Gottesdienst am 5. April 2020, Palmsonntag


Der Gottesdienst

Gottesdienst an Palmsonntag, 5. April 2020
Evangelische Stadtkirche Weingarten


Orgel/Klavier: Johannes Baiker
Liturgie und Predigt: Pfr. Horst Gamerdinger





Predigt

Liebe Gemeinde
Palmsonntag. Noch eine Woche bis Ostern. Im Ablauf der biblischen Geschichte zieht Jesus in Jerusalem mit seinen Jüngern ein. Es geht auf den Höhepunkt seines Weges zu. Mit seinen Anhängern - Männern und Frauen – ist er durch das Land gezogen, erzählt auf ganz berührende Weise von Gottes Liebe, ist Menschen nahe, heilt und fühlt mit.

In vielen Geschichten und Erlebnissen zeigt er beispielhaft, wie ein guter menschlicher Umgang miteinander aussehen kann. Mitfühlend, helfend, solidarisch, oft auf der Seite derer, die keine Stimme haben und denen sonst keiner hilft.

Jesus, der Menschensohn. Jesus - ein beispielhafter Mensch. Beispielhaft im menschlichen Umgang. Allerdings auch sehr frei und ungebunden, unkonventionell und manchmal auch verstörend. Deshalb richtet sich auch Missgunst und Feindschaft auf ihn. Jetzt zieht er in Jerusalem ein.

So wie Jerusalem oben auf dem Berg liegt, so kommt die Geschichte von Jesus jetzt zum Höhepunkt. In dieser Woche spitzen sich die Ereignisse zu. Beim Einzug gibt es noch Halleluja-Jubelrufe der Zuschauer am Straßenrand, keine Woche später ruft die Masse: „Kreuzige ihn!“

Die Geschichte, die unser Predigttext erzählt, spielt genau in dieser Woche. Es ist eine Entscheidungszeit. Was in dieser Woche passiert, deutet schon die Zukunft an, ist schon erzählt mit Blick auf das, was kommt.

Vor meinem inneren Auge spielt sich die Geschichte wie in einer Theaterszene ab. Jesus sitzt am Tischende mitten in einer ganz gemischten Gesellschaft, so wie er es oft gemacht hat. Eine Frau, die in der Geschichte keinen Namen hat, kommt mit einer Glasflasche voll mit wertvollem Salb-Öl, bricht die Flasche auf und gießt Jesus das Öl über den Kopf. Einige derer, die mit am Tisch sitzen, sind entsetzt. Ich stelle mir vor, sie stehen sich gegenüber wie gegnerische Parteien.

Auf der einen Seite die Frau, sie tut eine gute Tat an Jesus, so beurteilt er ihre Aktion. Sie nimmt die Spannung, die in der Luft liegt, auf. Sie nimmt vorweg, was bald geschieht. Sie salbt ihn, als wäre er schon tot, erweist ihm sozusagen noch zu Lebzeiten einen letzten Dienst und zeigt dabei überfließende Zuneigung.

Auf der anderen Seite stehen die Pragmatiker. Es spricht die Stimme der Vernunft. Warum tut sie das? Wie unvernünftig! Ein ganzes Jahreseinkommen! Was hätte man mit dem Geld alles machen können! Sich um die Armen kümmern und um die am Rand, wie es doch die ganze Zeit über in der Gemeinschaft um Jesus wichtig war. Wie kann sie die bisherigen gemeinsamen Werte so hinter sich lassen? Wie kann sie jetzt so verschwenderisch sein? Ein Affront.

Die Positionen stehen sich gegenüber. Hier Einfühlungsvermögen und verschwenderische Fülle, dort Vernunft und Pragmatismus. Zwei Verhaltensweisen, zwei Einstellungen, manchmal sogar Lebenseinstellungen.

Mir kommt das bekannt vor. Es sind zwei Seiten in mir, die oft miteinander ringen, wenn eine Entscheidung ansteht. Was ist richtig? Beides hat seine Berechtigung. Es kommt immer auf die Situation an. Auf das, was im jetzigen Augenblick dran ist. Das zu erkennen ist nicht immer einfach. Manchmal geht es intuitiv, manchmal erst nach reiflicher Überlegung, manchmal scheitert man.
Jesus entscheidet in dieser Situation für die Fülle. „Lasst sie doch. Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Sie hat getan, was sie konnte.“

Sie hat getan, was zu ihr passt und was von ihr kam. Insofern hat sie das Richtige getan.
Jesus spielt beide Pole nicht gegeneinander aus. Das Anliegen, sich für die Armen einzusetzen bleibt genauso wichtig. In dem was Jesus tut und was er sagt und an vielen Stellen in der gesamten Bibel ist das ein zentraler Punkt. „Arme habt ihr immer bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun.“ „Vorrang für die Armen“ ist ein Schlagwort der Befreiungstheologie aus Lateinamerika, das in der weltweiten Christenheit einen großen Stellenwert erreicht hat.

Mir stellt diese biblische Geschichte die Frage: Was ist dir wichtig? Was ist dir wichtig, in Zeiten, in denen sich die Situation zuspitzt? Was ist dir wichtig, wenn es eng wird, wenn du dich entscheiden musst? Was ist dir wichtig, wenn das Ende des Lebens schon im Blick ist?

In Krisenzeiten werden solche Fragen plötzlich drängender. Ich merke schon, wie sich in Corona-Zeiten Prioritäten verschieben, sowohl bei mir in meinem eigenen Leben als auch in der Gesellschaft.
Was ist wirklich wichtig?
Was heißt „Gutes tun“ in diesen Zeiten?

Ich bin froh, dass unsere Gesellschaft, vielleicht kann man sogar sagen, die ganze Menschheit, sich im Großen und Ganzen unausgesprochen für folgende Grundsätze entschieden hat:
Wir haben Ehrfurcht vor dem Leben (Albert Schweitzer).
Wir schützen das Leben.
Wir sind solidarisch mit denen, die gefährdet sind.
Wir sind bereit, vieles auf uns zu nehmen und vieles einzusetzen, damit möglichst viele Menschenleben gerettet werden.
Mögen wir die Kraft haben, das durchzuhalten.

Am 9. April ist es 75 Jahre her, dass Dietrich Bonhoeffer hingerichtet wurde. Ich finde seine Texte auch heute noch sehr wertvoll, gerade jetzt in Zeiten großer Veränderungen und ungewisser Zukunft, z.B: wenn er schreibt:

"Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandkraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein."

Für mich ist das deshalb besonders glaubwürdig, weil Bonhoeffer selbst in großer persönlicher Angst und Verunsicherung war, als er im Gefängnis und mitten im Krieg diese Zeilen schrieb – trotz oder auch gerade wegen seiner Situation. Er sagte selbst von sich, dass er gerade erst im Gefängnis der geworden ist, der er ist und der solche zuversichtlichen Texte schreiben kann.

Lasst uns darauf vertrauen, dass jede und jeder von uns von Gott die Kraft bekommt, die wir brauchen. Mögen Sie genug Kraft bekommen, um mit Lebensfreude durch den Tag gehen können, genug Mut, um solidarisch mit anderen zu sein und genug Liebe, um sie in überfließender Fülle weitergeben zu können.

Amen.

 


 
Fürbittengebet

Gott des Lebens,
Wir bitten dich für alle, die auf dem Weg sind,
für alle, die fragen und sich nicht mit schnellen Antworten zufrieden geben.
Wir bitten dich für alle, die lebendig bleiben wollen,
und für die, die auf der Suche sind nach dem Sinn, der hinter allem steht.
Begleite sie auf ihrem Weg mit deiner Kraft.
 
Gott des Lebens, wir bitten dich:
Gib denen eine Stimme, die schon stumm geworden sind, weil sie sowieso keiner hören will,
Zeige denen eine neue Perspektive, die nicht mehr über ihre eigenen Schwierigkeiten hinaussehen können
Gib denen neue Kraft, die selbst keine mehr haben.

Gott des Lebens,
wir wollen dich bitten für Menschen, die es gut mit anderen meinen,
für Menschen, die teilen
und für Menschen, die sich über ihr Leben freuen können

Gott des Lebens,
lass uns aufmerksam sein für all die Momente, in denen du uns begegnest.
Lass uns erleben, wie du uns in Bewegung versetzt und uns neue Wege eröffnest,
Lass uns davon erzählen, damit bei uns allen das Vertrauen in dich wächst



Segen
Gott segne euch und behüte euch,
Gott lasse sein Angesicht leuchten über euch,
Gott erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden.