Gut, dass man sich darauf verlassen kann“, habe ich in seinem Gesicht gelesen. Mir fällt das Versprechen ein, das am Ende der Noah-Geschichte Gott den Menschen gibt: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ (1. Mose 8,22).

Gut, wenn man sich darauf verlassen kann. Nach dem Winter kommt der Frühling, das kann man ja auch im übertragenen Sinne verstehen.
Auch im übertragenen Sinne möchte ich mit der gleichen Gewissheit sagen: Nach dem Winter kommt der Frühling, nach der Kälte wieder die Wärme und nach dem Abgestorben sein wieder das neue Aufblühen.
Ich vertraue darauf: das Leben trägt mich. Ich bin gehalten von Gott – egal was passiert.

So könnte man auch beschreiben, was wir an Ostern feiern. Es ist ja kein Zufall, dass Ostern und der Frühling zu-sammen fällt. Im Frühling erleben wir sozusagen mit den Sinnen, was die Ostergeschichte erzählt: Am Ende steht nicht der Tod, sondern das Leben, das Leben in einem ganz umfassenden Sinne. Im Vertrauen darauf möchte ich unterwegs sein.
Es grüßt Sie herzlich

Pfarrer Horst Gamerdinger

Gemeindebrief März 2014

 

 

(Foto: Annamartha, pixelio.de)

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Rundum sorglos?

(Foto: Dieter Schütz, pixelio.de)

Kleine Kinder, kleine Sorgen, große Kinder, große Sorgen,  heißt es. Worum sorgen Sie sich? Fast jede und jeder von uns sorgt sich um seine Angehörigen, genau wie es das Sprichwort besagt: Kommt mein Kind in der Schule zurecht? Finden die Enkel die richtigen Freunde? Hat mein Partner genug Kraftreserven für die Anforderungen bei der Arbeit? Wie kommen wir als Familie mit der Demenz der Mutter klar? Wir kennen Momente, in denen Sorgen an uns nagen und uns nachts den Schlaf rauben. Ein Leben ohne Sorgen – wäre das nicht wunderbar – frei, leicht, glücklich?


Für alle Geplagten gibt es indessen eine gute Nachricht: Man kann sich von Sorgen freikaufen. So will es uns die Werbung glaubhaft machen. Das Zauberwort heißt: „Rundum Sorglos – Paket“. Für fast alle Lebenslagen sind solche Pakete erhältlich: es gibt sie für die Urlaubsreise und die Baby-Erstausstattung, für Kontaktlinsenträger und sogar für die Versorgung von Zwergkaninchen.  Von Werbeplakaten lachen einen glatte Gesichter an und versprechen ein sorgenfreies Leben – wenn man nur genug dafür bezahlt. Also: „wirf all die dummen Sorgen über Bord!“ Verlockend? Zweifelhaft! Wohl kann man sich gegen Risiken absichern,  aber sich von Lebenssorgen freikaufen? Das funktioniert nicht, selbst wenn mir einer garantiert, dass im Urlaub jeden Morgen frische Brötchen auf dem Tisch stehen und mein Hamster daheim einen sauberen Käfig hat.


Man kann das Wort „Sorge“ auch anders hören: Ein rundum sorgloses Leben – wäre das nicht auch ein Leben, in dem ich mich um nichts kümmere, für Nichts und Niemanden sorge? Das möchte ich auf keinen Fall! „Sorge“ ist doch etwas zutiefst Menschliches: Sorge tragen, für jemand sorgen, etwas besorgen, etwas sorgfältig tun – diese Wortfamilie hat einen lebensfreundlichen Inhalt. Sie sagt etwas darüber aus, dass wir uns nicht gleichgültig sind. Dass Menschen füreinander einstehen. So sprechen beispielsweise alle Amtsträger der Evangelischen Kirche bei ihrer Einsetzung diesen Satz: „Ich will in meinem Teil dafür Sorge tragen, dass die Kirche … auf den Grund des Evangeliums gebaut wird“.  Wir alle tragen für andere Menschen und für wichtige Angelegenheiten Sorge und finden uns so als Teil einer Gemeinschaft wieder.


Schwierig wird es, wenn wir merken, dass uns unsere Sorgen über den Kopf wachsen. Es gibt Sorgen, die können Menschen erdrücken. Es kommt auch vor, dass wir uns vor lauter Sorge nur noch um uns selbst drehen und an den anderen vorbeileben. Dafür gibt es eine Adresse und ein Versprechen in der Bibel: Auch für uns ist gesorgt. Keine Sorge ist so groß, dass wir sie nicht abgeben könnten. Wir dürfen loslassen: Alle Eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für Euch (1 Petr 5,7)

 


Marit Hole, Pfarrerin

Foto: Dieter Schütz/pixelio.de

Weingarten im Blick, 28.2.2014

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Stärke und Schwäche

Tour de France.

Als die Spitzengruppe von einem Zitronenfalter überholt wurde, gaben viele Radfahrer das Rennen auf.


Diese kleine Geschichte steht im Evangelischen Gesangbuch irgendwo zwischen den Liedern. Günter Grass hat sie geschrieben. Schon seit Jahren fasziniert sie mich: Sie wirbelt die gängigen Gedankenwege so schön durcheinander.
Stärke und Schwäche. Was ist eigentlich stark? Der eine hat Muskeln, der andere kann starke mentale Kraft mobilisieren, schon Kinder können das.
Auch Schwächen machen stark. Wenn man sie kennt, seine Schwächen akzeptieren kann als Teil von sich und vielleicht sogar darüber lachen kann. Wirklich menschlich ist nur eine Stärke, die sich der eigenen Schwäche bewusst bleibt.  
Und es gibt auch die Stärke, die aus Verletzungen und Niederlagen erwächst. Es sind kostbare Erfahrungen, die Menschen dort machen, wo sie ihre Schwäche nicht mehr verdrängen müssen, sondern sich als „ganz“ erleben, auch in der Niederlage, in der Verletzung. Das geht nicht immer, es ist eher ein Geschenk, wenn es gelingt. Dass aus Ihren Schwächen Stärken werden können, das wünsche ich Ihnen.

 

Pfarrer Horst Gamerdinger

Foto: Claudia Brefeld, pixelio.de

Weingarten im Blick, 7.2.2014

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Das Glück lesen lernen

Foto: Michael Boenke

Pfarrer Stephan Günzler zur Jahreslosung 2014
    
Gott nahe zu sein ist mein Glück (Ps 73,28) heißt die Jahreslosung für 2014. Das klingt ein bisschen wie in der Werbung. Doch da haben wir inzwischen gelernt, skeptisch zu sein.  Braucht man sich denn Gott nur vor seinen Karren spannen, und schon hat man das Glück sicher? Ist Gott also eine Art Talisman? Das hieße ja im Umkehrschluss: Wer Pech hat im Leben, ist selber schuld. Gott ist nur bei den Glücklichen.

Nein, Psalm 73 ist kein Werbespot mit lauter strahlendem Zahnpastalächeln. Im Gegenteil: Da betet ein todkranker Mensch, dem Leib und Seele verschmachtet. Und es bringt ihn fast um den Verstand, dass ausgerechnet ihn das Leid getroffen hat, während es den anderen gut geht. Seine ganze Wut schreit er seinem Gott ins Gesicht. Und da passiert etwas Eigenartiges:  Er findet sein Vertrauen wieder. Er erfährt, dass, wo alles andere wegbricht, noch immer diese Hand da ist, die ihn hält. Dass da einer seine Wut aushält und ihn nicht fallen lässt. Sein Gebet endet mit trotziger Überzeugung „Dennoch bleibe ich stets dir, denn du hältst mich bei meiner rechten Hand! Das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte!“  So heißt es bei Luther, und in der Einheitsübersetzung: „Gott nahe zu sein ist mein Glück.“ Gottes Ja zu uns steht und fällt nicht mit dem, wie´s uns gerade geht.  Gott ist größer als unser Glück - und größer auch als unser Unglück.  Im Leben wie im Sterben ist er für uns da.

Dieses Vertrauen hilft neu zu einem neuen Sehen: Jesus nennt in seiner Bergpredigt sogar die glücklich, die vom Leben gebeutelt sind, die Armen, die Leidtragenden, die Rechtlosen, die Verfolgten oder auch die, die keiner so recht ernst nimmt, weil sie überall unter die Räder kommen, die reinen Herzens sind, die Sanftmütigen, die Friedfertigen, die Barmherzigen. Ihnen gehört das Reich Gottes, sagt Jesus. Denn Gott hat eine Vorliebe für die Schwachen und Gescheiterten, für Menschen die nichts vorweisen können als ihre Bedürftigkeit. An ihnen sollen wir erfahren, wie Gott ist. Und an ihnen zeigt er uns unsere Würde. Sie sind Gottes Kinder - und wir dürfen es auch sein.

Jesus hat mit diesen Worten einen ganz neuen Horizont aufgetan. Er hat uns das Glück der Anderen ans Herz gelegt. Wir können nicht glücklich sein auf Kosten der anderen. Keiner verdankt sich sein Leben selber - und auch nicht sein Glück. Wir leben davon, dass wir einander weitergeben, was wir empfangen haben. Die Jahreslosung ermutigt uns, Gott zu suchen auch im Glück der kleinen Dinge, im Gelingen vieler Selbstverständlichkeiten, im täglichen Miteinander. Wenn wir immer nur auf das große Glück warten, können wir darüber das Glück, können wir vielleicht sogar Gott versäumen. Man muss das Glück lesen lernen in den kleinen Dingen des Lebens.  Gott ist nahe. Machen wir uns auf die Suche nach ihm. Viel Glück dabei!


Weingarten im Blick, 16.01.2014

Foto: Michael Boenke

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Alles hat seine Zeit

Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde. (Prediger 3,1)

 

Liebe Leserinnen und Leser!


Unser Leben braucht seinen gesunden Rhythmus. Dies weiß nicht nur die Bibel. Sie alle werden es auf Ihre Weise mit Ihrer Erfahrung bestätigen können. Es tut gut, mit abgegrenzten Zeiten, mit Rhythmen, die unser Leben ordnen und gliedern, zu leben. Sie geben Zeit zum Aufatmen, sie geben der Seele Raum zum Innehalten und Entspannen und das brauchen wir, um uns dann wieder mit voller Kraft dem widmen zu können, was als Aufgabe für uns  ansteht.
Es gibt einen Rhythmus des Lebens, einen Rhythmus des Jahres, einen Rhythmus der Woche und des Tages. Dieser Rhythmus ist bei uns seit vielen Jahrhunderten mitgeprägt von den Zeiten unseres Kirchenjahres.
Gerade die Adventszeit ist eine ganz besondere Zeit. Es ist eine Zeit der Einkehr und der Stille, der Vorfreude und der Erwartung. Nach dem Ewigkeitssonntag (Totensonntag) ist für vier Wochen Raum, sich auf Weihnachten vorzubereiten.
Doch irgendwie ist es bei uns inzwischen so, dass aus den vier Wochen fünf, sechs oder noch mehr geworden sind.
An manchen Orten sind bereits Mitte November Straßen und Geschäfte weihnachtlich geschmückt. Auf mich wirkt das so, als ob man das Licht ohne die Dunkelheit haben wollte.
Worauf sollen wir uns eigentlich noch freuen, wenn der Lebkuchen schon ab August auf dem Tisch steht, wenn alles immer gleich verfügbar – ohne Warten und das heißt ja auch ohne Vorfreude?

"Können wir noch warten?" das ist eine sehr wichtige Frage unserer Zeit. Können wir warten auf die Zeit der Vorfreude, darauf, dass die nachdenklich stimmende Dunkelheit des November vom wärmenden Kerzenschein im Advent abgelöst wird?

Die Adventszeit mit ihren besonderen Farben und Düften, mit Lichterglanz und Weihnachtsbäckerei braucht ihren festen Rahmen, wenn sie ihre Bedeutung und ihren Sinn und damit ihre heilsame Wirkung behalten soll.
Diesen Rahmen brauchen wir, denn er hilft uns, dass wir es wirklich wahrnehmen und mit unseren Sinnen erleben: Das Kommen, die Ankunft Gottes, die wir dann mit dem Weihnachtsfest feiern werden.

Für mich ist die ganze Reihe unserer Feiertage in der dunklen Jahreszeit – beginnend mit dem Reformationstag, gefolgt vom Buß- und Bettag und vom Ewigkeitssonntag über die Adventssonntage bis es schließlich Weihnachten wird, eine heilsame Einübung in den Umgang mit der Zeit, in den Umgang mit unserer Lebenszeit.
Es ist heilsam, erst die Stille und Dunkelheit der Novemberwochen zu durchschreiten, um dann Schritt für Schritt auf das Licht von Weihnachten zuzugehen. Die Erfahrung der Dunkelheit gibt den Liedern, die wir in der Adventszeit anstimmen und den Kerzen, die wir anzünden, erst so richtig ihre Wirkung.

So wünsche ich uns, dass wir den Rhythmus von Dunkelheit und Licht, von Ende und Anfang in den noch verbleibenden Tagen des Advent aufs neue erfahren. Ich wünsche uns dabei auch, dass wir spüren, wie gut uns das tut, den Weg durch die Dunkelheit zum Licht bewusst zu gehen.     

Es grüßt Sie herzlich
Ihr Pfarrer Wolfgang Rapp

 

Weingarten im Blick, 13.12.2013

Bild: Eva Rapp-Teichert

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Weise werden

Bild: Petra Schmid/pixelio.de

Was ist noch wichtig angesichts des Todes?

Gedanken zum Totensonntag von Pfarrer Horst Gamerdinger

 

Ewigkeitssonntag. In der evangelischen Kirche erinnern wir uns an diesem letzten Sonntag im Kirchenjahr an die Toten, weshalb der Sonntag auch Totensonntag genannt wird (24. November 2013). Die Namen der Verstorbenen unserer Gemeinde werden im Gottesdienst genannt.
An die Toten zu denken, heißt immer auch an den eigenen Tod zu denken. Eigentlich wissen wir es ja alle, doch wenn jemand stirbt, dem man nahe steht, wird es wieder besonders deutlich: Auch unser Leben ist endlich. Damit müssen wir zurecht kommen. Darauf müssen wir uns einstellen. Ein Psalmbeter hat dies in der Bibel so ausgedrückt: "Gott, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir weise werden." (Ps 90,12)


Weise werden im Angesicht des Todes.

Keine leichte Aufgabe.

Eher ein Geschenk, wenn es gelingt.

Was gehört dazu? Vielleicht folgendes:
Bereit sein für das Ende.
Dankbar sein für jeden Tag.
Jeden Augenblick besonders schätzen können.
Sich auf das besinnen, wofür es sich wirklich zu leben lohnt.
Sein Leben nach den Werten auszurichten, die auch noch im Angesicht des Todes Bestand haben.
Was noch wichtig ist, wenn man vor dem Tod steht, das sollte auch das ganze Leben über wichtig sein.


"Gott, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir weise werden." Weise werden, das heißt für mich auch: Darauf zu vertrauen, dass mein ganzes Dasein in Gottes Hand liegt. Gott trägt mich, auch dann, wenn es einmal gar nicht danach aussieht. Ich vertraue darauf, dass das auch im Tod gilt und dass er Möglichkeiten für uns findet, die wir uns jetzt, in diesem Leben, gar nicht vorstellen können.

 

Weingarten im Blick, 22. November 2013

 

Bild: Petra Schmid/pixelio.de

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Vom Reichtum, verschieden zu sein

Hahn der Stadtkirche Weingarten

Hahn auf dem Turm der Stadtkirche Weingarten

Pfarrer Günzler zum Refomationstag 


Von Winfried Kretschmann, unserem Ministerpräsidenten, wurde vorgeschlagen, den 31. Oktober im Jahr 2017 anlässlich des 500-jährigen Reformationsjubiläums bundesweit als Feiertag zu begehen. Das ist bemerkenswert, nicht nur, weil Kretschmann ein überzeugter Katholik ist, sondern auch, weil kirchliche Feiertage in unserem Land zunehmend in Frage gestellt werden. Man denke nur an die Streichung des Buß- und Bettags vor achtzehn Jahren.

 

Aber was soll eigentlich am 31. Oktober gefeiert werden? Die Gründung der Evangelischen Kirche? Wohl kaum, denn die gründet sich hoffentlich nicht auf Martin Luther, sondern auf Jesus Christus. Ich erinnere an die erste der 95 Thesen, die Luther am 31.Oktober 1517 in Wittenberg veröffentlichte. Sie heißt: „Unser Herr und Meister Jesus Christus wollte mit seinem Wort „Tut Buße“...(Mt 4,17), dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sei!“ 

 

Die römische Kirche an Haupt und Gliedern zu reformieren, ist Luther angetreten. Es ist ihm nicht gelungen. Er und seine Anhänger wurden exkommuniziert. Eine schmerzliche Spaltung der Kirche war die Folge. Deutschland wurde aufgeteilt in katholische und evangelische Gebiete. Noch bis Ende der 60er Jahre durften auch hier in Weingarten evangelische und katholische Kinder nicht gemeinsam zur Schule gehen oder auf dem Pausenhof miteinander herumtollen. Mehr als 400 Jahre lang lebten die Konfessionen in unserem Land nebeneinander her. Das war nicht gut.

Warum sollte man den 31.Oktober also feiern?

 

Inzwischen ist allerdings soviel an ökumenischen Beziehungen zwischen den beiden Kirchen gewachsen, dass die Zeit nicht mehr zurückzudrehen ist. Es ist ein Reichtum, verschieden zu sein und voneinander lernen zu können. Keine Seite hat die Wahrheit für sich gepachtet. Wir brauchen das Gespräch über den Glauben. Wir brauchen mutige und gesellschaftlich engagierte Christen. Wir brauchen die kritischen Rückfragen, auch von Menschen, die sich in keiner Kirche mehr beheimatet fühlen.
Es kann sein, dass die Christen in unserm Land eine Minderheit werden. Worauf es aber ankommt, ist, dass wir als Kirche glaubwürdig bleiben. Nur wer weiß und sich dazu bekennt, dass er selbst auf Vergebung angewiesen ist, kann die frohe Botschaft von der Gnade Gottes anderen nahe bringen. Der Hahn auf dem Turm unserer Stadtkirche in Weingarten mahnt uns täglich daran. Wenn wir nur dieses Eine zu Herzen nehmen, dann ist der 31. Oktober tatsächlich eine Sternstunde gewesen. Nicht nur für uns Evangelische, sondern für uns alle.

Denn was wir als Christen in der Ökumene vorleben, wirkt hinein in die Gesellschaft. Dort gilt es ja noch ganz andere Spaltungen zu überbrücken.

 

Lasst uns beten für eine Kirche, die nach Einheit strebt und nicht nach Einheitlichkeit,
die nach Gemeinsamkeiten sucht und Unterschiede anerkennt.
Lasst uns beten für eine Kirche, die in die Welt hinausgeht und sich nicht hinter Mauern versteckt, die offen ist für viele Strömungen, aber nicht mit dem Strom schwimmt. Lasst uns beten für eine Kirche, in der nicht die vom „Dienen“ reden, die „Herrschen“ meinen, sondern in der der herrscht, der uns dient alle Tage bis an der Welt Ende. (Eckhard Hermann)

     
Text und Foto: Pfarrer Stephan Günzler

(Weingarten im Blick, 31.10.2013)

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Der Ruhetag – damit der Mensch den Überblick behält

Stadtkirche Weingarten

Sonntagsgottesdienst mit Taufen in der Stadtkirche Weingarten

Pfarrer Wolfgang Rapp über Rhythmen und Ruhetage

 

Mit einem ungewöhnlichen Satz hat eine Telefongesellschaft vor einigen Jahren für ihre neuen Nachttarife geworben. Auf Plakaten und in Anzeigen war zu lesen: „Warum schuf Gott Tag und Nacht? - Damit der Mensch den Überblick behält." Bei der Werbung für den billigen Nachttarif haben die Werbeleute damals wohl gar nicht bemerkt, welch kluge Lebensweisheit sie an die Litfaßsäulen geklebt und in Zeitungen annonciert haben.


Denn mit Tag und Nacht hat alles angefangen! „Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag“, sagt die Bibel in der Schöpfungsgeschichte, und danach kam der zweite Tag und der dritte bis zum sechsten. Den siebenten Tag aber machte Gott zum Ruhetag und segnete ihn. Seitdem kennen wir den Rhythmus der Zeit aus Nacht und Tag, Werktagen und Ruhetag. Der dahinfließende Strom der Zeit reißt uns nicht einfach mit. Und mit dem siebenten Tag haben wir einen ruhenden Pol in die Zeit gebaut, den Ruhetag - damit der Mensch den Überblick behält.


Manchmal finden wir noch Merkzeichen, die uns an den Rhythmus der Zeit erinnern: das Abendgeläut einer Kirche etwa, oder wenn am späten Samstagnachmittag die Glocken den Sonntag einläuten.

Solche Merkzeichen hat die religiöse jüdische Tradition auf ihre ganz eigene Weise bewahrt. Ein jüdisches Morgengebet lobt Gott dafür, dass er „dem Hahne Erkenntnis gegeben hat, zu unterscheiden zwischen Tag und Nacht". Und der Ruhetag, der Sabbat, beginnt und endet jeweils immer mit einer kleinen Zeremonie: Die Frau des Hauses entzündet zwei Kerzen und spricht einen Segen. Und ebenso endet der Ruhetag mit einem Becher Wein und einem Segen. Gott wird gepriesen, dass er unterschieden hat zwischen Heiligem und Unheiligem, zwischen Licht und Finsternis, zwischen dem Ruhetag und den Werktagen!

Und zum Abschluss lässt man eine Büchse mit wohlriechenden Gewürzen herumgehen, alle schnuppern an ihr, um noch einmal den Wohlgeruch des Ruhetages einzuatmen. Dann wünscht man sich eine: „Gute Woche!"


Wie war noch der kluge Satz in der Telefonwerbung? „Warum schuf Gott Tag und Nacht - und Werktag und Feiertag? Damit der Mensch den Überblick behält!" Recht haben die Werbeleute.

Einen gesegneten Sonntag und im Anschluss daran eine gute Woche wünscht Ihnen

Ihr Pfarrer Wolfgang Rapp


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Wir haben die Wahl

Markt in Marrakesch (Marokko)

Foto: S. Günzler, Markt in Marrakesch (Marokko)

Pfarrer Stephan Günzler über wählen und erwählt sein

 

Liebe Gemeindeglieder,

„Alles 1. Wahl!“ – preisen die Händler ihre Ware an. Brechend voll sind ihre Tische auf dem Markt. Gemüse und Früchte in allen Farben erfreuen das Auge. Oliven, Kräuter und Gewürze, Brot und Käse locken mit tausenderlei Düften.

Durch einen Markt zu schlendern, einzutauchen in das bunte Treiben auf den engen Gassen einer Stadt, ist jedes Mal ein Erlebnis. Es ist berauschend schön, was die Erde so alles hervorbringt und was es Leckeres zu kaufen gibt. Schön sind auch die Menschen, wie sie einander freudig begrüßen oder ein Schwätzchen miteinander halten. Wenn Markt ist, hält es keinen Zuhause.

Markt in Hermannstadt, (Rumänien)

Foto: S. Günzler, Markt in Hermannstadt, (Rumänien)

Wählen dürfen wir in diesem Herbst gleich zwei Mal: Am 22. September sind die Wahlen zum Deutschen Bundestag, und am 1. Dezember ist die Kirchenwahl in unserer Evangelischen Landeskirche in Württemberg.

Die politischen Parteien tun sich hierzulande immer schwerer, die Menschen zu mobilisieren. In anderen Ländern muss das Recht auf freie Wahlen mühsam erkämpft werden. Bei uns dagegen besteht die Gefahr, dass wir die Politik als ein (schmutziges) Geschäft sehen, das wir den Politikern überlassen, während sich jeder nur noch um sein persönliches Wohlergehen sorgt. Doch Demokratie ist ein kostbares Gut. Man muss es pflegen, um es zu erhalten.

Ob es gerecht zugeht in unserer Gesellschaft, in Europa, in der Einen Welt, das kann uns als Christen nicht egal sein. Wenn Menschen für Hungerlöhne schuften, während andere sich mit ihrem Vermögen aus der Verantwortung ziehen, steht die Menschenwürde auf dem Spiel. Da wird Gott ins Gesicht gespuckt. Auch andere Themen wie der Datenschutz oder die Bildungspolitik brennen auf den Nägeln.  Darum: Lasst uns zur Wahl gehen am 22. September und unsere Verantwortung wahrnehmen als Bürgerinnen und Bürger.

Dasselbe gilt erst recht für die Wahl am 1. Dezember. „Wir sind Kirche!“ Das ist eine der wichtigsten Entdeckungen der Reformation.  Alle Gläubigen sind Priester (1.Petrus 2), die Kirche ist nicht Sache des Klerus, sondern die Sache aller. Bei uns in Württemberg wird sogar die Landessynode, nicht nur der örtliche Kirchengemeinderat vom ganzen Kirchenvolk, also in Urwahl, gewählt. Ein hoher demokratischer Anspruch! Und was neu ist bei dieser Wahl: Schon ab 14 darf man wählen!

Markt in Malaucène (Frankreich)

Foto: S. Günzler, Markt in Malaucène (Frankreich)

Alle sechs Jahre werden die Gremien neu gewählt, die unsre Kirche leiten. Das ist, wie unser neuer Codekan Dr. Gottfried Claß schreibt, eine große Chance. Im Gemeindeleben braucht es die Dynamik von Ende und Neuanfang.  Alle sechs Jahre macht sich ein neues Gremium auf den Weg mit neuen    Ideen, neuem Schwung und neuen Schwerpunkten. Die Suche nach Kandidaten ist wie eine Schatzsuche. Viele Talente sind in unseren Gemeinden verborgen. Sie warten darauf, entdeckt zu werden.

Die Mitarbeit im Kirchengemeinderat ist ein Ehrenamt. Menschen investieren Zeit und Kraft, um die Verantwortung wahrzunehmen für das Personal und die Finanzen, für den Gottesdienst und das Gemeindeleben, für die Wahl der Pfarrerinnen und Pfarrer und die Begleitung in ihrem Dienst. Dafür brauchen sie unseren Rückhalt und unser Vertrauen.

Wählen dürfen ist eine Auszeichnung, die nach Sicht der Bibel uns Menschen vorbehalten ist als Bild Gottes. Wir können wählen, wie und mit wem wir leben wollen, wie wir unsere Zeit zubringen, was wir denken, tun und sagen wollen - und was nicht. Jeder und jede trägt Verantwortung für sich und für die Welt, die Gott uns anvertraut hat. Nicht immer tragen wir leicht daran. Je unübersichtlicher die Welt wird, je grenzenloser unsere Möglichkeiten, desto schwerer tun wir uns. Da wird dann die Wahl zur Qual.

Vielleicht hilft uns der Gedanke: Auch Gott hat gewählt: Uns nämlich!        Dass es uns gibt, ist kein Zufall, keine Laune der Natur. Da hat sich einer entschieden, mit uns durch dick und dünn zu gehen. Und er steht zu seiner Wahl trotz allem, was gegen uns spricht. „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende!“ - heißt sein Versprechen. „Ich habe euch erwählt! Ihr könnt euch auf mich verlassen, und ich baue auf euch!“

Menschen, die Verantwortung übernehmen, brauchen das Vertrauen der anderen.   Darum meine Bitte: Nehmen wir von unserem Wahlrecht Gebrauch! Wir haben die Wahl.

 

Gemeindebrief, September 2013

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Auf gefährlichen Wegen

Bild: Cima Sassone, Eva Rapp-Teichert

Bild: Cima Sassone, Eva Rapp-Teichert

Pfarrer Wolfgang Rapp

 

Frank ist ein begeisterter Alpinist. Die Berge können ihm nicht hoch genug sein. Immer, wenn er aus den Alpen zurückkommt, ist er wie ausgewechselt. Er sprüht vor Begeisterung und Lebensfreude. Seinem Freund sagt er: „Du musst unbedingt mal mit in die Alpen! Das wird dir gefallen!“

Dann war es soweit. Die beiden machten sich auf den Weg. Bergwandern in den Tessiner Alpen! Der Anstieg war noch recht einfach. Doch für den Rückweg hatte Frank einen schmalen Grat ausgewählt. Links und rechts fiel der Berg steil ab. Zeitweise bewegte sich der Freund nur noch auf allen Vieren fort - und verfluchte sich selbst und Frank: Wie konnte der dich hier raufschleppen? Du bist total unerfahren und könntest jeden Moment abstürzen!

Irgendwann wurde der Weg wieder breiter. Der Freund fühlte sich sicherer und ging entspannt bergab. Doch jetzt fing Frank an, zu warnen: „Geh vorsichtig! Achte genau darauf, wo du hintrittst!“ „Das hätte er mal lieber vorhin auf dem schmalen Grat sagen sollen“, ärgerte sich der Freund.

Am Abend beim Wein erklärt Frank sein Verhalten: „Weißt du, es gibt subjektive und objektive Gefahren“, sagte er. „Subjektiv hast du dich oben auf dem Grat gefährdet gefühlt. Aber du warst vorsichtig und hast dich angemessen verhalten. Aber später, beim Abstieg, warst du müde und unaufmerksam. Das ist gefährlich. Ein einziger Stein vor deinem Fuß, ein kleines Schotterfeld - und schon ist es passiert.“

Subjektive und objektive Gefahren: Sie spielen auch im Alltag eine große Rolle. Ein „ungefährlicher“ Besuch beim Zahnarzt kann uns ziemlich beschäftigen. Aber im Wagen auf der Autobahn fühlen wir uns sicher wie in Abrahams Schoß - und das bei Tempo 160.

Ein alter irischer Segen drückt das so aus:
Pflege die Kräfte deines Gemütes,

damit es dich schützen kann, wenn Unglück dich trifft;

aber erschöpfe dich nicht durch dunkle Vorahnungen.

Möge Gott Sie und mich davor behüten, dass wir die bedrohlichen Dinge unterschätzen - oder uns in unnötigen Ängsten verfangen.

Das wünscht Ihnen für Ihre sommerlichen Unternehmungen,

Ihr Pfarrer Wolfgang Rapp


Weingarten im Blick, 9.8.2013

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Sommerzeit

Pfarrer Horst Gamerdinger

 

Die großen Ferien sind nicht mehr weit. Dem Alltagsstress entfliehen, Zeit haben für die Dinge, die sonst zu kurz kommen: die schönen Seiten des Lebens genießen, in der Ferne Neues entdecken, in der Nähe die übersehenen Schönheiten wahrnehmen, ausschlafen, faulenzen, Freunde treffen, Unternehmungen mit der Familie.
Urlaub und Ferien wie sie heute selbstverständlich sind, sind menschliche Regelungen, hart erkämpft. Der Kern jedoch, der Rhythmus von Arbeit und Ruhe, ist fest in Gottes Schöpfung verankert: "Und so vollendete Gott am 7. Tag seine Werke, die er machte, und ruhte am 7. Tag von allen seinen Werken, die er gemacht hat. Und er segnete den 7. Tag und heiligte ihn, weil Gott an ihm ruht von allen seinen Werken, die er geschaffen hat." (1.Buch Mose 2,2-3)

 

Ohne diesen besonders gewichteten und geschützten 7. Ruhetag wäre die Welt unvollständig. So können Sie auch die Urlaubszeit in den Zusammenhang der Schöpfung stellen und als Geschenk Gottes verstehen. Zeit, die Ihnen geschenkt ist, um unbelastet von alltäglichen Pflichten den eigenen Platz in der Welt neu in den Blick zu nehmen.


Ein Gedicht, das diese Momente der Ruhe, des zweckfreien Genießens und des gegenwärtig Seins im Augenblick gut einfängt, habe ich bei Jörg Zink gefunden.

Ich stehe am Ufer / und die Stille ist voll / deiner Gegenwart.
Ich warte auf ein Wort / aus einer anderen Welt, / von dir.
Ich weiß, dass du mich siehst, / und öffne dir mein Herz.
Ich war allein / mitten unter den Menschen. / Nun bin ich in dir.
Ich war gefangen / in mir selbst. / Nun bin ich frei.
Ich atme den Wind / und die Weite. / Ich atme dich.

Ich wünsche Ihnen eine erholsame, anregende und gesegnete Sommer- und Urlaubszeit.

Text und Bild: Horst Gamerdinger

Weingarten im Blick, 19.7.2013

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Tragfähig

Puente de Reina (Foto: wikimedia.org)

Puente de Reina (Foto: wikimedia.org)

Pfarrer Stephan Günzler


“Können wir dir irgendwie helfen?“  Im heulenden Sturm auf der Passstraße in 2300 m Höhe kamen nur Wortfetzen bei mir an. Total durchnässt und durchgefroren warf ich mit letzter Kraft mein Rad auf die Pritsche des Geländewagens und stieg ins windgeschützte Fahrzeug. Die zwei jungen Leute im Wagen hatten gesehen, wie ich an die Felsen gekauert Schutz suchte vor den Orkanböen und dem einsetzenden Schneefall. Der Himmel musste die beiden geschickt haben. Sie brachten mich schließlich heil über den Pass.


Manche unter uns stehen Tag für Tag vor einem solchen Berg. Für sie ist der tägliche Kampf nicht nur ein Urlaubsabenteuer. Die immer höheren beruflichen Anforderungen rauben ihnen den Schlaf. Sie werden krank an Leib und Seele. Andere verausgaben sich bis zur totalen Erschöpfung im Spagat von Familie und Beruf, und nicht selten kommen noch die kranken Großeltern als Sorge dazu. Aber auch junge Menschen kommen bisweilen schon an die Grenze ihrer Belastbarkeit. Die Studienplätze sind heiß umkämpft, und der Bewerbungsmarathon zehrt an den Nerven.


Es ist nicht leicht, vor sich selber einzugestehen: Ich schaff´s nicht mehr. Ich brauche Hilfe. Tief verwurzelt ist da eine Angst in uns: Die Angst, den anderen zur Last zu fallen.


Doch genau dazu ermuntert uns der Wochenspruch dieser Woche: „Einer trage des andern Last!“ heißt es in Galater 6,2. Paulus ist davon überzeugt: Christen sind tragfähig füreinander. Sie können sich gegenseitig die Lasten abnehmen.
Wie das? Weil jeder seine eigene Last abgeben kann an Christus.
Bei Christus können wir loswerden, was uns auf der Seele liegt. Genau das aber macht uns frei, den anderen beizustehen und ihre Lasten mitzutragen.


Eine Mauer ist deshalb tragfähig, weil jeder Stein auf anderen Steinen aufliegt, die  wiederum auf anderen Steinen liegen. Jeder kann sein Gewicht abgeben und ist deshalb belastbar. Miteinander aber können die Steine enorme Lasten tragen. Man kann aus ihnen ein Haus oder eine Brücke bauen.


Keiner muss allein fertig werden mit dem, was ihn belastet. Wir alle sind angewiesen darauf, dass andere uns aushalten so wie wir sind - auch mit unseren schwierigen Seiten, und dass sie uns wieder eine Brücke bauen, wenn etwas zwischen uns war.

 

Es ist nicht leicht, zu seiner Last zu stehen und sich helfen zu lassen. Es kann nur gelingen, wo Vertrauen da ist und wir uns füreinander öffnen. Es ist nicht leicht, aber wo es gelingt, da wird vieles leichter. Es entlastet, die Sorge um uns selbst ein Stück weit loslassen zu können. Und es befreit dazu, Sorge zu tragen für andere, die auf unsere Hilfe und Fürbitte warten.     

 

                         
Weingarten im Blick, 28.6.2013

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Leichte Sprache

Editorial des Gemeindebriefs 2/2013 von Pfarrer Gamerdinger

 

morning standard, homezone, base oder smart plus. Wissen Sie, ob Sie den günstigsten Tarif für Ihr Handy erwischt haben? Vieles Alltägliche wird immer komplizierter, so scheint es mir.


Als ich neulich etwas entdeckte, was leichter wurde, war ich deshalb sofort neugierig. Auf dem Kirchentag in Hamburg im April stieß ich auf Veranstaltungen in „leichter Sprache“. Ich fand heraus: Dahinter steckt ein ganzes Konzept. Es geht darum, Texte in ganz leicht verständlicher Sprache lesen zu können.

Das ist für alle gut, die sonst außen vor bleiben: Menschen mit Lernschwierigkeiten, Menschen, die es nicht gewohnt sind, Texte zu lesen oder Menschen, die nicht gut deutsch sprechen. Ihnen könnte dadurch der Zugang zu vielen Inhalten erleichtert werden, z.B. in Vorträgen, bei Abläufen in Behörden oder bei Anleitungen. „Leichte Sprache“ hat also auch mit barrierefreien Zugängen zu tun, ist auf dem Gebiet der Sprache das, was eine Rampe für Rollstuhlfahrer ist.


Aber Texte in „leichter Sprache“ sind auch ein Gewinn für alle Menschen. Mit der Kraft einfacher Worte ergibt sich ein unmittelbarer Zugang. Inhalte erschließen sich oft in unerwarteter Klarheit. Dies weckt lebendige Bilder und Gefühle.


Auf dem Kirchentag wurde die „leichte Sprache“ auch auf einige biblische Texte angewendet. Das hat mich fasziniert und das Ergebnis gefiel mir, denn darin steckt ein großes Potential. Biblische Geschichten in „leichter Sprache“ erreichen schneller das Herz. Der Zugang ist nicht durch altmodische Sprache oder komplizierte Übersetzung verstellt. Und sie müssen nicht den Umweg über den Kopf nehmen.

 

Entdecken Sie selbst den Unterschied an einem Beispiel aus Psalm 104.

 

Luther-Übersetzung:

Verbirgst du [Gott] dein Angesicht, so erschrecken sie [die Menschen]; nimmst du weg ihren Odem, so vergehen sie und werden wieder Staub.
Du sendest aus deinen Odem, so werden sie geschaffen, und du machst neu die Gestalt der Erde. Ps 104, 29-30


Leichte Sprache
Alles was lebt atmet durch Gott. Gott sieht uns an. Und kommt näher. Gott spricht uns an. Doch wenn Gott wegsieht: Dann geht es uns schlecht. Wir sind traurig. Gott: Bitte sieh uns an. Gott: Bleibe bei uns. Sonst werden wir vergessen. Sonst sterben wir.
So macht Gott Leben: Gott sieht uns an. Und kommt näher. Gott spricht uns an. So macht Gott Leben. Und macht die Welt neu.


Ich finde es interessant, welch unterschiedliche Gedanken Assoziationen sich beim Lesen der verschiedenen Texte einstellen.
Ist es nicht so, dass man die grundlegenden Dinge des Lebens ganz einfach sagen müsste? Doch ich merke, wie selten das der Fall ist. Und wie schwer es mir selbst fällt.
Ich frage mich, ob wir unser Leben nicht zu kompliziert gemacht haben, sowohl auf unserer ganz privaten als auch auf der gesellschaftlichen Ebene.

Und ich frage mich, wie groß der Zusammenhang ist zwischen Sprache und Tun. Hängt z.B. komplizierte Behördensprache mit komplizierten Verwaltungsstrukturen zusammen? Verwehren wir dadurch vielleicht zu vielen Menschen den Zugang zu grundlegenden Dingen?

Könnte das Konzept der „leichten Sprache“ daran etwas verändern? Nach dem Motto: Leichte Sprache braucht klar strukturierte Gedanken und hat einfachere Strukturen zur Folge? Gibt es dadurch mehr Teilhabe und Gerechtigkeit?


Vielleicht haben Sie einmal an einer Stelle ihr Leben vereinfacht oder leichter gemacht und dadurch einen Gewinn erlebt. Das können Sie mir gerne mitteilen, vielleicht wächst ja noch mehr daraus.

 

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Zeit

Foto: Urs Flükiger, pixelio.de

von Pfarrer Wolfgang Rapp

Liebe Leserinnen und Leser,

Zeit bestimmt unser Leben. Tag für Tag, Stunde für Stunde. Und überall wird Zeit eingespart. Wir brauchen heute weniger Zeit als unsere Vorfahren, um eine Mahlzeit zu bereiten, weniger Zeit, um von einem Ort zum anderen zu kommen. Im Haushalt und im Beruf geht vieles schneller als früher. Also sparen wir Zeit.
Aber: Wo bleibt sie, die gesparte Zeit? Ob im Beruf, als Schüler, als Rentner oder Pensionär - die meisten Menschen sagen: Ich habe nicht genug Zeit. Warum eigentlich? In einem Gedicht von Elli Michler heißt es:

Ich wünsche dir Zeit für dein Tun und dein Denken,
nicht nur für dich selbst, sondern auch zum Verschenken.
Ich wünsche dir Zeit, nicht zum Hasten und Rennen,
sondern die Zeit zum Zufriedensein Können.


Zeit zum Zufriedensein Können? Auf der griechischen Insel Kreta gibt es ein Sprichwort, das den Gästen manchmal gesagt wird: „Ihr habt die Uhr, wir haben die Zeit." Sicher fahren auch darum so viele Menschen in den Urlaub, um endlich einmal Zeit zu haben. Doch kaum sind sie zurück, wird die Zeit wieder knapp und das alte „Hasten und Rennen" beginnt von vorn.

Natürlich weiß ich, dass es gute Gründe gibt, keine Zeit zu haben. Es gibt viel zu tun in der Familie, im Beruf, im Haus, im Verein. Oft kann ich da nicht wirklich etwas ändern. Aber gerade wenn mir die Zeit fehlt, spüre ich: Jeder Moment ist wertvoll. Die Zeit fließt, unaufhörlich, sie vergeht, ohne Pause. Mit und ohne Uhr. Das könnte einem schon manchmal Angst machen.
Die Bibel gibt auf die Frage nach der Zeit eine andere Antwort. „Meine Zeit steht in deinen Händen", heißt es in einem Psalm. Die Zeit zerrinnt nicht zwischen meinen Fingern, nein, Gott legt sie mir in die Hände. Gott schenkt mir Zeit.

„Meine Zeit steht in deinen Händen, Gott" - wer so leben und glauben kann, für den ist es einfacher, Zeit zu haben. Denn ich habe sie ja geschenkt bekommen, reichlich, von Gott. Und geschenkte Zeit lässt uns staunen, danken und bewusster umgehen mit jedem Moment unseres Lebens. Und sie lässt sich weitergeben, von einem Menschen zum anderen. Mit der Zeit ist es wie mit der Liebe: Sie wird nicht weniger, sondern mehr, wenn man sie verschenkt.

Weingarten im Blick, 7. Juni 2013


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Pfingsten

Feuer

Pfarrer Horst Gamerdinger

 

Geburtstag der Kirche, so nennt man das Pfingstfest auch. Jedes Jahr bei unserem eigenen Geburtstag freuen wir uns, dass wir geboren wurden und am Leben sind. Ein Ereignis aus der Vergangenheit, die Geburt, wird in der Gegenwart gefeiert. An Pfingsten wird die Gemeinschaft gefeiert, der gemeinsame Geist, der die Menschen erfasste und von Angst und Lethargie befreite.

 

Knapp erzählt waren damals, 50 Tage nach der Auferstehung Jesu, seine früheren Jünger zusammen. Noch waren sie ängstlich und unsicher, wie alles weitergehen sollte. Sie wurden dann von einem Geist erfasst, der ihre Gemeinschaft stärkte, und sie nach draußen trieb, erzählend und werbend. Viele neue Anhänger des Christentums wurden daraufhin gewonnen. Ich finde, diese befreiende Kraft und verändernde Dynamik der kirchlichen Anfänge sollten wir nicht vergessen, sondern, wie bei einem Geburtstag, immer wieder in die Gegenwart hineinholen und bestärken.

 

Mit den Bildern von Wind und Feuer wird in der Bibel illustriert, was damals geschehen ist. Etwas Unbeherrschbares, Unkontrollierbares und ursprünglich Lebendiges wohnt diesen Bildern inne. Mein Wunsch für die Kirchen wäre, dass es uns gelingt, das alles immer wieder in unsere Gegenwart hinein zu holen: Die unbändige geistige Kraft, die uns von Angst befreit und dem Leben vertrauen lässt.

 

Weingarten im Blick, 17. Mai 2013

Foto: 110stefan, pixelio.de

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Aus den Wurzeln kommt die Kraft

Die Zundelbacher Linde

Die Zundelbacher Linde, Foto: St. Günzler

von Pfarrer Stephan Günzler

Gut fünf Meter Umfang hat sie, die Zundelbacher Linde oberhalb unserer Stadt.
Erhaben steht sie da und blickt weit ins Land hinein bis hinüber zu den Alpen.  Wie viele Sommer mag sie schon erlebt, wie viele Winter durchgestanden haben?
Allen Stürmen hat sie getrotzt bis heute. Es sind die Wurzeln, die ihr Halt geben.
Das wenige, was man von ihnen sieht, lässt nur erahnen, wie tief sie reichen.
Manche Bäume wie Fichten und Tannen mögen schneller und höher wachsen, aber sie haben nur flache Wurzeln und können so den Stürmen wenig entgegen setzen. Wurzeln brauchen Zeit um zu wachsen.

Mit uns Menschen ist es ganz ähnlich. Auch wir brauchen etwas, was uns Halt gibt.
Gerade weil unsere Zeit so schnelllebig geworden ist.  Immer schneller arbeiten die Prozessoren in unseren Rechnern, in immer kürzeren Abständen kommen neue Produkte auf den Markt. Immer erdrückender wird die Flut der Bilder und Informationen, die auf uns einströmt. Wo bleiben wir als Mensch?

Ich denke an die Jugendlichen, mit denen wir an den nächsten drei Sonntagen in Weingarten das Fest der Konfirmation feiern. Sie sagen ihr Ja zur Taufe, wollen Christen sein. Glaube bedeutet einen Halt haben. Wissen, dass da einer ist, der mich hält.

Aber die Sprache des Glaubens lernen wir nicht von einem Tag auf den anderen. Es braucht Zeit, sich in einen Bibeltext zu vertiefen. Mit dem Gottesdienst vertraut zu werden, ihn als Kraftquelle zu entdecken, geht nicht ohne Übung. Auch Beten lernen wir nur, wenn wir dran bleiben und es immer neu versuchen.

Im Unterricht haben die Jugendlichen die zentralen Texte des christlichen Glaubens kennen gelernt. Und bei der Konfirmation bekommt jeder von ihnen den Segen Gottes und einen Denkspruch aus der Bibel mit auf den Lebensweg. „Manchmal, wenn es einem die Sprache verschlagen hat,“  so Fulbert Steffensky, „sind diese Texte wie Balken, an die man sich nach einem Schiffbruch klammert.“

In den Stürmen des Herbstes und im Frost des Winters hat die Zundelbacher Linde ihre Blätter und so manchen morschen Ast verloren. Aber jetzt im Frühjahr treibt sie wieder aus. Aus ihren Wurzeln holt sie sich die Kraft.
Wandern Sie doch einfach mal hinaus nach Zundelbach und schauen Sie selber! Suchen Sie nach Ihren Wurzeln!


„Mach in mir deinem Geiste Raum, dass ich dir werd ein guter Baum und lass mich Wurzel treiben. Verleihe, dass zu deinem Ruhm ich deines Garten schöne Blum und Pflanze möge bleiben!“  (Paul Gerhardt, Evang. Gesangbuch Nr. 503,14)

 

Weingarten im Blick, 26.4.2013

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Kreuz am Straßenrand

Kreuz am Straßenrand, Foto: clipdealer.de_Ruth Roeder

Kreuz am Straßenrand, Foto: clipdealer.de_Ruth Roeder

Pfarrer Wolfgang Rapp zur Zeit nach Ostern

Ein Kreuz am Straßenrand. Davor zwei brennende Kerzen.
Dem Baumstamm zehn Meter daneben sieht man auch noch an, was hier geschehen ist. Ich nehme unwillkürlich den Fuß vom Gas.
Einen Augenblick verharre ich innerlich, obwohl ich längst vorbei bin. Ein Ort ist gekennzeichnet, an ein schreckliches Ereignis wird erinnert - mit einem Kreuz. Bei diesem Zeichen weiß jeder, was hier los war.

 

Manchmal tragen die Kreuze Namen und ein Datum. Dann sind Ort, Ereignis, Name, Zeit beisammen, in diesem Kreuz.
Warum ein Kreuz? Es könnte doch auch ein Stein, ein Pfahl, ein Schild sein, auf dem Name und Datum stehen. Ist es aber nicht, jedenfalls fast nie.
Das Kreuz sagt noch etwas anderes. Es stellt einen Zusammenhang her, den wir uns selbst nicht geben können: Was wir nicht erkennen und sagen können, wird hier symbolisiert: Das ausgelöschte Leben ist nicht einfach ins Nichts gefallen. Name, Zeit und Ort behalten Bedeutung.


Und das Kreuz erinnert zuerst an Jesus, einen Menschen, dessen Name, dessen Leben, dessen Zeit mit uns, dessen Ort unter uns Bedeutung behalten hat. Er lebt, obwohl er einen schrecklichen, unerklärlichen und unschuldigen Tod gestorben ist.
Mit ihm verbanden sich so viele Hoffnungen: Auf eine Zukunft in Liebe und Gerechtigkeit für jeden Einzelnen und die ganze Welt. Er starb einen Hinrichtungstod am Kreuz. Sein Name jedoch, sein Leben, seine Botschaft blieben, trotz des Kreuzes, das für ihn in die Erde gerammt wurde. So wurde das Kreuz zu einem Symbol des Lebens.
„Er ist auferstanden!“ So berichten uns die Osterzeugen.


Ich weiß nicht, ob den Angehörigen, die jenes Kreuz an den Straßenrand stellten, das alles bewusst ist. Ich weiß nicht, ob sie das Kreuz so ver¬stehen wie ich. Müssen sie auch nicht. Das Kreuz spricht für sie und für sich selbst. Gut, dass wir solche Zeichen haben. Sie erinnern daran, dass Gott bei allen ist, die leiden müssen und die trauern.

Weingarten im Blick, 5.4.2013

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Toleranz

Pfarrer Horst Gamerdinger über Toleranz zwischen den Religionen

 

Alhambra, so hieß einmal ein Spiel des Jahres. Eigentlich bin ich kein Brett-Spieler, aber die dahinterstehende Idee gefällt mir. Ziel ist es, möglichst viele prächtige Paläste und Gärten im Spanien des 14. Jahrhunderts entstehen zu lassen. Damals lebten Christen, Juden und Moslems friedlich miteinander. Und sie bauten gemeinsam. Beim Spiel „Alhambra“ wetteifern die Mitspieler um die schönste Palastanlage. Ob Arkaden, Gemächer, Serails oder Pavillons - alles, was die Baukunst des Mittelalters zu bieten hat, kann hier gebaut werden. Doch das ist alles nur möglich, weil Baumeister aus aller Welt zusammenkommen und ihre unterschiedlichen Fähigkeiten in den Dienst der Sache stellen.

Soweit die Spielidee. Die wirkliche Alhambra wurde übrigens im spanischen Granada gebaut – und das war tatsächlich nur möglich mit dem Wissen vieler Kulturen und einem einvernehmlichen Umgang miteinander. Der Islam war damals eine weltoffene und weitsichtige Religion. Und eine starke Religion. Denn nur wer wirklich stark ist, schafft es, sich Fremdem zu öffnen und daraus Gewinn zu ziehen.

„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ So heißt es an einer Stelle in der Bibel (2 Tim 1,7). Aus solchem Geist kann Großes entstehen, und zwar in allen Welt-Religionen. Wo keine Angst vor anderen Kulturen herrscht, sondern einer vom anderen lernt, da geht es den Menschen einfach besser. Die Moslems des Mittelalters haben es seinerzeit den Christen vorgemacht. Nicht nur bei der Alhambra, wo sie Baumeister aller Herren Länder beschäftigt hatten und wo nur auf diese Weise solch ein Wunderwerk, ein faszinierendes Weltkulturerbe, entstehen konnte.
Heute wären auch Christen in der Position, ohne Angst den großen Reichtum zu sehen, den die immer vielfältigere und näher zusammengerückte Welt zu bieten hat. Für mich hat die Vorstellung von einem Zusammenleben ohne Berührungsängste im Geist der Liebe und Besonnenheit eine große Anziehungskraft.

Leider beherrscht der Geist der Furcht viel zu häufig unser Verhalten. Dabei gilt: Man fürchtet sich vor allem vor dem, was fremd ist. Vieles Furchteinflößende weicht, wenn man sich genauer kennen lernt und einander bekannt wird. Auch durch den Fanatismus bestimmter Gruppen, durch Fremdheit und Unwissen sollten wir uns nicht davon abhalten lassen, mit anderen Religionen im Gespräch zu bleiben.

Ich weiß, manchmal scheint es, als ob die Zeichen der Zeit eher anders herum stehen, manche belächeln auch den Gedanken der religiösen Toleranz als naiv. Ich denke aber trotzdem, dass Dialog, das Ringen um gegenseitiges Verstehen und Toleranz auf lange Sicht ohne Alternative sind und ein Gewinn für alle Beteiligten wäre, so wie damals zu Alhambra-Zeiten.

 

Weingarten im Blick, 15.3.2013

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Vom Mut hinzuschauen

Steinerne Flugblätter vor dem Eingang zur Ludwig-Maximilians-Universität in München als Mahnmal für die Geschwister Scholl

Steinerne Flugblätter vor dem Eingang zur Ludwig-Maximilians-Universität in München als Mahnmal für die Geschwister Scholl

Pfarrer Günzler über die Geschwister Scholl

Vor genau 70 Jahren - am 22. Februar 1943 -  wurden Hans und Sophie Scholl hingerichtet und mit ihnen weitere Mitglieder der „Weißen Rose“, einer studentischen Widerstandsgruppe gegen die Verbrechen der Nazi-Diktatur.

Sie wurden ermordet, weil sie die Augen nicht verschlossen vor dem, was in Deutschland geschah. Weil sie den Mut hatten, das Unrecht beim Namen zu nennen und es öffentlich zu machen.
Weil sie auch andere dazu bewegen wollten, hinzuschauen und nicht mehr zu schweigen.
Sie verfassten Flugblätter und verteilten sie an mehreren Universitäten im Land. Worte waren ihr einzigen Waffen. Doch nichts fürchtet eine Diktatur mehr als das freie Wort.
Auf einem der Flugblätter der Weißen Rose hieß es:  „Was tut das deutsche Volk? Es sieht und hört nicht. Blindlings folgt es seinem Führer ins Verderben.“  

Bundespräsident Joachim Gauck hat kürzlich in seiner Rede zum 30.Januar den Mut der Geschwister Scholl gewürdigt. „Es gibt keine Formel für Zivilcourage. Aber es gibt Vorbilder.“ Wir sollen sie jedoch nicht auf einen Denkmalsockel heben und als Helden bewundern, sondern sie zu uns hereinholen, sie zwischen uns setzen, damit wir selber lernten, die Augen aufzumachen und wahrzunehmen, was um uns her passiert.  Das könne auch bedeuten, sich in Menschen hineinzuversetzen, die ausgegrenzt werden und auszuhalten, dass ich mich selber plötzlich in der Minderheit sehe mit dem, was ich denke und sage.

„Unsere besondere Wachsamkeit gilt heute denen, die nicht akzeptieren wollen, dass Deutschland ein vielfältiges Land ist, in dem Menschen unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Glaubens ihre selbstverständliche Heimat haben.“, so der Joachim Gauck. Der Kampf gegen Vorurteile, Verachtung und Hass sei auch heute eine mühevolle und manchmal auch gefährliche Herausforderung.

„Einer muss ja doch mal schließlich damit anfangen!“ sagte die 22jährige Sophie Scholl dem gefürchteten Roland Freisler ins Gesicht, der sie zum Tod verurteilte und nach am selben Tag hinrichten ließ. In Weingarten trägt seit 2011 eine Schule den Namen der Geschwister Scholl. Wir haben sie gleichsam in unserer Mitte. Sie fragen uns nach unserem Beitrag für ein menschliches Miteinander. Und ihr Beispiel macht uns Mut.

Pfarrer Stephan Günzler, Weingarten im Blick 22.2.2013

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Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht.

Gebirgsbach

Foto: Thommy Weiss/pixelio.de

Pfarrer Wolfgang Rapp über den
Wochenspruch für den Sonntag Sexagesimae (60 Tage bis Ostern) aus Hebräer 3, Vers 15

 


Liebe Leserinnen und Leser,

als kleiner Junge spielte ich leidenschaftlich gerne am Wasser. Vor allem das Aufstauen und Umleiten von Wasserläufen bereiteten mir großes Vergnügen. Mit Steinen und Stöcken und weiteren Naturmaterialien staute ich das Wasser auf um es dann dorthin umzuleiten, wo ich es gerne haben wollte.
 
Bei einem unserer Familienurlaube in Südtirol erregte ich dann allerdings mit dieser Leidenschaft den Ärger unseres Vermieters, der die um unser Ferienhaus gelegenen Wiesen als Bergbauer bewirtschaftete. In den südtiroler Tälern gibt es seit vielen Jahrhunderten ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem, die sogenannten „Waale“, die das kostbare Nass mit kunstvoll angelegten Wassergräben über die trockenen Hänge verteilen und dorthin leiten, wo es gebraucht wird. Und diese, für die Bewirtschaftung lebensnotwendige Bewässerung brachte ich nun mit meinem kindlichen Spiel gekonnt ins Stocken.
 
Unserem Vermieter, der ansonsten viel Verständnis für uns Kinder aufbrachte, gefiel das gar nicht. Mit festen Handgriffen zog er die Stöcke heraus, an denen ich mein Stauwehr befestigt hatte. Der Bach kehrte wieder in sein ursprüngliches Bett zurück. Noch ein paar Mal  ¬habe ich damals für diese »Verstockung« gesorgt, bis mein Vater schließlich ein ernstes Wort mit mir sprach und mir dann eine Stelle an einem nahe gelegenen Wildbach zeigte, wo ich mein Spiel fortsetzen konnte, ohne damit Schaden anzurichten.  

Manchmal ist es mit unserem Inneren ähnlich wie mit einem an der falschen Stelle gestauten Bewässerungsgraben: Irgendetwas liegt quer: Vielleicht ein ungutes Wort, verkeilt in unserem Herzen. Jemand hat es zu uns gesagt oder wir zum ihm. So gerät der Fluss des Lebens ins Stocken. Das Wasser der Verbindung zum anderen fließt nicht mehr. Wir sind »zu«, wie man in der Umgangssprache so treffend sagt. Wenn ähnliches mit unseren Arterien passiert, merken wir schnell, wie gefährlich es ist. Ebenso kann es in der „Flusslandschaft unserer Seele“  Schaden anrichten.

In der Bibel ist verschiedentlich von  »Verstockung« die Rede, vor allem im Alten Testament, beim Gottesvolk Israel. Oft genug kann man die Leute in diesen Geschichten ja auch gut verstehen. Wer so lange durch die Wüste des Lebens irrt, der kann schon mal »zu« sein, verstockten Herzens.

Vielleicht kennen wir ähnliches auch aus den Wüstenerfahrungen unserer eigenen Biografie. Nur, was passiert, wenn die Verstockung sich nicht mehr löst? Wenn wir darin verkeilt bleiben? Wenn niemand die Stöcke herauszieht, so wie der südtiroler Bergbauer? Dann hören wir die Stimme Gottes nicht mehr. Das was mir von Gott her zufließen möchte, kann nicht mehr ungehindert bei mir ankommen.

Und so werden wir im Hebräerbrief aufgefordert, es  H e u t e  anders zu machen, uns  H e u t e zu öffnen: »Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, verstockt eure Herzen nicht!«

Es grüßt Sie herzlich
Ihr Pfarrer Wolfgang Rapp

 

Weingarten im Blick, 1. Februar 2013

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Die Türen des Jahres öffnen sich

Pfarrer Horst Gamerdinger

Schon zwei Wochen ist es bereits alt, das neue Jahr. Ob es wohl genau so weitermacht wie das alte aufgehört hat? Das nämlich war so schnell mit mir unterwegs, dass ich manchmal Mühe hatte, Schritt zu halten. Und es brachte so viel Neues, obwohl ich manches Alte noch gar nicht loslassen mochte.


Ich weiß, das Leben ist wie ein Fluss, es bewegt sich immer weiter. Und doch habe ich bei manchem den Wunsch, es fest zu halten, wenigstens noch eine Weile. Einen Blick, eine Stimmung, ein Gefühl, einen Zustand.
„Gib mir irgendwas, das bleibt!“ – hieß so nicht ein Lied, das sie letztes Jahr oft im Radio spielten? Oder war es schon vorletztes?
Gibt es überhaupt irgendwas, das bleibt? Und wäre das gut?


In diesem Zusammenhang sehe ich die Jahreslosung der Evangelischen Kirche für das Jahr 2013: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“ (Hebräerbrief 13,14).

Unterwegs sein in die zukünftige Welt, das ist unser Leben. Immer wieder neu entscheiden können: Wer will ich sein? Wohin gehe ich? Wofür setze ich mich ein?

Einen Satz von Octavio Paz habe ich gefunden, der das schön ausdrückt: „Gestern Abend sagtest du zu mir: Morgen gilt es, ein paar Zeichen zu setzen, eine Landschaft zu skizzieren, einen Plan zu entwerfen auf der Doppelseite des Papieres und des Tages. Morgen gilt es, aufs Neue die Wirklichkeit dieser Welt zu erfinden.“


Den Mut, die Lebenslust, den weiten Horizont und die gestaltende Kraft dafür, die wünsche ich Ihnen im neuen Jahr.



Weingarten im Blick, 11.1.2013

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Und wir?

Pfarrer Stephan Günzler zu Weihnachten

Die Krippe war das Zeichen, an dem die Hirten die Geburt des Heilandes erkennen sollten. Der Engel sagt:  „Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“  Ein Futtertrog in einem Tierstall ist der Ort, an dem Gott zur Welt kommt.

Auch im Bild von Sieger Köder steht die mit Stroh gefüllte Krippe im Mittelpunkt. Man sieht den ärmlichen Stall und die sternenklare Nacht. Menschen sind da, die anbetend um die Krippe versammelt sind, eine Familie mit Kindern.

Aber es liegt nicht etwa ein Kind in der Krippe, sondern eine aufgeschlagene Bibel. Zu lesen sind die Worte aus dem Johannesevangelium: „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir....“ (Joh 1,14)

Das Kind in der Krippe hat eine Botschaft: Es ist Gottes Liebeserklärung an uns.
Gott wählt dafür einen armseligen Stall an einem unbedeutenden Ort. Er spricht durch ein nacktes, schutzbedürftiges Kind armer Eltern. Am Anfang war das Wort (Joh 1,1), das Wort der Liebe. Nicht die Welt war zuerst da, sondern die Liebe Gottes. Sie steht als das gute Vorzeichen über unserem Leben. Davon handelt die Bibel von ihrer ersten Seite bis zur letzten.
Im Kind in der Krippe nimmt das Wort der Liebe Fleisch und Blut an, es bekommt buchstäblich Hand und Fuß.

Gott kommt zur Welt und wird Mensch. Dieses Kind wird später zu den Schwachen und Verlorenen hingehen, ihnen die Hände auflegen, mit ihnen essen und trinken, lachen und weinen. Sie alle sollten spüren, dass sie der Liebe Gottes wert sind. Dieses Kind wird den Leidenden zur Seite stehen und am Ende selbst der Leidtragende sein.
Weil Gott sich so klein macht, so schwach und verletzlich, ist es aber auch möglich, dass wir ihn übersehen. Die Seinen nahmen ihn nicht auf (Joh 1,11) heißt es bei Johannes. Gott ist anders, als wir ihn vielleicht gerne hätten.
Das Bibelzitat in Köders Krippe bricht mitten im Satz ab:  „ ….und wir….“  Und wir?  Das wird zur Frage an uns. Lassen wir uns das Wort der Liebe sagen? Entdecken wir den Glanz Gottes auf den Gesichtern der Anderen? Glauben wir an die verwandelnde Kraft der Liebe?  An der Krippe sollen uns die Augen aufgehen für die Liebe Gottes. Wir selber sind es, die den Satz zu Ende schreiben sollen: , „…und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit seines eingeborenen Sohnes voller Gnade und Wahrheit!“ (Joh 1,14).

„Ich fange bei der Krippe an!“ sagte Martin Luther einmal. Ich muss nicht hoch hinaus, um Gott zu begegnen. Ich wünsche uns allen, dass wir den Weg zur Krippe finden und dass uns dort die Augen aufgehen, wer wir sind: Gottes geliebte Kinder!

Weingarten im Blick, 21.Dezember 2012

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Jahresbeginn

Foto: Jörg Sabel, pixelio.de

Pfarrer Wolfgang Rapp zum Beginn des neuen Kirchenjahres

Liebe Leserinnen und Leser,

„ich wünsche Ihnen ein frohes neues Jahr!“ Und: „Alles Gute für das neue Jahr!" Keine Sorge, ich habe mich nicht im Datum geirrt. Denn am 1. Advent beginnt das neue Kirchenjahr. Das wird in allen christlichen Kirchen mit festlichen Gottesdiensten gefeiert.


Aber wann beginnt denn eigentlich das neue Jahr? Das ist gar keine so einfache Frage. In der Antike war es der 1. März - bis Julius Caesar einen neuen Kalender einführte, im Jahr 45 vor Christi Geburt. Der nach Julius Cäsar benannte „Julianische Kalender" legte den Beginn eines jeden neuen Jahres auf den 1. Januar fest. So kennen wir das auch noch heute.


Allerdings richteten sich nicht alle nach dem Kalender des römischen Kaisers. Das Frankenreich blieb beim 1. März, in Venedig war sogar noch vor rund 200 Jahren der 1. März der Neujahrstag. In Frankreich war bis zum 15. Jahrhundert Ostern der Jahresbeginn, in Skandinavien und Teilen Deutschlands war es Weihnachten. Also ein heilloses Durcheinander. Wenn man eine Landesgrenze überschritt, konnte man sich nie sicher sein, in welchem Jahr man war.


Doch viel einfacher ist es heute ja immer noch nicht. Gut, das offizielle Jahr beginnt in vielen Län-dern inzwischen am 1. Januar. Aber sind wir heute alle im selben Jahr? Nein! Das jüdische Jahr beginnt immer Ende September/Anfang Oktober. Und während wir zum Beispiel den 1. Januar 2013 feiern, sind die Juden schon im Jahr 5773. Viele Muslime feiern dann das Jahr 1434 - ihre Zeitrechnung beginnt mit der Ankunft Mohammeds in Medina.


Das Kirchenjahr beginnt nun aber am 1. Advent? Warum? Dass der 1. Advent der Jahresanfang ist, haben christliche Mönche entschieden. Sie haben ihre liturgischen Bücher, die Bücher für die Gottesdienste, mit dem 1. Advent eröffnet, weil mit der Adventszeit etwas Neues beginnt: Denn die Geburt von Jesus wurde angekündigt.
Dieser Brauch hat sich durchgesetzt - und so beginnt am 1. Advent auch unser neues Kirchenjahr. Es endet übrigens mit Totensonntag oder Ewigkeitssonntag. So hat es der preußische König Friedrich Wilhelm III. vor fast 200 Jahren entschieden. Dieser Brauch verbreitete sich schnell in vielen deutschen Ländern.


Dieser kirchliche Kalender macht ja auch Sinn: Am Ende des Kirchenjahrs erinnern wir an die Verstorbenen und denken nach über den Tod. Am Anfang des Kirchenjahres freuen wir uns auf die Geburt des göttlichen Kindes in der Krippe und feiern das Leben!


Darum wünsche ich Ihnen nicht nur einen gesegneten 1. Advent, sondern auch ein gutes neues Kirchenjahr!
Ihr Pfarrer Wolfgang Rapp



Macht hoch die Tür die Tor macht weit
Es kommt der Herr der Herrlichkeit
Ein König aller Königreich´
Ein Heiland aller Welt zugleich
Der Heil und Leben mit sich bringt
Derhalben jauchzt, mit Freuden singt:
Gelobet sei mein Gott
Mein Schöpfer, reich von Rat!
(Aus dem Evangelischen Gesangbuch – EG Nr. 1 - . Wie das Kirchenjahr beginnt auch das Evangelische Gesangbuch mit der Adventszeit)


WUSSTEN SIE SCHON ...?
Der Julianische Kalender wurde im Jahre 45 v.Chr. von dem römischen Herrscher Julius Caesar eingeführt. Später wurde er dann ihm zu Ehren so genannt. Leider war bei ihm jedes Jahr gut elf Minuten zu lang, dies führte im Lauf der Jahrhunderte zu Unterschieden zum wirklichen Lauf der Sonne. 1582 trat dann unter Papst Gregor XIII. das heutige Berechnungssytem in Kraft. Danach sind volle Jahrhunderte nur noch dann Schaltjahre, wenn sie durch 400 teilbar sind. (Deshalb hatte das Jahr 2000 einen 29. Februar.)


Weingarten im blick, 30. Nov 2012

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„Weingarten“ - der Name ist eine Verheißung

Weinrebe

Bild: Stephan Günzler

Pfarrer Stephan Günzler

 

Was haben sich unsere Altvorderen wohl dabei gedacht, als sie dem Flecken Altdorf den Namen „Weingarten“ gaben? Angesichts des eher bescheidenen Ertrags bei der hiesigen Weinlese muss man sich darüber ja einigermaßen wundern. „Weingarten“ - das ist für mich mehr als nur eine Bezeichnung dessen, was schon da ist.  Dieser Name ist eine Verheißung.


Mit einer Weintraube - so groß, dass sie sie zu zweit an einer Stange tragen mussten - kamen die Kundschafter aus Kanaan zurück. Für Mose und sein Volk war das nach all den Jahren in der Wüste das sichtbare Zeichen: Das gelobte Land liegt vor uns. Die Trauben stehen für das Fest und die Freude, für ein Leben in Fülle, für gelingende Gemeinschaft, für Friede und Gerechtigkeit.


Wo Arbeit Früchte trägt, wo Menschen ihren Reichtum teilen und miteinander feiern, wo die Erde als Garten Gottes gepflegt und bewahrt wird, da lässt es sich leben. Da wird die Welt zur Heimat. Oder biblisch gesprochen: Da ist Heil und Segen.


Wie weit wir allerdings noch von diesem gelobten Land entfernt sind, erzählt uns die Bibel auf jeder Seite. Der Weinberg, den Gott mit Liebe angelegt und mit edlen Reben bepflanzt hat, bringt nur saure Früchte, beklagt der Prophet Jesaja. Die Menschen lassen die Liebe Gottes ins Leere laufen. Und Jesus erzählt dazu das Gleichnis von den bösen Weingärtnern, die dem Weinbergbesitzer vorenthalten, was ihm gehört und seinen Boten Gewalt antun. Wenn jeder nur noch an sich selber denkt, geht Heimat verloren. Da wird´s wüst und trostlos in der Welt.


Das Geheimnis des Lebens liegt dagegen im Empfangen und Weitergeben. Wir leben nicht aus uns selbst. Und nicht für uns selbst. Jesus drückt dies in einem Bild aus. Er sagt: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht. (Joh 15,5).
Ich muss mein Leben nicht aus eigener Kraft heraus meistern. Ich habe etwas, was mich trägt. Ich habe Wurzeln, die mir Nahrung geben und Saft zum Wachsen. Christus selbst will diese Kraftquelle für mich sein.


Damit unser Leben gelingen kann, braucht´s die Rückbesinnung auf die Wurzeln, die uns tragen. Das ist das Eine. Das Andere ist die Freude an den Früchten. Für beides will Jesus uns gewinnen. Schmecket und sehet, wie freundlich Gott ist! Die süßen Trauben auf dem Tisch, die warmen Farben der herbstlichen Blätter, das fröhliche Lachen der Kinder, der tägliche Gruß des Nachbarn, all das, was von Ehrenamtlichen in aller Stille geleistet wird: Es gibt Grund genug zu danken. Wir sind reich beschenkt. Und wir haben viele Möglichkeiten zu schenken.


Der Name Weingarten ist, meine ich, eine Verheißung.  Wir können einander zum Segen werden. Und unsere Stadt kann zur Heimat werden für alle.
Ich freue mich jedenfalls, hier zu sein und grüße Sie herzlich, Ihr


Pfarrer Stephan Günzler
Weingarten im Blick 19.10.2012


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Im Gleichgewicht

Bild: Franz Haindl / pixelio.de

Bild: Franz Haindl / pixelio.de

Was für den Körper gilt, gilt auch für das Leben als Ganzes: Um ein Gefühl für das Gleichgewicht zu bekommen benötigen wir Spielraum und Bewegung,
meint Pfarrerin Marit Hole


Wussten Sie schon, dass der Gleichgewichtssinn schon vor der Geburt eines Menschen ausgebildet wird? Dass ein Säugling, dessen Mutter während der Schwangerschaft viel liegen muss, nach der Geburt einige Wochen braucht, um motorisch mit anderen Babys Schritt halten zu können? Mit dem Gleichgewichtssinn lernt ein kleiner Mensch, sich im Raum einzustellen, zu balancieren, irgendwann eigene Schritte zu tun. Was für eine Herausforderung!


Das Gleichgewicht müssen Kinder trainieren. Erst mit dem elften Lebensjahr ist die Entwicklung des Gleichgewichtssinnes abgeschlossen. Das Gefühl für die Balance ist auch für die geistige Entwicklung wichtig. Entwicklung ist Bewegung. Wer z.B. gut rückwärts laufen kann, tut sich in Mathe leichter mit dem Subtrahieren, heißt es. Im Alltag sieht das Balancieren mitunter aber ziemlich gefährlich aus: „Komm da herunter, du fällst gleich!“ – So bremsen wir Kinder, statt ihren Bewegungsdrang zu fördern. Allerdings - dürfen sie dann doch einmal klettern, fehlt ihnen die Übung und sie verletzen sich noch eher, als wenn sie es zuvor in überschaubaren Schritten eingeübt haben.


Gleichgewicht – das ist ein lebenslanges Thema. Auch wenn der Gleichgewichtssinn bei uns längst fertig ausgebildet ist. Jeder Schritt, den wir gehen, bringt uns genau genommen aus dem Gleichgewicht, auch wenn wir das längst nicht mehr wahrnehmen. Wer von Schwindel oder Gleichgewichtsstörungen betroffen ist, kann ein Lied davon singen.


Das gilt auch im übertragenen Sinn: Viele Menschen vermissen ein Gleichgewicht ihrer Lebensschwerpunkte: Sie bekommen keinen Ausgleich zwischen ihrem Engagement für den Beruf und ihrem Einsatz für die Familie – und den ganz eigenen Bedürfnissen. Die Work-Life-Balance ist gestört, alles zerrt und zieht zu Boden und nichts ist mehr am Schwingen. Dabei sehnt sich doch jeder danach, dass sich die Kräfte, Bedürfnisse, Aufgaben und Wünsche im Leben gegenseitig die Waage halten.


Ich habe manchmal den Eindruck, es ist normaler, aus dem Gleichgewicht zu sein als in der Balance. Vielleicht ist das ganz gut so: Denn Gleichgewicht – das gibt es niemals dauerhaft. Das sind immer nur Momente auf unserem Weg. Viel wichtiger ist, dass wir in Bewegung bleiben, dass wir Bewegung riskieren, und auch kleinere Verletzungen – wie bei den Kindern am Klettergerät. So verfeinern wir den Gleichgewichtssinn unseres Lebens – und unseres Glaubens.


Um ein Gefühl für das Gleichgewicht zu bekommen benötigen wir Spielraum und Bewegung. Das gilt auch für unseren Glauben. Gott schenkt uns Bewegungsfreiheit. Im Gleichnis vom „verlorenen“ Sohn verlässt der jüngere Sohn sein Elternhaus, um in der Ferne sein Glück zu suchen. In seinem seitherigen Leben erlebt er kein Gleichgewicht. Sein ganzes Erbe nimmt er mit. Er bewegt sich, probiert aus, rutscht aus. Am Ende kehrt er zurück – aber nicht als derjenige, der er war. Er bringt seine Erfahrungen mit, hat Erfolg erlebt aber auch Scheitern. Er hat mit sich selbst Bekanntschaft gemacht.


Das Kind tritt seinem Vater entgegen – nicht mehr als Kind, sondern erwachsen geworden. Der Vater lässt dem Sohn den Bewegungsspielraum. Er fängt ihn auf, genau in dem Moment, in dem er merkt: Ich finde das Gleichgewicht nicht mehr aus eigener Kraft. Die Erzählung vom Vater und seinen Söhnen ist für mich ein Bild dafür, dass wir für unsere – immer wieder neu zu findende – Ausgeglichenheit auf andere angewiesen sind. Auf unsere Mitmenschen und auf den Gott, der unser Leben trägt, der uns Freiheit lässt – und der bereit ist, uns aufzufangen, jederzeit.


Weingarten im Blick, 28.9.2012

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Einfach dasitzen

von Pfarrer Horst Gamerdinger


„Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen.“
Astrid Lindgren

 

Sommerferien. Ob Ihr Lebensrhythmus sich danach richtet oder nicht, betroffen sind Sie davon wahrscheinlich auch dann, wenn Sie nicht wegfahren: Es ist nicht ganz so voll wie sonst, es geht alles etwas langsamer und es gibt weniger Termine und Angebote. Etwas angenehmer insgesamt, finde ich.


Wenn Sie zu denen gehören, die wegfahren, haben Sie sicher besondere Erwartungen an diese besonderen Wochen im Jahr. Neulich bin ich auf ein paar Tipps für die Urlaubs-reise gestoßen, die mir gut gefallen haben, zum einen, weil ich einige davon schon lange „befolge“, zum anderen weil sie einer Reise noch mehr Tiefe geben können.


- Gehen Sie barfuss über eine regennasse Wiese. Fühlen Sie die Regentropfen auf den Grashalmen, spüren Sie den Duft der Erde, atmen Sie bewusst ein und aus: Hier ist Leben, hier ist die Erde, aus der Sie gemacht sind, zu ihr kehren Sie einmal wieder zurück.
- Nehmen Sie an einem Gottesdienst teil, auch wenn Sie die Sprache nicht sprechen. Vaterunser und Segen werden Sie sicher verstehen und Verbundenheit spüren.
- Gönnen Sie sich Momente der Einsamkeit. Was belastet Sie? Wovor haben Sie Angst? Worauf hoffen Sie? Erzählen Sie es Gott, vertrauen Sie darauf, dass er etwas daraus machen wird.
- Setzen Sie sich frühmorgens in die Dunkelheit eines Berges oder Sees. Erleben Sie, wie die erste Helligkeit langsam einzieht. Ahnen Sie die Kraft der Sonne und der Auferstehung.
- Besuchen Sie einen Friedhof. Die Namen und Inschriften geben Ihnen Einblick in das Leben und Sterben der Einheimischen, in ihr Trauern und Hoffen. Wie wünschen Sie sich Ihr Ende?
- Betreten Sie fremde Gotteshäuser. Hier haben Gläubige oft jahrhundertelang Geschichten, Lieder, Gebete und Segen geteilt. Kommen Sie mit Kirchenführern oder Helferinnen ins Gespräch. Meist erzählen sie gern etwas über ihre Kirche.
- Stellen Sie sich vor, Gott würde einen Nachmittag mit Ihnen Kaffee trinken. Worüber wollen Sie mit ihm sprechen?


Egal, wo und wie Sie die nächsten Wochen verbringen, ich wünsche Ihnen einige besondere Erlebnisse oder Begegnungen, solche, von denen Sie später sagen können, das hat wirklich noch mal etwas Tiefe in meinen Alltag gebracht.


Einen schönen Sommer wünscht Ihnen
 
Pfarrer Horst Gamerdinger

Die Tipps sind entnommen den „Karten nach Anderland“, Andere Zeiten e.V., Hamburg.

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Geistliches Wort

Pfarrer Wolfgang Rapp über Eile und Gelassenheit

Gebet
Geduld - in unserer Gesellschaft?
Ja!
Geduld - im Straßenverkehr, im Beruf, im Supermarkt?
Ja, da auch!
Und: Alle Geduld beginnt -
in mir.



Liebe Leserinnen und Leser,

ein Geschäftsmann berichtet über eine Begebenheit, die er vor Jahren während einer Geschäftsreise durch Afrika erlebt hatte: Eines Morgens verschlief er. Und so stürzt er in der Morgenfrühe eilig seinen Kaffee in der Hotelhalle im Stehen hinunter.

Da klopft ihm ein Afrikaner leise auf die Schulter: „Sir, der Eilige und der Gelassene treffen sich an der Fähre". „Wo treffen sie sich?", fragt der Deutsche verwundert zurück. „An der Fähre", sagt sein afrikanischer Bekannter. Und er erzählt: „In meiner Heimat, in der Morgenfrühe gehen die Menschen einen langen Weg vom Dorf in die Stadt. Durch Grassteppen und Buschwerk. Nach einer Stunde kommt ein Fluss, und über den führt keine Brücke, sondern nur eine Fähre. Wenn nun hundert Menschen diesen Weg gehen, alte und junge, schnelle und langsame, wenn die Jungen den Alten vorauslaufen, und der Behinderte am Ende bleibt, an der Fähre treffen sie sich wieder: Der Eilige und der Gelassene. Denn die Fähre wartet auf alle."

Diese Geschichte macht mich nachdenklich. Ich frage mich: Wie ergeht es mir mit der Eile und der Gelassenheit? Erst mal fallen mir verschiedene Situationen ein. Wie zum Beispiel jene im Straßenverkehr, die wahrscheinlich viele von Ihnen kennen: Da muss ich noch schnell zu einem Termin. Und weil ich auf keinen Fall zu spät kommen möchte, überhole ich an einer Stelle, wo ich es normalerweise nie machen würde, den langsam vor mir her fahrenden Wagen. Erst im Nachhinein wird mir bewusst, dass ich für wenige Minuten Zeitvorsprung mein eigenes und das Leben anderer riskiert habe. Zu allem Überfluss treffen wir uns dann noch an der nächsten Ampel wieder.

Gelassenheit entsteht, wenn ich lassen kann, was nicht sein muss und mich stattdessen auf das verlasse, was mich und mein Leben trägt und erhält. Und dann kann es geschehen, dass plötzlich so manches ins Reine kommt, was ich zuvor mit all meinen krampfhaften und ungeduldigen Bemühungen nicht rein bekommen konnte. Gelassene können etwas lassen, was sie auch tun könnten. Ich muss nicht für drei Minuten Zeitgewinn mein Leben aufs Spiel setzen. Und Ruhe und Gelassenheit beim Frühstück werden mir Leib und Seele vermutlich den ganzen Tag über danken. Es lohnt sich auch die Frage, wieviel Geld ich wirklich zum Leben brauche. Und wenn im Alter meine Lebensmöglichkeiten weniger werden, gewinne ich an Lebensqualität, wenn ich ihnen nicht nachrennen muss wie früher.

Auf dem Weg der Gelassenheit spüre ich, wie sich in mir eine andere, bisher noch nicht wahrgenommene Form von Stärke entwickelt und erfahre sinnvolles und erfülltes Leben, nach dem sich mancher die Lunge herausrennt, ohne es zu finden.
Wenn ich etwas lassen kann, es nicht krampfhaft gewinnen oder festhalten muss, dann kann ich die überraschende Erfahrung machen, dass mir genau das in die Hand gelegt wird, was ich brauche.
Und so muss ich mich auch nicht mehr ständig um eine gute Haltung bemühen. Das schont das Rückgrat und ich brauche weniger Kraft zum Stehen. Wenn ich nicht mehr gezwungen bin, etwas darzustellen, bin ich stattdessen etwas anderes: nämlich ICH selbst.

Gerade die Geschichten der Bibel sagen es auf vielfältige Weise: Gelassen werde ich, wenn ich weiß, auf wen ich mich verlasse. Ich brauche nicht ständig darauf zu horchen, ob andere Menschen mich gut finden.

Gute Erfahrungen auf dem Weg der Gelassenheit und des Vertrauens
wünscht Ihnen
Ihr Pfarrer Wolfgang Rapp

Weingarten im Blick, 13.7.2012



Aus dem Evangelischen Gesangbuch:

Wer nur den lieben Gott lässt walten
und hoffet auf ihn allezeit,
den wird er wunderbar erhalten
in aller Not und Traurigkeit.
Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut,
der hat auf keinen Sand gebaut.

Man halte nur ein wenig stille
und sei doch in sich selbst vergnügt,
wie unsers Gottes Gnadenwille,
wie sein Allwissenheit es fügt;
Gott, der uns sich hat auserwählt,
der weiß auch sehr wohl, was uns fehlt.

Denk nicht in deiner Drangsalshitze,
dass du von Gott verlassen seist
und dass ihm der im Schoße sitze,
der sich mit stetem Glücke speist.
Die Folgezeit verändert viel
und setzet jeglichem sein Ziel.

Sing, bet und geh auf Gottes Wegen,
verricht das Deine nur getreu
und trau des Himmels reichem Segen,
so wird er bei dir werden neu;
denn welcher seine Zuversicht
auf Gott setzt, den verlässt er nicht.

(EG Nr. 369)
Text und Melodie von Georg Neumark (1641)


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Wer bin ich?

Bild: Janine/pixelio.de

Bild: Janine/pixelio.de

Pfarrerin Marit Hole

„Ich bin … ein Chaot“, „Ich bin ein umerzogener Linkshänder“, „Ich bin Endstationen-Liebhaberin“, „Ich bin die Mutter eines schwerstbehinderten Kindes“, „Ich bin wie die See“, – so unterschiedlich kann es klingen, wenn Menschen nach dem gefragt werden, was uns so nah und so fern zugleich ist: nach uns selbst.
Das evangelische Magazin „chrismon“ hat seinen Leserinnen und Lesern im vergangenen Sommer diese Frage gestellt. Über eintausend Menschen haben ihre Gedanken und Erkenntnisse mitgeteilt. Da bekennen sich Menschen zu ihren Fragen  und Einsichten, zu Sternstunden und Niederlagen. Knapp oder ausführlich, nachdenklich, witzig, anrührend.

„Ich bin eine Nummer“, schreibt Eric. „Ich bin Nummer 378/2010. Ich bin Gefangener der JVA Landesberg am Lech. Aber ich bin auch ein Mensch! Ich bin Vater und Ehemann. Ich bin ein Mensch, der einen Fehler gemacht hat. (…). Ich bin 23 Jahre, ein Mensch und keine Nummer!“
„…morgen werde ich der sein, den ich heute noch nicht kenne.“, schreibt ein anderer.

„Ich bin Annekatrin …,“ lese ich weiter „36 Jahre alt; ich bin verheiratet und habe zwei Kinder; ich lebe in Gütersloh; ich arbeite als Lehrerin für Deutsch und Englisch am Westfalenkolleg Bielefeld; ich singe im Bachchor Gütersloh; mein Lieblingskomponist ist Bach. Seit drei Tagen weiß ich, dass unsere Tochter Ella (8 Wochen) gehörlos ist.“

„wow. Ich bin jemand der nichtmal zu sich selbst immer ehrlich sein kann. Dafür zu anderen umso mehr. Aber am meisten bin ich jemand mit träumen, idealen und worten. Ich bin voll mit worten. Und ich habe noch mein ganzes Leben vor mir um aus ihnen ehrlichkeit zu machen“

Wer bin ich? Die Antwort auf diese Frage ist nicht einfach. Möglicherweise lässt sie sich von einem Einzelnen gar nicht geben. Vielleicht findet sich die Antwort auf die Frage „wer bin ich“ im Gespräch. Im Kontakt mit Menschen, in den Beziehungen, in denen wir Tag für Tag stehen. Über das Du gelangen wir zum Ich. Das gilt in besonderer Weise dort, wo Gott unser Gegenüber ist, im Gebet. Dass Gott uns als einzelne Menschen wahrnimmt, liebevoll und barmherzig, das gehört zu den großen Zusagen des christlichen Glaubens, unserer jüdisch-christlichen Tradition. „Gott spricht: Ich habe dich bei deinem Namen gerufen“, diese Worte aus dem Buch Jesaja können einen Menschen vom Anfang bis zum Ende seines Lebens begleiten. In einer Welt, in der viele übersehen werden, empfinde ich diesen Zuspruch als immer wichtiger: Du bist gemeint. Das Leben ist kein Film, der an dir vorbei rauscht, nein, du bist mitten drin und trägst deinen Teil bei zu der großen Geschichte Gottes mit seiner Welt. Was hast du zu erzählen?

Weingarten im Blick 9.3.2012

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Du bist ein Kind deiner Zeit

 

Pfarrer Horst Gamerdinger über das Verhältnis der Generationen

 

Jeder ist ein Kind seiner Zeit. Meine Zeit begann im Jahr 1963, da bin ich geboren. „Geburtenstarke Jahrgänge“ waren das damals. „Pillenknick“ kam später. Grafisch wird das gerne mit Balken als Baum dargestellt, die Männer links, die Frauen rechts. Mein Jahrgang ist der mit dem längsten Balken. Im Kindergarten war ich in einer Zusatzgruppe, in der Schule gab es Wanderklassen, in der Uni hörte ich die überfüllten Vorlesungen oft auf dem Fußboden mit.
Irgendwann wurde mir klar, dass meine Geschichte nicht nur meine individuelle Geschichte ist, sondern die Geschichte der Kinder meiner Zeit. Kein Zufall, dass meine Freunde auch Väter hatten, die vieles aufhoben und Kaputtes immer noch mal reparieren konnten.


Warum ich darüber schreibe? Es ist so spannend, witzig und erkenntnisreich, sich darüber mit Gleichaltrigen zu unterhalten. Jede Jahrgangs-Generation hat ihre Erfahrungen und Erlebnisse, die sie prägen und bestimmen. Noch interessanter ist es aber, sich zwischen den Generationen auszutauschen.


Die Älteren haben den Mangel und Hunger der Kriegsjahre und danach erlebt und können es nicht sehen, wenn Essen weggeworfen wird. Die Jüngeren sind in der Fülle der achtziger und neunziger Jahre aufgewachsen und möchten selbst entscheiden, was sie essen. Früher tat man vieles ohne lange zu reden aus Pflichtgefühl gegenüber der Familie oder der Gesellschaft heraus. Wer so groß geworden ist, tut sich manchmal schwer mit dem Selbstbewusstsein und der Eigenverantwortlichkeit der Jüngeren.


Es braucht oft viel Toleranz zwischen den Generationen. Wenn man voneinander weiß, fällt vieles leichter. Es hilft, sich von den kleinen und großen Selbstverständ-lichkeiten der Zeit, in der man groß wurde, zu erzählen. Und sich zuzuhören über Generationsgrenzen hinweg. Zu fragen: Wie war es bei dir damals?
Ich freue mich über jede Situation, in der es gelingt, das Verständnis der Generationen untereinander zu fördern. Wenn sich Großvater und Enkel über die Pausenbrote damals und heute unterhalten. Oder wenn die Jugendliche sich mit ihren Großtanten darüber austauscht, was man als junges Mädchen auf keinen Fall anziehen kann und was man unbedingt haben muss.


Übrigens: Im ökumenischen Arbeitskreis zur „Woche für das Leben“ planen wir zur Zeit eine Veranstaltung für Ende April, bei der es um diese Gespräche zwischen den Generationen geht.

Weingarten im Blick, 17. Februar 2012

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Letzter Halt

Foto: Dieter Schütz_pixelio.de

Pfarrer Wolfgang Rapp über Albrecht Dürer und seine Betenden Hände

 

Albrecht Dürer, der große Maler aus Nürnberg. Vor mehr als einem halben Jahrtausend hat er gelebt. Aber seine Bilder sprechen die Menschen immer noch ganz unmittelbar an. Das Bild eines jungen Hasen etwa. Oder Dürers zahlreiche Bilder vom Leiden Jesu. Ganz besonders aber haben es die betenden Hände vielen Menschen angetan.
Faszinierend, wie genau Dürer hier jede winzige Einzelheit festgehalten hat: Die Fingernägel, die Hautfalten an den Knöcheln, die Adern und Sehnen bis zu den umgeschlagenen Ärmeln an den Handgelenken. Die Wissenschaft hat übrigens herausgefunden: Dürer hat hier seine eigenen Hände gemalt. Er hat zwei Spiegel zu Hilfe genommen und so jede Einzelheit genau vor Augen gehabt beim Malen.

Inzwischen hat sich der fromme Kitsch über dieses Motiv hergemacht. Dürerhände überall und in allen Formen, vom Konfirmationsbildchen bis zum Bronzeguss auf dem Grabstein. Dabei wird deutlich: Die zahllosen Nachahmer haben es nicht geschafft, dem Bild seine ursprüngliche Kraft zu nehmen.
Beten! Dürers Hände machen deutlich: Im Gebet finde ich Maßstäbe. Und sinnvolle Ziele für meine Arbeit. Mit meinen Händen kann ich mithelfen, dass Gottes Wille in dieser Welt geschieht. So wird aus dem Beten auch ein Arbeiten. Beten heißt eben nicht, die Hände in den Schoß zu legen.

Foto: Cornerstone_pixelio.de

Albrecht Dürer soll einmal gesagt haben: „Das Leben ist entweder ein Seil oder ein Federbett. Man gebe mir das Seil." Bequem nur das Dasein genießen oder sich angesichts von Nöten und Problemen unter der warmen Bettdecke zu verkriechen - das war Dürers Sache nicht. Kennzeichnend für seine Werke ist: immer genau hinsehen. Und - bei aller Genialität - immer auch handwerkliche Sorgfalt, Fleiß und Genauigkeit bis ins letzte Detail.Das Leben - nicht Federbett, sondern Seil! Mit einem Seil kann, wer die Mühe nicht scheut, hoch hinaus kommen. Mit einem Seil kann man Abgründe überwinden. Kinder verwenden das Seil zum Hüpfen und entfalten dabei ihre Beweglichkeit. Seile dienen auf vielfältige Weise als Werkzeug und Hilfsmittel bei der Arbeit. Im Hochseilgarten setzen sich Jugendliche und junge Erwachsene (und nicht nur sie) mit ihren körperlichen und psychischen Grenzen auseinander. Seitdem ich diesen Satz von Albrecht Dürer kenne, stelle ich mir seine Hände vor, wie sie ein Seil umfassen. Sinnbild von Tätig sein, Spielen und lustvollem Gestalten. Und zugleich Sinnbild für einen letzten, sicheren Halt.

 

 

Segen

Es sei mit uns
der Segen Gottes
im Atemholen
im Träumen
im Wachen
im Schmerz
in der Freude
im Denken
im Tun
im Verweilen
im Fortgehen

es sei mit uns
der Segen Gottes
wie eine Hand
auf unserer Schulter

 

 

Weingarten im Blick, 27. Januar 2012

 

 

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Wartezeit

Thomas Max Müller_pixelio.de

Pfarrerin Marit Hole über geraubte und geschenkte Zeit

Die Fußgängerampel zeigt Grün. Du willst sie schnell noch überqueren, da schaltet sie auf Rot und bremst deinen Schritt. Anderthalb Minuten warten, bis die Ampel wieder umschaltet. Geraubte Zeit oder geschenkte Zeit?

Du sitzt vor dem Computer und wartest, bis er eine umfangreiche Datei geöffnet hat. Lohnt es sich, zu warten – oder stehst Du lieber auf, um schnell etwas anderes zu erledigen?

Du gehst mit deinem Kind durch die Stadt, um noch schnell ein paar Geschenke zu besorgen. Da entdeckt es das Polizeiauto. Es parkt neben euch an der Straße. Das müssen wir von allen Seiten begutachten. Geraubte Zeit oder geschenkte Zeit?


Jeden Tag hängen wir mehrfach in der Warteschleife. Wie sollen wir damit umgehen? Wir können die Wartezeit mit Ungeduld überbrücken. Wir können versuchen, sie abzukürzen. Vielleicht ist da doch eine Lücke im Verkehr, in der Du über die Straße springen kannst. Du kannst schnell das Kind vom Polizeiauto wegziehen. Du kannst auch versuchen, die kleinen Warte- Pausen produktiv zu nützen – eine SMS schreiben, bis die Ampel umschaltet oder den Müll rausbringen, während der Computer arbeitet.


Noch etwas anders ist möglich: Du kannst dich bremsen lassen, mitten am Tag. Du kannst dir zum ersten Mal in deinem Leben ein Polizeiauto wirklich von nahem anschauen. Du kannst dich vor dem Computer zurücklehnen und noch einmal an das kurze Gespräch mit der Nachbarin am Morgen denken. Du kannst an der Ampel in die Gesichter der Menschen schauen, die neben dir warten. Kannst einen Moment auf die Stille um dich herum hören. Geraubte Zeit oder geschenkte Zeit?

 

Adventszeit ist Wartezeit. Geschenkte Zeit. Der Advent will unseren Alltag unterbrechen. Er möchte uns aufmerksam und offen machen für den, der kommt. Deshalb: Lass dir die Zeit schenken, und wenn es nur einige kleine Momente am Tag sind. Momente, in denen nicht du bestimmst, was getan wird, sondern in denen du hinhörst, durchlässt, was von außen kommt.


Lass dich überraschen von dem, was kommt, ohne, dass du es geplant hättest. Lass dich überraschen von dem, der kommt, ganz anders, als du es dir vorgestellt hättest. Oder, wie es der 24. Psalm sagt:

Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch – dass der König der Ehre einziehe (Ps 24,7).



Weingarten im Blick, 16. Dezember 2011

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Advent

Der scheidende Pfarrer Edwin Schulz zur Adventszeit

 

Nun dürfen wir im Adventskalender wieder die erste Tür öffnen. Advent – es beginnt die Zeit des Wartens. Kinder wünschen sich, dass die Zeit schnell vergeht; Erwachsene fragen sorgenvoll, ob sie alles bis zum Weihnachtsfest schaffen. Advent – die Zeit des Wartens.
Worauf aber warten wir? Auf ein Geschenk? Auf harmonische Tage in der Familie? Auf Zeit für Begegnungen? Auf einige Tage der Ruhe und Entspannung? Auf den, dessen Geburt an diesem Fest gefeiert wird?
Advent heißt Ankunft, das Kommen dessen, der „Heil und Leben mit sich bringt“ in eine Welt, die nicht „heil“ ist, aber doch voller Sehnsucht nach Licht und Leben.
Einer der für mich bewegendsten biblischen Texte zum Advent nimmt diese Sehnsucht auf. Es sind Worte aus dem Propheten Jesaja (Kap 63 und 64). Worte, die ein Schrei nach Rettung und Befreiung sind, noch mehr – ein Schrei nach Gott – die erschütternde Klage dessen, der auf Gott hofft, aber der Himmel scheint verschlossen. „Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen ...“. Und an anderer Stelle: „Bist du doch unser Vater, „Unser Erlöser“, das ist von alters her dein Name“. Eine Klage, die unter die Haut geht. Der Prophet behaftet Gott bei seinem Namen: Bist du doch unser Erlöser, unser Vater.
Um solcher Texte willen muss man zur Bibel greifen. Sie sind ganz auf der Seite des Menschen und in ihrer Klage ganz bei Gott. „Ach, dass du den Himmel zerrissest und führest herab ...“.
Über die Jahrtausende kommt uns der Prophet nahe und mit ihm hoffen wir auf Gott – für unser Leben und diese Welt. Und vielleicht kann man sagen: wo im Leid und in der Klage die Hoffnung nicht untergeht, wo wir einander zum Leben helfen, wird es Advent, leuchtet ein Licht in der Dunkelheit, kommt er uns nahe.

Eine gesegnete Adventszeit!

Pfarrer E. Schulz


im Gemeindebrief Ende November 2011

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Der alte Birnbaum

Pfarrer Wolfgang Rapp

 

Lieber Leserinnen und Leser!

Haben Sie dieses Gedicht auch in der Schule auswendig gelernt?

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,
ein Birnbaum in seinem Garten stand.
Und kam die goldene Herbsteszeit
und die Birnen leuchteten weit und breit,
da stopfte, wenn's Mittag vom Turme scholl,
der von Ribbeck sich beide Taschen voll.
Und kam in Pantinen ein Junge daher,
so rief er: „Junge, wiste 'ne Beer?"
Und kam ein Mädel, so rief er: „Lütt Dirn!
Kumm man röwer, ick hebb 'ne Birn."


Dieses Bild sehe ich seit Kindertagen vor mir: Da steht ein Herr mit grauem Haar an einem hölzernen Lattenzaun. Der Zaun umgibt den parkartigen Garten mit dem Birnbaum darin. Vor dem Garten führt eine Straße entlang, Kopfsteinpflaster. Die Wege am Rand sind nicht befestigt. Und der Junge, der da entlang schlendert, in der stillen Hoffnung, eine Birne zu bekommen: das bin natürlich ich.
Kennen Sie nicht auch diese Freude, etwas geschenkt zu bekommen?! Herr von Ribbeck weiß freilich, dass das Geben auch den Geber erfreut. Darum stelle ich ihn mir als einen glücklichen und zufriedenen Menschen vor. Ach, möchte man sagen: Wo ist diese Lebensklugheit geblieben? Gilt nicht heute mehr und mehr die entgegengesetzte Devise? Denk an dich selbst! Jeder muss zuerst für sich selber sorgen! Geiz ist geil!
Aber das kannte natürlich auch schon der Dichter Theodor Fontane. Und er beschreibt auch diese Seite in seinem Gedicht: Der alte von Ribbeck stirbt, der Sohn ist ganz anders.

Der neue freilich, der knausert und spart,
hält Park und Birnbaum streng verwahrt.


Knausern und sparen: Die Geiz ist geil Mentalität hat sich in unseren Köpfen festgesetzt.
Ist Fontanes von Ribbeck ein Gegenbild hierzu? Für mich bedeutet dieses Gedicht, dass wir uns hüten sollten vor Hartherzigkeit und vor Gleichgültigkeit gegenüber denen, die sich aus eigener Kraft nicht helfen können.
Und es steckt noch mehr darin: Als der alte von Ribbeck stirbt, da bittet er darum, man möge eine Birne mit in sein Grab legen. Das geschieht. Die Jahre vergehen. Schließlich wächst ein neuer Baum aus der Frucht. Und wenn die Kinder über den Kirchhof gehen, dann ist es, als rufe der alte von Ribbeck wie eh und je: „Kumm man röwer, ick hebb 'ne Birn.“

Das ist meine Hoffnung: Dass bei allem Knausern und Sparen im Verborgenen etwas Neues heranwächst, etwas, das die Großzügigkeit zurückkehren lässt. Diese Erfahrung wünsche ich uns!

Es grüßt Sie herzlich
Ihr Pfarrer Wolfgang Rapp

 

Weingarten im Blick, 14. Oktober 2011

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Ein Reden des Herzens ...

Foto (c): winny, pixelio.de

Pfarrer Edwin Schulz, Gedanken über das Gebet

Martin Luthers kurze Erklärung zum Gebet in seinem Kleinen Katechismus haben Generationen auswendig gelernt.
„Das Gebet ist ein Reden des Herzens mit Gott in Bitte und Fürbitte, Dank und Anbetung.“

Ein Reden des Herzens! Wir alle kennen Situationen in unserem Leben, in denen wir in der Sprache des Herzens Gott gedankt und um seine Hilfe gebeten haben. Wie von selbst kamen uns die Worte über die Lippen und eines der häufigsten und kürzesten Gebete ist wohl dies: „Gott, hilf mir.“

Wir beten mit unseren eigenen Worten, aber es gibt auch Gebete, in die wir einstimmen können, die auf ihre Weise zur Sprache bringen, was uns auf dem Herzen liegt.
Das Gebet verbindet alle Religionen. Im Gebet reden wir nicht über Gott, sondern zu ihm – wir tragen unser Herz gleichsam zu ihm, mit unserer Freude, unseren Sorgen und Ängsten, unserer Hoffnung, unserem Dank. Im Gebet erfahren wir uns zutiefst in unserer menschlichen Verwiesenheit auf den Himmel über uns.

Worte aus Psalm 36 – einem Gebet – bringen diese Erfahrung und Erkenntnis für mich unvergleichlich zur Sprache.

Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist,
und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.
Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes
und dein Recht wie die große Tiefe.
Herr, du hilfst Menschen und Tieren.
Wie köstlich ist deine Güte, Gott,
daß Menschenkinder unter dem Schatten
deiner Flügel Zuflucht haben!
Sie werden satt von den reichen Gütern deines Hauses,
und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom.
Denn bei dir ist die Quelle des Lebens,
und in deinem Lichte sehen wir das Licht.
                Psalm 36,6-10

 


Weingarten im Blick, 23.9.2011

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Einer von uns

Foto (c) Der Gemeindebrief 2005/4

Pfarrer Horst Gamerdinger

über Tod und einen Augenblick kurzer Stille beim Zugfahren

Diesen Sommer gab es ein Erlebnis, zu dem meine Gedanken seither immer wieder zurückgehen. Es war auf einer Zugfahrt mit dem ICE. Drinnen unterhalten sich Menschen, draußen ziehen stille Landschaften vorbei. Plötzlich ein Ruck, der Zug bremst abrupt ab und kommt auf freier Strecke zum Stehen.
„Meine Damen und Herren, ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit“, meldet sich eine Stimme über die Lautsprecher. „Wegen eines Personenunfalls wird unser Zug bis auf weiteres nicht weiterfahren ...“ Für kurze Zeit ist Stille im Großraumwagen, vielleicht im ganzen Zug. Personenunfall – das heißt doch … da ist jemand gestorben, jetzt gerade, hat sich vor den Zug geworfen, in dem ich sitze, wollte nicht mehr leben, hat entschieden, dass sein Leben auf diese Weise beendet werden soll.
Ich rede mit meiner Sitznachbarin, die mir bis dahin völlig fremd war, über Selbstmord und Freitod, über Lebensschicksale und darüber, was einen Menschen wohl dazu bringt, sich vor einen Zug zu legen. Vor uns, hinter und neben uns ähnliche Gesprächsthemen. Niemanden höre ich über die Verspätung schimpfen oder über verpasste Termine und Anschlusszüge reden. Wie unwichtig das plötzlich ist, wenn es um ein Menschenleben geht! Die Bahn übrigens hat die ganze Zeit hervorragend darüber informiert, was gerade passiert und worauf man noch wartet.
Nicht vergessen werde ich diese intensive Stille im Zug. Ein Augenblick des kollektiven Schweigens und Gedenkens, ohne das jemand dazu auf gerufen hatte. Es war einer von uns, von uns Menschen, dessen Leben da zu Ende ging. Solche Gedanken waren es, die im Raum schwebten. Einer von uns.
Für mich war es, als hätten in diesem Moment des Innehaltens plötzlich alle im Zug eine Zusammengehörigkeit zwischen den Menschen gespürt, eine Art Lebensband, das uns alle verbindet. Ob es so etwas wohl gibt? Ich bin überzeugt davon.


Weingarten im Blick, 9.9.2011

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Hauptsache gesund

Pfarrerin Marit Hole über das Wichtigste im Leben


Kaum ein Tag vergeht, an dem wir uns das nicht gegenseitig wünschen: „Hauptsache, du bist gesund“. So viele Gespräche beim Einkaufen oder bei der Arbeit werden damit beendet! Für die meisten scheint die Gesundheit der größte Wunsch überhaupt zu sein.


Aber wenn ich mich genau umschaue in meiner Umgebung, dann sind es doch viele Menschen, auf die dieser Wunsch gar nicht zutrifft: Da hat bei den einen die Grippewelle zugeschlagen. Manche haben Schmerzen beim Gehen, weil die Hüfte kaputt ist. Da sind diejenigen, denen ihr Gewicht auf die Gesundheit schlägt. Viele, die sich mit chronischen Krankheiten abmühen. Und natürlich alle, die im Krankenhaus behandelt werden müssen, dieses eine Mal oder immer wieder. Nicht nur die älter Werdenden habe ich vor Augen, sondern auch Jüngere und ab und zu ein Kind. Die meisten erzählen überhaupt erst von vergangenen oder gegenwärtigen oder befürchteten Beschwerden, wenn wir ein bisschen vertrauter geworden sind.
Wie hören sie alle das „Hauptsache gesund“? Fühlen sie sich selber schuldig, weil sie nicht alle Vorschriften über Ernährung, Bewegung und den gesunden Lebensstil beachtet haben? Hadern sie mit ihrer Familie, weil sie be-stimmte Veranlagungen geerbt haben? Fühlen sie sich ausgeschlossen, aus der Gruppe der Gesunden? Oder verdrängen sie die eigenen Beschwerden?


„Hauptsache gesund“ – das schließt Mose aus, der vermutlich gestottert hat, und Paulus, der mehrfach von einer Krankheit berichtet, die Epilepsie gewesen sein könnte. Von Philip Melanchthon wissen wir, dass er zeitweise Magersucht hatte und Martin Luther litt unter Depressionen. Bei ihnen allen wären wir wohl vorsichtiger mit unse-rem Urteil und würden zumindest einräumen: Die Hauptsache in ihrem Leben war nicht Ihre Gesundheit, sondern das, was sie trotz Krankheit für andere Menschen getan, was sie entwickelt und aufgebaut haben.


Und wenn nun eine oder einer nichts mehr für andere leisten kann? Wenn ein Mensch schon mit solchen Ein-schränkungen geboren wird, dass er nie etwas wird leisten können? Ja, dann müssen wir entscheiden, ob wir bei unseren Maßstäben bleiben oder ob wir bereit sind, über anderes nachzudenken.


Gott hat jedenfalls nie von einem Menschen verlangt „Hauptsache gesund“. Er hat – zum Glück – andere Prioritä-ten. Für ihn ist – da bin ich mir sicher – das Lächeln eines behinderten Menschen weit wichtiger. Oder die Hände, die sich am Krankenbett treffen. Wenn Menschen, die selbst eine schwere Krankheit überstanden haben, Ver-ständnis für andere entwickeln.


Die Geduld und Hartnäckigkeit, mit der sich Menschen, die chronisch krank sind, durchs Leben vortasten. Und in all dem der Glaube, dass man in guten wie in schweren Zeiten, mit Schmerzen und mit Gesundheit, in Gottes Hand aufgehoben ist.
„Hauptsache geborgen“ wünsche ich Ihnen deshalb für Ihren Weg.

 

Weingarten im Blick, 2.9.2011

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Unterwegs

Pfarrer Horst Gamerdinger über die Zeit und das sich treiben lassen im Urlaub

Im Urlaub ist gut Gott suchen.
Morgens, beim Aufwachen ist noch offen, wohin es mich heute treibt.
Vielleicht ins quirlige Gewühle der Stadt, heute allerdings ohne Zieladresse und Termin. An der Ecke da vorne gehe ich einfach da hin, wo es am Schönsten aussieht.
Oder unterwegs in den Bergen: Ich gehe immer höher hinauf. Ärger und Enge bleiben unten im Tal. Wunderbare Ausblicke tun sich auf. Der Geist erwacht zu neuem Leben. Die Weite erfüllt mein Herz.


Ein Psalmvers fällt mir ein: „Gott, deine Güte reicht, soweit der Himmel ist und deine Wahrheit, soweit die Wolken ziehen“ (Psalm 36) 

Vielleicht finde ich eine kleine Kapelle am Wegesrand. Viele Kirchen und Kapellen habe ich schon betreten, eine Kerze angezündet und für jemanden gebetet.
Ich setze mich, sehe mein Leben an. Von hier aus erscheint vieles in einem anderen Licht. Kann sein, ich treffe auch eine Entscheidung.

Oft bin ich im Urlaub am Meer. Es ist alles so frei dort. Ich lasse mich erfüllen von der Weite und kann mich gar nicht satt sehen an dem endlosen Horizont.
Frischer Wind weht weg, was sich an Sorgen festgesetzt hat. Der uralte Rhythmus der Wellen lässt den Alltag und die Zeit vergessen.


Überhaupt, die Zeit. Wie immer ist sie auch mit dabei. Doch sie bewegt sich anders im Urlaub, scheint mir. Hier und da verweilt sie etwas länger, um ganz genau hinzuschauen. Da und dort bleibt sie mal stehen und genießt etwas ganz besonders intensiv. Und ab und zu, ganz selten allerdings, frage ich mich: Ist sie überhaupt noch da, die Zeit?


Weingarten im Blick, 22.7.2011

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Siehe, es war sehr gut

Pfarrer Horst Gamerdinger über die besondere Verbindung aller Geschöpfe untereinander

Kinder, so habe ich manchmal den Eindruck, haben eine ganz besondere Verbindung  zu Tieren und Pflanzen, ja sogar zu Dingen. Eine Verbindung, die uns Erwachsenen wohl irgendwann abhanden gekommen ist. Eine kleine Geschichte erzählt von dieser besonderen Verbindung:

Ein furchtbarer Sturm kam auf. Das Meer tobte und meterhohe Wellen brachen sich ohrenbetäubend am Strand. Als das Unwetter nachließ und der Himmel aufklarte, lagen am Strand unzählige Seesterne, die die Wogen auf den Sand gespült hatten.
Ein kleines Mädchen lief am Wasser entlang, nahm einen Seestern nach dem anderen in die Hand und warf ihn zurück ins Meer. Ein Spaziergänger sah das und sprach das Mädchen an: „Ach Kleine! Was du da machst ist vollkommen sinnlos. Siehst du nicht, dass der ganze Strand voller Seesterne ist? Die kannst du niemals alle zurück ins Meer werfen! Was du da tust, ändert nicht das Geringste!“
Das Mädchen schaute den Mann an. Dann nahm sie den nächsten Seestern und warf ihn in die Fluten. „Für ihn wird es etwas ändern!“ 


Was der Mann sagt, mag vernünftig und realistisch sein, meine Sympathie jedoch hat das Kind. Das Mädchen steht auf der Seite des Lebens. Sie setzt sich ein für das Leben, für jedes einzelne Leben. Und sie lässt sich auch durch die Größe der Aufgabe nicht entmutigen. Sie tut eben, was sie kann, da, wo sie gerade ist. Dass es „nur“ ein Seestern ist, spielt für das Mädchen keine Rolle.
Vielleicht spüren Kinder so etwas wie eine tiefe Verbindung mit anderen Geschöpfen. Und das auf einer Ebene, die tiefer geht, als Vernunft und Realitätssinn je kommen. Wie ein „Band des Lebens“, das alle Lebewesen miteinander verbindet. In der biblischen Schöpfungsgeschichte ist diese Verbindung Gott, er ist der Grund und der Schöpfer, aus dem alles Leben entsteht. „Siehe, es war alles sehr gut.“ , heißt es da am Ende. Wie unsere Welt wohl aussähe, wenn uns die Verbindung zwischen allen Geschöpfen genauso selbstverständlich wäre wie dem Mädchen?

 

Gemeindebrief im Juli 2011

Die Geschichte ist entnommen dem Buch: Oh! Noch mehr Geschichten für andere Zeiten, Andere Zeiten e.V., Hamburg, das Bild ist von delater_pixelio.de

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Mit den Wölfen heulen oder wie Lämmer springen?

Pfarrer Wolfgang Rapp

 

Christus spricht (zu seinen Jüngern): Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich. (Lukas 10, Vers 16)
Wochenspruch für den 1. Sonntag nach Trinitatis


Jesus sandte seine Jünger aus, um die Gute Nachricht von der Liebe Gottes weiterzugeben – so erzählt der Evangelist Lukas. „Wer euch hört, der hört mich!“, gibt Jesus ihnen mit auf den Weg. An euch erkennen Men-schen, wer ich bin, wie ich rede und handle. Deshalb: Lebt, wie ich gelebt habe. Euer Leben wird nicht einfach sein – manchmal wie „Lämmer unter Wölfen“.


Aber: Wer will schon Lamm sein unter Wölfen in einer Welt, in der es darum geht, den eigenen Platz zu finden, sich zu behaupten und sich durchzusetzen?! Was meint Jesus mit dem Bild von den Lämmern? Vielleicht haben wir sie jetzt vor unserem inneren Auge: unverwechselbar, zutraulich, zärtlich und schön. Sie verstellen sich nicht und jagen keine Angst ein. Sie rufen Aufmerksamkeit und Zuwendung hervor. Kinder spüren das auf ihre Weise: Sie laufen hin, um sie zu streicheln. Unbekümmert wecken sie Freude. Sie manipulieren nicht und drängen sich nicht auf. So verstanden sind sie ein Bild für das Evangelium: Es stiftet Frieden, wo Menschen Frieden wollen. Und wo nicht, empfiehlt Jesus: „Schüttelt den Staub von euren Füßen und zieht weiter“. Denn: „Wer euch verach-tet, der verachtet mich.“


Zuvor erinnert uns Lukas an die sogenannten „Weherufe“ Jesu über Städte, in denen er und seine Jünger abge-lehnt und davongejagt wurden – im Bild: Orte, an denen die Wölfe heulen, Orte, an denen wir meinen, unauffällig sein und still halten zu müssen Aber Jesus sieht den Weg der Lämmer für uns Christen vor. Die Frage an uns lautet: Was wollen wir? Wollen wir stillhalten, mit den Wölfen heulen oder lebendig wie die Lämmer springen?


Gute Erfahrungen mit der Unbekümmertheit und Lebensfreude der Lämmer wünscht Ihnen


Ihr Pfarrer Wolfgang Rapp

 

Weingarten im Blick, 24.6.2011

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Eine verrückte Welt ...

Pfarrer Edwin Schulz über die Ernährung der Weltbevölkerung im 21. Jahrhundert

Das Jahresthema 2011 ist in unserer Kirchengemeinde eine Bitte aus dem Vaterunser: „Unser tägliches Brot gib uns heute ...“. Sie steht im Zentrum der sieben Bitten des Vaterunsers.

Die Bitte um das tägliche Brot nimmt unsere irdische Existenz in den Blick, die Welt, in der Menschen um leben zu können, Nahrung brauchen, ein Auskommen haben müssen, sich um die Zukunft sorgen.

In einer Fernsehdiskussion mit Ernährungswissenschaftlern ist mir die Dringlichkeit dieser Frage erneut aufgegangen. Wie soll die Weltbevölkerung ernährt werden? Reicht es für alle? Inzwischen leben nach neuen Erhebungen 7 Milliarden Menschen auf der Erde und schon jetzt hungern mehr als eine Milliarde, v.a. auch Kinder.
Schätzungen gehen davon aus, dass die Weltbevölkerung bis ins Jahr 2050 auf 10 Milliarden Menschen anwachsen soll. Auch sie wollen satt werden, auch sie brauchen das tägliche Brot.

„Verrückte Welt!“ Hunger und Unterernährung in unvorstellbarem Ausmaß und bei uns gefüllte Regale, Dutzende von Brotsorten, die man auswählen kann.
„Verrückte Welt!“ In manchen Regionen dieser Erde suchen ganze Scharen von Kindern nach etwas Eßbarem im Müll der Großstädte und in unseren Breiten werden etwa 30% der Nahrung weggeworfen. Hier unglaublicher Überfluss, andernorts unvorstellbarer Mangel.

Der Gedanke, dass ganze Weizenfelder in „Bioenergie“ verarbeitet werden sollen, „Nahrungsmittel“ also im Autotank, ist für viele Menschen nur schwer erträglich, wenn überhaupt. Dass alle das tägliche Brot haben, hat neben vielen anderen Aspekten auch eine geistliche und ethische Dimension.

Einer der Teilnehmer bei dieser Fernsehdiskussion sagte sinngemäß: Die Nahrungsfrage wird zu einer entscheidenden Menschheitsfrage des 21. Jahrhunderts werden, zu einer globalen Herausforderung. Es geht um das Überleben von Millionen von Menschen.

Auch diese Menschen heben den Blick zum Himmel. Die Bitte um das tägliche Brot ist auch im Zeitalter beeindruckender Erfolge der Agrartechnik kein Relikt aus der Vergangenheit. Sie bringt Gott ins Spiel. Sie nimmt den Beter in Verantwortung in einer „verrückten“ Welt.


Weingarten im Blick, 10.6.2011

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Du stellst meine Füße auf weiten Raum

Pfarrer Horst Gamerdinger über mutige Konfirmanden, denen die Frage nach Gott nicht gleichgültig ist

Zur Zeit sind wieder Konfirmationen in der Weingartner Stadtkirche. An den beiden vorhergehenden und am kommenden Sonntag entscheiden sich die jugendlichen Konfirmanden für den christlichen Glauben. Das ist mutig. Denn sie zeigen damit öffentlich einen Standpunkt: Ja, ich will Mitglied in der christlichen Gemeinschaft bleiben. Die Frage nach Gott ist mir nicht gleichgültig, sondern sie soll mich auch weiterhin begleiten.
Damit ist nichts abgeschlossen oder festgelegt, es ist eher ein neuer Raum eröffnet. Wie bei den Füßen auf dem Bild nebenan. Es zeigt einen Schmuckanhänger zu dem Psalmspruch „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ (Psalm 31). Wir sehen einen Raum, noch unberührt, ohne Spuren. Nur unten am Rand sind zwei Fußabdrücke. Sie stehen noch halb draußen und auch schon halb drin. Noch schreiten sie nicht, die Füße, machen keinen Schritt hinein ins Blaue, sie warten noch ab.
Es sind die Abdrücke einer Person, die auf ihrem Weg kurz stehen bleibt, um sich zu orientieren. Wir sehen nicht, was die Person schon alles hinter sich hat, wir sehen sie nur hier stehen am Rand eines neuen Raums. Noch ist nicht klar, was passieren wird. Noch ist nichts entschieden.
Vielleicht reizt sie das Unberührte und Neue und sie geht gleich los, um ihre Fußspuren zu hinterlassen, wie am Strand, wenn man der erste ist, der durch den Sand geht. Vielleicht schreckt sie aber auch die Weite und sie wartet lieber noch auf Begleitung.

Wie ein Leben verläuft, haben wir nur zum Teil in der Hand. Ich selbst konnte mir mit 14 nicht im Entferntesten vorstellen, was alles noch kommen würde, weder an Schönem noch an Belastendem. Wie oft stand und stehe ich auch heute noch da wie die Füße auf dem Bild: ei-nen weiten Raum vor mir, der viel Freiheit und Möglichkeiten bietet, aber auch das Durchschreiten fordert, den festen Schritt und die Entscheidung für die Richtung.
Dass die Frage nach Gott mich dabei immer begleitet, empfinde ich dabei als Hilfe und Un-terstützung.
Ich wünsche Ihnen die gute Erfahrung, dass Gott Sie begleitet und stützt und über schwierige Abschnitte hilft, wenn es nötig ist.

Weingarten im Blick, 20.5.2011

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Das wäre doch gelacht

Pfarrerin Marit Hole über das Osterlachen

 

Offenes Lachen in der Kirche? Für unsere Ohren klingt das ungewöhnlich, für manche Kirchenbesucher sogar unangebracht. Kirche als Raum der Stille und lautes Gelächter – das beißt sich. Im Mittelalter hat man das anders gesehen: damals räumte man in den Kirchen bewusst einen Ort für das Lachen ein: im Ritual des Osterlachens. An Ostern, und nur an diesem einen Festtag, war das Lachen nicht nur nicht verboten – es war geradezu gewollt. Die Prediger erzählten von der Kanzel Anekdoten, machten Anspielungen und derbe Späße, um ihren Hörern dieses Lachen zu entlocken.
Im Hintergrund stand der Wunsch, das Ostergeschehen mit allen Sinnen zu erfassen – über gute Predigten, wohlschmeckendes Ostergebäck, den Ohrenschmaus der Musik und eben: das Lachen. An Ostern sollte nicht nur der Kopf das Geschehen begreifen, sondern der ganze Mensch. Man lachte das Leben an - und den Teufel lachte man aus. Er ist mit der Auferstehung zu einer lächerlichen Figur geworden.
Das Osterlachen hat auch eine Spur in unserem Gesangbuch hinterlassen. Paul Gerhard dichtete 1647 sein bekanntes Lied „Auf auf mein Herz, mit Freuden“. In der fünften Strophe heißt es:
„Die Welt ist mir ein Lachen/ mit ihrem großen Zorn/ sie zürnt und kann  nichts machen,/ all Arbeit ist verlorn./ Die Trübsal trübt mir nicht/ mein Herz und Angesicht/ das Unglück ist mein Glück/ die Nacht mein Sonnenblick (EG 112,5).
Haben wir das Osterlachen in unseren Gottesdiensten vergessen? Mag sein, wir zögern. Wir zögern aus Respekt davor, dass es auch in der Osterzeit vielen Menschen nicht zum Lachen zumute ist. Vielleicht zögern wir auch, weil uns bewusst ist: Lachen ist spontan. Man kann es nicht einfach anknipsen wie eine Lampe. Aber wenn wir Paul Gerhardts Liedstrophe noch einmal lesen und innerlich mitsingen, dann finden wir auch darin die Gedanken eines Menschen, dem das Lachen oft selbst im Hals stecken geblieben ist: „Die Trübsal trübt mir nicht/ mein Herz und Angesicht“ dichtet er mitten im dreißigjährigen Krieg. Gerhardt singt vom Lachen eines Menschen, der nicht nur die Furcht vor dem Tod verloren hat, sondern auch vor dem Leben. Sein Lachen weiß darum, dass mit Ostern zwar nicht das Leid abgeschafft ist, aber einer unseren Kummer teilt. Er verspricht, am Ende aller Tage die Tränen von unseren Wangen zu trocknen. Wäre doch  gelacht, wenn wir da nicht einstimmen könnten in ein freudiges Osterlächeln oder gar in ein wirklich herz-haftes Lachen: Staune, Mensch, und lache, mit allen Sinnen und jeder Pore deines Daseins. Christus ist auferstanden!

Weingarten im Blick, 6.5.2011

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Was kommt noch?

Pfarrer Horst Gamerdinger über das Potential der Osterhoffnung

Das frische Grün der neuen Triebe auf dem Foto kann man leider in schwarz-weiß nicht erkennen. Trotzdem fällt es nicht schwer, es sich vorzustellen, denn draußen sehen wir es zur Zeit tausendfach.
Ich bin immer wieder beeindruckt. Jedes Frühjahr neu. Diese enorme Lebenskraft, die da zum Ausbruch kommt! Wie auf ein geheimes Zeichen geht es los. Stimmen die Bedingungen, will jede Knospe die erste sein, so scheint es.
Es ist ein enormes Potential, das sich da zur Entfaltung aufmacht. Die ganze Erwatung des künftigen Lebens steckt schon in den ersten kleinen Blättern: Wachsen, Frucht bringen, vergehen.
Was wird sich alles noch entwickeln? Was wird noch passieren? Darum kreisen in diesen Tagen meine Gedanken, angestoßen durch die aufblühende Frühlingsnatur und das nahende Osterfest. Welche Erwartungen habe ich für die Zukunft? Was wird noch alles möglich sein? Was gibt mir in meinem Leben immer wieder Kraft und Auftrieb?
Es ist ja kein Zufall, dass das Osterfest gerade in dieser Jahreszeit gefeiert wird, wo sich in der Natur die neu erwachende Lebenskraft Bahn bricht.
Doch Absterben und Aufleben gehören zusammen. In der kommenden Karwoche steht zunächst das Dunkle und Belastende des Lebens im Vordergrund. Das folgende Osterfest ist ein Fest des neuen Lebens, das alles umschließt und von dem alles getragen wird.
Was wohl noch alles aufblühen wird?


Weingarten im Blick, 15.4.2011

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„Unser täglich Brot gib uns heute ...“

Pfarrer E. Schulz

Diese Bitte aus dem Vaterunser ist unser Jahresthema 2011. „Brot“ ist in der Bibel ein zentraler Begriff, der zu vielen Assoziationen einlädt z.B.: Brot und Bitte, Brot und Dank, Brot und Teilen, Brot und Gemeinschaft, Brot und Wein, Brot und Abendmahl, Brot und Schöpfung, Brot und Arbeit, Brot und Gerechtigkeit, Brot und Leben, Brot und Wort Gottes, Brot und Himmel, Brot und Reich Gottes, Brot und Segen ...

Die Bitte um das tägliche Brot im Vaterunser verweist auf die elementare Bedürftigkeit des Menschen, auf seine Geschöpflichkeit. Die Bitte um das tägliche Brot war in früheren Zeiten tief im Lebensgefühl der Menschen verankert; es war schlicht die Bitte um die tägliche Nahrung in einem ganz konkreten Sinn, es war die Bitte in manchen Zeiten und heute in manchen Regionen dieser Welt um das schlichte Überleben. Wir dürfen Gott um für das tägliche Leben Notwendige bitten.
Aber „Brot“ steht in der Bibel noch für etwas anderes, für Leben in einem weiteren Sinn. Jesus macht das deutlich (Matthäus 4,1-11) als er es ablehnt, aus Steinen Brot zu machen.
In einer Geschichte mit dem Titel: „Brot zum Leben“ kommt dieses „Mehr“ auf anschauliche Weise zur Sprache: In einem Land herrschte große Christenverfolgung. Es war lebensgefährlich, eine Bibel zu besitzen. Die Familie eines Küsters konnte sich nicht von dem Buch lösen. Es war für sie wie das tägliche Brot, ohne das man nicht leben kann. Eines Tages aber kamen Fahnder. Die Mutter hatte es geahnt, als sie durchs Fenster schaute und zwei fremde Herren ankommen sah.
Sie war gerade dabei, ein Brot zu backen. Der Teig lag ausgerollt auf dem Tisch. In Windeseile nahm sie die Bibel, rollte sie in den Teig ein und schob das Ganze in den Ofen. Mit peinlicher Genauigkeit durchsuchte die Polizei das Haus, fand die Heilige Schrift aber nicht. Als am nächsten Tag das Brot auf den Tisch kam und die Bibel in der Mitte heil und unversehrt zum Vorschein kam, hatte jeder begriffen: Die Bibel ist Brot zum Leben. Wie das tägliche Brot den Menschen nährt, so ist auch Gottes Wort Nahrung für unser Lobe, Brot zum Leben.

Gemeindebrief, 28. März 2011

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Am Tisch der Menschheit ...

Pfarrer E. Schulz über ökumenische Partnerschaft

 

Seit mehr als einem Jahrzehnt besteht zwischen dem Kirchenbezirk Ravensburg und den Gemeinden von Fako South Presbytery in Kamerun eine Partnerschaft.
Es gab und gibt Besuche hin und her, Unterstützung von Projekten, z.B. dem Aufbau einer Mädchenschule. Jugendliche von hier verbrachten einige Wochen in einer Art Baucamp in Kamerun. Begegnungen, die immer wieder beeindruckend sind und auch die Erfahrung wie Kirche anderorts gelebt und Gottesdienst gefeiert wird.
Beim Blättern in einem Büchlein – Gebete aus den Jungen Kirchen – bin ich auf ein Gebet aus Kamerun gestoßen, das mich sehr angesprochen hat. Es wirft auf unser Jahresthema: Un-ser tägliches Brot gib uns heute ... ein weiteres Licht:

Gib uns heute das Brot deiner Gegenwart,
Herr, unser Bruder;
wir werden dich nicht mehr loslassen,
bis du uns gesättigt hast.  
Wir sind die stumme Stimme,
die Stimme Afrikas.

Sieh uns hier als Stimme der Stille
unter der Schwere der Trommeln,
unter der Last der Klagen,
die das Meer der Schmerzen füllen;
kein Ufer außer dem Leuchtturm der Hoffnung,
der aus deinem Herzen kommt
und alle unsere Wege erhellt.

Gib uns heute unser tägliches Brot
und blicke auf das Reich des Hungers:
Segne die Hungernden!
Gib uns heute nach so vielen Umwegen,
Rückzügen, Umkehren,
dass wir unseren Platz einnehmen
am Tisch der Menschheit,
dass wir unser Brot brechen
am Tisch deiner Brüder und Schwestern –
aller Menschen
auf der ganzen Welt.

            Aus Kamerun


Weingarten im Blick, 25. März 2011

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Weggabelung

Pfarrer Wolfgang Rapp zum Beginn der Passionszeit

 

 

Wochenspruch für den Sonntag vor der Passionszeit
Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.
(Lukas 18,31)


Liebe Leserinnen und Leser,
am Anfang unserer Lebensreise scheinen uns alle Wege offen zu stehen. Und dann beginnt ein Prozess der persönlichen Reifung, bis wir es für uns selber gelten lassen können, dass die Wahlmöglichkeiten im Äußeren nach jeder Weggabelung weniger werden. Mit jedem Tag unseres Lebens nimmt die Zahl der offenen Möglichkeiten langsam aber stetig ab. Gleichzeitig gewinnt die Frage an Bedeutung, wie ich die Chancen, die ich habe, am besten nutzen kann. Manchmal stehe ich dann auch vor Entscheidungen, von denen ich ahne, dass sie unwiderruflich sein könnten. In solch einer Situation finden wir Jesus in unserem Wochenspruch für den Sonntag vor Beginn der Passionszeit wieder.
„Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.“ (Lukas 18,31)
Jesus weiß: In Jerusalem kann es eng werden. Wenn ich dort hingehe, muss ich mit allem rechnen. Er trifft seine Entscheidung mit klarem Bewusstsein. Er strebt das Leiden nicht an, aber er geht ihm auch nicht aus dem Weg.

Jerusalem ist für die damaligen Gläubigen die Stadt Gottes. Hier sitzen diejenigen, die sich als seine Sachwalter verstehen, die bestimmen, wie die heiligen Schriften auszulegen sind. Deren Tun war beherrscht vom Streben nach Macht und eigener Sicherheit und damit von der Angst vor der Unberechenbarkeit des göttlichen Geistes. Das verdunkelte ihren Blick auf den, der in dieser heiligen Stadt gerne wohnen wollte. Und so wuchs an diesem heiligen Ort über die Jahrzehnte und Jahrhunderte ein Stahlnetz aus Geboten und Vorschriften, mit dem die Menschen klein und unmündig gehalten wurden.

Jesus, der sich selbst »Menschensohn« nennt, hat Gott anders erfahren. Gott, den er »abba - Papa« nennt, begegnet ihm als Leben schaffende, befreiende Kraft. Und so ist Jesus ganz und gar erfüllt von der Gewissheit, dass wir alle Gottes Söhne und Töchter sind.

Mit seiner Lebenshaltung müssen uns Erstarrung und Ängste nicht länger lähmen. An ihm sehen wir, wie die Änderung der Blickweise das ganze Leben verändern kann, wenn wir uns mit dem Ursprung allen Lebens verbinden. Wir entdecken Freude und Mitgefühl. Menschen, die sich von seinem Lebensgefühl berühren lassen, gewinnen innere Freiheit.

Jesus ist so frei: Er entscheidet sich für Jerusalem. Er bleibt sich selber, er bleibt seinem Weg treu: im Vertrauen auf den Leben schaffenden Gott. An jeder Weggabelung meines Lebens fragt die Vernunft: Wie sind die Chancen und meine Sicherheiten, wenn ich so oder so entscheide? Und mein Herz sagt: Das Leben ist mehr als alle äußeren Chancen und mehr als äußeren Sicherheiten . Hören wir auf die Stimme unseres Herzens!

Einen gesegneten Übergang in die Fasten- und Passionszeit wünscht Ihnen
Pfarrer Wolfgang Rapp

 

Weingarten im Blick, 4. März 2011

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Nicht vom Brot allein …

Pfarrer Horst Gamerdinger über die Vesperkirche

 

„Nächsten Donnerstag bin ich wieder da, vielleicht treffen wir uns noch mal, jetzt, wo wir uns nach 18 Jahren wieder gesehen haben.“ Mit diesen Worten wurde neulich ein Gespräch am Nebentisch beendet.

Ja, man trifft sich in der Vesperkirche, kommt auch ins Gespräch mit Menschen, die man schon lange nicht mehr gesehen  hat oder mit solchen, die man noch nie vorher getroffen hat.

Die Stadtkirche ist ein täglicher Treffpunkt geworden, ganz anderer Art als sonst. Der Kirchenraum hat sich völlig verändert: Wo sonst Bänke fest verschraubt in Rei-hen stehen, finden sich jetzt Essenstheken, Stühle und geschmückte Tische. Man sitzt sich gegenüber, spricht und isst miteinander.


Und doch – trotz Gedränge, Lautstärke und Essensgeruch, es bleibt eine Kirche, und das ist das Besondere an der 3-wöchigen Veranstaltung. Was in der Luft liegt, was mitschwingt, ist stets auch der geistliche Aspekt der Nahrung: Gemeinsame Abendmahlsfeiern, biblische Geschichten vom Brot, das neben dem materiellen Hunger ebenso den Hunger der Seele und die Sehnsucht des Geistes stillt. Oder Sätze wie: “Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt“, all das ist beim Essen in der Vesperkirche immer auch dabei.

 

Die Vesperkirche ist ein Ausnahmezustand in vielerlei Hinsicht, nicht zuletzt in der freundlichen, offenen, zugewandten Atmosphäre, in der sich Fremde hier begegnen.
Und dann – was ist, wenn alles wieder vorbei ist? Hat sich etwas verändert? Die Strukturen bleiben doch die gleichen. Arme bleiben arm und Reiche bleiben reich – und der politische Wind weht sowieso in Richtung Auseinandergehen der Schere.

Also was bringt’s?

Es ist ein Zeichen. Ein Postulat. Die Vesperkirche ist die lebendige Behauptung, dass es geht, gehen kann, gehen muss: Alle werden satt. Es ist genug für alle da, es kommt nur auf die Verteilung an. Nicht nur in Weingarten, sondern in der ganzen Welt.

11. Februar 2011, Weingarten im Blick

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Vesperkirche – Kirche einmal anders ...

Eingang der Stadtkirche

Willkommen zur Vesperkirche

Vom 25. Januar bis 13. Februar 2011 öffnet die Evang. Stadtkirche ihre Türen für die „Vesperkirche“.

Pfarrer E. Schulz

 

Sie findet zum ersten Mal in unserer Kirche statt und alle sind herzlich eingeladen, in diesen drei Wochen Kirche einmal anders zu erleben. In der Vesperkirche wird der Kirchenraum zum Lebensraum. Wie bei den bisherigen Vesperkirchen ist auch in Weingarten das Motto: miteinander essen, reden, leben. Die Vesperkirche bietet die Möglichkeit neuer Begegnungen. Sie ist offen für Jung und Alt, für Arm und Reich, krank oder gesund, einsam oder eingebun-den - alle sind willkommen. Täglich gibt es ein Mittagessen in der besonderen Atmosphäre eines Kirchenraumes. Essen und Trinken bringt Menschen an einen Tisch, bringt Menschen ins Gespräch.

Die Evangelien berichten davon, dass Jesus sich immer wieder mit allen Menschen ein einen Tisch gesetzt hat. Für ihn war das die gelebte Botschaft von der Liebe Gottes, für ihn war das gelebte Gemeinschaft im Angesicht Gottes. Die Kirche ist
hierfür der richtige Ort. Vesperkirche ist Gottesdienst in anderer Form – so hat es einmal je-mand treffend ausgedrückt.

Wir alle wünschen uns Gemeinschaft, Zuwendung, ein christliches Miteinander. Möge die Vesperkirche viele solcher Begegnungen ermöglichen.

 

Weingarten im Blick, 14.1.2011

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Ein Kind ist uns geboren

Pfarrerin Marit Hole

 

„Ein bisschen Mama, ein bisschen Papa und ganz viel Wunder“ -  „Längst in unser Herz – jetzt endlich in unsere Arme geschlossen“ – begeistert verkünden Eltern so die Geburt eines Kindes. Wer selbst einmal eine Geburtsanzeige entworfen hat, der weiß: das Glück, das man bei der Ankunft eines Kindes empfindet, in Worte zu fassen, das ist schier unmöglich. Egal, ob der Text schließlich mehr romantisch, eher staunend oder ganz lapidar ausfällt, immer lassen die Zeilen spüren, wie bewegend die Ankunft des kleinen Menschen für seine Familie ist. Eines fehlt nie: der Name. Ihn geben die Eltern allen Menschen bekannt. Deshalb steht der Name immer in großen Buchstaben mitten auf der Anzeige.
Eine solche Geburtsanzeige findet sich auch in der Bibel, beim Propheten Jesaja. Und der ist, nicht anders als die Eltern unserer Tage, völlig aus dem Häuschen:
Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst. (Jes 9,5).
Auch Jesaja stellt den Namen des Kindes in den Mittelpunkt. Dieser Name ist Programm: Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst. Jesaja legt in den Namen des neugeborenen Kindes alle seine Hoffnung auf eine friedliche, bessere, gerechte Zukunft für ein Volk, das im Finstern wandelt. Seine Begeisterung ist grenzenlos.
Sie sehen auf dem Bild einen Abdruck dieses Bibelverses aus einer mittelalterlichen Handschrift. Aber der Text des Jesaja ist nicht nur abgeschrieben. Der Maler hat das getan, was wir auch meist in Geburtsanzeigen tun: Er hat ein Bild des Neugeborenen hinzugefügt. Damit bekennt er, wer dieses Kind für ihn ist: Aus dem Anfangsbuchstaben „P“ – vom lateinischen „puer natus“ des Textes wächst uns das Bild von Jesus Christus, dem Kind in der Krippe. Malend macht der Künstler deutlich: Jesus ist es, von dem wir Frieden, Gerechtigkeit, Heil erwarten und er ist hier, unter uns, in unseren Texten und Überlieferungen. Wir sind seine Familie. Aus seiner Geburt wachsen prächtige Knospen, die sich weiterranken, über die ganze Seite, weit über die Welt der Buchstaben hinaus  – bis hinein in unser Leben?

 

Weingarten im Blick, 24.12.2010

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Am Ende des Kirchenjahres

Im November stehen Feiertage im Kalender, die uns auf den ersten Blick nicht so sehr zum Feiern einladen, weil ihre Themen – Buße, Trauer und Tod – eher ernst und traurig stimmen. Mit diesen Tagen neigt sich das Kirchenjahr dem Ende zu. Welche sind es?

Der Volkstrauertag ist kein kirchlicher Feiertag, aber er nimmt ein christliches Anliegen auf. 1952 wurde er als nationaler Gedenktag eingeführt und hat so auch eine politische Dimension. Gedacht wird der Gefallenen beider Weltkriege, darüber hinaus aber auch der Opfer von Krieg und Gewalt damals und heute. Welch unvergessliches Leid? Die Toten mahnen uns, Versöhnung und Frieden zu leben. In der Bergpredigt (Matthäus 5) sagt Jesus: „Selig sind die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen.“

Der Buß- und Bettag ist seit Mitte der 90er Jahre – bis auf das Bundesland Sachsen – nicht mehr staatlich geschützter Feiertag. In Abendgottesdiensten wird er aber dennoch in vielen Gemeinden gefeiert, bei uns in Weingarten sogar ökumenisch gestaltet.

In vielen Religionen gab und gibt es allgemeine Bußtage. Die Wurzeln solcher Bußtage in der Geschichte des christlichen Abendlandes reichen zurück bis Kaiser Konstantin.
Innere Einkehr, sein Leben vor Gott bedenken ist nicht an einen bestimmten Tag gebunden. Aber ich frage mich: Ist nicht durch den Wegfall des öffentlichen Charakters dieses Tages eine Dimension verloren gegangen, die auch heute von gesellschaftlicher Bedeutung wäre?
Buße, Umkehr, Sinnesänderung also nicht nur auf die Privatsphäre und den binnenkirchlichen Raum beschränkt, sondern auch als Möglichkeit in der gesellschaftlichen und politischen Sphäre, über das politische Tagesgeschehen hinaus Fragen zu stellen, die unser Gemeinwesen, unser Dasein in dieser Welt betreffen. Z.B.: Wie wollen wir Zukunft gestalten? Welche Verantwortung tragen wir dabei vor Gott und den kommenden Generationen?

Wir sind auf dieser Erde nicht ganz zuhause. Daran erinnert uns der letzte Sonntag im Kirchenjahr: der Totensonntag. Auch daran erinnert er uns: an die Vergänglichkeit des Lebens und dass unsere Zeit begrenzte Zeit ist. Wie Urworte stehen sie da, die Worte in Psalm 103: „Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde; wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennt sie nicht mehr.“ Aber das ist nicht das letzte Wort des Glaubens. In unser Herz ist eine Sehnsucht gelegt, die nicht ohne Antwort bleibt, eine Sehnsucht nach Leben über den Tod hinaus.

Das Ende des Kirchenjahres weist auf einen Anfang, der in der Hand eines Anderen liegt. In der Offenbarung des Johannes, dem letzten Buch der Bibel schaut der Seher: „Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde.... und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein.“

Tage, am Ende des Kirchenjahres....

Pfarrer E. Schulz
in Weingarten im Blick, 12.11.2010

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Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

(Römer 12, 21)

So lautet der Wochenspruch für die kommende 43. Kalenderwoche.
Ein großes Wort: Es sagt genau das Gegenteil von »Auge um Auge, Zahn um Zahn«. Also nicht vergelten, sondern vergeben. Keine Rache, sondern Frieden suchen mit allen Menschen. Dabei geht es Paulus um das einzig Erfolg versprechende Mittel im Kampf gegen das Böse in der Welt. Es kann besiegt werden – allerdings nicht mit den herkömmlichen Mitteln.

Das Böse ist eine Realität in unserer Welt. Es zerstört Familien, Menschenleben, Völker – aber Menschen, die vom Geist Christi ergriffen sind, haben etwas, was sie dagegen stellen können: Gewaltverzicht, Friedensbereitschaft, Gutes tun mit der hingebenden, versöhnenden Liebe, die Jesus in die Welt gebracht hat.

Am 3. Oktober haben wir der Wiedervereinigung vor 20 Jahren gedacht. Diesem Ereignis vorausgegangen war die Friedliche Revolution im Jahre 1989, manche nannten sie auch die Revolution der Kerzen. Aufrecht durch die Rückenstärkung der Gebete mit Kerzen in den Händen riefen damals die Menschen in Ostdeutschland »Keine Gewalt« und forderten ihre Bürgerrechte. Und es geschah so, wider aller Erwartungen auf beiden Seiten! Die Gewalt der Waffen, der Spitzel, der Angst und Lügen wurde besiegt durch den Mut derer, die auf Hass und Rache verzichteten. Das Böse wurde vom Guten überwunden. Welch ein Triumph, der unser Land, ja ganz Europa verändert hat.
 
Durch die Geschichte und die eigene Erfahrung ist vielfach bestätigt: Vergeltung schafft keinen Frieden, Opfer von Gewalt werden nicht getröstet durch Rache. Nur das Gute hat die Kraft, das Böse zu überwinden.

Das gilt auch für unsere Kirchen: Lasst euch nicht vom Hass, der Vergeltung und Verachtung, der Verdammungen und Kriege zwischen den christlichen Konfessionen weiter bestimmen, sondern überwindet den Graben der Spaltung mit dem Gebet und dem Willen zur Einheit in versöhnter Vielfalt!

Wenn wir Protestanten am 31. Oktober das Reformationsfest feiern, heißt das eben nicht, über die anderen christlichen Konfessionen zu triumphieren, sondern in ökumenischer Verbundenheit sich die Hände zu reichen und sich gemeinsam dafür einzusetzen, dass die Tür zur Versöhnung im Feiern der einen Kirche Jesu Christi sich öffnen möge.

In diesem Sinne grüßt Sie herzlich
Ihr Pfarrer Wolfgang Rapp

Weingarten im Blick 22.10.2010

 

Foto: Marctwo, pixelio.de

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Vorrat für kalte Tage

Gedanken zum Erntedankfest

Vielleicht kennen sie das Bilderbuch von der Maus Frederick, die nicht wie die anderen Mäuse Körner und Nüsse als Vorrat für den Winter sammelt, sondern scheinbar gar nichts tut. Tatsächlich sammelt sie aber Wärme, Farbe und gute Worte, die die anderen Familienmitglieder schließlich über die kalten Tage retten.

 

Diese Geschichte hat mir schon immer sehr gut gefallen. Ganz ohne Zeigefinger, ganz ohne auf unsympathische Art moralisch zu sein, sagt die Geschichte von Frederick: Materielle Grundversorgung ist zwar lebenswichtig, aber sie ist nicht alles. Auch Wärme, Farbe und gute Worte sind wichtig zum Leben, ja zum Überleben.

 

Und diese Dinge zu ernten und zu sammeln – auch das ist Arbeit! Einfallsreichtum und Bunt-heit machen das Leben schöner und bringen mehr Lebensqualität. Wärme und Liebe im Umgang der Menschen miteinander stärken die Lebenskraft. Das ist ganz besonders dann wichtig, wenn es einem nicht so gut geht. In den Zeiten, in denen die eigenen Vorräte aufgebraucht sind, in denen es kälter und dunkler wird in meinem Leben. Dann ist es gut, sich an das Schöne, Bunte und Fröhliche des Lebens zu erinnern.

 

Der Mensch lebt eben nicht nur vom Brot allein. Jesus zitiert dieses Wort aus dem 5. Buch Mose gegenüber dem Versucher, der ihn auffordert, Steine zu Brot zu verwandeln. Damit will der ihn dazu verführen, seine Kraft ganz auf die materiellen Bedürfnisse zu richten. Jesus lässt sich nicht darauf ein …

„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund geht.“ Brot ist das eine, Gottes Wort kommt dazu. Brot und Wort, Materielles und Geistliches, müssen zusammen kommen, damit der Mensch zu seiner Ganzheit kommt.

 

Die Sorge um mein tägliches Brot ist eine materielle Frage. Die Sorge um das Brot meines Bruders ist eine geistliche Frage. Dieser Satz steht auf S. 863 in unserem Evangelischen Gesangbuch als Zwischentext.

 

Eine geistliche Frage, was ist denn das? Mein Leben ist ein Geschenk. Ich habe meinen Anfang nicht selbst gemacht, Gott steht am Anfang allen Lebens, meines ebenso wie das meiner Mitmenschen. Mein Leben ist ein Geschenk, ebenso wie vieles andere in diesem Leben mir nur geschenkt werden kann: Würde, Anerkennung, Liebe.

 

Ich bin ein Geschöpf Gottes. Meine Mitmenschen – jeder ein Geschöpf Gottes. Das zu spüren und zu bejahen ist eine geistliche Dimension: Die Verbindung aller Geschöpfe in Gott. Die Verbundenheit mit meinem Bruder und meiner Schwester. Dann kann es mir nicht mehr egal sein, wie es um ihr täglich Brot steht. Dann will ich auch Ihren Teller im Blick haben, mit verantwortlich sein dafür, was dort liegt. Gerechtigkeit ist mir dann kein leerer Begriff, Frieden keine hohle Phrase, sondern ein Anliegen und eine Aufgabe.

Pfr. Horst Gamerdinger
am 1. Oktober 2010 in Weingarten im Blick

 

 

Foto: Rainer-Sturm, pixelio.de

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Gott & der Nächste

Spruchband am Gemeindehaus

Spruchband am Gemeindehaus

Seit Anfang Juli grüßen den an der Evang. Stadtkirche und Gemeindehaus Vorbeigehenden die Worte: Gott & der Nächste – Die Zehn Gebote. Das Spruchband erinnert an das Jahresthema 2010 der Evang. Kirchengemeinde: Die Zehn Gebote – Regeln für ein Leben in Freiheit – und bringt es auf den Punkt. Im Zentrum der Gebote stehen Gott und der Nächste.

Aber: Wer ist unser Nächster? Diese Frage wird Jesus einmal gestellt und er antwortet darauf mit der Geschichte vom barmherzigen Samariter (Lukas 10,25-37). Die Pointe dieser Geschichte ist - für mich immer wieder faszinierend - dass sich die Frage verändert. Aus der eher theoretischen Frage  - Wer ist mein Nächster? – wird am Ende dieser Geschichte die jeden betreffende und bedrängende Frage: Wem werde ich zum Nächsten?

Die Flutkatastrophe in Pakistan hat uns in diesen Tagen die Brisanz dieser Frage - Wem werde ich zum Nächsten? – erneut bewusst gemacht. Die Bereitschaft zu helfen, sprich, die Spendenbereitschaft kam nur zögerlich in Gang. Es bedurfte mehrerer Aufrufe, die, Gott sei Dank, dann Gehör fanden. Die Not des anderen macht uns zu seinem Nächsten. Sie ist das entscheidende Kriterium im Horizont des Gottes, der will, dass wir einander zum Leben helfen.

Wer das Wort „Gott“ in den Mund nimmt, so verstehe ich Jesus, der redet einer offenen Menschlichkeit das Wort, dem kann der Nächste nicht gleichgültig sein, hier oder anderorts. Auch wenn die Aufgabe unermesslich ist, wenn wir an die Not und das Leiden vieler Menschen in dieser Welt denken, so ist uns doch die Richtung gewiesen. Gott & der Nächste.

Pfarrer E. Schulz
am 17. September 2010 in Weingarten im Blick


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Ich hoffe, du hast ein gutes Leben

Religionsunterricht in einer Grundschulklasse. Thema: Das Gebet. Die Schüler/ Schülerinnen bekommen die Aufgabe gestellt, Gott zu erzählen, was sie beschäftigt, was sie ihm sagen wollen. Sie schreiben ihre Gedanken auf.
Manche danken Gott für die Sonne, für Mama und Papa, für das Essen, dass ein Wunsch in Erfüllung ging. Andere bitten Gott darum, dass die Oma wieder gesund wird, dass sie Nachts keine Angst mehr haben und Gott auf sie aufpasst.


Ein Schüler schreibt: „Ich hoffe, du hast ein gutes Leben...“. Wann und wem sagt man so etwas? Vielleicht einem Freund, von dem man lange nichts mehr gehört hat und mit dem man wieder Kontakt aufnehmen möchte. Oder wir begegnen einem ehemaligen Klassenkameraden, den wir seit der Schulzeit nicht mehr gesehen haben. Auch dann könnten wir uns eine solche Aussage vorstellen.


In dieser Schüleräußerung aber gilt dieser Wunsch Gott. Nicht ein Mensch ist angesprochen. Gott ist gemeint. Das ist hier das besondere und spannende.
Darauf kann wohl nur ein Kind kommen. Ich hoffe Gott, du hast ein gutes Leben.
Man bedenke einmal diesen Satz in aller Stille. Hier sorgt sich jemand um Gott. Ich finde diese Vorstellung faszinierend. Gott kommt hier ganz neu in den Blick, ganz anders als sonst.


Ob Gott ein gutes Leben hat? Darf man überhaupt so fragen? So viel kann man zumindest sagen: Der Gott, den Jesus unseren Vater nennt, bleibt nicht unberührt von dem, was in dieser Welt und mit uns geschieht – und das hat Auswirkungen auf sein Leben. Zumindest wird man soviel sagen können: Gott will, dass wir leben und er freut sich, wenn es uns gut geht. Dann hat auch er ein gutes Leben.

Pfarrer Edwin Schulz

am 16.7.2010 in Weingarten im Blick

 

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Rundum sorglos

Vom Autohaus gibt es das Rundum-Sorglos-Paket: Urlaubs-Check und Versicherung für die Fahrt in die Ferien. Diese Sorge bin ich also schon mal los.
„Seht die Vögel unter dem Himmel,“ fällt mir da ein, „sie säen nicht, sie ernten nicht und ihr himmlischer Vater ernährt sie doch“. Dieser Jesus-Spruch war für mich schon immer eine Herausforderung.

So sorglos kann ich nicht sein. Wenn ich anfange darüber nachzudenken, mache ich mir genau genommen sogar sehr viele Sorgen.


Ich sorge mich um das Ökosystem und die Tiere und Pflanzen im Golf von Mexiko, die wir durch unser aller Öldurst gefährden. Ich sorge mich um die finanzielle Zukunft unseres Staates. Schulden, Schutzschirme und Bürgschaften schnüren die Handlungsspielräume immer mehr ein. Was können kommende Generationen noch gestalten? Wie viel Geld bleibt noch übrig, wenn alle Schuldzinsen bezahlt sind?


Und ich mache mir Sorgen darum, was meine Kinder wohl noch alles erwartet. Gerade an ihnen fällt mir besonders auf, wie gefährdet und zerbrechlich das Leben doch in jedem Augenblick ist.


Andererseits lebe ich auch in dem Vertrauen, dass ich gut aufgehoben bin bei Gott. Und dass ich schon die nötige Kraft bekommen werde, wenn es darauf ankommt. Wie Bonhoeffer es in seinem Glaubensbekenntnis schreibt: „Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.“


Das trifft ganz gut mein Lebensgefühl: Die Sorgen um die Zukunft und das Wissen um die Zerbrechlichkeit des Lebens einerseits und andererseits das Vertrauen, von Gott getragen zu sein. In diesem Spannungsverhältnis leben wir, müssen wir wohl leben.


Ich wünsche Ihnen, dass Sie zwischen diesen beiden Polen ein ausgewogenes Verhältnis finden und dann auch gut auf Reisen gehen können, nicht ganz sorglos vielleicht, aber in Gottes Hand.

Einen schönen Sommer!


Pfarrer Horst Gamerdinger

im Juli im Gemeindebrief