Gottesdienst am Sonntag Laetare („Freuet Euch!“)

leere Bänke in der Evangelischen Stadtkirche

Predigt am Sonntag Laetare („Freuet Euch!“)
am 22.03.2020 zu Jes 66,10-14
für die Menschen in der Evangelischen
Kirchengemeinde


von Pfarrer Stephan Günzler

(die Gemeinde darf sich an diesem Sonntag wie auch an den
kommenden Sonntagen wegen der Corona-krise nicht zum
Gottesdienst in unseren Kirchen versammeln;
Verordnung des Kultusministeriums vom 19.03.2020;
Anordnung der Evang. Landeskirche vom 20.03.2020)

Glockenläuten um 9.20 Uhr

Begrüßung
Im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des
Heiligen Geistes.

Ich grüße Sie alle, die wir als Gemeinde Jesus Christi
miteinander verbunden sind, auch in Zeiten,
wo wir uns nicht in unserer Kirche versammeln dürfen.

Ich grüße Sie mit dem Wochenspruch zum Sonntag
Laetare:
„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und
erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es
viel Frucht!“ (Joh 12,24)



Lesung aus dem Buch des Propheten Jesaja,
Kapitel 66, die Verse 10-14.

10 Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über
die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit
ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.
11 Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken
an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr
reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen
Mutterbrust. 12 Denn so spricht der HERR: Siehe,
ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom
und den Reichtum der Völker wie einen
überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf
dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien
euch liebkosen. 13 Ich will euch trösten, wie einen
seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem
getröstet werden. 14 Ihr werdet's sehen und euer
Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen
wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des
HERRN an seinen Knechten und den Zorn an
seinen Feinden.



Predigt

Liebe Gemeinde, „Laetare“ heißt der heutige
Sonntag, und das heißt „Freuet Euch“. Genau in der
Mitte der Passionszeit leuchtet schon die Freude
von Ostern auf, der wir entgegengehen.
„Freuet euch!“ - wie passt das zur Corona-Krise?
Unser Land ist im Ausnahmezustand.

Gespenstische Stille herrscht auf den Straßen und
Plätzen, in den Schulen und Kindergärten und auch
in unserem Gemeindehaus und heute Morgen auch
in unserer Kirche.
Angesichts der noch viel schlimmeren Meldungen
aus unseren Nachbarländern mit vielen tausend
Toten rückt uns die Angst immer mehr auf den Pelz.
Mit angehaltenem Atem lauschen wir auf die
Botschaften im Fernsehen. Täglich, ja fast stündlich
kommen neue Anordnungen, die das öffentliche
Leben einschränken.

Was wir jetzt brauchen ist die Solidarität aller
Menschen in unserem Land, um die Ansteckung zu
verlangsamen. Nur so können wir die gefährdeten
Personen in unserem Gemeinwesen,
die Alten und Kranken schützen.
Auch wir als Kirche wollen unseren Teil dazu
beitragen.

Aber ansteckend ist eben nicht nur das Virus,
sondern vor allem auch: die Angst.
Deshalb tut es gut, von den so fürchterlich
gebeutelten Italienern zu hören, wie sie auf ihren
Balkonen stehen und lauthals ihre Lieder in den
Abendhimmel schmettern. Mit Johlen und Klatschen,
mit Topfdeckeln, Pfannen und Rührlöffeln jubeln sie
ihren Ärzten und Pflegekräften zu.
Sie machen sich gegenseitig Mut.
Die Angst darf nicht das Leben ersticken.

So muss man sich vielleicht auch den Propheten
Jesaja vorstellen, wie er den verzweifelten
Menschen in seinem Volk wieder Mut macht:
„Freuet euch mit Jerusalem!“
Jerusalem - am Ende des 6. Jahrhunderts vor
Christus - liegt in Trümmern. Die Gefangenen sind
zwar heimgekehrt aus Babylon. Aber die Gassen
sind verwaist und die Felder verwahrlost.
Die Wallfahrten und Feste, von denen die Alten
erzählen: Es gibt sie nicht mehr. Der Tempel ist eine
Ruine.
Was das mit den Menschen damals gemacht hat,
können wir uns denken.

Was macht die Corona-Krise mit uns?
Lassen wir zu, dass die Angst uns die Seele auffrisst?
Viele sind verstört.
Kinder dürfen nicht mehr in den Kindergarten und
nicht einmal mehr auf den Spielplatz.
Wie will man das einem Dreijährigen erklären, ohne
dass Tränen fließen.
Manche bangen um ihren Arbeitsplatz.
Wird ihr Betrieb diese Krise durchstehen?
Die Menschen in den Pflegeheimen dürfen ihre
Kinder, Enkel und Urenkel nicht mehr sehen,
die Besuche, auf die sie sich so gefreut haben.
Und was ist mit Ostern?
Was ist mit uns als Gemeinde, wenn wir uns nicht
mehr im Namen Jesu versammeln?

Nein, wir wollen nicht klagen.
Andere hat es viel schlimmer getroffen.
Es fehlt uns an nichts. Die Versorgung mit
Lebensmitteln, Wasser und Strom, Hygieneartikeln
und Medikamenten funktioniert reibungslos.
Auch unser Gesundheitssystem ist bestens
vorbereitet. Und wir haben fast alle behagliche
Wohnungen, in denen wir warm haben und
behaglich.

Und doch sind wir gefährdet. Wir dürfen nicht der
Angst das Feld überlassen.
„Freuet euch mit Jerusalem!“ Damit lenkt Jesaja den
Blick auf die Verheißung, die Gott seinem Volk
gegeben hat:
Siehe, ich breite bei euch aus den Frieden
wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie
einen überströmenden Bach.
Ein neues Jerusalem wird vor euren Augen
erstehen. Der Grundstein des neuen Tempels ist
gelegt.
Jesaja redet als Seelsorger.
An keiner anderen Stelle in der Bibel findet jemand
so mütterliche Worte für Gott.
„Gott will dich trösten, wie einen seine Mutter
tröstet!“
Die Nähe der Mutter, wenn sie ihr weinendes Baby
in den Armen wiegt, ihre vertraute Stimme, ihre
Wärme, ihr Geruch, die Milch aus ihrer Brust,
schöner kann man nicht beschreiben,
was Geborgenheit ist.
„Nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an ihren
Brüsten auf dem Arm wird man euch tragen und auf
den Knien euch liebkosen.“

Das Gottesverhältnis wird hier mit zärtlichen Bildern
beschrieben. Der Außenstehende hat fast das
Gefühl, als dürfe er da eigentlich nicht zuschauen.
Gott lässt sich nicht in ein Bild fassen. Und doch
sind wir vielleicht - mehr als uns bewusst ist -
gefangen in bestimmten Bildern, die Gott als
Herrscher, als Mächtigen auf dem Thron,
als unnahbaren Richter oder auch als weltweit
agierenden Manager mit 24-Stunden-Tag zeichnen.

Und diese Bilder haben ihre Wirkung.
„Macht euch die Erde untertan!“
„Machet zu Jüngern alle Völker!“
Diese Sätze sind furchtbar missbraucht worden.
Immer mehr, größer, schneller, besser getaktet
musste alles sein. Das hat uns zwar beispiellosen
Wohlstand verschafft in den letzten Jahrzehnten.
Aber die kollektive Atemlosigkeit macht auch krank.
„So konnte es einfach nicht weitergehen!“ sagen
jetzt erstaunlich viele Leute.
Schade, dass die Menschheit es nicht geschafft hat,
selber zur Einsicht zu kommen.
Jetzt bremst uns das Virus aus.
Aber diese Auszeit könnte eine Chance sein,
über manches nachzudenken.
Über Gott zum Beispiel. Welches Bild ich von ihm
habe. Und welches Bild ich von mir selber habe.
Wir haben die Chance, anders weiterzumachen,
wenn wir aus dieser Krise herauskommen.
Jetzt, wo wir auf manches verzichten müssen,
merken wir vielleicht auch, was uns wirklich wichtig
ist im Leben.
Es ist eben ganz und gar nicht selbstverständlich,
dass wir einander haben, dass wir füreinander da
sind. Das gilt es jetzt zu entdecken in dieser
besonderen Zeit.

Nicht Angst soll uns leiten, sondern die
Vorfreude auf das, was anders werden kann.
Irgendwann werden wir wieder miteinander Gott
loben und das Leben feiern.
Freuen wir uns darauf! Amen.




Segen
Der Herr segne uns und behüte uns //
der Herr lasse sein Angesicht leuchten über uns
und sei uns gnädig. //
Der Herr erhebe sein Angesicht auf uns, und
schenke uns Frieden.
Amen.