Predigt am 12. Juli 2020, 5. Sonntag nach Trinitatis

       

      

Predigt von Pfr. Stephan Günzler zu der biblischen Geschichte vom "Fischfang des Petrus" aus dem Lukasevangelium, Lk 5,1-11

Hier können Sie die Predigt als pdf-Datei herunterladen



Liebe Gemeinde!
Man hat ihn später „Fels“ genannt, Jesus selbst hat ihm diesen Beinamen gegeben:
Petrus, das heißt übersetzt: Stein, Fels.
„Du bist Petrus, auf dich will ich meine Kirche bauen.“

Dabei war dieser Simon ein einfacher Fischer aus Kapernaum am See Genezareth, und dazu ein nicht immer erfolgreicher, wie wir gehört haben.

Doch die Begegnung mit Jesus hat sein Leben verändert.

Müde und ausgelaugt ist er an diesem Morgen. Die Nacht auf dem See war anstrengend gewesen und steckt ihm noch in den Gliedern.
Sie reden nicht viel, die Männer aus Simons Boot, während sie da ihre Netze waschen und ausbessern.

Wieder mal war es eine schlechte Nacht gewesen. Kaum ein Fisch im Korb.
Wieder ein Tag, wo Frau und Kinder einen mürrischen Vater ertragen mussten.

Tag für Tag ging das nun schon so.
Sollte es das gewesen sein?
Dein Leben zerrinnt dir zwischen den Fingern.
Du rackerst bis zum Umfallen, reibst dich auf, und am Ende kommt nahezu nichts dabei heraus.

Du schielst nach den anderen hinüber vom anderen Boot.
Einige haben mehr Erfolg als du.
Sie stehen auf der Sonnenseite des Lebens.
Und du?

Noch während Simon vor sich hin grübelt, kommt plötzlich Bewegung in die Szene.
Eine große Schar von Menschen zieht das Ufer entlang, voraus einer, den Simon bisher nur vom Hörensagen her kannte:
Jesus, der Mann aus Nazareth.

Ausgerechnet bei ihm, Simon, bleibt er stehen und fragt, ob Simon ihn nicht ein paar Meter hinaus rudern könne mit seinem Boot, damit er von dort aus zur Menge reden könne.
Jesus will Abstand.
Was er zu sagen hat, ruft heraus aus dem, was ist.
Ruft dazu, aufzubrechen,
anstatt auf der Stelle zu treten.

Als Jesu Predigt zu Ende ist, fordert er Simon und seine Gefährten auf: „Fahrt hinaus auf die Mitte des Sees, dort, wo es tief ist, und werft eure Netze aus zum Fang!“

Da sprudelt es aus Simon heraus:
„Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet, und nichts gefangen!“
Er lässt seinen ganzen Frust heraus, seine Enttäuschung, seine Wut.

Aber dann sagt er doch – und er staunt wohl selber darüber, dass er es sagt –
„Aber auf dein Wort, Herr, will ich´s tun!“
Und so tun sie das ganz und gar Verrückte:
Sie werfen mitten am Tag ihre Netze aus
und  -  machen den Fang ihres Lebens.
Dann passiert etwas Eigenartiges:
Simon wirft sich Jesus zu Füßen und schreit:
„Herr, geh weg von mir, ich bin ein sündiger Mensch!“

Er sieht angesichts dieses überwältigenden Erfolgs wieder den frustrierten Simon dieses Morgens am Ufer sitzen, der da lustlos seine Netze in Ordnung bringt und unzufrieden ist mit sich und der Welt.

„Ich bin ein sündiger Mensch!“
Simon hat Abstand gebraucht, um das sagen zu können.
Das prall gefüllte Boot voller zappelnder Fische – und im Gegensatz dazu:
Sein Leben, das ihm so leer vorkommt.
Das wirft ihn um.
Sein Leben erscheint ihm plötzlich wie ein einziger Widerspruch zu dem, was es hätte sein können.
Wie erbärmlich ist es angesichts der überschwänglichen Fülle der Güte Gottes!

„Geh weg von mir, ich bin ein sündiger Mensch!“   ruft Simon.
Doch Jesus kehrt es um und sagt:
„Du musst dich auf den Weg machen!
Geh du mit mir!
Du musst nicht bleiben, der du bist.
Du kannst aufbrechen zu neuen Ufern.
Du kannst es wagen, in der Mitte des Sees, in der Mitte deines Lebens, dort, wo es tief ist, die Netze noch einmal auszuwerfen.
Vertraue einfach!
Gott hat dich nicht abgeschrieben.
Er hat noch etwas mit dir vor!
Fürchte dich nicht!
Von nun an wirst du Menschen fangen!“


Dieser Satz hat das Leben Simons verändert,- des Mannes, den man später „Petrus“ nannte, Stein, Fels.
Dass da einer auf ihn baut,
ohne wenn und aber:
Dieses Vertrauen hat ihm geholfen.

„Ich brauch dich!“ hat ihm Jesus gezeigt.
„Du sollst mir helfen. Du sollst Menschen fischen.
Glaub mir: Du kannst es!
Du kannst Menschen gewinnen mit dem, was du bist. Wirf dein Leben nicht weg, das du bisher gelebt hast.
Sag „Ja“ zu dem, was dich geprägt hat, zu deinen Fähigkeiten, aber auch zu deinen Schwächen und Grenzen.

Gerade weil du so bist, wie du bist, kannst du anderen helfen, „Ja“ zu sagen zu sich, anstatt auf die anderen zu schielen.
Vielleicht hilfst du ihnen dadurch am meisten, dass du deine Schwächen nicht zudeckst, deine Zweifel nicht versteckst,
deine Widersprüche nicht auflöst und so tust, als ob du alles im Griff hättest.

Dass Gott auf dich baut, das ist deine Stärke.


2000 Jahre nach dieser folgenreichen Begegnung am See Genezareth, rechnen kaum noch Menschen damit, Jesus persönlich zu treffen.
Aber seine Worte sind noch da,
liegen aufgeschlagen auf dem Altar in unserer Kirche.
Und Sonntag für Sonntag gibt es Menschen, die sich diese Worte in Erinnerung rufen.

Danke, dass Sie heute da sind!
Ein bisschen Mut gehört inzwischen dazu, einen Gottesdienst zu besuchen.
Die Corona-Angst ist längst nicht das einzige Problem.
Wir können nicht alles dem bösen Virus in die Schuhe schieben.
Das Problem sind wir selber:
Es fehlt an Vertrauen.

Sich auf andere einlassen, ist ein Risiko.
Lieber bleibt man im Unverbindlichen.
‚Kurz mal reinklicken‘, ja, ‚aber doch nicht zu viel von sich preisgeben oder sich gar persönlich in etwas reinhängen.‘
Wer bin ich denn?
Ich weiß ja meist selber nicht,
für was ich stehe.

Es fehlt an Vertrauen!

„Fürchte dich nicht!“

Ist das vielleicht genau das Wort, das an mich und dich heute gerichtet ist?
Gottes Ruf an mich?

Sind wir denn gar so weit entfernt vom armseligen, mutlosen Netzflicker am See Genezareth damals?

Hör auf, dem nachzutrauern, was du gerne hättest sein wollen.
Lass ab vom verzweifelten Bemühen,
deine Lebensbilanz zu optimieren.

Lasst dich stattdessen herausrufen auf den Weg, den Gott mit dir gehen möchte!

Nicht nur der Fischer Simon, auch du und ich: Wir werden gebraucht!
Ja, ich bin überzeugt davon: Gott kann auch mit uns zaghaften Christen im Europa des dritten Jahrtausends etwas anfangen.
Was unsere Aufgabe ist, werden wir schon sehen, wenn wir uns auf den Weg machen und Augen und Ohren haben für unsere Mitmenschen und unsere Mitgeschöpfe.

Alle wollen sie teilhaben am Leben.
Wie wir auch.
Sie hungern nach Liebe, nach einem Wort, das tröstet und befreit, nach Glück und Frieden.

Wir sind einander anvertraut.
Und Gott traut uns viel zu.
Fürchte dich nicht!  
Amen.