Der Garten Eden, Predigt zu Genesis 2, 4b-15

Predigt zur älteren Schöpungsgeschichte der Bibel, "Der Garten Eden"

Gottesdienst am 20. September 2020 in der Stadtkirche Weingarten
Pfarrer Horst Gamerdinger

(Sie können die Predigt hier auf dieser Seite lesen oder als pdf herunterladen
Einen schnellen Überblick über die Predigt können Sie gewinnen, wenn Sie nur die fett gedruckten Sätze lesen.)



Paradies - Gott schenkt den Menschen einen Garten

„Schau an der schönen Gärten Zier und siehe, wie sie mir und dir sich ausgeschmücket haben.“ Gärten sind etwas ganz Besonderes. Und um einen ganz besonderen Garten soll es heute in der Predigt gehen. Stellen Sie sich einmal vor, jemand würde zu Ihnen sagen: „Ich schenke dir einen wunderschönen Garten.“ Was wäre das für ein außergewöhnliches Geschenk!

„Ich schenke dir einen Garten.“ Ich denke daran, wie Eltern ihrem Kind ein kleines Beet im Garten anvertrauen. Das ist jetzt dein eigenes Gärtchen, da darfst du selbst Radieschen und Salat pflanzen, Erdbeeren und Ringelblumen, da kannst du gießen und warten, staunen und ernten. Es ist auch Arbeit, aber es ist eine schöne und sinnvolle Arbeit. Und das Kind spürt das Leben mit seinen eigenen kleinen Händen in diesem Stückchen Erde.

„Ich schenke dir einen Garten.“ In diesem Geschenk schwingt das Leben mit und die Zukunft des Lebens, säen und ernten, Schönheit und Glück. Nicht ohne Grund vergleichen die Liebesgedichte der Bibel die geliebte Freundin mit einem üppig blühenden Garten.

Gott hat den Menschen einen Garten geschenkt. So erzählt es eine uralte Geschichte. „Ich schenke dir einen wunderschönen Garten, Mensch“, sagt Gott. Und mit dieser Geschichte stehen wir an den Urgründen unseres Lebens.

Textlesung 1. Mose 2,4b–15
Der Garten Eden
 

Ja, Gott hat den Menschen einen Garten geschenkt, einen wunderschönen Garten. Und in dieser uralten Geschichte von den ersten Menschen finden Sie alles erzählt, was für Menschen wesentlich ist, ihr ganzes Glück und ihr ganzes Leid.


Ich beginne mit dem Glück. Ein kleines Kind bekommt bei der Geburt einen Baum gepflanzt, einen Lebensbaum. Und später bekommt es ein kleines Beet anvertraut. Das Kind ist glücklich. Warum? Es erlebt das Leben, das Keimen und Wachsen, das Gedeihen und Reifen. Das ist Leben und Zukunft zum Anfassen. Und es erlebt die Fürsorge seiner Eltern.

Gott hat den Menschen einen Garten geschenkt wie Eltern ihrem Kind, mitten in der Wüste, weit im Osten. So beginnt die Bibel. Und wir erleben von Anfang an einen Gott, der liebevoll ist und sehr fürsorglich. Gott liebt sein Geschöpf aus Erde, Gott liebt sein Wesen aus Leib und Seele, aus Körper und Atem. Ein Gott voller Fürsorge und Liebe. Das ist unser Gott von Anfang an. Und es ist von Anfang an unser Glück, so einen Gott zu haben.

Und gerne werden wir diesen unseren Garten bebauen und bewahren, hegen und pflegen, und die Früchte genießen. Achten Sie diese uralte Geschichte bitte nicht gering. Wir stehen hier vor den Urgründen unseres menschlichen Lebens.
Sie erzählt die ursprüngliche und tiefe Wahrheit von Gott und Mensch. Sie erzählt sie tiefer als alles andere, und die Bibel gerät zu Recht geradezu ins Schwärmen: Es ist der Garten Eden, es ist das Paradies, da steht der Baum des Lebens in der Mitte, da fließen die Lebensströme in alle vier Richtungen der Welt, Wasser die Fülle und alles ist wohl geordnet, harmonisch, von vollendeter Schönheit.

Das ist so, wo Gott einen Garten pflanzt und verschenkt. Und so finden wir in dieser uralten Geschichte unser ganzes Glück erzählt, aber auch und zugleich unser ganzes Leid, denn das kennen wir auch.



Die Gegenwart als Antiparadies-Geschichte

In gewisser Weise könnte man unsere gegenwärtige Realität als Gegenbild zu diesem Paradies lesen
: die Bäume sterben oder werden abgeholzt. Die Urwälder verbrennen. Viele Tierarten werden ausgerottet. Die Bodenschätze werden ohne Rücksicht auf Land und Leute zum Profit einiger weniger Menschen geplündert. Wasser gibt es entweder zu viel oder zu wenig. Sintflutartige Überschwemmungen und Dürreperioden nehmen zu. Zu viele Menschen haben keinen Zugang zu den Früchten der Erde und hungern noch immer. Die Klimaveränderung beschleunigt diese Entwicklungen und fasst sie zusammen.



Paradies und Antiparadies - beides ist Realität

Paradies und Antiparadies - beides ist Realität. Beides kennen wir.
Das Paradies und das Antiparadies. Das Glück und das Leid, die Hoffnung und die Enttäuschung. Die Sehnsucht und die Verzweiflung.
Es kann nicht alles nur Paradies sein. Das wissen wir und es bringt uns leider gar nicht mehr grundsätzlich durcheinander, denn wir sind Erwachsen geworden.
Auf dem Weg dahin gehen uns viele Paradiese verloren. Das Paradies der Kindheit bleibt zurück. Erwachsenwerden heißt ja auch zu merken, dass die Welt und die Menschen an vielen Stellen nicht so gut sind wie man als Kind denkt. Vieles kann man als Erwachsener nur noch gebrochen erleben.
Es gibt zum Beispiel Menschen, die anderen bewusst Böses antun wollen. Es gibt Kriege, die so komplex sind, dass sie momentan nicht beendet werden können. Es gibt hunderte Millionen von Menschen, die verhungern, es gibt Milliarden, die das ändern könnten, es aber nicht tun. Das alles finde ich immer noch unbegreiflich und inakzeptabel, und doch hat ein Teil in mir auch resigniert.

Oft hört man, dass das Paradies einmal da war, dann auf tragische Weise durch die Schuld der Menschen verloren ging.
Ich denke, die Geschichte erzählt einfach davon, wie es ist, Mensch zu sein. Es wird vom Leben im Paradies am Anfang erzählt. Aber dieser Anfang ist jetzt nicht weg, sondern läuft immer mit. Wir haben ihn immer bei uns.
Immer wieder beginnt das Leben wieder neu.
Immer wieder erleben wir Paradiese, und immer wieder gehen sie verloren. Wir erleben Hoch-Zeiten und Enttäuschung, Begeisterung und Verzweiflung, wir stehen mitten im Leben und gefährdet am Rand, wir genießen das Leben und verzweifeln gleichzeitig an seiner Sinnlosigkeit. Wir erleben Glück und erleben Leid.
So ist das Mensch-Sein. Und davon erzählen die Geschichten inden ersten Kapiteln der Bibel.

Die Frage, die sich mir stellt, ist weniger: Wie werden wir errettet? Oder gerechtfertigt? In der Beziehung kann ich mich ganz vertrauensvoll in Gottes Hände fallen lassen. Er wird es schon machen.
Für mich ist eher die Frage: Was soll und kann ich tun? Wie will ich sein und welche Möglichkeiten habe ich? Wo will ich mitgestalten, wofür will ich mich einsetzen?



Meine Verantwortung wahrnehmen


Ich sehe die Geschichte vom Paradies, von der Entstehung der Welt und von dem Verhalten der Menschen darin auch als Aufforderung an uns, sich für dieses Paradies einzusetzen.

Ich höre aus den biblischen Texten über den Anfang der Welt die Aufforderung an mich: Zeige Verantwortung bei dem, was du tust. Habe Ehrfurcht vor dem Leben, begegne den anderen Menschen, Tieren, Pflanzen und dem, was ist mit Achtung und Respekt. Sieh, wie alles untereinander zusammenhängt und voneinander abhängig ist. Gehe nachhaltig um mit dem, was dir anvertraut ist. Die biblischen Begriffe für den Umgang mit der Schöpfung sind bebauen und bewahren, nicht verschwenden und ausbeuten.

Zur Frage „Was tun?“ kann ich noch ein aktuelles Beispiel aus der Kirchengemeinde erzählen: Immer wieder mal haben wir darüber nachgedacht, unsere Dächer für Strom aus Sonnenenergie zu nutzen. Mit einem Vorschlag, den unser Kirchengemeinderat Herr Knall vorgestellt hat, wird das nun realistisch und könnte in nächster Zukunft angegangen werden. Ein kleiner Beitrag unserer Kirchengemeinde zu nachhaltigerem Wirtschaften.



Hoffnung für die Zukunft


Bei der Frage was tun? Kann man sich gut an Gott ein Beispiel nehmen. Er handelt fürsorglich, zerstört nicht, er schafft Lebensräume. Er ist kreativ und eröffnet Zukunft. Er macht immer wieder Neuanfänge, schenkt uns Leben und ist fürsorglich.
Er macht uns Hoffnung und verheißt eine gute Zukunft.

An zahlreichen Stellen in der Bibel sind solche Hoffnungsaussagen überliefert.
Mit zweien von Ihnen möchte ich schließen:
Jesus sagt am tiefsten Punkt seines Lebens zu dem, der mit ihm gekreuzigt wird: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ (Lukas 23,43)
Und Jesaja, der große Zukunftsvisionär, schreibt: „Ja, der HERR tröstet Zion, er tröstet alle ihre Trümmer und macht ihre Wüste wie Eden und ihr dürres Land wie den Garten des HERRN, dass man Wonne und Freude darin findet, Dank und Lobgesang." (Jesaja 51,3)
Amen