Gottesdienst am 14. Juni 2020, 1. Sonntag nach Trinitatis

"Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele" (Apg 4,32)

Musik: Andreas Praefcke
Liturgie und Predigt: Pfarrer Horst Gamerdinger


 

Die Predigt des Gottesdienstes zum download als pdf



Ablauf
Vorspiel
Begrüßung
Eingangsgebet
Stilles Gebet
Schriftlesung 1. Joh 4, 16b-21, "Gott ist die Liebe"
Lied: 452, 1+2+5 Er weckt mich alle Morgen
Predigttext und Predigt zu Apg 4, 32-37, Die Gütergemeinschaft der ersten Christen
Instrumentalmusik
Fürbitten
Vater Unser
Lied 657,1-6 Damit aus Fremden Freunde werden
Ansagen
Segen
Nachspiel


Predigttext:
Die Gütergemeinschaft der ersten Christen, Apg 4, 32-37


Predigt

Dieser Text erzählt von einer Gütergemeinschaft. Eine Gemeinschaft, in der die Güter allen gemeinsam gehören. Als ich Student war, habe ich schon einmal in so einer Gemeinschaft mitgelebt. Es war bei Aberdeen in Schottland, in einem kleinen anthroposophischen Dorf. Behinderte und nicht behinderte Menschen wohnten in diesem Dorf zusammen. In meiner Gastfamilie lebten zwei Erwachsene und deren drei Kinder, sowie sieben Menschen, die besondere Fürsorge brauchten, so war der Sprachgebrauch. Und für zwei Monate im Sommer lebte auch ich dort als Freiwilliger. Im Dorf gab es verschiedene Werkstätten, in denen wir Dorfbewohner arbeiteten, jeder dort, wo er gebraucht wurde. Es gab z.B. eine Werkstatt für Holzspielzeug, eine für Metallschmuck, es gab eine Wäscherei, eine Bäckerei und die Demeter-Landwirtschaft.

Außer einigen persönlichen Gegenständen gehörte alles der Dorfgemeinschaft. Sie regelte, wie das Geld verteilt wurde, entsprechend den Bedürfnissen jeder Familie. Auch über solche Dinge wie Wohnhäuser, Autos oder etwa die Unterstützung der Tochter im Studium wurde in der Gemeinschaft entschieden.
Natürlich gab es auch Konflikte über Geld und wie es ausgegeben werden soll, über Zu-kunftspläne und Richtungsentscheidungen. Und natürlich gab es auch Menschen, die aus der Gemeinschaft wieder aussteigen wollten, zum Beispiel erwachsen gewordene Kinder, die ihr eigenes Leben gestalten wollten. Aber das war alles möglich.

Mein Aufenthalt dort ist nun schon mehr als 30 Jahre her, doch mir ist noch vieles ganz genau in Erinnerung, weil die Zeit so intensiv war. Und auch, weil dieses Lebensmodell so besonders ist, mit vielen Anfragen an unsere „normale“ Lebensweise. Dort gelebt zu haben und zu wissen, dass es dieses Dorf und viele ähnliche Dörfer über die ganze Welt verteilt gibt, gab mir eine große Lebenssicherheit. Vielleicht erstaunt Sie das. Aber ich wusste: egal, was passiert, auch wenn alles wegbricht, Familie, Freunde, Beruf, Geld – es gibt diesen Ort, wohin ich immer gehen kann und wo ich weiß, da kann ich leben.
Die Menschen dort leben gemeinsam, übernehmen gegenseitig Verantwortung, nicht nur für sich, sondern für ein ganzes Dorf und für die Menschen, die ihnen anvertraut sind.

Für mich ist es wichtig, dass ich sowas einmal erlebt habe. Es ist mir wichtig zu wissen, dass es so etwas gibt und dass es tatsächlich funktioniert, und sei es eben nur an bestimmten Plätzen mit besonders veranlagten Menschen, die sich freiwillig dafür entschieden haben und die die Gemeinschaft wieder verlassen können, wenn sie wollen. Und das in einer Welt, in der es sonst ganz anders zugeht.



Das alles fiel mir wieder ein, als ich den Predigttext für heute las. Der kurze Abschnitt aus der Apostelgeschichte erzählt von so einer Gemeinschaft. Einige zusammenfassende Sätze über das Christentum der damaligen Zeit, die uns Lukas überliefert.
„Auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.“ Sie waren ein Herz und eine Seele. Das war wohl schon in der Antike ein Begriff für Gütergemeinschaft. Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen.

Glauben wir Lukas? Kann das wirklich sein? In einer Welt, in der die gesellschaftlichen Un-terschiede so eine große Rolle spielten? Kann das sein, dass in dieser Welt sich eine Gemeinschaft behauptete, in der der persönliche Besitz plötzlich keine Rolle mehr spielte?
Denn – so sagen wir doch – beim Geld hört die Freundschaft auf. Beim Geld geht die Freundschaft erst so richtig los - sagt Lukas. Glauben wir ihm?.

Viele Forschungen hat der kurze zusammenfassende Bericht von Lukas angestoßen und noch mehr die Fantasie angeregt. Wenn in der späteren christlichen Geschichte eine Gütergemeinschaft gelebt wurde, berief man sich auf diese Stelle. Solche Versuche finde ich immer wieder faszinierend, aber ich denke, solange sie nicht freiwillig sind und unter Zwang geschehen, sind sie langfristig zum Scheitern verurteilt. Freiwilligkeit und die Möglichkeit zum Ausstieg sind Voraussetzungen für das Gelingen. Und: nicht für alle Menschen ist diese Form des Zusammenlebens die richtige.

Die meisten Forscher sind sich darüber einig, dass die beschriebene Gütergemeinschaft nicht die grundsätzliche Form des Zusammenlebens der ersten christlichen Gemeinden im Christentum war und von allen gelebt wurde. Dazu sind die Lebensumstände der ersten christlichen Gemeinden viel zu unterschiedlich. Auch wird uns von vielen Konflikten und Richtungsstreitigkeiten aus den ersten christlichen Gemeinden erzählt, deshalb ist es unwahrscheinlich, dass ausgerechnet dann, wenn es um Geld und Besitz geht, so eine große Einigkeit bestanden hätte.

Aber warum sollte es nicht hier und da solche christlichen Gemeinschaften gegeben haben? Einzelne kleine Gruppierungen vielleicht, die freiwillig entschieden haben: Für uns bedeutet Christsein auch, dass die Vermögensunterschiede keine Rolle spielen sollen, wir stehen füreinander ein und teilen alles. Wenn wir uns wirklich als Gemeinschaft verstehen wollen, sollte auch das Thema Geld kein Tabu sein.

Es kann gut sein, dass Lukas solche Gemeinschaften kannte, als er davon in seiner Apostelgeschichte schrieb. Konsequent wäre es. Konsequent in zweierlei Hinsicht. Es würde zum einen zu der Art passen, wie Lukas von Jesus erzählt, zum anderen würde es gut zum Christentum und seiner Botschaft passen.

Lukas erzählte: Jesus ist zu allen Menschen gekommen, aber zu den Armen ganz besonders. Selbst in Armut geboren, im Stall, unterwegs, auf der Flucht, hatte er die Armen immer besonders im Blick. Ihnen verkündete er ganz besonders Gottes Nähe. Und sprach sie direkt an: „Selig seid ihr Armen, denn das Reich Gottes ist euer. Selig seid ihr, die ihr jetzt hun-gert, denn ihr sollt satt werden.“ (Lk 6,21-22). Die Reichen hat Lukas davor gewarnt, ihr Herz an ihren Besitz zu hängen - und sich dadurch den Bedürftigen, eigentlich aber Gott zu entziehen.

Lukas wusste: Wenn Menschen im Geiste Jesu zusammenkommen, wenn Gott zu den Men-schen kommt, dann kann es nicht so bleiben, dass die einen kaum wissen wie sie auskom-men sollen und die anderen immer neue Scheunen bauen, weil sie mit ihrem Besitz nicht wissen, wohin.
Lukas wollte zeigen, was passiert, wenn sich die Botschaft von Jesus Christus weiter aus-breitet und seine Auferstehung bezeugt wird.

Wenn man gemeinsam lebt und sich auf Jesus beruft, nach seinem Vorbild leben möchte und auf seinen Namen getauft ist, dann hat das große Auswirkungen. Wer die Nähe Gottes in seinem Leben spürt, wer sich Jesus zum Vorbild nehmen möchte und sich den Menschen zuwendet in Liebe und Verständnis, kann nicht so weiterleben wie bisher.

Es wirkt sich auf die Kommunikation untereinander aus. Lukas erzählt von Pfingsten und von der rundum gelingenden Kommunikation. Menschen aus ganz verschiedenen Ländern und mit unterschiedlichen Kulturen als Hintergrund werden eine Gemeinschaft und verstehen sich, als ob sie dieselbe Sprache sprächen.

Und es wirkt sich auf den eigenen Blickwinkel aus. Wenn man auf Jesus sieht, sieht man die Armut, die Ungerechtigkeit in der Verteilung und dass da etwas nicht richtig ist, wenn man nicht teilt und solidarisch ist. Und da erzählt Lukas von den Menschen dieser Gemeinschaft, die er vielleicht kennen gelernt hat, die im Geiste Gottes ein Herz und eine Seele geworden sind.



Und wir heute - wenn wir uns beschäftigen mit dem Thema Geld und Besitz in unserer Kir-chengemeinde, in den Gemeinden in Deutschland und in der weltweiten Ökumene, wie sieht es da aus? Man muss nicht lange hinsehen, um zu merken, wie ungleich Geld und Besitz verteilt ist, ob Christ oder nicht macht da keinen Unterschied. Wir sind alle verwi-ckelt in Strukturen, die die ungerechte Verteilung festigen. Wie schwer ist es, sich solidarisch zu zeigen und zu teilen. Je unbekannter und je weiter weg die Bedürftigen sind desto schwerer fällt es.

Aber eigentlich wissen wir es: Wenn wir wirklich ernst machen würden mit dem Christen-tum, mit der Liebe zu allen Menschen, die Jesus vorgelebt hat, mit der grenzüberschreitenden Einladung in die Gemeinschaft hinein, wenn wir ernst machen würden mit dem Programm und der Botschaft Jesu, dann müsste unser Leben ganz anders aussehen.

Lukas sagt: Seht, es hängt miteinander zusammen - der Reichtum unseres Glaubens und die Frage wie der Reichtum unter uns verteilt ist. Konkrete Schritte kann jede und jeder gemäß seinen Möglichkeiten tun. Lukas erzählt das Beispiel von Barnabas, der ein Grundstück verkauft und den Erlös in die Gemeinschaft einbringt.
Es sind danach noch immer viele Schritte nötig, bis es wirklich sozial gerecht zugeht, nicht nur auf der individuellen, sondern auch auf der politischen Ebene. Aber jeder kann in dei-nem Bereich gemäß seinen Möglichkeiten einen Anfang machen.

Schaut auf Jesus und mit ihm auf die Armen. Niemand wird gezwungen werden – aber wer gibt, erlebt, dass beim Geld tatsächlich die Freundschaft erst richtig losgeht, die Gemein-schaft der Christen erst richtig konkret wird, eine Freude für die, die geben wie für die, die empfangen. Und alle können sehen, wie gut es ist, dem Heiland der Armen anzugehören.
Amen.