Lebensentwürfe – Wie gelingt mein Leben? - Predigt zu Lukas 18,9-14


Predigt zum Gleichnis von dem Pharisäer und dem Zöllner, Lukas 18,9-14
Gottesdienst am 23. August 2020 in der Stadtkirche Weingarten und im Gemeindehaus Berg
Pfarrer Horst Gamerdinger

(Sie können die Predigt hier auf dieser Seite lesen oder als pdf herunterladen
Einen schnellen Überblick über die Predigt können Sie gewinnen, wenn Sie nur die fett gedruckten Sätze lesen.)

 

Zu Beginn werfen wir einen Blick das Bild von Julius Schnorr von Carolsfeld „Das Gleichnis von dem Pharisäer und dem Zöllner“ (1860). (Mit diesem Link können Sie sich das Bild im Internet ansehen)

Da stehen zwei Männer, in nächster Nähe, sind aber doch weit voneinander entfernt, als kämen sie aus verschiedenen Welten. Der eine steht vorne am Fenster im Licht, ist wohl genährt und reich. Selbstsicher steht er da, den Bauch nach vorne geschoben. Seht ihr wie toll ich bin? Er ist selbstbewusst und stolz auf sich. Er zeigt sich gern, so wie sein ganzes Leben vorzeigbar ist. Er hat es zu etwas gebracht. Er ist keineswegs herzlos. Er nutzt seine hervorgehobene Stellung, um anderen zu helfen, das tut er auch sichtbar und gern. Vielleicht ist es sogar die Motivation für seinen vorbildlichen Lebenswandel.

Auch hier im Tempel steht er in der ersten Reihe, er spendet so, dass es die anderen sehen und sich ein Vorbild an ihm nehmen können. Er betet: „Ich danke dir, Gott, dass mir so ein vorbildliches Leben gelingt und ich nicht so bin wie der dort hinter mir.“

Da steht nämlich noch einer. Man sieht ihn erst nicht so deutlich, weil er im Schatten steht, hinter der Säule im Halbdunkel. Und er wird wissen warum. Den Kopf geneigt, den Blick nach unten, die Haltung gekrümmt. So will und kann er niemandem in die Augen schauen. Auch vor Gott würde er sich am liebsten verstecken. Er kann nicht glänzen mit seinem Leben. Sein Gebet ist kurz und flehend: „Ach Gott, sei mir Sünder gnädig.“

Zwei verschiedene Menschen in dem einen Bild, zwei Arten von Menschen, ganz unterschiedliche Typen, nah beieinander und doch ist es, als lebten sie in unterschiedlichen Welten. Das strahlende Vorbild und der Gescheiterte.
Das Bild zeichnete Julius Schnorr von Carolsfeld im 19. Jahrhundert. Es ist die Illustration zu unserem heutigen Predigttext, dem Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner aus Lukas 18.


Textlesung, Lukas 18,9-14 (Lutherbibel 2017)
Der Pharisäer und der Zöllner
Jesus sagte aber zu einigen, die überzeugt waren, fromm und gerecht zu sein, und verachteten die andern, dies Gleichnis: Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme.
Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig!
Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener.
Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden.



Zwei Figuren stellt Jesus uns da vor. Zwei ganz unterschiedliche Typen, unterschiedliche Lebensentscheidungen, unterschiedliche Lebenskonzepte - so gegensätzlich, damit die Alternativen deutlich hervortreten. Ein Pharisäer und ein Zöllner. Das waren damals, als das Evangelium geschrieben wurde, schon Stereotypen. Bestimmte Arten von Menschen.

Dass aus diesen Stereotypen dann später Vorurteile gegen das Judentum wurden („der Scheinheilige“ und „der Raffgierige“), konnten sie damals noch nicht wissen. Aber der Antijudaismus ist bereits dort angelegt. Damals war das eher Polemik des sich gerade neubildenden Christentums gegen die jüdische Mehrheitsreligion. Später, als sich die Mehrheitsverhältnisse umgekehrt hatten und das Christentum die „mächtigere“ Religion geworden war, entstanden daraus der bekannte Antijudaismus mit all seinen schrecklichen Folgen.

Der Pharisäer ist einer, der das Gesetz Gottes liebt, einer, der die Thora als Weg zum gelungenen Leben kennt. Er freut sich an den Geboten, für ihn ist es keine Einschränkung, sich an die Regeln zu halten. Im Gegenteil: Die Regeln beschreiben einen Raum, innerhalb dessen man in Freiheit leben und ein gelingendes Leben führen kann. Er weiß, dass das alles nicht selbstverständlich ist und dass man auch schnell abrutschen kann. Von denen die schon abgerutscht sind, hält er sich fern, schon aus Selbstschutz. Er weiß um die Gnade Gottes. Und er ist dankbar für sein Verhältnis zu Gott. „Gut, dass ich das meiste richtig gemacht habe im Leben. Man darf sich auch nicht so gehen lassen. Disziplin gehört schon dazu. Aber ich sehe auch, was die Früchte sind. Danke, dass ich nicht so bin wie die anderen.“

Der andere Mensch der Geschichte ist ein Gegentyp dazu. Er ist der Zöllner. Verschrien als Kollaborateur mit der Besatzungsmacht, der dem eigenen Volk das Geld aus der Tasche zieht. Er selbst würde sagen: „Jeder muss eben sehen wie er durchkommt. Man kann nicht immer eine reine Weste behalten. Man muss auch Kompromisse machen mit der Realität. Gut, ich habe die Zollstation von den Römern gepachtet, muss ihnen einen bestimmten Betrag zahlen. Natürlich versuche ich, darüber hinaus so viel von den Leuten zu verlangen wie es geht. Jeder würde das so machen. So läuft es eben. Man muss sehen, wo man bleibt. Wenn ich‘s nicht mache, macht‘s ein anderer. Klar weiß ich, dass das nicht ganz korrekt ist. Deshalb bin ich auch hier im Tempel und suche Gottes Nähe. Ich weiß, er ist barmherzig. Er wird mir verzeihen. Darauf vertraue ich.“

In ungewohnter Deutlichkeit nimmt Jesus zu den beiden Typen Stellung und beurteilt die beiden Lebensentwürfe. Trotz seiner krummen Geschäfte hat der Zöllner die Sympathien von Jesus.

Warum ist das so? Warum erzählt Jesus diese Geschichte? Ich denke, es geht um Anerkennung, das, wonach wir Menschen uns so sehen. Wir wollen, dass man uns respektiert, dass man uns braucht und für klug hält, ein bisschen bewundert, dass man uns liebt, begehrt oder doch wenigstens mag.

Deshalb vergleichen wir auch ständig: “Was, ihr fahrt schon wieder ans Meer in die Ferien!“ – „Was, die hat zwei Kinder, arbeitet voll und hat immer noch eine Superfigur!“ - „Dem gelingt aber auch alles!“ Wir vergleichen von morgens bis abends.

Doch das Vergleichen kann auf Dauer nicht gut gehen. Die Anerkennung, die daraus wächst, ist flüchtig und geht schnell wieder verloren. Wer sich seine Selbstlegitimation und sein Daseinsrecht auf dem Boden ständigen Vergleichens baut, lebt nur im Auf und Ab seines äußeren Erfolgs und Ansehens. Das Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner handelt von dieser menschlichen Eigenschaft des Vergleichens.

Der Pharisäer im Gleichnis macht seine gesellschaftliche Stellung zum Thema seines Gebets, ihm geht es um den zwischenmenschlichen Vergleich, der zu seinen Gunsten ausfällt. Er macht seine Anerkennung an diesen äußeren Dingen fest. Er erbittet und ersehnt sich nichts von Gott.

Auch der Zöllner sehnt sich nach Anerkennung. Geld ist ein Medium, durch das man sich diese Anerkennung verschaffen kann. Der Zöllner rafft gierig nach diesem Anerkennungsmedium - und verliert dabei gerade die Anerkennung der Menschen und macht sich ihnen gegenüber schuldig.

Und irgendwie ahnt er, dass das alles ihn immer weiter von Gott und von sich selbst entfernt. Er ahnt, dass sein Anerkennungsdefizit und seine Schuld tiefer reichen. Sie sieht er als seine „Sünde“. Sie reichen an seinen Lebensgrund und betreffen darum seine Beziehung zu Gott selbst.

Deshalb wagt er auch kaum, vor Gott hin zu stehen. Sein Gebet ist kurz. “Gott sei mir Sünder gnädig“. Er schlägt sich dabei auf die Brust. Seine Körpersprache zeigt an, dass ihm diese bitte zu Herzen geht. Er bittet Gott um Barmherzigkeit, er bittet um Sündenvergebung. Und damit bittet er Gott zugleich um die Anerkennung, die er sich weder selbst geben kann noch von seinen Mitmenschen bekommt. Er bittet um die rechtfertigende Anerkennung, ganz ohne Vergleiche und Leistungsnachweise. Er bittet um die Anerkennung, die ihm Grund und Recht gibt zu leben.

Und Jesus erzählt: Befreit, gerechtfertigt ging er in sein Haus zurück.

Das Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner zeigt uns einen leichteren Umgang mit unserer Sehnsucht nach Anerkennung. Vergleichen ist nicht verwerflich, so sind wir Menschen eben. Aber, wenn man das eigene Daseinsrecht davon abhängig macht, ist es nicht gesund und heilsam. Der Pharisäer aus dem Gleichnis geht nicht befreit aus dem Tempel. Denn die wahre Anerkennung, die rechtfertigt und freimacht, kann uns nur Gott geben. Nur Gott kann den menschlichen Zirkel der gnadenlosen Selbstlegitimierung durchbrechen und uns in Christus zusprechen: “Vertraue nur! Ich bin bei dir! Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du gehörst zu mir. Lass dir an meiner Gnade genügen.“
Amen.