Gottesdienst am Sonntag Rogate
17.5.2020, 9.30 Uhr Stadtkirche Weingarten

Liturgie und Predigt: Pfarrer Steffen Erstling
Lesung: Hans Ruckh, Kirchengemeinderat
Orgel: Johannes Baiker

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Ablauf
Orgelvorspiel
Begrüßung
Psalm 27
Eingangsgebet
Stilles Gebet
Schriftlesung: Mt. 6,5-13
Lied 369,1-3+7 Wer nur den lieben Gott lässt walten
Predigt, Thema: Das Gebet
Lied 618,1-3 Wenn die Last der Welt… Gott hört dein Gebet
Fürbittengebet
Vater unser
Abkündigungen
Segen
Orgelnachspiel

 

Die Kollekte
erbitten wir für unsere drei Hilfsprojekte im Jahr 2020: Ein Ausbildungs- und Ernährungsprogramm in Nigeria, die Unterstützung von Flüchtlingen in Ungarn und Bildungsprogramm für Kinder in Guatemala. Konto: IBAN DE41 60005 0101 0004 5042 89, Kennwort: „Rogate"



Predigt im Wortlaut

Liebe Gemeinde,
die „Betenden Hände“ von Albrecht Dürer (1471–1528) – wer kennt es nicht, dieses bekannte Bild des großen Malers.

Es ist sehr beliebt. Man sieht es manchmal in Wohnzimmern oder Küchen hängen, oft im Altenheim oder im Krankenhaus.
Aber wie ist das denn mit dem Beten?
Hilft es einem, wenn man betet?
Bringt es überhaupt etwas, die Hände zu falten oder zusammenzulegen (vgl. Bild) und ein Gebet zu sprechen?

Ich will versuchen, heute, am Sonntag Rogate, diese Fragen mit Hilfe einer netten kleinen Geschichte zu beantworten.
Eine Geschichte, die vor ein paar Jahren wirklich passiert ist.
Nicht in der Kirche, sondern in einer Zahnarztpraxis!

Eine Mutter geht mit ihrer jüngsten Tochter zum Zahnarzt.
Das Mädchen heißt Hanna und ist neun Jahre alt.
Die Praxis sieht sie lieber von außen, da ändern auch die kleinen Geschenke nichts. Die bekommt sie nach überstandener Untersuchung jedes Mal von der Sprechstundenhilfe.
Der Zahnarzt untersucht sorgfältig ihr Gebiss.
Das dauert länger als sonst.
„Es muss eine Kleinigkeit gemacht werden“, erklärt er dann.
Hanna weiß sofort:
Eine Plombe ist fällig und dazu muss vorher erst gebohrt werden.
Von wegen Kleinigkeit. Das tut weh, das weiß doch jedes Kind.
Hanna wird ganz blass bei der Ankündigung.
Die Assistentin legt schon mal alle Instrumente zurecht, Hanna direkt vor die Nase. Oje, das Herz rutscht ihr in die Hose. Der Zahnarzt stellt den Bohrer an, die Assistentin hält den Mundstaubsauger – so nennt Hanna das Absauggerät.
Gleich geht’s los. Hanna soll den Mund jetzt weit aufmachen.
Beide sehen sie erwartungsvoll an. Alles klar?
Nein, Hanna kneift die Lippen zusammen. Wie zugenäht. Hm!
Dann sagt sie kurz „Warte! Ich bin noch nicht so weit“, und macht den Mund schnell wieder zu.
Der Zahnarzt und die Assistentin stellen die Geräte ab.
Hanna schließt die Augen und faltet die Hände – sie betet!
Was, das weiß niemand, aber sie betet!
Die Erwachsenen schauen sich verdutzt an.
Die betet? Beim Zahnarzt?
Ja! Hanna betet, ganz für sich.
Das ist ja seltsam! Wollte sie Zeit schinden?
Nein: In aller Ruhe betet Hanna also das ganze Gebet zu
Ende. Dann öffnet sie den Mund und sagt laut: „Amen“!
Der Zahnarzt ist natürlich ziemlich perplex und sagt: „Das hab ich ja noch nie erlebt! Warum hast du das denn gemacht?“
Hanna antwortet:
„Unsere Lehrerin hat gesagt, wenn wir Angst haben, hilft es, wenn man betet.“
„Gute Idee“ meint der Zahnarzt, „und wie fühlst du dich jetzt?“
„Ihr könnt anfangen“, sagt Hanna – und macht den Mund weit auf!
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Die kleine Hanna beim Zahnarzt ist ein schönes Beispiel dafür, dass Beten gar nicht schwer ist.
Es ist das Reden des Menschen mit Gott, des Kindes mit seinem Vater.
Ganz einfach.

Und das Bild vom Kind und vom Vater zeigt:
Es geht hier um eine Beziehung.
Wer in einer Beziehung mit jemanden lebt, der redet in der Regel auch mit der anderen Person.
Wer in einer Beziehung mit Gott lebt, der redet auch mit Gott.

Bei diesem Zwiegespräch mit Gott geht es auch gar nicht darum, viel zu sagen. „Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden, denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Euer Vater weiß, was ihr braucht, bevor ihr betet.“

Wir müssen nicht viele Worte machen.
Aber wir müssen Worte machen, weil Gott das will.          
Ein kleines Beispiel dafür:
Da kommt ein Kind zum Papa, mit einem Spielzeug in der Hand, das kaputt gegangen ist. Der Papa weiß natürlich gleich, was sie will. Trotzdem lässt er es fragen: „Papa, kannst du mir bitte das wieder ganz machen?“ Es ist einfach schön, wenn ein Kind so fragt, wenn es sagt, was der Papa tun soll.
Und was macht der Papa? Der antwortet ihm dann: „Klar mach ich dir das, mein Schatz. Das ist kein Problem. Pass auf, gleich kannst du wieder damit spielen.“

Gott will, dass wir uns ihm mitteilen.
Er freut sich, wenn wir mit ihm reden. Dass wir alles mit ihm teilen.
Das gehört einfach zu einer guten Beziehung dazu.

Er will, dass wir sagen:
Papa, kannst du mir da helfen? Oder einfach: Danke, dass du das wieder gut gemacht hast, dass du mir da geholfen hast, wo ich gar keine Möglichkeit mehr gesehen habe. Oder auch nur: Papa, du bist spitze!

Wir sagen das zwar mit anderen Worten, aber vom Inhalt her geht es genau darum:
Dass wir wie ein Kind ganz normal und natürlich und selbstverständlich mit Gott, unserem himmlischen Vater reden:
•    dass wir ihm danken.
•    dass wir ihn um etwas bitten
•    Dass wir ihn loben und preisen.
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Also, bei der Hanna hat das Gebet geholfen!
Meistens hilft das Gebet!
Wenn auch manchmal auf ganz ungewöhnliche Weise.

Als Kind betet man und meint, das Erbetene muss dann auch gleich
eintreten.
Und ist dann ganz enttäuscht, wenn es das nicht tut.
Dann merkt man, Beten ist keine Zauberei.
Es ist keine Bestellung, die man abgibt.
Kein Wunsch-Automat, wo man oben eine Münze einwirft und unten kommt der erfüllte Wunsch heraus.
Mit der Erhörung unserer Gebete ist das so eine Sache.
In der Bibel steht: „Bittet, so wird euch gegeben.“

Es steht aber nicht da: so wird euch gegeben, worum ihr bittet.
Es wird uns etwas gegeben, und das kann durchaus etwas
anderes sein, als das worum wir gebeten haben.
Aber es wird etwas sein, was uns hilft.

Gott weiß, was wir brauchen, und zwar besser, als wir selber.
In jedem "Vaterunser" bitten wir ja auch, dass der Wille Gottes geschehen soll.
"Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden."
Nicht mein Wille, sondern Gottes Wille geschehe.
Ich gebe die Verantwortung ab, bin auch ein Stück entlastet, muss mich nicht für alles verantwortlich fühlen.
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Liebe Gemeinde,
das Gebet mit Gott verändert mich.
Hanna hat durch ihr kleines Gebet Mut bekommen.
Sie hat einfach ihre Angst vor dem Bohrer, ihre Angst vor den Schmerzen zu Gott gesagt und so bei ihm abgelegt.

Auch ich kann vieles, was mir Kummer und Sorgen bereitet, abgeben in gute Hände.
Viele von Ihnen werden die Erfahrung teilen, dass Beten tröstet und innere Ruhe schenkt.

Es gibt aber auch Situationen, da stehen wir fassungslos vor den
Ereignissen und denken: wo ist da Gott gewesen?
Das kann er doch nicht gewollt haben!
Da können wir nur noch in die Klage vor Gott einstimmen.

Die Psalmen in der Bibel enthalten solche Klagen, in denen der Beter Gott die ganzen Probleme vor die Füße wirft und nach einer
Verantwortlichkeit fragt.

Das ist also ausdrücklich erlaubt! Wir dürfen – und sollen - Gott auch unser Leid klagen. Da ist er genau der richtige Adressat.
Für Hanna war es schlimm, als sie gehört hat, dass gebohrt werden muss. Aber dann hat sie Gott alles gesagt.
Vielleicht:
„Warum muss der wieder bohren? Ich hab‘ Angst davor, lieber Gott. Mach doch bitte, dass es nicht so weh tut.“

So kommt zum Danken, Bitten und Loben auch das Klagen.
Das alles ist der Inhalt unserer Gebete.

Mein Gebet ist ein Ausdruck meines Glaubens und Vertrauens, dass Gott mich und die ganze Welt in Händen hält - komme, was wolle.
Und dass dieser Gott nicht fern im Himmel thront und unansprechbar ist, sondern ein offenes Ohr hat.
Nicht alles erhört, aber alles hört.
Aber was können wir von Gott erwarten?
Was dürfen wir von ihm im Gebet erhoffen?

Dietrich Bonhoeffer hat einmal gesagt:
"Gott erfüllt nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen."

Gott verspricht uns nicht, dass wir ein Leben ohne Sorge führen werden, dass kein Leid uns etwas anhaben kann.
Aber Gott verheißt uns, dass er mit uns gehen will, dass er bei uns ist in schönen und auch in schweren Tagen.

Manchmal braucht es einfach Zeit, bis wir durch das finstere Tal hindurch sind.
Aber wenn wir im Gebet – so wie die kleine Hanna – ganz auf Gottes Hilfe und Beistand vertrauen, dann werden wir das im Leben auch so erfahren.
Amen.