Gottesdienst am Sonntag 26. April 2020


Ab Sonntag, 9:30 Uhr ist der Gottesdienst hier als Video zu sehen. Er wurde im Gemeindehaus in Berg aufgenommen.

Hier können Sie den Text des gesamten Gottesdienstes  als pdf herunterladen

   

 


Gottesdienst in der Evangelischen Stadtkirche Weingarten

Musik: Christine Erstling
Liturgie und Predigt: Pfr. Steffen Erstling

 

Ablauf

Orgelvorspiel
Begrüßung (ab 3:27 min)
Psalm 23
Gebet
Lied EG „Ich bin in guten Händen“
Predigt (ab 12:05 min)
Lied NL 124: "Du bist ein wunderbarer Hirt"
Fürbitte
Vater unser
Segen
Nachspiel

 

Predigt


Liebe Gemeinde,
Schafherden sind ein eher seltener Anblick heutzutage.
Vor allem welche, wo noch ein Hirte bei seiner Herde wacht, mit Hütehund und Hirtenstab.
Ein schönes aber – wie gesagt – seltenes Bild.

Der Psalm 23, den wir gerade gebetet haben, malt uns aber genau dieses Bild vor Augen.
Das Bild vom guten Hirten, der auf seine Schafe achtgibt, der immer für sie da ist und sich um alles kümmert, damit es ihnen gut geht.

Ich habe heute so ein Bild mitgebracht.      (Bild: Hirte mit Schafen)


Vielleicht kennen Sie dieses oder ein ähnliches Bild ja auch.
Früher hingen solche Bilder oft in den Wohnungen.
Erinnern Sie sich nicht an so ein Hirtenbild auch im Schlafzimmer Ihrer Eltern oder Großeltern?

Da ist ein Schafhirte zu sehen der so aussieht, wie man sich Jesus vorgestellt hat.
Er steht –  auf seinen Hirtenstab gestützt - auf einer saftigen Wiese am Ufer eines Flusses. Sein sanfter Blick ist in die Ferne gerichtet.
Zu seinen Füßen die Schafe dicht gedrängt - geborgen, geschützt und zufrieden.
Der Hirte beobachtet genau die Umgebung, immer bereit, seine Herde zu verteidigen gegen jeden, der sich ihr in böser Absicht nähert.

Auf vielen Bildern hat der Hirte ein Lämmchen wie einen Kragen um die Schultern gelegt:
(Bild: Hirte mit Lämmchen um die Schulter)

So, als ob das müde Tier nicht mehr laufen kann oder der Hirte sich ein wenig wärmen will.
Es wird deutlich, wie eng der Kontakt zu seinen Schafen ist:
er geht auf Tuchfühlung.
Das ist gut für ihn und die Schafe: ein friedliches Idyll.

Warum hatten so viele Menschen dieses Bild ausgerechnet im Schlafzimmer hängen?

Ich glaube, weil es ziemlich genau unsere Sehnsucht nach Sicherheit und Schutz zum Ausdruck bringt.
Wenn der Mensch schläft, fehlt ihm die Kontrolle, die er so gern über sein Leben hat.
Wenn ich schlafe, kann ich nicht auf mich selbst aufpassen.
Das macht mir Angst.
Was könnte nicht alles passieren, ohne dass ich Einfluss nehmen kann, weil ich ja schlafe und nicht alles sehe.

In der Dunkelheit sind unsere Ängste stärker als am hellen Tag.
Wir fühlen uns schneller bedroht als sonst.
Deshalb hilft so ein Bild vom guten Hirten, unter dessen Blick wir beruhigt schlafen können.

In diesen Tagen merken wir, dass wir nicht nur nachts kaum Kontrolle über unser Leben haben, sondern auch tagsüber.
Da ist dieses winzig kleine, unsichtbare Virus, das uns Angst macht, das unsere Gesundheit, ja, unser Leben bedroht.
Wie die Dunkelheit der Nacht hat sich die Dunkelheit einer Pandemie über diese Welt gelegt.
Wir erkennen auf einmal, dass wir doch nicht alles im Griff haben. Dass es doch noch etwas gibt, was wir nicht oder nur schwer regulieren, kontrollieren und steuern können.

Und so sehnen wir uns in diesen Tagen nach Sicherheit und Schutz.
Nach Hilfe und Halt, nach einem, der uns auch durch dieses finstere Tal führt.
Kann uns da nicht auch der Blick auf den guten Hirten Trost und Mut schenken?
Wenn ich weiß, dass ich bei ihm, also bei Gott, in guten Händen bin, egal, was auch geschieht?
„Ich bin in guten Händen. Mein Hirte ist der Herr.
Er schenkt mir, was ich brauche und gibt mir noch viel mehr.
Ich muss mich nicht mehr fürchten, er lässt mich nie im Stich.
Er ist ein guter Hirte, beschützt und tröstet mich.“
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Ein weiterer Grund, weshalb früher das Hirtenbild in vielen Schlafzimmern überm Bett hing, war, dass dort ja auch die Kinder der Familie geboren wurden.
Das war gefährlich. Viele Mütter und Kinder starben dabei.
In einem solchen Moment kann sich kein Mensch selbst schützen.
Das Kind braucht schützende Wärme, die Mutter liebevolle und sachgerechte Hilfe - Trost in ihren Schmerzen.

Weil Angst und Schmerz und gleichzeitig das Wunder des neuen Lebens in dieses Bett gehörten, hing darüber das Bild des guten Hirten.
Unter seinem Blick begann so manches Leben.
Unter seinem Blick wandelte sich der Schmerz der Mutter in Freude und Staunen.
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In den Schlafzimmern wurde oft auch gelitten.
Damals lagen die Menschen tagelang, manchmal wochen- oder gar monatelang krank in ihren Betten.
Ohne die schmerzstillenden Medikamente unserer Tage waren die Schmerzen oft groß.
»Warum muss ich so viel leiden«, haben viele gefragt.
Und mussten ertragen, dass sie ohne Antwort blieben.

Da hat das Lamm am Hals des guten Hirten ihnen vielleicht zugeflüstert: »Du, da ist einer, der dich tragen wird, wenn's nicht mehr geht. Der weiß, wann's soweit ist.«

Und so lag man da, unter dem Blick des guten Hirten, der immer sanft und gütig war.
Nicht die Krankheit verschwand, aber vielleicht das Gefühl, ihr ganz allein ausgeliefert zu sein.
Und aus dem Stöhnen wurde nicht selten ein Gebet:
„Herr, ich kann nicht mehr, sei du meine Hilfe und mein Halt!“
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Schließlich wurde in den Betten der Schlafzimmer auch gestorben.
Und auch das Sterben macht vielen Menschen Angst.
Wir wissen ja nicht, was kommt, wir können es nicht selber »machen«. Nicht unser Wille entscheidet über unser Sterben.
Ob wir leben oder ob wir sterben, das liegt nicht in unserer Hand.

Und was danach kommt, diese wichtige Frage ist nicht beweisbar, sie ist eine Glaubensfrage.

Starb man in diesem Bett, mit dem Blick auf den guten Hirten, so durfte man sterben mit dem Glauben und der festen Zuversicht:
dies ist nicht das Ende aller meiner Tage, sondern nur das Ende meines irdischen Lebens.

Der Blick auf den Hirten vermittelt:
Ich muss meinen Weg nicht allein gehen.
Der Herr, mein guter Hirte, geht mit, der mich mein Leben lang bewahrt hat.
Und er wird mich auch weiterhin bewahren.
Durch ihn und mit ihm beginnt mit dem Tod das neue Leben.
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So viel konnte das Bild des Guten Hirten den Menschen sagen.
Gute Worte, gute Gedanken für ein Leben in der Geborgenheit der Liebe Gottes.
Der Blick des guten Hirten begleitete Menschen ein Leben lang.
Der Blick auf den guten Hirten konnte helfen zu leben.
Der gute Hirte tröstete die Menschen auch im Sterben.
Darum war er so oft zu finden.
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Liebe Gemeinde,
das Bild vom guten Hirten hängt schon lange nicht mehr in den Schlafzimmern.
Weil es ja auch ziemlich kitschig und verklärt ist.

Heute, am „Sonntag der Barmherzigkeit Gottes“, möchte ich es Ihnen dennoch mitgeben.
Nicht verkitscht, sondern als stärkendes, Mut machendes und tröstendes Gedanken-Bild.

Weil es uns einen Gott zeigt, der nicht weit weg ist, sondern der uns ganz nahe ist, der einfach da ist, der es gut mit uns meint.
Einen Gott, dem wir vertrauen können, egal was auch geschieht.
Im Leben und auch im Sterben.
Amen.