Gottesdienst zu Hebr 13,12-16

am 29. März 2020 (Sonntag Judika),
in der Ev. Stadtkirche Weingarten


Orgel: Johannes Baiker
Lesung: Viola Günzler
Predigt: Pfarrer Stephan Günzler


Glockenläuten

Begrüßung
Im Namen Gottes des Vater und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
Ich grüße Sie alle, die Sie von zuhause aus unseren Gottesdienst mitfeiern. Als Gemeinde Jesus Christi sind wir miteinander verbunden im Heiligen Geist.
Ich grüße Sie mit dem Wochenspruch zum heutigen Sonntag Judica:
„Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld für viele!“ (Mt 20,28)



Lesung: Heb 13,12-16
12 Draußen vor dem Tor hat Jesus gelitten.
13 So lasst uns nun zu ihm hinausgehen aus dem Lager und seine Schmach tragen.
14 Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.
15 So lasst uns nun durch ihn Gott allezeit das Lobopfer darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen.
16 Gutes zu tun und mit andern zu teilen vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott.



Predigt

Liebe Gemeinde!
„Ene, mene muh -und raus bist du!“ heißt es im Abzählreim. Wer raus ist, hat verloren, darf nicht mehr mitspielen.
Nun ist das Leben aber eben kein Spiel. „Draußen“ zu sein, ist für manche Menschen bitterer Ernst.

Die Worte aus Hebräer 13, die wir eben gehört haben, richten unseren Blick auf die da draußen.
Draußen vor dem Tor.


Wie geht ́s jetzt den Bewohnern in den Pflegeheimen, die keinen Besuch mehr bekommen von ihren Angehörigen?
Wie geht ́s den Corona-Infizierten vor den Kliniken in Italien oder in Spanien, denen man sagt: Für dich haben wir leider kein Beatmungsgerät mehr?
Wie geht ́s denen, die man auf die Straße gesetzt hat? In einer einzigen Woche mussten sich in den USA über 3 Millionen Menschen arbeitslos melden. Auch bei uns haben viele Angst um ihren Job.

Wie geht ́s den Einwohnern von Idlib in Syrien und in Sanaa im Jemen, im endlosen Bombenhagel, in Hunger und Cholera?
Wie geht ́s den zusammengedrängten Menschen in den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln, in der Türkei, in Libyen oder in vielen anderen Ländern. Wer interessiert sich noch für ihre Not? In den Nachrichten kommen sie nicht mehr vor. Jedes Land ist derzeit voll und ganz mit sich selber beschäftigt.

Auch die Christen um das Jahr 90, an die der Hebräerbrief geschrieben ist, fühlten sich draußen. Das gesellschaftliche Umfeld im römischen Reich begegnete der neuen Religion zunehmend mit Skepsis und Spott.
Was hatten diese Christen schon vorzuweisen?
Den Glauben an einen gekreuzigten Gott?
Damit konnte man keinen Staat machen.
Die Worte eines Wanderpredigers aus der hintersten Provinz im römischen Reich. Wen interessierte das schon?
Da verwundert es nicht, dass auch mancher unter den Christen sich zu fragen begann: Warum bin ich eigentlich noch Christ? Was bringt mir der Glaube?

Ihnen schreibt der Verfasser dieses Briefes (- wir wissen nicht, wie er heißt -):
„Liebe Gemeinde, auch Christus hat man raus gejagt aus der Stadt.
Nach Golgatha, dort, wo man die Verbrecher hinrichtete, musste er sein Kreuz tragen.
Draußen vor den Toren Jerusalems wurde er gekreuzigt. Ein schmachvoller Tod. Von allen verlassen stirbt er mit einem verzweifelten Schrei.“

Lasst uns zu ihm hinausgehen, ruft der Hebräerbrief den Christen zu.
Oder mit den Worten Dietrich Bonhoeffers:
Christen stehen bei Gott in seinem Leiden.

In der Gottverlassenheit Jesu am Kreuz bekennt sich Gott zur Welt in ihrer ganzen Verlorenheit.
Gott ganz unten. Das sprengt unser Denkvermögen. Gott wird selbst zum Opfer. Er bleibt nicht außen vor und hat alles souverän im Griff. Nein: Er blickt in die tiefsten Abgründe seiner Schöpfung: Schmerz und Tod, Grausamkeit und Gewalt, sinnloses Blutvergießen, Angst und Verzweiflung.

Auf Golgatha kommt das Finstere ans Licht,
das Böse in all seiner Macht.

Es muss ans Licht.
Es darf nicht triumphieren.
Der Gekreuzigte wird leben.
Gott hat das letzte Wort.
Das ist unsere Hoffnung.
Christus opfert sich, damit das Blutvergießen auf Erden ein für alle Mal ein Ende hat. Damit keiner mehr zum Opfer werden muss, zum Opfer für das Vaterland, zum Klimaopfer, zum Verkehrsopfer, zum Mobbingopfer oder auch Opfer einer Pandemie.

Lasst uns hinausgehen nach Golgatha, zum leidenden Christus.
Heraus aus den schützenden Mauern, heraus aus der Welt, wie sie ist, heraus aus dem bequemen „Das geht mich nichts an!“

Warum? Weil auch Jesus diesen Weg gegangen ist.

„Ekklesia“ ist im neuen Testament das Wort für Gemeinde und das heißt übersetzt = die Herausgerufenen.

Jesus ging hinaus zu den Leprakranken, - Aussätzige nannte man sie, weil man sie nicht haben wollte in der Stadt - er ging hinaus zu den psychisch Kranken, die man in Höhlen ankettete, aus Angst vor den unreinen Geistern.

Jesus hat allen, die ihm nachfolgen wollen, die Richtung vorgegeben: Wir sind an die Seite der Opfer gerufen, der Ausgegrenzten, der Armen und Schwachen.

Hinausgehen?
Den Schwachen beistehen?
Den Ausgegrenzten die Hand reichen?
Das Corona-Virus macht selbst das unmöglich. Das ist das Heimtückische dieser Krise. Jeder soll möglichst zu Hause bleiben. In jedem anderen Menschen lauert die Gefahr der Ansteckung. Wir müssen Distanz wahren, dürfen gar nicht mehr „Nähe leben“, unser Motto in der Vesperkirche vor wenigen Wochen.

Die Corona-Krise stellt uns als Kirche in Frage, nicht nur weil Gottesdienste an Ostern und Pfingsten verboten sind in diesem Jahr.

Das Virus zeigt uns unbarmherzig die Grenzen auf - in vielerlei Hinsicht.

Aber es macht auch kreativ: Wir haben ja immer noch unsere Glocken.
Die halten uns zusammen als Ortsgemeinde, ja als ökumenische Gemeinde über die Grenzen unserer Konfessionen hinweg. Die ganze Stadt wird dann zum Kirchenraum:
Jeden Abend um 19.30 Uhr rufen die Glocken alle Menschen zu einem kurzen Gebet am offenen Fenster, zur Fürbitte für alle Kranken und Einsamen, für alle, die Dienst tun in den Krankenhäusern, Heimen und Laboren, und für den Geist der Solidarität unter allen Gesunden.

Dass uns die Grenzen aufgezeigt werden, darauf waren wir nicht gefasst.
Erst allmählich realisieren wir die Gefahr.
Es werden noch viel Tote zu beklagen sein.
Doch auch in der Klage könnten wir einander verbunden sein. Kein Land, keine Stadt, keine Familie soll alleine damit sein. Keiner soll sterben, ohne dass seiner gedacht wird.

Wir erleben eine Zeit, die uns schmerzlich bewusst macht, dass wir sterben müssen.
Aber dieses Sich-bewusst-Werden macht auch die Gedanken frei für das, wie es weitergehen soll mit uns und unserer Welt.
Atemlos sind wir gerannt. Doch wohin, darüber hatten wir keine Zeit nachzudenken.

Hebräer 13, Vers 14 ruft uns in Erinnerung:
Wir haben hier keine bleibende Stadt,
die zukünftige suchen wir.


Da scheint schon ein Strahl von Ostern hinein in unsere Gegenwart.
Es wird eine Zeit nach der Krise geben.
Gebt die Hoffnung nicht auf, ihr, die ihr mit euren Kindern in engen Wohnung zurecht kommen müsst; ihr Großeltern, die ihr eure Enkel nicht treffen dürft, ihr, die ihr an vorderster Front kämpft!

Wir suchen die zukünftige Stadt, betont der Hebräerbrief. Was wir erhoffen, ist ein versöhntes Miteinander, eine Welt, wo wir einander zu guten Nachbarn werden und alle sich zuhause fühlen können.

Das ist es, was uns am stärksten zusammenhält - gerade dann, wenn wir wie jetzt auf Distanz gehalten werden: Unsere Hoffnung.
Nicht jeder für sich soll schauen, wie er selig wird, wie er sich einen Platz im Himmel sichert. Wir suchen die zukünftige Stadt. Mit diesem Bild vor Augen kann es uns nicht egal sein, was mit unserer Welt geschieht und unter welchen Bedingungen Menschen leben müssen.

Die Brüdergemeinde in Korntal hat übrigens im Jahr 1825 unseren Abschnitt aus Hebr 13 als Auftrag genommen, sich mitten in einem oberschwäbischen Sumpfgebiet anzusiedeln und die Gemeinde Wilhelmsdorf zu gründen. „Wir haben hier keine bleibende Stadt. Darum lasst uns versuchen, dort wo keiner hin will, etwas aufzubauen.“ Die einheimische Bevölkerung hat die Wüstgläubigen damals nicht gerade freundlich empfangen. Aber sie haben sich nicht beirren lassen und schließlich im Dienst für Waisen, Suchtkranke und Behinderte etwas gefunden, wo sie für die Gesellschaft einen Dienst tun konnten.

Und bei den Vorfahren unserer Russlanddeutschen, die in eben diesen Jahren nach Osten ausgewandert sind, wird es ähnlich gewesen sein.
Sie verstanden sich als wanderndes Gottesvolk. Wir sind nicht dem verhaftet, wo wir uns gegenwärtig befinden.
Wer aufbricht, der kann hoffen
in Zeit und Ewigkeit.
Die Tore stehen offen.
Das Land ist hell und weit.


Suchende sind wir, sagt der Hebräerbrief.
Wir dürfen dazu stehen.
Wir haben auf vieles keine Antwort.
Wir wissen nicht, warum es dieses grausame Virus gibt. Wir können nur mit unserer Jahreslosung rufen:
„ich glaube, hilf meinem Unglauben!"

Suchende sind wir: Und da sind viele andere, die auch suchen. Wir brauchen das Gespräch mit ihnen darüber, wie sie wohl aussieht diese zukünftige Stadt.

Selbst wenn diese anderen sich nicht „Christen“ nennen. Vielleicht sehen wir uns ja einmal wieder - dort in der Stadt Gottes. Lassen wir uns überraschen.

Unser Text mündet am Ende in die Aufforderung zum Loben und Danken. Das sind die einzigen Opfer, an denen Gott Gefallen hat.
Eine Kultur der Dankbarkeit soll an die Stelle der Unersättlichkeit treten. Eine Kultur des Miteinanders an die Stelle der Ellbogenmentalität.

Wir sind auf den Weg geschickt, die Stadt Gottes zu suchen. Und mit diesem Ziel vor Augen werden, werden wir anders miteinander unterwegs sein.

Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist.
Amen.


Segen
Der Herr segne uns und behüte uns //
der Herr lasse sein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig. //
Der Herr erhebe sein Angesicht auf uns, und schenke uns Frieden.
Amen.