Gottesdienst am 24. Mai 2020, Sonntag Exaudi


Musik: Johannes Baiker
Liturgie und Predigt: Pfarrer Horst Gamerdinger

 

Die Texte des Gottesdienstes zum download als pdf



Ablauf

Vorspiel
Begrüßung
Eingangsgebet
Stilles Gebet
Wochenlied 136.1+7 O komm du Geist der Wahrheit
Predigttext und Predigt Jer 31, 31-34
Instrumentalmusik
Fürbitten
Vater Unser
Lied Neue Lieder 116 Da wohnt ein Sehnen tief in uns
Ansagen
Segen
Nachspiel


Predigttext:

Der neue Bund,  Jeremia 31, 31-34


Predigt

Unser Text ist ein Hoffnungstext. Ein Versprechen auf bessere Zeiten.
Ein Text, der von guter Zukunft erzählt, mitten im Unglück.
Das wird besonders deutlich, wenn man den Kontext ansieht und die Umstände, in die dieser Text hinein gesagt ist.
Kapitel 30 und 31 des Jeremias Buches werden auch Trostbuch genannt. Dieses Trostbuch enthält Hoffnungstexte und Mutmachtexte inmitten von düsteren Vorhersagen.
Jeremia ist der Prophet, der den Untergang des jüdischen Reiches voraussagt, wenn sich nichts an der Politik und dem Verhalten der Menschen ändert. Jeremia will eigentlich nicht den Untergang vorhersagen, sondern Umkehr vor dem Untergang erwirken. Jeremia redet und droht, er sucht die Menschen umzustimmen, setzt seine ganze Existenz ein, aber die Menschen hören nicht auf ihn. Die Katastrophe kommt, Jerusalem wird belagert und erobert.
Kaum hat die Belagerung begonnen, schwenkt er um, macht Hoffnung, spricht vom Glück im Unglück. „Es geht weiter“, sagt er, „auch wenn es jetzt so schlimm gekommen ist. Gott verlässt uns nicht, er hält zu uns, Gott ist treu“.
 
Jeremia verspricht: Gott wird sogar seinen Bund erneuern, also seine Beziehung mit den Menschen. Noch näher will er mit ihnen verbunden sein, indem er die Thora in sie hineinlegt, sie in ihr Herz schreibt.
Die Thora mit ihren heilsamen Weisungen will die Menschen zum guten und gelingenden Leben führen. Sie soll Teil des inneren Menschen werden und unlösbar mit ihm verbunden sein. Das ist das Neue an dem neuen Bund, dass die Thora ein inwendiger Teil des Menschen wird.
Was du gelernt hast, kann dir keiner nehmen, sagte mein Opa immer. Vielleicht meinte Jeremia das so ähnlich, auf jeden Fall war der Gedanke, die Thora Gottes in sich zu haben und so mit Gott immer verbunden zu sein sicher ein großer Trost. Das kann dir niemand nehmen, auch wenn du verschleppt und deportiert wirst.
Mein Opa meinte seine Worte als Ermunterung zum Lernen. Jeremia, so könnte man sagen, meinte seine Worte als Ermunterung zum Leben. Er sprach den Menschen im Namen Gottes Mut zu.
Gott ist bei dir. Gott ist sogar innerlich mit dir verbunden. Aus Gottes Gnade kannst du nicht herausfallen.
Jeremias Worte richteten sich an das Volk Israel. Ein großes Hoffnungsversprechen in schweren Zeiten, ein Halt, wenn alles zusammenbricht.
In einem zweiten Schritt gelten die Worte auch allen, die sie lesen. Und so kommen sie auch zu uns heute, können auch für uns Trost sein und Ermunterung zum Leben. Gott ist bei dir. Gott ist sogar innerlich mit dir verbunden. Aus Gottes Gnade kannst du nicht herausfallen.
Für mich sind solche Sätze wirklich eine Grundlage, auf die ich vertrauensvoll mein Leben bauen kann.

Hier ist übrigens die einzige Stelle in der jüdischen Bibel, unserem Alten Testament, wo das Wort neu und das Wort Bund zusammen auftauchen. Sonst ist dort nirgends der Begriff „Neuer Bund“ zu finden - und schon gar nicht der Ausdruck „Alter Bund“.
Das hat mich überrascht, denn der Begriff „Neuer Bund“ ist uns Christen ja recht geläufig.

Es ist tragisch, dass dieser Hoffnungstext - besonders wegen des Begriffs "Neuer Bund" - für das Judentum im Lauf der christlichen Auslegungsgeschichte zu einer Grundlage der Abgrenzung und Abwertung geworden ist. Mit allen bekannten zerstörerischen uns belastenden Folgen für das Verhältnis von Juden und Christen.

Es ist traurig und tragisch, dass es so gelaufen ist. Wir können uns dadurch nur zu einer Aufmerksamkeit und Vorsicht auffordern lassen, die gar nicht groß genug sein kann. Denn Religionen bergen die Gefahr der Verabsolutierung immer in sich.
Hat man etwas für sich als wahr erkannt, wird das verallgemeinert und anderen als objektive Wahrheit angeboten oder aufgedrängt. Doch das muss nicht so sein.

Für mich ist es ein Zeichen religiöser Reife und Souveränität, verschiedene Wahrheiten nebeneinanderstehen zu lassen. Gottes Größe übersteigt die Möglichkeiten der Erkenntnis, die wir Menschen haben.

Und weil zu einem unverkrampften Verhältnis der Religionen auch eine Portion Humor und Selbstironie gehören, möchte ich an dieser Stelle einen passenden jüdischen Witz erzählen:
Ein Rabbi kommt zu Gott und beklagt sich: „Mein Sohn hat sich taufen lassen.“ „Ja“, sagt Gott verständnisvoll, „meiner auch“. - „Aber was soll ich denn jetzt machen?“ fragt der Rabbi. „Mach‘s wie ich“, sagt Gott, „mache einfach ein neues Testament“.

Die christliche Tradition ging neben der jüdischen einen anderen Weg. Nicht den besseren, nicht den wahren, nicht den einzigen – sie ging einen anderen Weg.
Wenn überhaupt, dann kann ich nur für mich sagen: das ist der richtige Weg und ich freue mich über alle, die mich begleiten.
Aber der Respekt vor der Würde jedes anderen Menschen hält mich davon ab zu behaupten: das ist auch unbedingt für dich der richtige Weg.
Wir sind so unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen und unterschiedlicher Geschichte, mit unterschiedlichen Gedanken, Gefühlen und Genen. Da muss es doch auch unterschiedliche Wege des Glaubens geben können

Wir sind Christen und können das, was wir sagen und tun nur als Christen sagen. So sind die meisten von uns geboren und aufgewachsen, als Christen im christlichen Denken.
Und wir müssen uns klar werden: andere Menschen sind anders geboren und aufgewachsen, für die ist ihre Kultur und ihr Glaube genauso selbstverständlich wie für uns unser Christentum.
Lasst uns miteinander leben, in Respekt und Achtung, in Anerkennung und Interesse am anderen. Lasst uns miteinander einen gleichberechtigten Dialog auf Augenhöhe führen, erfahrungsgemäß bringt das jeden in seiner Erkenntnis weiter, bringt einen größeren Respekt vor der anderen Religion und ein tieferes Verständnis des eigenen Glaubens.

Wir leben und suchen nach Möglichkeiten, unseren Weg zu gehen.

Wir Christen sind auf Jesu Namen getauft, haben viel von ihm gehört, wie er gelebt hat, wie er Menschlichkeit und Liebe unter die Menschen gebracht hat, wie er ein Vorbild an Menschlichkeit war, wie er den Menschen, denen er begegnete Liebe entgegenbrachte.
„Jesus sagt: sprich kein Urteil über andere Menschen! Hasse nicht, sondern sei barmherzig. Sieh deine eigene Schuld! Liebe deinen Feind! Überwinde das Böse mit Gutem! Räche dich nicht! Erwidere keine Gewalt mit Gewalt!“ (Jörg Zink, Die Urkraft des Heiligen, Seite 187)

Fast kommt es mir vor, als ob dieser Ort des heutigen Sonntags im Kirchenjahr symptomatisch für unser Leben wäre. Zwischen Himmelfahrt und Pfingsten. Wir haben von Jesus gehört, aber er ist nicht mehr da. Wir wollen auf seinen Wegen weitergehen, haben aber nicht seine Kraft und Klarheit. Wir sind auf dem Weg, haben aber nicht die tiefe Verbindung zu Gott wie Jesus.
Wir leben von der Hoffnung. Hoffnung auf eine gute Zukunft. Hoffnung auf Kommen des Geistes, auf das Erfüllt sein mit seiner belebenden Kraft.
So sind wir unterwegs und suchen nach der Möglichkeit, eigene Wege zu gehen. Eigene Wege im Sinne Jesu.
Wir sehen und erleben, wie widersprüchlich das Leben ist. Es kommt nicht so wie wir es uns wünschen und planen. Immer wieder wird vieles über den Haufen geworfen. Bei manchen mehr bei manchen weniger. Wir erleben: das Leben ist nicht so sicher, wie es scheint. Jetzt bei Corona, aber davor und danach auch bei anderen Brüchen im Lauf des Lebens.
Wir sind Menschen auf dem Weg. Leben mit Hoffnung und Sehnsucht (siehe späteres Lied)

Ich will auf meinem Weg immer mehr Vertrauen lernen.
Es soll wachsen, mitten in den Widersprüchen des Lebens.
Ich will Trost erfahren, gerade wenn ich untröstlich bin.
Ich will die Hoffnung nicht verlieren, auch nicht in aussichtslosen Situationen.
Ich will neu und offen sein für Gottes heilsame Worte und Weisungen. Für das, was in mich gelegt ist und in mein Herz geschrieben ist.
Ich will immer wieder neu offen sein für Gottes Gegenwart und Anwesenheit.
Ich will mich tragen lassen von der Hoffnung darauf, dass der Geist Gottes immer wieder kommt, da ist, wirkt, in den Menschen und tief in den Geschehnissen dieser Welt.

Amen