Gottesdienst am 21. Juni 2020, 2. Sonntag nach Trinitatis

Predigt: Pfarrer Stephan Günzler

Die Predigt des Gottesdienstes zum download als pdf



Predigttext:
Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid.   Matthäus-Evangelium 11, 25-30


Predigt

Liebe Gemeinde!
Singen verboten! steht seit drei Monaten im Infektionsschutzkonzept für die Gottesdienste unserer Landeskirche.
Die Tröpfchen. Die Aerosole. Wir wissen schon….
Also halten wir uns brav daran.

Einer allerdings tut es nicht.
Auch wenn er damit angeeckt ist.
Jesus selber.
Er singt.
Ja, er singt ein Loblied auf seinen himmlischen Vater. Ein Lied für die Mühseligen und Beladenen. Ein Lied der Hoffnung.
Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde - mit diesen Worten beginnt sein Lied.

Er singt dieses Lied nicht einfach aus Lust und Laune. Er singt es in einem Moment, wo er alles andere als fröhlich und unbeschwert war.
Direkt davor berichtet uns Matthäus, wie angefeindet wird: Fresser und Weinsäufer. Der Zöllner und Sünder Geselle (Mt 11,19) , schimpft man ihn.
Jesus ist zutiefst enttäuscht, dass seine frohe Botschaft vom Kommen des Gottesreichs kein Gehör findet.

Sein Lied ist ein Lied gegen die Verzagtheit,
es singt an gegen die Verzweiflung.
Mehr als Worte sagt ein Lied.

Vielleicht hat dieser Heilandsruf deshalb schon so viele Menschen angesprochen und getröstet.

Ich lese noch einmal diese 5 Verse aus Matthäus 11:
 25 Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du dies den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart.
26 Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen.
27  Alles ist mir übergeben von meinem Vater; und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.
28 Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.
29 Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.
30 Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.



Für mich ist dies eins der schönsten Worte der ganzen Lutherbibel:
Er-quicken.
Es drückt eine Freude aus, die Körper und Seele durchströmt und neue Lebensgeister weckt.
Erquicken - das klingt nach Urlaub.
Nach Erholung. Nach Stärkung.
Nach müde und ausgelaugt sein, endlich wieder “quicklebendig“ werden.
Wieder durchatmen können,
spüren wie Saft und Kraft in die Glieder strömt.

Ich erinnere noch genau an die erste Beerdigung, die ich als Vikar zu halten hatte. Im Losungsbuch stand an diesem Tag dieser Bibelvers „ich will euch erquicken!“ und ich wählte ihn für die Grabrede.
Den Verstorbenen, einen alten Bauer aus dem Dorf, hatte ich noch wenige Stunden, bevor er starb, an seinem Bett besucht.
Daneben war ein Glas mit prickelnd kühlem Mineralwasser gestanden.

Der alte Mann hatte nichts mehr anderes zu sich nehmen wollen.
Als er einen Schluck genommen und mühsam geschluckt hatte, leuchteten auf einmal seine Augen auf und er sagte:
„a kalt´s Wasser isch halt s´beschte!“

Das klang für mich wie der Vorgeschmack auf die kommende Welt, auf die Ruhe und den Frieden, die ihn dort erwartete.
Kurz danach durfte er friedlich einschlafen.

„Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken!“

Es waren die Leidtragenden, die Kranken,
die Ausgegrenzten, die „loser“ und Gestrandeten, die Belächelten und Vergessenen,
die ein offenes Ohr hatten für Jesu Botschaft vom Himmelreich.
Jesus sieht ihre Würde.
Sieht sie mit den Augen des Vaters im Himmel.

Selig seid ihr! Ihr seid das Licht der Welt!
ruft er ihnen in der Bergpredigt zu.
Gott hat andere Maßstäbe.
In seinem Licht kann ein mühseliges Leben neu werden und zu leuchten beginnen.

Nicht etwa ein unbeschwertes Leben wird uns von Jesus versprochen.
Glaube ist etwas anderes als „Wellness“.
Selbst was an unserem Leben köstlich erscheint, ist doch nur vergebliche Mühe, heißt es im Psalm 90.
Doch Jesus weiß von einer Kraft, die uns die Last unseres Lebens leichter macht.
Meine Last ist leicht, sagt er.

Größer als die Last selber, ist ja meist die Last mit unserer Last.
Das gilt gleich, ob einer an einer Krankheit zu tragen hat oder am Älterwerden, - es betrifft aber genauso Menschen, die als Leistungsträger angesehen werden und sich irgendwann ausgebrannt und überfordert  fühlen.
 
Das Gefühl, du schaffst es nicht mehr,
macht Angst.
Fühlen wir uns von anderen im Stich gelassen,  werden wir bald bitter und unnahbar.

Jesus spricht als Seelsorger.
Er sagt nicht, dass Gott uns die Lasten einfach irgendwann abnimmt.
Sondern er sagt: Kommt her zu mir!

Meine Sicht der Situation wird eine andere,
wenn ich spüre: Ich bin nicht allein mit meiner Last. Jemand weiß um meine Not.

Jesus macht Mut, mein Leben anzunehmen.
Es zu leben.
Kein anderes, nur Erträumtes, das es gar nicht gibt, sondern mein Leben mit allem, was es da auch zu tragen gilt.

Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir!
sagt Jesus.
Seine Befreiung liegt darin - so paradox das klingt - dass er uns von neuem einspannt.
In einem „Joch“ werden ja Tiere miteinander vor einen Wagen gespannt.

Mehrere Ochsen unter einem Joch können tonnenschwere Lasten hinter sich her ziehen. Mit dem relativ kleinen Gewicht auf dem Nacken können sie ein vielfaches zusammen bewegen.

Paulus nimmt Jesus beim Wort und macht daraus eine Regel für uns alle:
Sie heißt:  „Einer trage des anderen Last!“ 
Die Last kann zu etwas werden, was verbindet,  statt einsam zu machen.
Das Miteinandertragen wird zu etwas, das uns selber trägt.

Wer sind die Mühseligen und Beladenen?
Die Corona-Pandemie bringt es an den Tag.
„Das Virus spaltet die Gesellschaft“ - titelte gestern die Süddeutsche Zeitung. „Die ohnehin benachteiligten Menschen trifft es besonders hart. Sie haben ein höheres Risiko, schwer zu erkranken und leiden stärker unter den Einschränkungen.“

Die jüngsten großen Ausbrüche fanden in Wohnblöcken in Berlin-Neukölln und Göttingen und in Fleischfabriken in den Niederlanden und in Gütersloh statt.
Sogenannte Hotspots entstehen dort, wo Menschen unter schwierigen Bedingungen wohnen und arbeiten.
Wo große Familien auf engstem Raum zusammenleben oder Schlachthofarbeiter nebeneinander am Fließband stehen und in Gruppenunterkünften schlafen.
Von den verheerenden Zuständen in den sogenannten Fleischfabriken hören wir jetzt mit Entsetzen. Dabei musste es uns ja längst klar sein, dass das billige Fleisch ja irgendwo her kommen muss.

Opfer der Pandemie sind auch die, die vielleicht nicht selbst erkrankt sind, aber die die Einschränkungen härter getroffen hat als andere: Kinder aus mehrköpfigen Familien, die eben nicht im Einfamilienhaus mit großem Garten, sondern in der engen Mietwohnung ohne Balkon die letzten Wochen erlebt haben. Manche Kindergartenkinder aus Migrantenfamilien haben in diesen drei Monaten die deutsche Sprache wieder fast völlig verlernt. Dringend, dass sie ab Ende Juni endlich wieder regelmäßig in den Kindergarten dürfen.
Ich denke auch an Jugendliche, die sich an die Trägheit vor dem Bildschirm gewöhnt haben.
Oft sind ihre Eltern Geringverdiener im Lebensmitteleinzelhandel oder in den Pflegeheimen. Sie mussten zum Arbeiten und hatten nach Feierabend alle Hände voll zu tun, mit den jüngeren Kindern. Die Jugendlichen aber waren weitgehend abgehängt.
Niemand, der ihnen mal auf die Schulter klopft
oder sie freundschaftlich in den Arm nimmt.

Vermutlich fallen jedem von uns noch weitere Menschen ein, die die aktuelle Krise besonders hart getroffen hat.
Auch die Angestellten in den Arbeits- und Gesundheitsämtern möchte ich nennen, auch die Minister und Bürgermeister, die Rektoren und Kindergartenleiterinnen. Viele haben in den letzten Wochen bis zur Erschöpfung sich verausgabt.

Wenn die Krise dazu hilft, dass wir uns ein wenig dafür öffnen, wie ungerecht es zugeht auf der Welt und wir wahrnehmen, welche Lasten manche in unserer Gesellschaft zu tragen haben, dann wäre es der erste Schritt dafür, dass unser Miteinander nach dieser Krise ein anderes wird.

Lernt von mir, sagt Jesus, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig.
Jesus lehrt uns den Blick weg von uns selber,
den Blick zum Vater im Himmel.
Wer weiß, dass er sich nicht selber verdankt,
dass alles Gute im Leben ein unverfügbares Geschenk ist aus Gottes Hand, der lernt Ja zu sich selber zu sagen - zum Leben mit all seinen Grenzen.

Von Demut war überraschend oft die Rede in den letzten Wochen. Ein Virus hat uns die Grenzen aufgezeigt. Wir sind verletzbar.
Unsere Gesundheit ist eben nichts, was allein wir in der Hand haben. Und auch der Organismus einer offenen Gesellschaft kann ganz schnell kollabieren.

Es wäre viel gewonnen, wenn sich alle dessen bewusst würden. Wir sind angewiesen auf viele andere, die uns tragen helfen.

Ein Modell könnte sein, was in unseren AA-Gruppen Woche für Woche geschieht:
Da nehmen Menschen teil, die vom Alkohol abhängig waren. Die Gruppe hilft den einzelnen, zu ihrer Krankheit zu stehen, aber sie hilft ihnen auch, stolz zu sein, es eine weitere Woche ohne Alkohol geschafft zu haben. So gibt man sich gegenseitig Halt.
Keiner muss sich seiner Schwachheit schämen.

Wo Menschen sich gegenseitig aushelfen, miteinander Lasten tragen, wächst etwas, was weit über den Tag hinausträgt, wo sie einander geholfen haben.

Manche haben das jetzt erfahren in der Nachbarn, wo man füreinander eingekauft oder miteinander gegessen hat.
Warum sollte nicht etwas davon erhalten bleiben? Die nächste Krise kommt bestimmt - und wir brauchen einander!

Oft können wir uns Lasten nicht wirklich abnehmen, aber wir können uns gegenseitig spüren lassen, dass wir voneinander wissen und dass wir einander Gutes gönnen.

Und hier darf nun auch wieder vom Singen die Rede sein:
Singet dem Herrn ein neues Lied!  heißt es in den Psalmen.
Nicht sein altes Lied, wo jeder sich selber bemitleidet, sondern ein Lied, das einen neuen Ton anschlägt, ein Lied der Hoffnung für alle.
„Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein!“ 

Amen.