Gottesdienst am 9. August 2020

Thema: Sonne

Predigt von Pfr. Steffen Erstling

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Liebe Gemeinde,
was fällt Ihnen zum Stichwort "Sonne" ein an diesem wunderschönen Sommertag im August?
(Wärme, Licht, Baden gehen, Sonnenbaden, Sonnenbrand, Pflanzen brauchen Licht, Sommer, Sonnenbrille, Eis essen ...)
Alles super und ganz richtig.

Aber Sie werden gleich merken:
In der Bibel kommt die Sonne ganz anders vor.
Ich habe jedenfalls nirgends gefunden, dass da steht, dass Jesus in der Sonne liegt und sich sonnt.
Oder dass einer in Urlaub gefahren wäre, um "Sonne zu tanken".
Die Sonne spielt in der Bibel eine ganz andere Rolle.

Diese ganz andere Rolle der Sonne in der Bibel wird gleich ganz am Anfang deutlich:
In der Schöpfungsgeschichte, dem Text also, mit dem das Alte Testament beginnt, wird die Sonne beschrieben als ein "Geschöpf Gottes".
Sie wird von Gott geschaffen und an den Himmel gehängt, wie eine große Lampe.
Genauso wie der Mond.

Wir hören in der ersten Lesung aus dem 1. Buch Mose, was dort über den vierten Schöpfungstag geschrieben steht:

Lesung: 1. Mose 1,14-19
Und Gott sprach: Es werden Lichter an der Feste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht und geben Zeichen, Zeiten, Tage und Jahre und seien Lichter an der Feste des Himmels, dass sie scheinen auf die Erde. Und es geschah so.
Und Gott machte zwei große Lichter: ein großes Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu auch die Sterne.
Und Gott setzte sie an die Feste des Himmels, dass sie schienen auf die Erde und den Tag und die Nacht regierten und schieden Licht und Finsternis. Und Gott sah, dass es gut war.
Da ward aus Abend und Morgen der vierte Tag.


Ist Ihnen etwas aufgefallen in diesen Bibelversen?
Da ist nur von Lichtern, also von Lampen die Rede.
Die Sonne kommt da gar nicht vor!
Ein Licht für den Tag, sagt Gott und ein Licht für die Nacht.
Das Licht für den Tag ist die Sonne; das Licht für die Nacht ist der Mond.

Aber warum sagt der Schreiber dieses Bibeltextes nicht einfach Sonne oder Mond?
Das hat einen Grund:
Als dieser Text geschrieben worden ist, da hat es Völker gegeben, die Sonne und Mond als Götter verehrt haben.
Man hat Sonne und Mond wirklich richtig angebetet - vor allem die Babylonier haben das so gemacht.
Und dort, im Babylonischen Exil, ist der erste Schöpfungstext unserer Bibel entstanden.

Und genau diese Verehrung der Gestirne will der Verfasser verhindern.
Er will sich mit seinem Text abgrenzen gegen die Anbetung von Sonne und Mond oder von Sonnen- und Mondgottheiten.

Stattdessen will er deutlich machen:
Es gibt nur einen einzigen unsichtbaren Gott.
Und dieser Gott hat auch Sonne und Mond geschaffen.
Sonne und Mond sind ihm untergeordnet.
Und für Gott sind Sonne und Mond nur Lichter, also Lampen am Himmelszelt.
Jedenfalls nichts, was man anbeten soll.

Gott ist größer und anders als Sonne oder Mond.
Und gerade weil Sonne, Mond und Sterne Geschöpfe Gottes sind, gibt es auch viele Bibelstellen, in denen die Gestirne selbst aufgefordert werden, Gott zu loben.

So heißt es in Psalm 148:
Halleluja! Lobet im Himmel den Herren, lobet ihn in der Höhe.
Lobet ihn, alle seine Engel, lobet ihn, all sein Heer.
Lobet ihn, Sonne und Mond, lobet ihn, alle leuchtenden Sterne.


Das wollen wir jetzt auch tun, wenn wir das Lied singen:
Lied EG 456: Vom Aufgang der Sonne (1x zus. – dann als Kanon)

Liebe Gemeinde,
alle diese Texte in der Bibel haben nur einen Zweck:
Sie sollen dazu führen, dass die Menschen nicht den Schöpfer mit seiner Schöpfung verwechseln.

Fürs Alte Testament ist klar:
Verehrungswürdig, anbetungswürdig ist nur der eine, unsichtbare Gott.
Niemals das, was wir in der Welt vorfinden.
Nicht unser Geld, nicht unser An- und Aussehen, weder Mensch noch Tier noch Natur. Auch Sonne und Mond nicht.

Die Sonne hat in der Bibel aber noch eine andere Bedeutung.
Die Beobachtung, dass sie jeden Morgen auf- und jeden Abend wieder untergeht, macht die Sonne in der Bibel auch zu einem Symbol für die Ewigkeit.
In der zweiten Lesung hören wir, was der Prediger Salomo schreibt:

Lesung: Prediger 1,2-5
Es ist alles ganz eitel, sprach der Prediger, es ist alles ganz eitel.
Was hat der Mensch für Gewinn von all seiner Mühe, die er hat unter der Sonne? Ein Geschlecht vergeht, das andere kommt; die Erde aber bleibt immer bestehen. Die Sonne geht auf und geht unter und läuft an ihren Ort, dass sie dort wieder aufgehe.


Angesichts dieses ewigen Rhythmus' von Sonnenauf- und -untergang wirkt der Mensch klein.
Seine Zeit auf der Erde erscheint deshalb eher bescheiden.
Was sind schon 70, 80 oder 90 Jahre im Vergleich zu den Jahrmilliarden, die es die Erde schon gibt.

Und alles, was der Mensch tut, wirkt vor dem ewigen Kreislauf, den die Sonne vollzieht, kurz und mühsam.
So stellt der Prediger ganz lapidar fest:
Denn wer weiß, was dem Menschen nützlich ist im Leben, in seinen eitlen Tagen, die er verbringt wie ein Schatten?
Oder wer will dem Menschen sagen, was nach ihm kommen wird unter der Sonne?"

Unsere Tage, unser Leben ist begrenzt.
Nutzen wir deshalb die Zeit zwischen Sonnenauf- und Untergang sinnvoll. Danken wir Gott jeden neuen Morgen dafür, dass ein neuer Tag uns geschenkt ist.

Singen wir deshalb jetzt nochmal den Kanon:
Lied EG 456: Vom Aufgang der Sonne

"Die Sonne bringt es an den Tag", hat meine Mutter oft gesagt, wenn durch das helle Sonnenlicht in der Wohnung der Staub besonders deutlich zu erkennen war.
Oder die Fingerabdrücke auf den Fensterscheiben.
„Die Sonne bringt es an den Tag“ bedeutet also:
Vor der strahlenden Sonne bleibt nichts verborgen.

Etwas Ähnliches finden wir auch in der Bibel:
Wenn die Sonne richtig scheint, dann bleibt nichts verborgen, was einen Menschen ausmacht.
Im Licht der Sonne ist alles zu sehen!
Sie deckt alles auf, was ein Mensch tut.

Für die Bibel ist das Sonnenlicht also eine Art Richter über die Herzen der Menschen.

In der dritten Lesung hören wir, was der in Israel hoch angesehenen König David auf seinem Sterbebett sagt:

Lesung: 2. Samuel 23,3-5
Wer gerecht herrscht unter den Menschen,
     wer herrscht in der Furcht Gottes,
der ist wie das Licht des Morgens, wenn die Sonne aufgeht,
     am Morgen ohne Wolken.
Und wie das Gras nach dem Regen
     aus der Erde bricht,
so ist mein Haus fest bei Gott;
     denn er hat mir einen ewigen Bund gesetzt, in allem wohl geordnet und gesichert.
All mein Heil und all mein Begehren
     wird er gedeihen lassen.


Wer sich in der Sonne sehen lassen kann, sie also nicht zu fürchten braucht, der gilt als tadellos in seinem Handeln.

Und Menschen, die sich tadellos verhalten, werden in der Bibel entsprechend mit der Sonne verglichen:
Sie sind selbst wie leuchtende Gestalten, wie das Licht der aufgehenden Sonne.

Die Bibel nennt diese ehrlichen und aufrichtigen Menschen die "Gerechten".
Menschen also, die wie David fest verbunden sind mit Gott.
Menschen, die in ihrem Leben nach Gott fragen, die ihn ein Wörtchen mitreden lassen bei den Entscheidungen ihres Lebens.
Menschen, die Gottes Willen befolgen.

Nicht, dass wir jetzt alle mit einem Heiligenschein rumlaufen müssten.
Aber es würde uns Christen sicher nicht schaden, wenn wir etwas mehr ausstrahlen würden von dem Licht der Liebe Gottes, das uns erfüllt.

Und zum Schluss noch ein Blick ins Neue Testament:
Im Neuen Testament verbindet sich das Licht der aufgehenden Sonne mit der Auferstehung von Jesus am Ostermorgen.

So hören wir als letzte Lesung aus dem Markusevangelium:

Lesung: Markus 16,1-3
Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben.
Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging.
Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?


Doch was sehen sie, als sie ankommen?
Der Stein ist weggewälzt, das Grab ist leer.
Und Jesus selbst, der Auferstandene, begegnet ihnen im Licht der aufgehenden Sonne.
So wird das Licht der Morgensonne zum Symbol dafür, dass das Leben über den Tod siegt.
Und deshalb feiern wir jeden Sonntagmorgen in unseren Gottesdiensten diesen Sieg des Lebens über den Tod.

Wir feiern, dass das Licht Gottes zu uns gekommen ist, dass er unser Leben hell gemacht und die Schatten des Todes überwunden hat.

Es gibt noch eine Stelle im NT, in der die Sonne eine Rolle spielt.
Ganz am Ende, im Buch der Offenbarung heißt es:
Wenn die Sonne sich verfinstert und nicht mehr scheint, dann ist Weltuntergang.
Licht aus. Ende. Aus.

Aber bis dahin, liebe Gemeinde, ist hoffentlich noch etwas Zeit.
Zeit, die Sonne zu genießen, die uns auch scheint, wenn wir sie mal nicht sehen können.

So ist sie letztlich auch ein Symbol für Gott selbst, der immer und überall für uns da ist, auch, wenn wir ihn nicht sehen können.

Ich wünsche Ihnen jedenfalls heute viele herrliche Sonnentage in diesem Sommer!

Und wenn Sie dann ab und zu in die Sonne blinzeln, dann denken Sie doch auch einmal an Gott, Ihren Schöpfer, und danken ihm, dass er uns die Sonne und das Licht und die Wärme geschenkt hat.
Denn das war doch wirklich eine gute Idee.
Amen.