Gottesdienst an Christi Himmelfahrt

am 21. Mai 2020 in der Evang. Stadtkirche in Weingarten zu Joh 17, 20-26

Ablauf und Predigt des Gottesdienstes am 21. Mai 2020 als pdf herunterladen

Liturgie und Predigt: Pfr. Stephan Günzler


Ablauf
Musik zur Eröffnung
Begrüßung
119,1-5    Gen Himmel aufgefahren ist
745 (Ps 113)
Gebet -Stille
576 Meine Hoffnung und meine Freude
Lesung: Joh 17,1+20-26
Lied: Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht
686 Glaubensbekenntnis
NL 216,1 Wir feiern deine Himmelfahrt


Predigttext: Johannes 17,20-26

Predigt

Liebe Gemeinde,

am Montag durften unsere Kindergartenkinder endlich wieder in den Kindergarten.
Die Kitas sind zwar derzeit immer noch nur für die Notbetreuung geöffnet, aber seit dieser Woche durften auch die übrigen Kinder ihren Kindergarten für ein paar Stunden mal wieder von innen sehen - nach zehn furchtbar langen Wochen zuhause, wo sie nicht mit Gleichaltrigen spielen konnten und nicht einmal auf die öffentlichen Spielplätze durften.
Am Montagabend bekamen unsere Kindergartenleiterinnen gleich von mehreren Familien Nachrichten und Fotos von ihren Sprösslingen, wie sie überglücklich in ihren Bettchen lagen, erfüllt von dem Wiedersehen mit den anderen Kindern aus ihrer Gruppe und den heißbeliebten Erzieherinnen. So viele Eindrücke auf einmal. Ohne Punkt und Komma hatten sie vor dem Einschlafen noch alles loswerden müssen, was sie alles an diesem aufregenden ersten Tag im Kindergarten erlebt hatten.
Und dann waren sie wie ein Stein in ihre Kissen gefallen und sofort eingeschlafen.

Ich habe ihnen die Herrlichkeit gegeben, die du mir gegeben hast, sagt Jesus aus in unserem heutigen Predigttext.
Dieses Bild von den glücklich träumenden Kindern kam mir vor die Augen, als ich die Worte Jesu hörte.

Diese „Herrlichkeit“ leuchtet auch beim Evangelisten Johannes in einem Moment auf, wo man es am wenigsten vermutet hätte.
Die Jünger sind am Verzweifeln.
Die Feinde Jesu sind schon im Anrücken.
Das Netz hat sich zugezogen.
Es gibt kein Entrinnen mehr.
Jesus wird sterben.
Die Jünger sind wie gelähmt vor Angst.
Wie soll es weitergehen?
War alle Hoffnung umsonst?

Und da spricht Jesus von „Herrlichkeit“!

Wer im Johannesevangelium nach einer Himmelfahrtsgeschichte sucht, wird vergeblich blättern in diesen 21 Kapiteln.
Anders als die anderen drei Evangelisten berichtet Johannes von keiner Abschiedsszene, wo Jesus die Jünger segnet und danach in den Himmel aufgehoben wird.

Bei Johannes leuchtet der Himmel schon am Kreuz auf. Am Kreuz wird Jesus in den Himmel gehoben. Dort ist alles vollbracht.
In den Worten Jesu: Wenn ich erhöht werde von der Erde, so werde ich alle zu mir ziehen.

Vermutlich hätten wir Jesu letzte Worte an seine Jünger vor seinem Tod, eher der Karwoche zugeordnet. Aber heute sind sie unser Predigttext an Christi Himmelfahrt.
Unser Text beginnt mit den Worten:
Jesus hob seine Augen auf zum Himmel und sprach: Vater…..
Diese letzten Worte richten sich nur indirekt an die Jünger. Es ist ein Gebet.
Luther nannte dieses Gebet Jesu das „hohepriesterliche Gebet“.

Im Gebet bringt Jesus das Getrennte zusammen, den Vater im Himmel und die Welt in ihrer Verlorenheit.
Das ist sein letzter Liebesdienst für die Menschen.
Er nimmt sie „ins Gebet“.

Im Film hätte der im Sterben liegende Held seinen Getreuen vermutlich zugerufen:
Kämpft weiter! Bleibt meiner Sache treu!
Haltet zusammen!

Jesus aber betet.

Nur auf den ersten Blick ist dieses Gebet eine rein innerfamiliäre Angelegenheit zwischen Vater und Sohn nach dem Motto:
Bald bin ich wieder bei dir.
Bald habe ich meinen Auftrag erledigt.

Jesus sieht die Angst der Jünger,
und bringt sie vor Gott.
Er nimmt sie - er nimmt uns - mit hinein in sein unumstößliches Vertrauen zum himmlischen Vater.
Ihr seid nicht euch selbst überlassen.
Ihr müsst es nicht alleine schaffen.
Da ist noch einer da in eurem Leben.
Einer, der über euch wacht.
Einer, der diese ganze Welt in Händen hält.
Habt keine Angst!

Und da fällt das große Wort „Herrlichkeit“.
Es ist eins der wichtigsten Worte im Johannesevangelium.
Vater, ich will, dass, wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast, damit sie meine Herrlichkeit sehen, die du mir gegeben hast; betet Jesus.
Das griechische Wort „Doxa“ lässt sich kaum übersetzen. Es beschreibt, was man eigentlich nicht beschreiben kann: Die Gottheit Gottes, seine Majestät und Ehre,
das leuchtende Angesicht Gottes.

Gott lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig!
Wo die Doxa Gottes aufleuchtet,
werden Menschen gesegnet und gestärkt.
Sie dürfen sich und ihr Leben in neuem Licht sehen, auch alles Erbärmliche und Schuldbeladene.
Im geschlagenen und geschundenen Jesus werden die Jünger den Glanz Gottes erkennen.
In seiner Ohnmacht Gottes Macht.
In seinen Wunden das Heil der Welt.
Da am Kreuz leuchtet sie auf,
die Herrlichkeit Gottes.
Und sie wirft ihre hellen Strahlen auch auf die Gesichter der Mitmenschen.
Der Glanz Gottes leuchtet auf ihren Gesichtern, verwandelt sie im Licht seiner Liebe.

„Damit sie alle eins seien“ - ist Jesu große Hoffnung.

Wie wir gehört haben, bedeuten diese Worte viel mehr als „Haltet zusammen! „Streitet euch nicht!“
Das „Einssein“, was Jesus anspricht, ist seine innige Verbundenheit mit dem Vater.
Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein.

Einssein meint bei Jesus also nicht etwa Vereinheitlichung oder gar Gleichschaltung,
wie es in autoritären Regimen als Ziel ausgegeben wird.
Auch was den Glauben angeht, sind wir verschieden. Jeder und jede geht seinen eigenen Weg mit Gott. Wir sprechen verschiedene Dialekte. Jeder macht seine eigenen Erfahrungen.
Aber gerade deshalb - weil wir verschieden sind - sind wir aufeinander angewiesen.
Wir sind keine Einzelkämpfer,
wo jeder für sich schauen muss, wie er irgendwie durchkommt,
sondern wir dürfen uns getragen wissen
von einem Vertrauen, in das wir einfach eintreten dürfen.

Das ist es, was Jesus seinen Jüngern zum Abschied schenken möchte.
Er ist unsere Brücke zum Vater im Himmel.
Wir haben das Gebet.
Wir müssen nicht alles alleine schaffen.
Wir können´s vor Gott hinlegen.

Im Vaterunser ist mir in letzter Zeit die Bitte immer wichtiger geworden wo es heißt:
„wie im Himmel so auf Erden“.
Eigentlich ist es ja unmöglich, beides zusammen zu denken:
Die Fülle Gottes und das Fehlen Gottes.
Gottes Herrlichkeit und die Welt in ihrer Verlorenheit.
Aber im Beten kommt beides zusammen.
Dein Wille geschehe -
wie im Himmel, so auf Erden.



Auch uns macht derzeit vieles Sorge.
Die Corona-Krise stellt uns vor ungeahnte neue Herausforderungen.
Und oft sind wir auch uneins über das, was zu tun ist, ob Grenzen geöffnet werden sollen oder nicht,
ob Singen erlaubt werden sollte, oder nicht,
wann Kindergärten und Schulen öffnen sollten usw.
Es ist gut und sinnvoll, darüber zu diskutieren und auch zu streiten.

In diese aufgeregten Zeiten, in diese für manche zermürbende Ungewissheit hinein,
hören wir heute als frohe Botschaft:
„Lasst euch tragen vom Vertrauen!
Ihr dürft Atem schöpfen im Gebet.
Bringt vor Gott, was euch Sorgen macht.
Gerade auch die Not der Anderen.
Das Beten weitet euren Horizont.
Es verbindet euch über Grenzen hinweg.

Und es kann zur Kraftquelle werden.
Wer weiß, dass er nicht alles alleine schaffen muss, dass er angewiesen bleibt auf Gottes Barmherzigkeit und die Rücksicht und die Solidarität der anderen, der wird neue Kraft schöpfen.

Wenn Glaube bei uns einzieht, öffnet sich der Horizont. Wir fangen an zu leben, weil der Himmel bei uns wohnt.
Amen.