Aus Glauben folgt Handeln. - Predigt zu 5. Mose 7,6-12

Aus Glauben folgt Handeln. An den biblischen Gott zu glauben, heißt, sich den Menschen in Solidarität und Liebe zu verpflichten.

Predigt zu 5. Mose 7,6-12
im Gottesdienst am 19. Juli 2020 in der Stadtkirche Weingarten
Pfarrer Horst Gamerdinger

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Predigttext 5. Mose 7,6-12 (Luther 2017):
6 Denn du bist ein heiliges Volk dem Herrn, deinem Gott. Dich hat der Herr, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind.
7 Nicht hat euch der Herr angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker – denn du bist das kleinste unter allen Völkern –,
8 sondern weil er euch geliebt hat und damit er seinen Eid hielte, den er euren Vätern geschworen hat. Darum hat der Herr euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft, aus der Hand des Pharao, des Königs von Ägypten.
9 So sollst du nun wissen, dass der Herr, dein Gott, allein Gott ist, der treue Gott, der den Bund und die Barmherzigkeit bis ins tausendste Glied hält denen, die ihn lieben und seine Gebote halten,
10 und vergilt ins Angesicht denen, die ihn hassen, und bringt sie um und säumt nicht, zu vergelten ins Angesicht denen, die ihn hassen.
11 So halte nun die Gebote und Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, dass du danach tust.
12 Und wenn ihr diese Rechte hört und sie haltet und danach tut, so wird der Herr, dein Gott, auch halten den Bund und die Barmherzigkeit, wie er deinen Vätern geschworen hat,


Predigt:

(Einen schnellen Überblick über die Predigt könnne Sie gewinnen, wenn Sie nur die fett gedruckten Sätze lesen)

Ehrlich gesagt, freiwillig hätte ich mir diesen Text nicht ausgesucht. Es ist eher ein schwieriger Text. Bilder von einem rächenden Gott treten auf, der die hasst, die sich nicht an seine Gebote halten. Verse mit Eroberung und Ausrottung stehen genau vor unserem Predigttext, die wurden ja schon weggelassen. Und das ist auch mein erster Impuls, kann man das nicht weglassen, ausklammern? Das kann man doch heute nicht mehr sagen.

Aber, erstens habe ich schon oft die Erfahrung gemacht, dass gerade schwierige Texte interessant sind, weil sie stören, weil sie mich herausfordern, vom normalen, geradlinigen Denken wegführen und mich dadurch zu ganz anderen Gedanken kommen lassen oder mich zu eindeutigen Stellungnahmen herausfordern.
Und zweitens ist es auch eine Sache der Redlichkeit, die schwierigen Passagen, die nicht mehr in unser heutiges Gottesbild passen, die nicht in mein Gottesbild passen, nicht wegzulassen, nicht zu verschweigen. Sie sind nun einmal da.

Es ist wie im Leben: Auch da hätten wir gerne nur die schönen Abschnitte, den sonnigen Weg, die leichte Seite, den einfachen Teil. Wir hätten gern, dass alles gelingt, keine Schwierigkeiten auftauchen und alles voller Liebe ist.
Aber, wir wissen es natürlich, das Leben ist nicht so, es gibt die schweren Zeiten, es gibt den Streit und den Ärger und es gibt Hass und Gewalt.

Das Leben ist vielseitig, weil wir Menschen ebenso vielseitig sind, und auch Gott ist vielseitig. Wie das Leben, so zeigt sich Gott von vielen Seiten. Und alle gehören dazu.

Die Menschen, die die Bibel geschrieben haben, schreiben genau darüber: Über die Vielseitigkeit des Lebens,
über das Hin- und Her geworfen sein, über die steinigen und die sonnigen Wege und über die Zweifel, Fragen und Entscheidungen an den Wegkreuzungen.

Sie erzählen über das Leben und über ihre Erfahrungen mit Gott. Und auch die sind so bunt wie das Leben.
Denn Gott ist ein menschlicher Gott, es ist ein persönlicher Gott, ein Gott, der Beziehungen eingeht, mit all dem, was eine Beziehung bedeutet. Auch da gibt es sonnige und steinige Wege, gute und schlechte Phasen, Zeiten der Liebe und des Zorns, Zeiten des Auseinandergehens und Zusammenkommens.

Menschen schreiben in der Bibel über ihre Lebenserfahrungen und sie stellen sie in einen größeren Zusammenhang, sie beziehen ihr Leben auf Gott, sie stellen ihr Leben in einen größeren Rahmen von Zweifel und Glauben, von Verheißung und Erlösung.

Bunt wie das Leben und vielgestaltig wie die Menschen, so ist auch Gott. Gott ist wie das Leben. Er hat viele Seiten, er wird von verschiedenen Menschen in verschiedenen Phasen ihres Lebens ganz unterschiedlich erlebt. Und einige dieser Erlebnisse sind in der Bibel aufgeschrieben. Gott ist darin verwirrend vielfältig beschrieben und auch die dunklen Seiten sind nicht ausgelassen.

So gesehen, fällt es mir auch leichter, verschiedene Aussagen über Gott in der Bibel einfach stehen zu lassen, auch wenn sie mir fremd sind. Es sind Erfahrungen von Menschen in einer bestimmten Situation. Wer weiß, vielleicht hat ja jemand, der von Gottes Vergeltung an allen, die sich nicht an seine Gebote halten redet, eine große Sehnsucht nach Klarheit und Richtung in seinem Leben. Vielleicht hat er Angst, unterzugehen in der Vielzahl der Möglichkeiten um ihn herum, in der Beliebigkeit der Meinungen. Vielleicht wünscht er sich jemanden, der sagt: Da lang, das ist der richtige Weg, hier bist du richtig. Vielleicht hat er selbst Hass erlebt oder musste unter Gewalt leiden und kann sich menschliches Zusammenleben gar nicht mehr anders vorstellen.

So gesehen fällt es mir leichter, die für mich schwierigen Textstellen in der Bibel zu ertragen. Zusammengefasst: Die Bibel enthält Erfahrungen mit Gott, von Menschen geschrieben. Die verschiedenen Situationen ihres Lebens beeinflussen ihr Gottesbild. So kann ich auch mir fremde Aussagen über Gott bzw. Gottesbilder leichter stehen lassen: Als individuelle Erfahrungen von Menschen mit Gott.

Dass Gott so dynamisch ist, dass er immer wieder unterschiedlich erlebt beschrieben und erfahren wird, liegt in seiner Personalität. Es ist eine persönliche Beziehung der Menschen zu Gott, und das beinhaltet Wandel, Veränderung und Entwicklung.

Jeder von uns hat sich Gott im Lauf seines Lebens in den unterschiedlichen Lebensphasen jeweils ganz anders vorgestellt.
Der Gott der Kindheit ist ein anderer als der Gott, den man sich als Jugendlicher vorstellt und als 50-jähriger sind einem wiederum andere Aspekte wichtiger als mit 80. Dass wir immer wieder andere Gottesbilder haben, ist nichts Schlechtes, ganz im Gegenteil. Es zeugt von einer lebendigen Gottesbeziehung.

Was sich aber durch die ganze Bibel zieht, ist, dass Gott da ist, bei den Menschen und für die Menschen. So hat er sich schon dem Mose im Dornbusch vorgestellt. Ich bin, der ich bin, ich bin der Seiende, ich bin der, der da ist, bei euch und für euch. Gott ist da, ist mir nahe, Gott geht mit.

Von Anbeginn des Lebens an ist Gott da. Er erschafft die Welt mit allem, was dazugehört und er erschafft das menschliche Leben. Gott, der Schöpfer, greift in Menschenwege ein, wählt zunächst einzelne Menschen aus, die er begleitet und wählt dann ein ganzes Volk aus. Erwählung, auch darum geht es in unserem Predigttext.

Israels Erwählung beginnt damit, dass Gott das Schreien der Sklaven hört. Gott nimmt Partei für die Entrechteten er zeigt sich dem Volk als Befreier. In dieser Befreiung, in diesem Aufbruch, entsteht das Volk Israel und die besondere Beziehung zu seinem Gott. Gott zeigt sich als Gott der Befreiung.

Das bedeutet auch für uns heute eine klare Position: Wenn Menschen von anderen Menschen unterjocht, ausgebeutet und klein gehalten werden, wenn einer dem anderen die Lebensgrundlagen entzieht, wenn die Freiheit des Einzelnen durch fremde Interessen gestört wird, kann man sich dabei nicht auf den Gott Israels berufen.

Immer noch - heute wie damals - spricht Gott zu Menschen, die ihren Weg suchen und diesen Weg in verantwortungsvoller Weise gehen wollen. Aus Glauben folgt Handeln. An diesen Gott zu glauben heißt, sich den Menschen in Solidarität und Liebe zu verpflichten.

Mit dem Glauben an den biblischen Gott verträgt sich keine ethische Neutralität, keine Gleichgültigkeit gegenüber einem Unrecht auf Erden. Dieser Gottesglaube schließt das Handeln ein.

Das heißt auch, im Namen meines Glaubens und meiner Beziehung zu Gott bestimmte Entscheidungen zu treffen und dazu zu stehen. Es kann ruhig öffentlich erkennbar sein, welche Position ich aus christlicher Überzeugung heraus habe, wo ich mich engagiere und wo ich nicht mitmachen will.

Was ist unser besonderes christliches Profil heute?
Jedenfalls wenn Jesus von Menschen spricht, die in besonderer Weise von Gott ausgewählt sind, die Gott ganz besonders im Auge hat, spricht er von den Barmherzigen, den Wehrlosen, den Geduldigen, den nach Gerechtigkeit Hungernden, den Friedensstiftern, den Verleumdeten und Verfolgten. Er spricht von denen, die Leid erfahren.
Wir sehen Gottes engagierte parteiliche Liebe für die Schwachen, die Bedrückten, die in ihren Rechten zu kurz Gekommenen. Das sagt Jesus von Gott. Und darin erkennen wir auch den Befreiergott aus Ägypten wieder.

Gott nehme uns mit auf dem weiten Weg in das Reich Gottes.

Amen