Gottesdienst am 19. April 2020

Evangelische Stadtkirche Weingarten, 9:30 Uhr

Ablauf, Predigt und Schlusssegen zum Herunterladen als pdf-Datei

 

Musik: Johannes Baiker
Liturgie und Predigt: Pfarrer Horst Gamerdinger



Ablauf

- Vorspiel
- Begrüßung (bei 3:50 min)
- Psalm 121
- Lied 165, 1+6 Gott ist gegenwärtig
- Predigttext Jesaja 40, 26-31 (bei 8:20 min)
- Predigt (bei 10:20 min)
- Lied 630 Du Gott stützt mich (bei 20:50 min)
- Vater Unser
- Segen
- Nachspiel

 


Predigt

Liebe Gemeinde,

diese Worte (Predigttext Jesaja 40, 26-31) sind geschrieben als Trost in der Krise. Man könnte meinen, ich hätte sie jetzt extra für den Gottesdienst in Zeiten der Corona-Krise ausgesucht, doch unser Predigttext wurde schon lange vor Corona festgelegt.
Die Worte wollen Menschen Mut machen, die in einer Sackgasse gelandet sind, für die sich alles verändert hat und die die Hoffnung verloren haben. Ein Trost für die, die sich von Gott verlassen fühlen.

Der Text ist Teil eines größeren Abschnittes innerhalb des Jesaja-Buches, die Kapitel 40-55 bilden ein eigenes Buch und heißen in meiner Bibel „Das Trostbuch von der Erlösung Israels“.
Tröstet mein Volk, spricht Gott, die Knechtschaft hat ein Ende. So beginnt das Buch.

In unserem Abschnitt hören wir zunächst die Klage von einem, der sich von Gott verlassen fühlt: „Mein Weg ist dem Herrn verborgen, mein Recht geht an meinem Gott vorüber.“
Und die Antwort des Propheten: „Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Gott ist ewig, er hat alles geschaffen und wird nicht müde. Gott gibt dem Müden Kraft und dem Unvermögenden Stärke. Die auf den Herrn harren kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler.“

Diese Sätze sind gedacht für Menschen in der Krise.
Konkret für die Menschen aus dem Volk Israel, die damals, nach der Eroberung von Jerusalem im Jahr 586 vor Christus im babylonischen Exil saßen. Sie hatten alles verloren, alles war zusammengebrochen. Ihren Staat gab es nicht mehr, die Selbstständigkeit hatten sie verloren, das Land, auf dem sie lebten und das ihre Lebensgrundlage bildete, mussten sie zurücklassen. Die Heimat mussten sie aufgeben und in einem fremden Land mit fremder Kultur und Religion wohnen. Und: Der Tempel war zerstört. Das bisherige Zentrum ihrer Religion. Der Ort, an dem Gott verehrt wurde. Als die „Wohnung Gottes bei den Menschen “ wurde der Tempel gedacht. Wo sollte Gott dann sein, wenn der Tempel zerstört war?

Hat Gott uns verlassen? Wo ist Gott eigentlich? Das waren die grundsätzlichen religiösen Fragen, die die Menschen in dieser Krisen- und Umbruchsituation beschäftigten. „Gott sieht mich nicht an, er interessiert sich nicht für mich“, so klagten sie. Es war eine existenzielle Krise, die Krise ihrer gesamten Existenz.

Zu ihnen spricht der Prophet: „Weißt du nicht? Gott ist da! Auch für jeden Einzelnen. Gerade für jeden Einzelnen. Gott gibt den Müden Kraft und er stärkt die, die nicht mehr können. Den Hoffnungslosen zeigt er Auswege und den Verzweifelten öffnet er neue Türen. Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“

Das sind schöne Sätze, Trostworte, die in der Bibel dick gedruckt sind, die man sich ins Tagebuch schreibt oder auf einer Postkarte liest. Zunächst sind diese Sätze nur eine Behauptung, die sich in Zukunft erst noch bewahrheiten muss. Doch gerade dafür sind sie enorm wichtig, denn sie entfalten eine verändernde Kraft.

Wir wissen alle, wie negative Sätze runterziehen können, Sätze wie „Das schaffst du ja doch nicht!“ Oder „Dein Bruder war schon immer besser.“ Sätze, die wir aus der Kindheit kennen und die ein ganzes Leben beeinflussen können. Dagegen kann man nicht genug positive Sätze stellen, die ebenfalls ein ganzes Leben beeinflussen können, eben Sätze wie: „Gott gibt den Müden Kraft und er stärkt die, die nicht mehr können“. Es ist enorm wichtig, in welchem Einflussbereich wir uns bewegen, enorm wichtig, was wir hören und was wir uns gegenseitig sagen.

Was also hilft in der Krise?

Es sind Menschen wie der Prophet, die nicht aufgeben, sondern im Namen Gottes den anderen Mut zusprechen, Menschen, die die Hoffnung betonen und sie aufrechterhalten.


Für das Judentum damals war die Zerstörung Jerusalems und das babylonische Exil zunächst eine lebensbedrohliche Katastrophe. Doch dann haben sie aus dieser Katastrophe eine Chance gemacht und sie für eine komplette Erneuerung genutzt. Wenn der bisherige Wohnort Gottes zerstört ist, heißt das nicht, dass Gott nicht mehr bei uns ist. Gott ist weiterhin bei uns, aber eben nicht in der bisher geglaubten Form. So sagten sie sich und so wurde ihnen von ihren Propheten im Namen Gottes gesagt.

Im babylonischen Exil hat sich das Judentum noch einmal neu erfunden. Die aufgeschriebenen Geschichten und Erfahrungen mit Gott wurden noch wichtiger, vieles wurde noch einmal neu verstanden und interpretiert und im Licht der neuen Erlebnisse aufgeschrieben. Das Judentum als Buchreligion entstand, und die Thora wurde enorm wichtig.
Dort, in diesen biblischen Worten ist Gott jetzt anwesend. In den Erinnerungen, Geschichten und Erfahrungen der Menschen mit ihrem Gott. Und in den Hoffnungstexten, die jetzt entstehen. Hoffnung auf einen Neuanfang, auf ein neues Leben, auf eine neue Zeit. Eine Zeit, in der Frieden herrscht und in der gute Könige ihr Volk weiden wie gute Hirten. In dieser Zeit wurde auch der Grundstein für die Messiashoffnung gelegt.

Gott ist der Gott, der mitgeht, der da ist und die Menschen nicht verlässt. “Ich bin bei euch“, so stellt sich Gott dem Mose im brennenden Dornbusch vor. Und Gott erweist sich tatsächlich als der, der mitgeht und da ist, bei der Befreiung aus der Sklaverei, beim Weg durch die Durststrecken in der Wüste und auf dem Weg ins gelobte Land und in die neue Zeit. Gott ist da und begleitet dich.

Auch ein Satz, den man sich auf eine Postkarte schreiben kann. Ein Satz, der ein Leben beeinflussen kann. Gott ist da und begleitet dich - mehr brauchen wir eigentlich nicht. So ähnlich sagt es Jesus auch zu seinen Jüngern, als sie den Sturm auf dem See und die Angst hinter sich haben: Warum habt ihr Angst? Habt Vertrauen! Ich bin da!

Also, was hilft in der Krise – ob sie nun Corona heißt oder einen ganz anderen Namen trägt?

Es ist das Vertrauen. Vertrauen auf Gott und Vertrauen ins Leben. Gott ist da und begleitet dich. Die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft.

Was hilft? Es sind Menschen, die sich nicht entmutigen lassen, Menschen, die noch mal neu anfangen, unter veränderten Umständen, na wenn schon, jetzt erst recht! Menschen, die sich neu erfinden und die anderen anstecken können. Menschen, die eine große erneuernde Kraft entwickeln.

Auch das ist Gott: Diese erneuernde Kraft in dir, die Hoffnung, die in dir wächst, das Vertrauen, das die Angst vertreibt und die Kraft, die gegen die Resignation wirkt und dich wieder nach oben zieht.
Gott ist da und begleitet dich. Vertraue nur!

Amen.





Segen
Gottes Segen sei mit dir
auf dem gewundenen Pfad deines Lebensweges,
bei deinen Aufgaben in Familie und Beruf,
bei deinen Entscheidungen, die du täglich triffst,
bei jedem Schritt, den du ins Unbekannte tust.
Gottes Segen sei mit dir.
Gott segne dich und behüte dich.
Gott lasse sein Angesicht leuchten über dir.
Gott erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir seinen Frieden.