Gottesdienst am Sonntag Jubilate, 3. Mai 2020


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"Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben"
Gottesdienst am Sonntag Jubilate
3. Mai 2020 in der Evang. Stadtkirche in Weingarten mit Predigt zu Joh 15, 1-5


Irene Baier (Blockflöte)
Johannes Baiker (Orgel)
Constantin Knall (Lesung)
Pfarrer Stephan Günzler (Liturgie und Predigt)

 

Ablauf
Musik
Begrüßung
Lied: Wie lieblich ist der Maien aus lauter Gottesgüt (Gesangbuch Nr. 501)
Gebet
Lesung: Johannes 15,1-5
Lied: Lass mich dein sein und bleiben (Gesangbuch Nr. 157)
Predigt
Lied: Ubi Caritas (Gesangbuch Nr. 571)
Vater unser
Segen
Musik zum Ausklang


Die Kollekte
erbitten wir für unsere drei Hilfsprojekte im Jahr 2020: Ein Ausbildungs- und Ernährungsprogramm in Nigeria, die Unterstützung von Flüchtlingen in Ungarn und Bildungsprogramm für Kinder in Guatemala. Konto: IBAN DE41 60005 0101 0004 5042 89, Kennwort: „Jubilate"

Predigttext Ich bin der Weinstock...   Joh 15,1-5

Predigt

Liebe Gemeinde,
an der Südseite unseres Pfarrhauses in der Gartenstraße 9 steht ein Weinstock.
Der asphaltierte Weg lässt ihm nur ganz wenig Platz. Er hat gerade mal fünf Handbreit Erde, um darin zu wurzeln.
Unscheinbar sieht er aus in der kalten Jahreszeit,
knorrig und schief. Man könnte meinen, er sei abgestorben. Zerbrechlich wirken seine Ranken. Aber im Frühjahr treibt er aus. Wie wild.
Unglaublich, welche Energie in ihm steckt.
In wenigen Wochen wachsen die Reben mehrere Meter lang. Inzwischen steht unser Weinstock am Pfarrhaus in voller Blüte.
Und wenn nichts dazwischen kommt, dürfen wir wieder süße Trauben ernten im Herbst wie schon im letzten Jahr. Echte Weingärtner Trauben.

Weinstöcke können sehr alt werden.
Und es dauert mehrere Jahre, bis sie überhaupt tragen. Bis zu 20 Metern reichen die Wurzeln in die Tiefe. Aus dem steinigen Boden holt sich der Weinstock wertvolle Mineralien, die dem Wein später seinen edlen Geschmack verleihen.

Wir haben´s gehört: Jesus wählt den Weinstock als Bild für sich und seine Jünger.
Die Jünger sind mutlos. Sie haben Jesu Tod vor Augen. Sie wissen nicht, wie es weitergehen soll, wenn Jesus nicht mehr da ist.

Jesus sagt ihnen: Wir bleiben verbunden,
auch über meinen Tod hinaus.
Vertraut darauf, es wird Neues wachsen!
Unscheinbar mag es sein, dieses Neue,
aber gebt die Hoffnung nicht auf.
Bleibt in mir, und ich in euch!
Alles andere lasst Gottes Sorge sein.

Die Coronakrise hat in den letzten Wochen vieles durcheinander gewirbelt. Sie stellt auch uns als Kirche vor viele neue Fragen.
Viele Gemeindeglieder sind verunsichert. Was verbindet uns noch als Gemeinde?
Und es war schmerzlich, dass wir nicht einmal Ostern miteinander feiern durften.
Geht uns der Glaube verloren?
 
Das heutige Evangelium an Jubilate hat einige  überraschende Entdeckungen für uns bereit:

Glaube wird hier eben nicht an dem fest gemacht, was wir tun oder lassen.
Der Weinstock ist ja längst gepflanzt.
Christus ist der Weinstock, wir sind die Reben.
Der Glaube fängt nicht mit uns Menschen an.

Und damit hängt auch das Andere zusammen:
Es wäre ein fatales Missverständnis, wenn wir meinten, es hinge an uns, ob es morgen noch eine Kirche gäbe. Als ob sich das Leben der Gemeinde der Tatkraft ihrer Amtsträger verdanke, und unsere Ideen und Aktionen die Kirche am Leben erhielten.
Das wäre nicht nur eine Selbstüberschätzung,
sondern auch eine totale Überforderung.

Die Rebe braucht den Weinstock. Sonst wäre sie nicht da. Nur er gibt ihr Saft und Kraft um auszutreiben. Ohne ihn könnte sie nicht eine einzige Traube tragen und zur Reife bringen.

Das Geheimnis des Glaubens liegt in dieser Verbindung zum Weinstock.
Glaube ist gelebte Beziehung.

Wenn wir das weiterdenken, hat das wiederum überraschende Konsequenzen.
Unsere Beziehung zu Gott ist nichts Fertiges.
Nichts was man sich einmal zulegt, und dann hat es sich erledigt.
Glaube ist etwas, was wächst und sich verändert mit den Jahren unseres Lebens.

Da mag es Zeiten geben, wo wir in vollem Saft stehen, aber auch Zeiten, wo nur ein paar dürre und zerbrechliche Ranken zu sehen sind.

Ein erfahrener Winzer schneidet seine Weinstöcke jedes Jahr wieder kräftig zurück. Und auch im Frühjahr lässt er nicht alle Triebe einfach wachsen.
Es nimmt dem Weinstock seine Kraft, wenn zu viele Triebe auf einmal ausschlagen.

Auf unser Leben oder auch auf das Leben einer Gemeinde übertragen, würde das heißen:
Wir sollten uns immer fragen, was gerade dran ist. Nicht alles muss zu jeder Zeit da sein. Nicht jede Gemeinde muss bieten können, was andere Gemeinden an Ideen haben.
Beschränkung tut not. Sonst geht uns nämlich ganz schnell „der Saft aus“, um im Bild zu bleiben.

Als Hobbywinzer in unserem Weingarten in der Gartenstraße 9 tut mir dieses Zurückschneiden jedes Mal in der Seele weh.
Dass ein Verzicht auch seine gute Seiten hat,
ist manchmal ein mühsamer Lernprozess.

So ging´s uns ja jetzt auch mit den Veranstaltungen, die wir eine nach der anderen absagen mussten.
Unsere Chöre und Gruppen hatten sich ja alle etwas vorgenommen für dieses Jahr. Und auch unsere Konfirmanden, Tauffamilien und Hochzeitspaare hatten schwer an den Absagen zu knabbern.
Alle miteinander haben wir verzichtet,
weil wir die Sorge um die gefährdeten Menschen,
die durch Vorerkrankungen geschwächt sind, zu unserer gemeinsamen Sorge gemacht haben.

Das bedeutet, dass jetzt anderes dran ist, für uns als Gemeinde, aber auch im Glaubensleben jedes Einzelnen, als das was wir geplant hatten.

Einige sagen: Diese Zeit des Fastens kann uns auch gut tun. Vielleicht haben wir uns zu viel aufgeladen, wollten auf allen Hochzeiten tanzen,
hatten gar keine Zeit mehr, darüber nachzudenken, was wichtig und was weniger wichtig ist.

„Bleiben“ und neu aufbrechen, sind - wenn ich Jesus recht verstehe - ist eben keine Gegensätze.
Es soll keinesfalls alles bleiben, wie es ist. 
Ist jemand in Christus, kann Neues wachsen und Altes darf vergehen. Christus ist mit uns unterwegs durch die wechselnden Zeiten. Das ist es, was bleibt.

Wir könnten diese Krise jetzt dazu nutzen,  uns auf unsere Wurzeln zu besinnen. Und - wie wir gehört haben - die gehen bei einem Weinstock sehr weit hinunter. Wir ahnen vielleicht gar nicht, welche Kräfte da im Verborgenen noch warten.

Ich habe von jemandem gehört, der gerade jeden Tag einen Vers von Paul Gerhardt auswendig lernt. Andere haben sich ein biblisches Buch zum Lesen vorgenommen. Wieder andere gehen in die Natur und erforschen Pflanzen und Vögel.

Was wir jedoch alle erst wieder lernen müssen, ist Geduld.
Das Virus hat uns gegen unseren Willen ausgebremst. In vielen Geschäften muss man jetzt lange anstehen. Und auf Reisen ins Ausland muss man noch eine Weile warten.

Auch der Glaube braucht Geduld. Es hilft dem Grashalm nicht am Wachsen, wenn wir an ihm jeden Tag ein bisschen ziehen. Er braucht den Regen von oben und die Kraft aus der Wurzel.

Wir sind nicht die einzigen, die warten.
Gott setzt auf diesen Weinstock.
Er hat ihn ja nicht umsonst gepflanzt.
Er hat seine ganze Liebe in ihn hineingelegt.
Er soll Früchte tragen.
Jesus formuliert es deshalb nicht als Forderung:,
sondern als Gewissheit.
„Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.
Wer in mir bleibt, und ich in ihm, der bringt viel Frucht!"

Irgendwann werden die Reben Früchte tragen.
Gott setzt sein Vertrauen in uns.

Selbst wo wir selber schon nicht mehr an uns glauben.

Die pralle Traube ist in der Bibel ein Bild für das Leben, für das Fest, für das Leben im gelobten Land, für Liebe und Heil, Friede und Gerechtigkeit unter den Menschen.

Zum Leben sind wir berufen und dazu, einander teilhaben zu lassen an der Fülle des Lebens.

Wir dürfen uns darauf freuen, was alles noch wachsen wird.

Amen.