Lebensmut

Liebe Leserinnen und Leser,
Veranstaltungskalender, Urlaubsplanung und Familienfeiern - unsere Pläne stehen zurzeit alle unter Vorbehalt. Beweglichkeit im Kopf, Flexibilität und Geduld ist von uns gefordert. Die meisten Menschen, mit denen ich spreche, kommen erstaunlich gut mit den Änderungen und Unsicherheiten zurecht, auch wenn sie sich wieder eine gewisse Normalität zurückwünschen.

Eine wichtige Erfahrung: Vieles geht auch ganz anders

Bäume von unten

Teil von etwas sein hilft gegen Angst - von dem Bild werden wir daran erinnert, dass wir Teil der Natur sind. Bild: Casey Horner, unsplash.com

Vieles müssen wir zurzeit ganz anders machen als bisher. Und wir sehen: So geht es auch. Ich denke, das ist eine Erfahrung, die man gar nicht hoch genug einschätzen kann. Ist es nicht gut zu wissen: Es geht auch anders, ich habe es ausprobiert und kann mich darauf einstellen. Das stärkt mich schon jetzt für zukünftige Veränderungen oder auch Widrigkeiten.
Trotzdem, die Sorgen sind damit nicht weg. Wir reden zwar viel über Corona, aber selten über die Angst, die die dahintersteckt. Ich glaube, unsere Angst davor, dass die Krankheit uns selbst oder unsere Liebsten erreichen könnte, die Angst vor dem Sterben oder vor langanhaltenden Spätfolgen, diese Angst ist es, die vieles an unserem Handeln bestimmt. Was wäre eine gute Art, darauf zu reagieren?
Nach allem, was ich von dem Umgang mit Angst weiß ist es gut, die Gedanken daran nicht wegzuschieben. Es ist eher hilfreich, darüber zu reden, möglichst genau herauszufinden, wovor ich eigentlich Angst habe. Das macht sie schon einmal greifbarer und eingrenzbarer. Und es hilft auch, das mit denen zu besprechen, die man am liebsten hat.

Gemeinschaft und Offenheit machen Mut

Gemeinschaft, Vertrauen und Offenheit hilft, die Angst nicht zu groß werden zu lassen. An einer Stelle anpacken, mithelfen, etwas tun, sich einsetzen für andere, auch das hilft, um die eigene Angst zu überwinden. Ohnmachtsgefühle werden kleiner, wenn man etwas machen kann.
Für eine Predigt neulich habe ich versucht, Sätze gegen die Angst aufzuschreiben, Sätze, die Mut machen. Für mich selbst gelingt mir das einigermaßen. Ich bin jemand, der eher mit einem großen Vertrauen ins Leben unterwegs ist.

Hoffnung hilft gegen Angst

Sätze, die Mut machen „für alle“ zu formulieren (wie bei einer Predigt oder hier im Gemeindebrief), fällt mir dagegen sehr viel schwerer. Wir sind eben alle verschieden, jeder von uns hat ganz anderes, was ihm gegen Angst hilft und Mut macht. Deshalb, denke ich, brauchen Sie die Worte, die ich in dem Kästchen rechts geschrieben habe, nicht auf die Goldwaage zu legen. Machen Sie Ihre eigenen Korrekturen und Ergänzungen. Fügen Sie noch dazu, was speziell Ihnen guttut, was Ihnen bei Angst hilft und was Ihnen Mut macht.
  

Sätze, die Mut machen

Du bist ein Kind Gottes. Freue dich daran, dass du am Leben bist und von Gott geliebt wirst.
Für einige Menschen bist du ganz besonders wichtig.

Es ist gut, dass du auf der Welt bist. Du darfst das Leben genießen und dich darüber freuen.
Dein Glaube bewahrt dich nicht vor Leid und Krankheit, auch nicht vor dem Tod. Aber er kann den Umgang damit leichter machen.

Sieh auf das, was schon mal gut ausging. Sei stolz auf das, was du schon bewältigt hast.
Denke daran, was dir Hoffnung macht: Gott ist dir nahe. Er sieht dich mit freundlichen Augen an.
Die Geschichte mit Jesus Christus will dir sagen:
Am Ende steht nicht das Dunkel, sondern das Licht und das Leben.
Deshalb sei getrost.

Du brauchst keine Angst zu haben.
Denke daran: Gottes Sonne der Barmherzigkeit scheint über dir.

Ich wünsche Ihnen viel Lebensmut für jeden Tag
Pfr. Horst Gamerdinger

"Frühlinter"

Liebe Leserinnen und Leser,
geht es Ihnen auch so wie mir? Langsam habe ich den Winter satt, ich sehne den Frühling herbei. Neulich haben mich sogar die ersten Vorboten erfreut - eine Biene und ein Schmetterling. Mit allen Poren sehne ich auch das Ende des Lockdowns herbei. Aber noch haben wir „Frühlinter“ - Sie wissen schon, die fünfte Jahreszeit. Früher, vor gefühlten vielen, vielen Jahren, als man das noch feiern konnte, nannten das manche auch Fasnet. Ein bisschen geht es mir wie den Bäumen, an denen ich vor ein paar Tagen bei Sieberatsreute vorbeigeradelt bin.
Oben sind sie bereit für Sonne, Blühen und Frühling. Aber die Füße stecken im kalten Wintertauwasser. Wenn ich ein Baum wäre, mir würden die Füße frieren und wenn ich noch so viel Paar Socken anziehe. Aber immerhin, sie stehen, die Bäume und harren trotzig, erwartungsvoll und auf ihre Weise sehr schön anzuschauen, dem Frühling entgegen. Keiner weiß wie lange und in welcher Form uns der Lockdown noch begleiten wird. Es fällt uns Menschen einfach verdammt schwer, Ungewissheit über einen längeren Zeitraum auszuhalten. Vielleicht hilft Ihnen und mir in dieser ‚frühlinterlichen‘ Zeit die Verlässlichkeit der Bäume. Die wissen auf ihre Weise: „Der Sommer kommt, ist noch immer gekommen“. Daran will ich mich festhalten und dann, wenn es so weit ist und ich im Frühling oder Sommer wieder durch Sieberatsreute radel, den Bäumen mein Lieblingslied singen:  Die Bäume stehen voller Laub, das Erdreich decket seinen Staub mit einem grünen Kleide; Narzissus und die Tulipan, die ziehen sich viel schöner an als Salomonis Seide.   
Mit erwartungsfrohen Grüßen,

Ihr Jirij Knoll (Studierendenpfarrer Weingarten, Evangelische Kirche), Text und Bild

 

zuerst erschienen in Weingarten im Blick, 5. Feb 2021

Die weiße Pracht

Evangelische Stadtkirche Weingarten im Schnee

Evangelische Stadtkirche Weingarten im Schnee

Wenn Sie diese Zeilen lesen, ist es vermutlich schon wieder vorbei mit der weißen Pracht. Einen halben Meter Schnee, das gab´s schon lange nicht mehr in Weingarten.
Von seiner Fülle haben wir alle genommen, Gnade um Gnade. (Joh 1,16). Selten haben die Worte des Wochenspruchs, mit denen sonntags der Gottesdienst eröffnet wird, so gepasst wie an diesem Sonntagmorgen.
Wenn alles eingehüllt ist in eine weiche weiße Decke, hat die Welt ein anderes Gesicht. Alles Schmuddelige, Unaufgeräumte, Unschöne ist dann barmherzig zugedeckt. Die kahlen Äste der Bäume, die Dächer und Straßen, ja selbst die hässlichen Mülltonnen hinter dem Haus: Alles ist sanft in Watte gepackt. Friedlich miteinander verbunden.
Was mich bei Schnee besonders fasziniert, ist die Ruhe, die sich dann über die Welt legt. Gedämpft ist aller Lärm. Das Leben wird entschleunigt. So auch die letzten Tage. Die Menschen waren zu Fuß unterwegs. Ihre Autos waren eingeschneit oder blieben in der Garage, weil auf den Straßen kein Durchkommen war. Manchem blieb gar nichts anderes üblich, als von zuhause aus zu arbeiten oder eben Schnee zu räumen oder spazieren zu gehen. Schneeluft - rein gewaschen von schädlichen Aerosolen - tut den Lungen gut.
Als Kinder haben wir uns gerne rücklings mit ausgebreiteten Armen in den jungfräulichen Schnee fallen lassen. Es ist ein herrliches Gefühl, sanft aufgefangen zu werden und  sich als Engel zu fühlen.
Bei uns in der Nachbarschaft wohnen afrikanische Studenten. Die waren, als es so heftig schneite, ganz aus dem Häuschen. Einer hat mit nacktem Oberkörper Schnee geschippt und sich köstlich amüsiert über die weißen Schneeflocken auf seiner Haut. Auch einen riesigen Schneemann haben sie miteinander gebaut, die drei Afrikaner.
Weiß wie der Schnee ist auch die liturgische Farbe an diesen Sonntagen nach Epiphanias, die noch bis Ende Januar gehen. Weiß ist die Christusfarbe. Sie erinnert an das neugeborene Kind in der Krippe und den auferstandenen Christus, an die leuchtende Schar der Engel in der Weihnachtsgeschichte und an das Licht des Ostermorgens.
Vergänglich ist die weiße Pracht. Wir können sie nicht festhalten, genauso wenig wie alles Glück unserer Kindheit. Was uns aber bleibt, ist die Erinnerung. Und die wollen wir uns nicht nehmen lassen. Die harte Realität ist nicht die einzige Sicht auf diese Welt. Wir vertrauen auf die Barmherzigkeit Gottes, die alles in einem neuen Licht sieht. Auch unser armes Leben. Der Wochenspruch erinnert uns daran: Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade (Joh 1,16).


Text und Bild:
Pfarrer Stephan Günzler


zuerst erschienen in Weingarten im Blick, 22.1.2021

Weihnachten fällt nicht aus!

Bild: Gerard van Honthorst, Public domain, via Wikimedia Commons

 


„Wir werden Weihnachten nicht so feiern können, wie wir es gewohnt sind!“ „Es kann sein, dass Weihnachten in diesem Jahr wegen Corona ausfallen wird.“ Solche oder ähnliche Sätze waren in den letzten Wochen immer mal wieder zu hören. Klar, Weihnachten wird diesmal sicher anders werden. Die Gottesdienste finden draußen statt, sie werden kürzer sein und auch das Singen der schönen Lieder ist nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich. Besuche bei den Großeltern müssen abgesagt werden und das gemütliche Zusammenstehen auf dem Weihnachtsmarkt bei Punsch und Glühwein ist sowieso schon längst abgesagt. Ist das dann überhaupt noch Weihnachten? Können wir so das Fest der Liebe, der Begegnung und Geschenke überhaupt feiern? Banges Fragen.
Da kommt mir das Lied von Claus Clausen in den Sinn, das in unserem Gottesdienstliederbuch „Wo wir dich loben wachsen neue Lieder“ abgedruckt ist:

1. An dunklen, kalten Tagen beschleicht uns banges Fragen: Was wird wohl morgen sein?
Gott kommt und schafft die Wende, macht Angst und Furcht ein Ende und lässt uns Menschen nicht allein.
2. Voll Sorgen sind die Zeiten, voll Krieg, Gewalt und Streiten, wer weiß, was kommen mag?
Gott kommt, verscheucht die Schatten, die uns geängstigt hatten. Sein Licht geht auf zum neuen Tag.
3. Getrieben und in Eile fliehn wir der Langeweile in atemloser Hast;
Gott kommt mit seinem Segen uns auf dem Weg entgegen, schenkt ruhelosen Seelen Rast.
4. Was wir zutiefst ersehnen, dass Menschen sich versöhnen, scheint unerreichbar fern.
Gott kommt, will Frieden schenken, die Welt zum Guten lenken, und dann bricht an das Reich des Herrn.


Nein, Weihnachten fällt nicht aus. Denn nicht wir „machen“ Weihnachten, sondern Gott. Das ist der einzige Grund, der zählt: Gott kommt! Gott macht sich immer wieder neu auf den Weg zu uns.
 „Gott kommt und schafft die Wende, macht Angst und Furcht ein Ende und lässt uns Menschen nicht allein.“

Deshalb feiern wir Weihnachten, weil wir diesen Glauben und diese Hoffnung nicht aufgegeben haben und nicht aufgeben wollen. Den Glauben daran, dass wir – trotz allem, was uns in diesem besonderen Jahr so schwergefallen ist und weiterhin schwerfallen wird – nicht alleine sind.
Deshalb zünden wir die Kerzen am Adventskranz und am Weihnachtsbaum an, weil sie uns den Weg aufzeigen, den Gott in unsere dunkle Welt auf sich genommen hat.

5. Wenn nun die Kerzen glänzen auf unsren Tannenkränzen so leuchtend, hell und schön.
Gott kommt auf diese Erde, dass wahrer Friede werde, der nie mehr wird zu Ende gehen.
6. Ein Kind wird uns gegeben, als Hoffnung für das Leben: In ihm bricht Zukunft an.
Gott kommt, für uns geboren, er gibt uns nicht verloren. Was Gott tut, das ist wohlgetan.


Von diesem Kind in der Krippe strahlt uns das Licht Gottes entgegen. Wunderbar gemalt hat das Gerrit von Honthorst in seiner „Anbetung des Kindes“ von 1620. Das Licht, das vom Jesuskind ausstrahlt, lässt auch die Gesichter der beiden Engel und von Maria und Josef strahlen. Dieses Licht zeigt uns, dass Gott kommt und uns nicht verloren gibt. Niemals.

Nein, Weihnachten fällt nicht aus. Wir feiern Weihnachten, egal ob drin oder draußen, ob mit oder ohne Singen, egal ob alleine oder mit anderen. Wir feiern Weihnachten und lassen Gott zu uns kommen. Lassen ihn bei uns ankommen. Möge sein helles Licht auch Sie fröhlich machen und von Herzen strahlen lassen wie Maria und Josef und die beiden Engel auf dem Bild.

Ihr Pfarrer Steffen Erstling

zuerst erschienen in Weingarten im Blick, 11. Dez 2020

Weihnachten und Menschenwürde

Liebe Leserinnen und Leser,

Weihnachten steht vor der Tür. Nur noch sechs Wochen sind es laut Kalender bis zum Fest. Es fühlt sich unwirklich an. Wie ein Traum aus vergangener Zeit.

Und doch soll auch in diesen unsicheren ein Gemeindebrief erscheinen, der Advent und Weihnachten zum Thema hat. Angesichts der vielen Unwägbarkeiten war es dieses Mal nicht leicht, etwas zu Papier zu bringen. Alles, was Sie in diesen 36 Seiten lesen, steht unter dem Vorbehalt, dass alles auch ganz anders kommen kann (aber ist das eigentlich nicht immer so?).

Corona beherrscht die Schlagzeilen, die einschneidenden Maßnahmen fordern uns einiges ab. Milliarden von Euro müssen locker gemacht werden, um die wirtschaftlichen und sozialen Folgen der Pandemie aufzufangen.
Aber wie muss es erst denen gehen, die kein gut funktionierendes Gesundheitssystem haben? Den Menschen in den armen Ländern Afrikas oder Lateinamerikas? Vielerorts leben die Menschen dort auf engstem Raum zusammen, und es mangelt ihnen an sauberem Wasser und Seife. Wie will man da die Corona-Regeln umsetzen?

Die von manchen Regierungen erlassenen monatelangen Ausgangssperren, haben das wirtschaftliche Leben vielerorts zum Erliegen gebracht und weite Teile der Bevölkerung in existentielle Nöte gestürzt. Viele der Menschen im Süden haben kein festes Einkommen, leben von dem, was sie auf dem Markt verkaufen oder arbeiten als Tagelöhner. Besonders betroffen sind die Kinder. Weil die Schulen auf unabsehbare Zeit geschlossen sind, dienen sie als billige Arbeitskräfte oder müssen betteln gehen. Sie werden ihrer Zukunft beraubt.

Das Schlimme ist, keiner interessiert sich mehr für die Ärmsten der Armen. Die Menschen und Regierungen im reichen Norden haben so viel mit sich selber zu tun, dass sie ausblenden, wie hart es andere getroffen hat. Hinter der Maske ist sich jeder selbst der Nächste.


Bedrückt von solchen Gedanken bin ich auf eine Postkarte von Brot-für-die-Welt gestoßen.
Die drei Worte, die da untereinanderstehen, haben mich angesprochen: Das Wort „Würde“ steht in der Mitte. Es verbindet die beiden anderen Worte miteinander: „Gott“ und „Mensch“.

Die Würde des Menschen ist seine Gottebenbildlichkeit. Keiner darf sie ihm nehmen oder in Frage stellen,
denn sie kommt von Gott. Sie ist unverlierbar. Gut, dass dieser Satz im Grundgesetz unseres Staates steht.
Würde ist bei Gott kein Konjunktiv geblieben. Sein Ja zu uns war kein leeres Versprechen. Gott macht es wahr. Er entkleidet sich aller Göttlichkeit und kommt in einem kleinen Kind zur Welt. Gott wird Mensch.  
Das ist die Würde dieses Königs: Bei den Ärmsten der Armen kommt er zu Welt, ohne roten Teppich, ohne Purpur und Pomp. In einem Stall, wo sonst nur Tiere schlafen, wurde er geboren.
Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, heißt es im Johannesevangelium (Joh 1,14).

Seine Herrlichkeit besteht darin, sich bespucken und verlachen zu lassen und mit denen an einem Tisch zu sitzen, die keiner haben wollte.
Ihm geht´s um die, denen man die Würde genommen hat: Sie werden Kinder Gottes heißen (Matthäus 5,3), wird Jesus später in seiner Bergpredigt sagen.

An Weihnachten wird die Würde neu geboren, die uns zu Menschen macht. Im Kind in der Krippe dürfen wir uns selbst entdecken: Menschen sind wir, Ebenbilder Gottes, angeleuchtet vom Licht der göttlichen Liebe.
Gott. Würde. Mensch. Wenn die drei Punkte nicht wären, würde aus der Verheißung eine Drohung.
Gott würde nur Mensch, wenn wir seiner würdig wären. Dann könnten wir Weihnachten allerdings gleich absagen. Es bliebe nur ein schöner Traum.

Die 62. Aktion von Brot-für-die-Welt ist überschrieben mit „Kindern Zukunft schenken“. Da werden wir geerdet. Wir alle waren selber einmal Kinder. Das Schicksal von Kindern, denen die Kindheit genommen wird, verletzt unsere eigene Würde. Corona darf uns nicht unsere Menschlichkeit rauben. Dieses Jahr brauchen wir die Botschaft von der Menschwerdung Gottes ganz besonders.

Frohe Weihnachten wünscht Ihnen
und all Ihren Lieben,

Ihr Pfarrer Stephan Günzler

zuerst erschienen im Gemeindebrief 2020-4, ca. Mitte November 2020

Von der Leichtigkeit des Schmetterlings

Aus der Raupe wird ein Schmetterling – Kleine Kirche am 11. Oktober


Ja, sie ist lästig, diese Maske. Seit Montag dieser Woche muss die Mund-Nase-Bedeckung nun auch während des Schulunterrichts getragen werden oder beim Betreten unserer Kirchen und Gemeindehäuser.


Die Brille beschlägt. Die Stimme wird heiser, weil man sich nur noch schreiend verständlich machen kann. Und besonders schmerzlich ist: Wir sehen einander nicht mehr ins Gesicht. Oft drückt ja erst die Mimik aus, wie es gemeint ist, was wir sagen. Einander ein Lächeln zu schenken, ist gar nicht mehr so einfach.
Sie ist lästig, die Maske, aber notwendig. Viel Besseres haben wir zurzeit eben nicht, um diesen heimtückischen winzigen Wüterich, der die Menschen rund um den Globus in Angst versetzt, aufzuhalten.
Masken gehören eigentlich ins Theater. Hinter der Larve, wie man früher zur Maske sagte, verbarg sich das wahre Gesicht. Heute denkt man bei Larven eher an das Zwischenstadium, das Insekten durchlaufen, bevor beispielsweise eine Schnake oder ein Käfer daraus wird.

Die Larve des Schmetterlings ist die Raupe. Bei Hobbygärtnern ist sie nicht so beliebt. Dafür umso mehr bei den Kindern.

Mit Begeisterung haben sie neulich beim „Kleine-Kirche-Gottesdienst“ die Geschichte von der kleinen Raupe Nimmersatt gespielt, die sich durch das Gemüsebeet frisst, bis sie nichts anderes mehr kann, als sich zu verpuppen, einzuschlafen und abzuwarten. Aber eines Tages wacht sie auf und wird – die Kinder haben echt gestaunt, was aus all den Äpfeln, Birnen, Zwetschgen, Quitten, Karotten und Kartoffeln unter der Decke ge-worden war - ein wunderschöner bunter Schmetterling!

„Es ist noch nicht offenbar, was wir sein werden“- heißt es in der Bibel auch von uns Menschen (1. Joh 3,2).  Wir sehen nur die Maske. Aber hinter der Maske verbirgt sich ein Mensch. „Jedes Bild“, das wir uns von einem anderen Menschen machen (oder auch von uns selbst), „lügt“. Es war kein Geringerer als der Ma-ler Pablo Picasso, der das eingestand. Die Wahrheit, wer wir eigentlich sind, steht noch aus.
Es ist nicht leicht, das auszuhalten.

Die Ungewissheit der Corona-Krise hat etwas Zermürbendes. Wir wüssten gerne, wann dieser Spuk endlich ein Ende hat. Doch Nervosität und Ungeduld sind schlechte Ratgeber.

Wie wäre es stattdessen mit Gelassenheit? Die Raupe weiß noch nichts von der Leichtigkeit des späteren Schmetterlings, von den leuchtenden Farben seiner Flügel und dem köstlichen Nektar, den er einmal trinken wird. Sie geht einfach ihren Weg und überlässt es ihrem Schöpfer, was aus ihr einmal wird.

Auch der Johannesbrief rät uns zu kindlichem Vertrauen.  Es ist zwar noch nicht offenbar, was wir sein werden. Aber: Durch die Liebe Gottes wissen wir: Wir dürfen Kinder Gottes heißen – und wir sind es auch. (1.Joh 3,1)

Text und Bild:
Pfarrer Stephan Günzler

zuerst erschienen in Weingarten im Blick am 23.10.2020




Bild: Steffen Erstling

Erntedank

Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land,
doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand:
der tut mit leisem Wehen sich mild und heimlich auf
und träuft, wenn heim wir gehen, Wuchs und Gedeihen drauf.

Er sendet Tau und Regen und Sonn- und Mondenschein,
er wickelt seinen Segen gar zart und künstlich ein
und bringt ihn dann behände in unser Feld und Brot:
es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott.

Was nah ist und was ferne, von Gott kommt alles her,
der Strohhalm und die Sterne, der Sperling und das Meer.
Von ihm sind Büsch und Blätter und Korn und Obst von ihm,
das schöne Frühlingswetter und Schnee und Ungestüm.

Er lässt die Sonn aufgehen, er stellt des Mondes Lauf;
er lässt die Winde wehen und tut den Himmel auf.
Er schenkt uns so viel Freude, er macht uns frisch und rot;
er gibt den Kühen Weide und unsern Kindern Brot.

Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn,
drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt
und hofft auf ihn.


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieses Lied stammt von Matthias Claudius (1740-1815). Wir finden es in unserem Evangelischen Gesangbuch (Nr. 508). Sein bekanntestes Lied ist wohl „Der Mond ist aufgegangen“. Matthias Claudius hat gern ganz Unterschiedliches in Reime gefasst. Hier in diesen Versen einen Gang durch die Natur in den vier Jahreszeiten. Er hat die Dinge gründlich angesehen und bedacht. Sieben Sprachen hat er verstanden. Er lebte in einer bewegten und sehr unruhigen Zeit mit vielen Veränderungen. Und obwohl manches Schwere, das er erlebt hat, Gottes Liebe und Fürsorge in Frage stellen konnte, ist Gott ihm zum tragenden Fundament im Leben geworden.

Das ist wohl der Grund, weshalb sich in seinen Gedichten so eine heitere Gelassenheit findet. So ehrte er bei seiner Silberhochzeit seine Frau mit den Worten: "Ich danke dir mein Wohl, mein Glück in diesem Leben, ich war wohl klug, dass ich dich fand. Doch ich fand nicht, Gott hat dich mir gegeben: so segnet keine andre Hand."

Und über die Stadtmenschen hat er einmal geschrieben: "Ihr Städter habt viel schöne Ding, viel Schönes überall, Kredit und Geld und golden Ring, und Bank und Börsensaal. Doch Erle, Eiche, Weid' und Ficht' im Reifen nah und fern - so gut wird's euch nun einmal nicht, ihr lieben reichen Herrn!" Machen wir es doch wie Matthias Claudius, dass wir ab und zu unser Alltagsgeschäft zurückstellen, indem wir Feld und Wald erleben mit anderen oder auch allein. Eine duftende Blume am Weg kann ins Staunen versetzen und die Weite des Horizonts lässt freier atmen. Gerade jetzt im Herbst empfinden wir Wind und Wetter immer wieder ganz unterschiedlich. Da kann einiges in uns zum Klingen und Schwingen kommen und im Gedanken bewegt werden. Das kann ein Satz, ein Lied, ein Bibelvers oder sonst etwas sein. Wenn wir so ganz bewusst die Schöpfung erleben und Gottes Nähe erfahren, dann ist das ein wunderbares Geschenk. Dabei wird manches zum Dank und Lob oder ermutigt uns, etwas Neues zu wagen. Im vollsten Sinne also „Erntedank“.

Denn alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn, drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt und hofft auf ihn.

Eine gesegnete Herbstzeit wünscht Ihnen,
Ihr Pfarrer Steffen Erstling

zuerst erschienen in Weingarten im Blick, 2. Oktober 2020

Die Quelle alles Guten liegt im Spiel

"Kommt, lasst uns unsern Kindern leben". Fröbelkindergarten in Bad Blankenburg

Corona hat auch sein Gutes. Anders wäre ich wohl kaum in Bad Blankenburg vorbeigekommen. Urlaub in Italien war noch nicht möglich, warum also nicht mal in den Thüringer Wald fahren? Welche Überraschung: Auf einmal stand ich vor dem ersten Kindergarten der Welt, 1840 gegründet.

Eine Welt ohne Kindergarten? Man kann sich das gar nicht mehr vorstellen. Schon drei Monate Schließung wegen der Pandemie waren für viele Familien eine echte Belastungsprobe und für einen Dreijährigen eine halbe Ewigkeit. Es war höchste Zeit, dass Anfang Juli die Kitas wieder geöffnet wurden. Überglücklich waren die Kinder, als sie endlich wieder mit ihren Freunden spielen durften.

Kindergarten: Eine geniale Idee. Kinder sind wie Blumen; man muss sich zu ihnen niederbeugen, wenn man sie erkennen will, so Friedrich Fröbel, der den weltweit ersten Kindergarten gründete und eine ganz neue Sicht des Kindes eröffnete.

Für Fröbel ist das Kind kein zu befüllendes Gefäß, dem wir möglichst viel „beibringen“ müssten. Kleine Kinder erschließen sich ihre Welt selbsttätig. Sie lernen, indem sie spielen. Die Quelle alles Guten liegt im Spiel! dieser Satz von Fröbel hängt als Transparent am Fröbelkindergarten in Blankenburg. Das passt gut zu dem, was Fröbels schwäbischer Namensvetter Friedrich Schiller gesagt hat: „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wenn er spielt.“

Fröbel gibt den Kindern ganz einfache Materialien an die Hand: Kugeln, Zylinder und Würfel, mit denen die Kinder dann ihre Phantasie walten lassen können. Fröbel spricht nicht von Spiel-Zeug, sondern von Spiel-Gaben. Das Kind entdeckt die Welt als Schöpfung Gottes, indem es selbst schöpferisch tätig wird.

Spiel ist nicht Spielerei. Es hat hohen Ernst und tiefe Bedeutung. Für mich waren diese Gedanken des Pfarrerssohns aus dem Thüringer Wald eine echte Entdeckung. Vielleicht sollten wir wieder mehr miteinander spielen. Die Kinder machen´s uns vor. Ihnen gelingt, was uns Erwachsenen oft so schwer fällt: Sich mal ganz vergessen zu können, ganz und mit Hingabe bei einer Sache zu sein.

Und mit anderen zusammen macht´s am meisten Spaß. Probieren Sie´s doch mal aus in den kommenden Wochen, egal ob sie fortfahren im Urlaub oder ob sie im Lande bleiben. Entdecken Sie das Kind in sich! Übrigens spricht sich das immer mehr herum, wie gut es uns tut, das Spielen. Ein bekannter Spielehersteller (in der südlichen Vorstadt Weingartens) macht seit Mitte März dieses Jahres Rekordumsätze. Corona hat tatsächlich auch sein Gutes.

Text und Bild: Pfarrer Stephan Günzler

zuerst erschienen in Weingarten im Blick am 17. Juli 2020

Wasser - Kinder - Taufe

Liebe Leserinnen und Leser,

das Bild vom plätschernden Wasser auf der Titelseite dieses Gemeindebriefs begleitet Sie nun die nächsten Monate. In den heißen Sommerwochen kann es Sie evtl. motivieren, mal eine kleine Wanderung an einem Bach entlang zu machen und die Füße ins Wasser baumeln zu lassen. Aber das Wasser kann auch noch andere Assoziationen hervorrufen.  
Wenn ich so ein Bild z.B. meinen Konfirmanden zeige, dann kommt ganz schnell das Stichwort „Taufe“. Und tatsächlich möchte ich einmal die besonders ansprechen, die ein Kind bekommen haben oder ein Kind erwarten. Das ist ja eine aufregende Sache. Wir haben auch vier Kinder, und ich habe nicht vergessen, wie das jedes Mal war. Wie so ein winziges Baby den Alltag total verändert. Aber davon will ich hier nicht reden. Ich möchte lieber Gedanken aufgreifen, die alle Eltern nach der Geburt eines Kindes umtreiben: Wie wird es unserm Kind wohl mal ergehen? Wird es gesund sein und bleiben? Was wird wohl aus ihm werden?  

Ein Tauflied aus unserem Gesangbuch (Nr. 582) stellt auch lauter solche Fragen:  
Kind, du bist uns anvertraut.
Wozu werden wir dich bringen?
Wenn du deine Wege gehst, wessen Lieder wirst du singen?
Welche Worte wirst du sagen und an welches Ziel dich wagen?
Kampf und Krieg zerreißt die Welt, einer drückt den andern nieder.
Dabei zählen Macht und Geld, Klugheit und gesunde Glieder.
Mut und Freiheit, das sind Gaben, die wir bitter nötig haben. (EG 582,1+2)  

In so ein paar Worten ist eigentlich alles drin: unsere Angst um unsere Kinder, wieviel wir für sie tun möchten, und wie wenig wir im Grunde genommen tun können.  
Da ist so viel in dieser Welt, auf das wir keinen oder nur ganz wenig Einfluss nehmen können. Dabei wollen wir alle doch nur das Beste für unsere Kinder.  

Und da möchte ich Sie fragen, ob Sie eigentlich eingeplant haben, Ihr Kind taufen zu lassen? Oder liegt Ihnen der Gedanke näher, es nicht zu tun? Tatsächlich gibt es auch in unserer Gemeinde immer mehr Eltern, die – aus welchen Gründen auch immer – darauf verzichten, ihr Kind taufen zu lassen. Dabei ist die Taufe so ein wunderbares Geschenk, das Gott jedem von uns macht. Enthalten wir unseren Kindern da nicht etwas vor? Wenn ein Kind im Krankenhaus geboren wird, dann bekommt es ein Bändchen mit seinem Namen angebracht (es soll ja nicht verwechselt werden!) Den Namen haben die Eltern ausgesucht um damit zum Ausdruck zu bringen: Du gehörst zu uns, wir haben dich lieb. So ist auch Gott. Er sagt: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, zu gehörst zu mir – ich hab‘ dich lieb!“ (nach Jesaja 43,1) Wenn wir Eltern noch besorgt denken: Was geben wir unseren Kindern mit? hat sich Gott längst entschieden, was er ihnen mitgibt: Sein JA gegen die vielen Neins, die jedes Kind, jeder Mensch in seinem Leben erfahren muss. Seine Zusage, für einen da zu sein, auch wenn alle anderen einen verlassen. Den Zuspruch seiner Liebe und Treue, egal, was auch passiert.  
Schlimm genug, wenn junge Leute sagen, dass sie angesichts der kinderfeindlichen Umwelt lieber keine Kinder in die Welt setzen wollen. Dabei sollte es doch so sein, wie es die dritte Liedstrophe zum Ausdruck bringt:  
Freunde wollen wir dir sein, sollst des Friedens Brücken bauen. Denke nicht, du stehst allein; kannst der Macht der Liebe trauen. Taufen dich in Jesu Namen. Er ist unsre Hoffnung. Amen (EG 582,3)  

Geboren werden, das ist die Chance eines Beginnens, eines großen Anfangs, dem viele kleine Anfänge folgen. Und hier möchte ich auch diejenigen unter Ihnen ansprechen, die keine jungen Eltern sind, denn im Grunde ist doch von uns allen die Rede bei dem Stichwort „Geburt“.  
Geburt ist nicht ein augenblickliches Ereignis, sondern ein dauernder Vorgang. Das Ziel des Lebens ist es, ganz geboren zu werden, und es ist eine Tragödie, dass die meisten von uns sterben, bevor sie ganz geboren sind. (Erich Fromm)  

Ein geheimnisvoller aber interessanter Gedanke, der uns einlädt, unser Leben aus Gottes Hand zu leben. Denn das verbindet uns doch mit diesen Kleinen, die demnächst getauft werden: dass unser Name im Buch des Lebens geschrieben steht, in die Handflächen Gottes gezeichnet, unverlierbar, unzerstörbar, für immer behütet und bedingungslos geliebt. Herzlichen Glückwunsch allen, die sich über ihr Kind als ein wunderbares Geschenk Gottes erfreuen. Und daran ablesen können: Gott gibt unsere Welt nicht auf! Kinder sind fast so etwas wie ein Unterpfand seiner schöpferischen Kraft und Liebe, die uns allen gilt. Übrigens:  
Taufen sind auch in Coronazeiten möglich. In Planung ist außerdem ein großes Tauffest im Sommer 2021, auf das wir jetzt schon hinweisen möchten. Zeit und Ort wird noch bekannt gegeben.  

Pfarrer Steffen Erstling

zuerst erschienen im Gemeindebrief 3/2020, Juli 2020

Mit allen Sinnen leben

Jetzt hat der Sommer begonnen – für mich nach wie vor die schönste Jahreszeit. Ich genieße die langen Tage, berausche mich an der Natur mit ihrer Farbenpracht und Vielfalt. Viel bewusster als sonst erlebe ich auch meine Sinne. Fühle die Wärme der Sonne auf der Haut, höre den Gesang der Amsel am frühen Morgen, sehe den Schmetterling und die Hummel an der Blüte ihren Nektar holen, schmecke die frisch gepflückte Himbeere oder Tomate auf der Zunge und rieche den betörenden Duft der Rose im Garten. Und dann kann ich gar nicht anders, als Gott ein dickes „Danke“ zu sagen.
Danke für das Wunder der Schöpfung! Danke für meine fünf Sinne, die das alles wahrnehmen dürfen! Aber sind es nicht viel mehr als fünf? Ich empfinde das Gewicht, mit dem ich auf meinen Füßen stehe. Ich fühle, ob ich im Gleichgewicht bin gegenüber den Kräften der Erde. Ich weiß, was Raum ist und was Größe oder Kleinheit. Ich erlebe die Zeit, je nachdem, wie sie gefüllt ist, ganz unterschiedlich. Ich empfinde Schmerz, wenn ich mich verletze. Ich fühle Müdigkeit und lege mich schlafen. Ich atme und fühle den Raum in mir selbst. Ich sehe, was auf mich zukommt und freue oder ängstige mich. Ich empfinde die Gefahr. Ich berühre die Hand oder die Haut eines anderen Menschen und weiß: Ich kann vertrauen.

Gott hat uns in den Sinnen geschaffen, in einem unendlich feinen Netzwerk von Fühlen und Empfinden, von Denken, von Wissen und Erinnern, Aufnehmen und Antworten, von Sein und Werden, von Störung und Heilung, von Freude und Weinen, Liebe und Neugier und allen Instrumenten, die wir brauchen. Nutzen wir sie in ihrer ganzen Vielfalt. Denn sonst werden wir sie nach und nach verlernen und verlieren. Am besten jetzt im Sommer mit seiner ganzen Herrlichkeit und Vielfalt.

Das folgende Gebet von Johannes Kuhn kann uns dabei helfen, uns selbst, die Welt und die Menschen sinnvoll wahrzunehmen:

Ich danke dir, mein Gott, für die Schönheit der Welt.
Du hast mir Augen gegeben zu sehen.
Einen Mund, der alles Staunen in Sprache verwandelt.
Eine Seele, die Bilder aufzunehmen, und den Geist, über ihren Anruf nachzudenken.
Du hast mir Ohren geschenkt, den Stimmen zu lauschen.
Füße hast du geschaffen, damit ich auf ihnen die Welt durchstreife.
Hände, mit denen ich betasten kann, was gewachsen und geworden ist.

Hilf mir, dass ich mich in dieser Freude an deiner Schöpfung nicht verliere, sondern dass Sinne und Organe geschärft werden für den Mitmenschen:
Gib mir Augen, die wahrnehmen, wo einer am Ende ist.
Worte, die einladen zum Leben,
ein Herz, das Wärme ausstrahlt,
eine Seele, die sich öffnet für Ängstliche.
Geist, aus dem menschliche Entscheidungen wachsen.
Ohren, die Stimmen unterscheiden lernen.
Füße, auf Wegen zu begleiten.
Hände zum Zugreifen und Festhalten.
Einen Willen, von dem Frieden ausgeht.
Denn in deiner Hand ist, was unten auf der Erde ist, und die Höhen der Berge sind auch dein.
Amen.


Pfarrer Steffen Erstling (Text und Bild)

zuerst erschienen in Weingarten im Blick am 26. Juni 2020

Daseinsfreude

Wo geht die Reise hin? Bild von Patrick Perkins, unsplash.com

Wo geht die Reise hin?
von Pfr. Horst Gamerdinger


Lockerungen - ein Wort, das zurzeit in vieler Munde ist. Viele freuen sich darauf. Sich endlich wieder ins normale Leben stürzen! Doch was ist normal? Wir haben uns ja alle verändert. Wir haben alle zusammen etwas Extremes erlebt, ja, sind noch mittendrin. Es wird nicht wieder so wie es vorher war. Aber wie wird es dann?

Manche haben mir erzählt, dass sie eher die letzten Wochen als Lockerung empfunden haben. Heraus aus dem engen Terminkorsett, Freizeit- statt Businessklamotten, mehr Ruhe.

Uns ist deutlich geworden, wie wir auf unserem Planeten schon aufeinander angewiesen sind. Das Bewusstsein, in der einen Welt zu leben, ist gewachsen. Wir können nur zusammen eine Krise meistern. Einzelkämpfertum, Abschottung, Unehrlichkeit und gegenseitiges Beschuldigen sind keine Verhaltensweisen, die Gemeinschaft stärken und Zukunft eröffnen.
Füreinander Einstehen und Solidarität dagegen schon. Kooperationsfähigkeit war im Lauf der menschlichen Geschichte schon immer ein Vorteil.

Viele sind sich vor allem selbst begegnet in den letzten Wochen. Hatten Zeit zum Nachdenken. Wo bin ich im Leben angekommen? Will ich in die Richtung weitergehen, die ich eingeschlagen habe? Habe ich genug Zeit für die Dinge, die mir wirklich wichtig sind?

Was hat sich bei Ihnen verändert? Was möchten Sie aus den vergangenen Coronawochen in ihren zukünftigen Alltag übernehmen? Als ich darüber in den letzten Tagen mit anderen gesprochen habe, kamen ganz verschiedene Antworten: „Ich will aufmerksamer dafür sein, wer in meiner Umgebung Unterstützung braucht.“ – „Mir hat es gefallen, alte abgeflaute Kontakte wieder aufzufrischen, das will ich beibehalten.“ – „Ich will mehr Pufferzeit in den Alltag einbauen, statt Termin an Termin zu reihen.“ – „Statt zu einem Meeting zu reisen, werde ich mehr Videokonferenzen machen, jetzt, wo ich weiß wie es geht.“

Und in der Politik und Wirtschaft wird viel über Orientierung an Nachhaltigkeit geredet - und hoffentlich auch getan, für die Erhaltung der Umwelt und Bewahrung der Schöpfung.

Das kommende Pfingstfest kann uns bei all diesen Überlegungen gut unterstützen. Pfingsten ist das christliche Fest, bei dem die Daseinsfreude und Lebenskraft gefeiert wird. Gottes Geist, eine schöpferische und lebensspendende Kraft, verbindet uns zu einer starken Gemeinschaft mit Freude auf das Leben in Zukunft.

Text: Horst Gamerdinger
Bild: Patrick Perkins, unsplash.com

zuerst erschienen in Weingarten im Blick am 22.5.2020

Hoffnung über den Horizont hinaus

Hinter den Horizont sehen, dankbar sein, für das, was ist und Hoffnung haben auf das, was kommt - christliche Lebenshaltungen, die sich auf Ostern und Pfingsten beziehen und unseren Glauben auszeichnen. Bild: Colin Watts, unsplash.com

Andacht im Gemeindebrief
von Pfr. Horst Gamerdinger


Liebe Leserinnen und Leser,
Vieles von dem, was wir im letzten Gemeindebrief angekündigt haben, konnte gar nicht stattfinden. Manches, wie die Konfirmationen oder die Bonhoeffer-Veranstaltungen können wir nachholen, manches, wie das Gemeindefest im Mai und die sonntäglichen persönlichen Begegnungen in den Gottesdiensten musste leider ausfallen.

Veränderungen

Ja, es hat sich vieles verändert in den letzten Monaten.
Hätte uns jemand am 1. Januar fürs neue Jahr vorhergesagt, dass wir bald alle mit Mundschutz einkaufen gehen, dass die Schüler wochen- und monatelang zu Hause digital unterrichtet werden und dass 10 Millionen Menschen für Kurzarbeit angemeldet sind, hätte uns jemand prophezeit, dass außer Lebensmittelgeschäften alle Läden geschlossen haben und überall Schilder hängen, die uns auf den gebotenen Abstand von 1,5 m hinweisen, wir hätten ihn für verrückt erklärt.
Hätte das, was wir in den letzten Monaten erlebt haben, jemand als Drehbuch für einen Fernsehfilm der ARD eingereicht, es wäre als zu unrealistisch zurückgewiesen worden.

Und doch haben wir das und noch viel mehr in den letzten Monaten erlebt und empfinden es fast schon als neue Normalität. Wie schnell das geht! Wie schnell Verordnungen da sind und in Kraft treten, die das ganze öffentliche und private Leben umkrempeln!

Ich halte mich wie die allermeisten daran, weil ich sie für sinnvoll und nachvollziehbar erachte. Ich rechne auch damit, dass die Freiheitsbeschränkungen in Deutschland wieder aufgehoben werden, sobald das möglich ist. Da traue ich den Demokratien in unserem und in den allermeisten europäischen Ländern viel zu.
Und doch bin ich überrascht, wie schnell sich mit Verordnungen der Charakter eines ganzen Landes verändern lässt. Ich sehe, wie wichtig es doch ist, dass wir als mündige Bürger wach und aufmerksam die Politik verfolgen und uns in die Gesellschaft einbringen!

Chancen

Eine Krisenzeit wie die gegenwärtige bringt vieles zutage. Versäumnisse und Konfliktlinien sind deutlicher zu sehen als sonst, im öffentlichen Umfeld genauso wie im privaten.
Eine Chance dieser Krise ist es, diese Punkte anzugehen und positiv zu verändern, zum Beispiel im Hinblick mehr Gerechtigkeit bei der Bezahlung und für mehr Nachhaltigkeit, was das Klima angeht. Darüber wird schon viel geschrieben. Die Punkte im persönlichen Umfeld muss jede und jeder mutig selbst angehen.

Eine weitere Chance ist es, sich darauf zu besinnen, was wirklich wichtig ist im Leben. Konsum, um sich die Langeweile zu vertreiben ist es nicht, das haben wir gesehen. Zusammenhalt zwischen den Menschen in meiner nächsten Umgebung dagegen sehr, in Familie, im (hoffentlich bestehenden) Netzwerk aus Freunden und unterstützenden Personen.
Auch weltweit ist die Solidarität unter uns Menschen wichtig. Gerade bei einer Pandemie, einer weltweiten Krankheit, wird das deutlich, denn eine weltweite Krankheit können wir nur mit weltweiter Zusammenarbeit und Solidarität überwinden.

Hoffnung

Die Krise bietet auch die Chance, sich Gedanken darüber zu machen, was mich eigentlich trägt – über den einzelnen Tag hinaus.

Da hat uns unser christlicher Glaube vieles zu sagen. In vielen biblischen Geschichten, in Bildern und Symbolen erzählt er von Gottes großer und hilfreicher Kraft und seinen vielfältigen Möglichkeiten, die uns auf immer wieder überraschende Weise durchs Leben tragen können.
Wir können in Gott und das Leben vertrauen. Wir können darauf vertrauen, dass wir egal in welcher Situation getragen sind und die erforderliche Kraft und den nötigen Lebensmut bekommen.


Pfarrer Horst Gamerdinger



Der Hunger wächst

Seit 7 Wochen finden keine Gottesdienste mehr statt in der Stadtkirche und in allen andere Kirchen unserer Stadt

Eigentlich hätten wir jetzt im Mai unsere Konfirmationen gefeiert. Die Absage der Festgottesdienste ist nicht nur für unsere Konfirmanden schmerzlich oder für die Kommunionkinder, die Tauffamilien und Brautpaare, die ebenfalls ihre Feiern verschieben mussten.
Die Krise betrifft uns alle als Gemeinde. Von Sonntag zu Sonntag wird deutlicher, was fehlt, wenn wir nicht mehr miteinander Gottesdienst feiern.

Videos auf YouTube sind nur ein schlechter Ersatz. Gottesdienste sind eben keine Eine-Mann-Show, sondern Feste der Begegnung. „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen!“ sagt Jesus.  Im Gottesdienst feiern wir die Begegnung mit unserem auferstandenen Herrn und untereinander.
Wo das fehlt, sind wir nicht mehr Gemeinde. ,„Keiner kann allein Segen sich bewahren!“

Sieben Wochen dauert jetzt schon diese Zeit. Wir Christen mussten auf Ostern verzichten, und unsere muslimischen Glaubensgeschwister trifft es mitten im Ramadan.
Auch wenn uns dieser Verzicht aufgenötigt wurde: Jammern hilft nicht weiter. Ich meine, wir sollten diese Zeit als Fastenzeit sehen. Die Wochen des Verzichts könnten uns helfen, wieder zu entdecken, was uns trägt im Leben und was wir aneinan-der haben.
„Siehe, es kommt die Zeit, spricht Gott, dass ich einen Hunger ins Land schicken werde“ - so heißt es beim Propheten Amos (Amos 8,11) - „nicht einen Hunger nach Brot oder einen Durst nach Wasser, sondern nach dem Wort des Herrn, es zu hören.“
Wo ist Gott? Die durchgeplante Woche und das umtriebige Wochenende ließen bisher kaum Zeit zum Nachdenken. Und jetzt grätscht ein heimtückisches Virus dazwischen. Vieles von dem, was selbstverständlich war, steht plötzlich in Frage.
Auch der Glaube. Auch da sind wir verletzbar. Vorgefertigte Antworten helfen nicht weiter. Ehrlichkeit braucht´s und das Gebet.

Wir werden uns erst langsam wieder herantasten an öffentliche Gottesdienste. Das Fasten ist noch nicht zu Ende.
Aber der Hunger ist da. Die gemeinsame Hoffnung auf ein Ende der Krise. Die Fürbitte. Und manche schöne Zeichen des Aneinanderdenkens.
Im Suchen und Fragen sind wir miteinander verbunden. Auch das ist Gottesdienst.

Text und Bild: Pfarrer Stephan Günzler

zuerst erschienen in Weingarten im Blick, 30. April 2020

Trotz allem Dankbarkeit?!

Es ist enorm, wie durch die Coronakrise unser Leben eingeschränkt wird. Alles ist anders, als wir es gewohnt sind. Unser Alltag hat sich radikal gewandelt. Dazu kommt, dass Angst und Sorgen sich breit machen. Wird die Krankheit auch mich erwischen oder bleibe ich verschont? Wird unser Gesundheitssystem der Pandemie gewachsen sein? Wie lange wird das alles noch dauern?

Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist: Viele von uns haben auf einmal mehr Zeit. Ich sehe Menschen, die halb so schnell an meinem Fenster vorübergehen, als noch vor ein paar Tagen. Kein Stress in der Arbeit, keine Staus auf den Straßen. Die Krise zwingt uns ein anderes Tempo auf. Das hat auch Vorteile. Menschen nehmen einander ganz anders wahr. Man hat auf einmal Zeit zum Reden. In der Partnerschaft, in der Familie. Das langsamere Tempo kann einem auch die Augen öffnen für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens. Worauf kommt es im Leben an? Was ist unbedingt nötig, worauf kann ich auch gut verzichten?

Vieles von dem, was bisher ganz selbstverständlich war, sehe ich auf einmal ganz neu und bewusster. Dass ich gesund bin, zum Beispiel. Oder dass unser Gesundheitssystem so gut ist. Dass wir in einem Land leben, in dem der Staat helfend einspringen kann, wenn eine Krise ausbricht.


Deshalb sollten wir, trotz allem, was gerade unser aller Leben einschränkt, die Dankbarkeit nicht vergessen. Den meisten von uns geht es doch noch gut. Wir haben warme Häuser und Wohnungen und ein Bett, in dem wir uns schlafen legen können. Wir haben genug zu Essen und zu Trinken. Es gibt Ärzte und Medikamente. Es gibt Wissenschaftler und Forscher, die dabei sind, einen Impfstoff gegen das Coronavirus zu entwickeln. Wir sind dem allen nicht hilflos ausgeliefert. Dafür und für so vieles mehr dürfen wir wirklich dankbar sein.


Mir hilft es gerade sehr, dass der Frühling vor der Tür steht. Für jeden Sonnenstrahl, der mein Gesicht erwärmt, bin ich dankbar. Jede Blüte, die mir entgegenleuchtet zeigt mir, dass das Leben weitergeht. Der folgende Liedtext von Andrea Adams-Frey (im Liederbuch „Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder“ Nr. 113) lädt ein, die Dankbarkeit nicht zu vergessen – trotz allem:

Danke für die Sonne, danke für den Regen, danke für den Himmel über mir.
Danke für den Samen, danke für die Früchte, danke für die Erde unter mir.
Danke, danke für die Schönheit, danke für die Farben, danke für das Licht.
Danke für das Lachen, danke für die Tränen, danke dafür, dass ich fühlen kann.
Danke für die Menschen, danke für die Tiere, danke, dass ich nicht alleine bin.
Danke, danke für die Freundschaft, danke für Vertrauen, danke für die Zeit.
Danke für die Hoffnung, danke für den Frieden, danke für Bewahrung und für Schutz.
Danke für den Glauben, danke für die Gnade, danke für Vergebung und das Kreuz.
Danke, danke für das Leben, danke für die Liebe und diesen Augenblick.
Danke, danke für die Freiheit, danke für die Freude und für die Musik.

Pfarrer Steffen Erstling, Evangelische Kirchengemeinde (Text und Bild)

zuerst erschienen in Weingarten im Blick, 27.3.2020

Was hilft

Teil eines Größeren sein; Bild: Shane Rounce, unsplash.com

von Pfarrer Horst Gamerdinger

Zum Thema Coronavirus kann man sich ja in den Medien auf vielfältige Weise informieren. Zwei Äußerungen sind mir in den letzten Tagen besonders positiv aufgefallen.

Zum einen das, was der Direktor der Weltgesundheitsorganisation WHO, Tedros Adhanom Ghebreyesus, sagte: “Die Eindämmung beginnt bei jedem Einzelnen. Die größten Feinde im Kampf gegen die Ausbreitung sind Angst, Gerüchte und Stigma. Nötig sind Fakten, Vernunft und Solidarität“. In wenigen Begriffen brachte er damit wertvolle Verhaltensregeln auf den Punkt.

Zum anderen fiel mir positiv auf, was ich in einem Interview mit dem Berliner Psychotherapeuten Jan Kalbitzer las (Zeit online, 1. 3.). In dem Interview geht es darum, wie man mit den Ängsten umgehen kann, die durch große, ungreifbare Bedrohungen wie Klimawandel oder Coronavirus entstehen können. Generell sei es wichtig, sich eigene Handlungsspielräume gegen Ängste zu erhalten oder neu zu schaffen.

Nun lässt sich ein globaler Prozess wie der Klimawandel oder der aktuelle Virenausbruch nicht durch einen Einzelnen aufhalten. Aber gegen die Angst sei es hilfreich, Teil einer größeren Gruppe Handelnder zu sein. Kalbitzer empfiehlt: „Versuchen Sie, sich eine Gruppe zu suchen, zu der sie sich zugehörig fühlen. Verbündete sind wichtig. Das können Fridays for future sein, eine Partei, ein Verein, die Kirche. Teil von etwas zu sein, ist wichtig. Und ein gemeinsames Ziel zu haben, ist gut für die psychische Widerstandskraft."

Als Einzelperson kann ich in meinem eigenen Umfeld anfangen: Mich zum Beispiel Anderen gegenüber aufmerksam verhalten und mich so in meiner Umwelt dafür einsetzen, die Menschlichkeit zu erhalten. Kalbitzer: „Es geht darum, trotz Sorgen und realer Bedrohungen menschlich zu bleiben. Damit retten Sie im Alltag einen kleinen Teil dessen, was die Menschheit als Ganzes ausmacht.“

Zusammenfassend bedeutet das für mich: Gegen Sorgen und Angst und sogar gegen Virenausbrüche hilft: Teil eines Ganzen zu sein, Mitmenschlichkeit und Solidarität.

 

zuerst erschienen in Weingarten im Blick, 6. März 2020

Angst vor Weihnachten

Liebe Leserin, lieber Leser!

Haben Sie Angst vor Weihnachten? Welches Glück für Sie, wenn Sie über diese Frage nur staunen können und antworten: „Im Gegenteil! Auf Weihnachten freue ich mich!“

Aber mehr Menschen als wir vermuten, fürchten sich vor Weihnachten, und vielleicht gehören Sie dazu. Da sind die Familien, bei denen Weihnachten ein Platz am Tisch leer bleibt, weil der auf dem Friedhof liegt, der sonst dort saß. – Wenn so viele sich freuen, dann wiegt die Trauer doppelt schwer. Da sind die, die schon wissen: „Weihnachten, da bin ich allein!“ Entweder sind die weggestorben, die früher mitgefeiert haben oder sie sind weit weg, oder sie haben einen vergessen. – Wenn so viele im Kreis ihrer Familie feiern, dann wird die Einsamkeit zur drückenden Last.

Da sind die, die sich vor den Feiertagen fürchten, weil sie sich nichts mehr zu sagen haben, weil die Liebe zerbrochen ist, und Worte nur noch böse Worte sind. Oder die, denen an Weihnachten ganz besonders deutlich wird, wie viel in ihnen zerbrochen ist, wie viele Hoffnungen gescheitert sind, wie oft sie versagt haben. Wo so viel Glanz ist wie an Weihnachten, da sind die Schatten besonders lang und dunkel. Und auch ich fürchte mich manchmal vor Weihnachten, vor den Erwartungen der vielen Menschen, die in der Kirche sitzen, die nicht nur „heile Welt“ wollen, sondern ein heiles Leben, wenigstens für drei Tage. Und dabei weiß ich doch, wie wenig ich davon erfüllen kann. Wie viele nach Weihnachten enttäuschter und verzweifelter sind als vorher. Es mag für Sie seltsam klingen: Aber gerade für die, die sich vor Weihnachten fürchten, ist Weihnachten da. Nicht das große, strahlende Fest, aber das, was wir da eigentlich feiern: die Geburt Jesu.

Mit jedem Satz erzählt die Weihnachtsgeschichte, wie Gott ins Dunkel kommt, wie er abseits der Paläste und Feste geboren wird. Sie erzählt davon, wie die, die nichts gelten, die Engel hören und das Kind zu sehen kriegen. „Ein Kind! Was hilft mir ein Kind?“ Wer so fragt, der sucht nicht Rührung oder Erinnerung an sel’ge Kinderzeit, sondern Hilfe und Halt. Und die kann ein Säugling nicht geben, das stimmt. Aber aus diesem Kind ist ja der geworden, der die Not der Verzweifelten und Einsamen teilt, der in die letzte Verlassenheit des Todes geht und am Kreuz schreit: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Nur deshalb ist der, dessen Geburt wir feiern, der Retter. Klar, wem es gut geht, der braucht keinen Retter. Allen anderen aber wird gesagt: „Christ der Retter ist da! In der Mitte der Nacht liegt der Anfang des neuen Tages.“

Dass Sie das er- und begreifen können, dass er Ihnen in Ihrer Trauer, Ihrer Einsamkeit, Schuld oder Verzweiflung begegnet, das wünscht Ihnen

Ihr Pfarrer Steffen Erstling

 

Bild: Thommy Weiss, pixelio.de
zuerst erschienen in Weingarten im Blick, 20.12.2019

Ein neuer Anfang

Erster Schnee, Foto: S. Günzler

Schon als Kind habe ich mich auf den 1. Advent ganz besonders gefreut.
Der Moment, wenn die erste Kerze am Adventskranz angezündet und zum ersten Mal „Macht hoch die Tür“ angestimmt wird, lässt noch heute mein Herz höher schlagen. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben, sagt Hermann Hesse.

Die erste Seite aufzuschlagen in einem neu gekauften Buch, die ersten Schritte zu tun im noch unberührten Schnee am Morgen, einen frischen Laib Brot zum ersten Mal anzuschneiden, die neu eingezogenen Nachbarn herzlich willkommen zu heißen: Für mich sind das besondere Momente im Leben, voller Verheißung.

Auch mit dem ersten Advent beginnt etwas Neues: Wir treten ein in ein neues Kirchenjahr. Der Blick geht nach vorne.
Wir leben der Geburt des Kindes in Bethlehem entgegen. In diesem Kind, das ist die frohe Botschaft - möchte Gott zur Welt kommen. Ein Neuanfang in Person.
Mit der Geburt Jesu feiern wir, - und es ist gut, dass wir es alle Jahre wieder feiern -
dass Gott bereit ist, einen neuen Anfang mit uns zu machen.
Der Apostel Paulus drückt es so aus: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur. Das Alte ist vergangen, siehe es ist alles neu geworden.“ (2. Kor. 5,17)

Neu anfangen zu dürfen, ist Gottes großes Geschenk an uns. Wir müssen nicht einfach immer weiterwursteln wie bisher. Es darf auch etwas unfertig bleiben in unserem Leben. Wir müssen nicht noch alles irgendwie hinbiegen und ein hübsches Mäntelchen drüber legen.
Beim Einzug Jesu in Jerusalem legen die Leute ihre Kleider auf die Straße und rufen „Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!
Das Ablegen des Alten macht bereit für das, was kommt. „Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginne!“ sagt Hermann Hesse in seinem Gedicht.

Für uns Evangelische ist der kommende Sonntag auch der Tag der Kirchenwahl.
Eine sechsjährige Amtsperiode geht zu Ende.  Am 1. Dezember wählen wir einen neuen Kirchengemeinderat und unsere künftige Landessynode. Wir dürfen gespannt sein, welchen Weg unsere Kirche in der Welt von morgen gehen wird. Sind Sie evangelisch? Dann vergessen Sie nicht, wählen zu gehen.

Ich wünsche Ihnen allen eine gesegnete
Adventszeit!


Text und Bild:
Pfarrer Stephan Günzler



zuerst erschienen in Weingarten im Blick, 29. November 2019


Was ist noch wichtig angesichts des Todes?

An Allerheiligen war ich auf dem Friedhof, nachmittags, als es gerade dunkel wird. Fast auf jedem Grab brennt eine Kerze, auf vielen auch mehrere. Ein Lichtermeer des Trostes. Wie schön das aussieht! Und wie viel Hoffnung da demonstriert wird! Ohne Worte ist klar: der Tod ist nicht das Ende.

In der evangelischen Kirche haben wir den Brauch mit den brennenden Kerzen auf dem Friedhof leider nicht. Aber wir gedenken ebenfalls unsere Toten, nämlich am letzten Sonntag im Kirchenjahr am Sonntag vor dem ersten Advent, dem Ewigkeitssonntag. Die Namen aller Verstorbenen unserer Gemeinde im Kirchenjahr werden im Gottesdienst genannt. Und wir zünden für jeden von ihnen eine Kerze an.

An die Toten zu denken, heißt immer auch an den eigenen Tod zu denken. Eigentlich wissen wir es ja alle, doch wenn jemand stirbt, dem man nahe steht, wird es wieder besonders deutlich: Auch unser Leben ist endlich. Damit müssen wir zurechtkommen. Darauf müssen wir uns einstellen. Ein Psalmbeter hat dies in der Bibel so ausgedrückt: "Gott, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir weise werden." (Ps 90,12)

Weise werden im Angesicht des Todes.
Keine leichte Aufgabe.
Eher ein Geschenk, wenn es gelingt.
Was gehört dazu? Vielleicht folgendes:
Bereit sein für das Ende.
Dankbar sein für jeden Tag.
Jeden Augenblick besonders schätzen können.
Sich auf das besinnen, wofür es sich wirklich zu leben lohnt.
Sein Leben nach den Werten auszurichten, die auch noch im Angesicht des Todes Bestand haben. Was noch wichtig ist, wenn man vor dem Tod steht, das sollte auch das ganze Leben über wichtig sein.

"Gott, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir weise werden." Weise werden, das heißt für mich auch: Darauf zu vertrauen, dass mein ganzes Dasein in Gottes Hand liegt. Gott trägt mich, auch dann, wenn es einmal gar nicht danach aussieht. Ich vertraue darauf, dass das auch im Tod gilt und dass er Möglichkeiten für uns findet, die wir uns jetzt, in diesem Leben, gar nicht vorstellen können.

Pfarrer Horst Gamerdinger, Evangelische Kirchengemeinde.
Bild: unsplash.com

 

 

Umleitung

Liebe Leserin, lieber Leser,
zwei kleine „Weggeschichten“ möchte ich Ihnen erzählen – beide habe ich erst kürzlich erlebt. Die erste im Schlossgarten vom Kloster Salem, wohin uns unser diesjähriger Gemeindedienstausflug geführt hat. Vor unserer Führung im Kloster hatten wir noch Zeit für einen kleinen Bummel in eben diesem schön angelegten Garten. Und dort befand sich ein mit Hecken gepflanztes Labyrinth. Einige unserer Ausflügler sind den Weg durch die Hecken gegangen – und das war ein interessantes Erlebnis. Denn immer, wenn man geglaubt hat, man sei ganz nahe am Ziel, führte der Weg doch wieder weg vom Ziel. Zwar hatte man immer das Ziel in der Mitte vor Augen, doch der Weg dahin war am Ende ziemlich weit.
Die andere Weggeschichte passierte mir bei einer Autofahrt. Plötzlich war nämlich die Straße, die mich zum Ziel führen sollte, wegen Bauarbeiten gesperrt. Ganz deutlich in gelb-schwarz wies mich das Umleitungsschild einen ganz anderen Weg. Der kurze, schnelle Weg zum Ziel war mir versperrt und so dauerte es länger – der Umweg war natürlich weiter – bis ich zum Ziel gelangte.

Diese beiden Weggeschichten machen mich nachdenklich. Denn eigentlich mag ich im Leben keine Umwege und Umleitungen. Ich möchte immer möglichst gleich und direkt zum Ziel gelangen. Deshalb ärgere ich mich meistens, wenn’s dann doch nicht so klappt, wie geplant. Übertragen auf mein Leben geht’s mir ganz ähnlich. Wenn ich mir ein Lebensziel gesteckt habe, dann muss gefälligst auch alles so laufen und klappen, damit ich dieses Ziel auch schnell erreiche. Aber wie oft macht einem das Leben einen Strich durch die Rechnung bzw. die Planung. Auf meinem Lebensweg kann sich Unvorhergesehenes ereignen. Plötzlich geht es nicht mehr weiter wie geplant. Stopp! Halt! Umleitung! Eine nicht geschaffte Prüfung, eine unvorhergesehene Krankheit, ein Unfall, ein anderer Mensch – es gibt viele Gründe, weshalb es auf dem direkten Weg nicht mehr weitergeht. Und dann gilt es, den anderen Weg einzuschlagen, der oft länger und umständlicher ist.

Doch manchmal entpuppt sich der Umweg auch als Chance. Als ich die Umleitungsstrecke fahren musste, entdeckte ich Orte und Gebiete, die ich noch gar nicht kannte. Wie gut, dass mir die Umleitungsschilder immer den richtigen Weg gezeigt haben. Eigentlich war die Umleitung gar nicht so schlecht. Klar, es hat länger gedauert. Aber dafür habe ich Neues kennengelernt. Habe mich auf andere Menschen verlassen können, die sich auf der Strecke auskennen. Und auch auf meinen Lebens-Umwegen entdecke ich oft Neuland, lerne Dinge und Menschen kennen, denen ich sonst nie begegnet wäre. Wie dankbar bin ich für Menschen, die mir helfen, den neuen Weg zu finden und zu gehen. So manche Umleitung, so mancher Umweg entpuppt sich im Nachhinein als guter Weg. Dann danke ich auch Gott, der mir durch den Umweg eine ganz neue Sicht auf mein Leben geschenkt hat.
„Vertraut den neuen Wegen und wandert in die Zeit!
Gott will, dass ihr ein Segen für seine Erde seid.
Der uns in frühen Zeiten das Leben eingehaucht,
der wird uns dahin leiten, wo er uns will und braucht.“
(Klaus Peter Hertzsch im Evang. Gesangbuch 395,2)


Ihr Pfarrer Steffen Erstling

 

zuerst erschienen in Weingarten im Blick, 18.10.2019
Foto: Rainer Sturm,
pixelio.de

Erntedank

Gedanken zum Sammeln und Ernten

Vielleicht kennen sie das Bilderbuch von der Maus Frederick, die nicht wie die anderen Mäuse Körner und Nüsse als Vorrat für den Winter sammelt, sondern scheinbar gar nichts tut. Tatsächlich sammelt sie aber Wärme, Farbe und gute Worte, die die anderen Familienmitglieder schließlich über die kalten Tage retten.

Diese Geschichte hat mir schon immer sehr gut gefallen. Ganz ohne Zeigefinger, ganz ohne auf unsympathische Art moralisch zu sein, sagt die Geschichte von Frederick: Materielle Grundversorgung ist zwar lebenswichtig, aber sie ist nicht alles. Auch Wärme, Farbe und gute Worte sind wichtig zum Leben, ja zum Überleben.

Und diese Dinge zu ernten und zu sammeln – das ist wertvoll, auch wenn es manchmal aussehen mag wie Nichts-Tun! Einfallsreichtum und Buntheit machen das Leben schöner und bringen mehr Lebensqualität. Wärme und Liebe im Umgang der Menschen miteinander stärken die Lebenskraft. Das ist ganz besonders dann wichtig, wenn es einem nicht so gut geht. In den Zeiten, in denen die eigenen Vorräte aufgebraucht sind, in denen es kälter und dunkler wird in meinem Leben. Dann ist es gut, sich an das Schöne, Bunte und Fröhliche des Lebens zu erinnern.

Der Mensch lebt eben nicht nur vom Brot allein. Jesus zitiert dieses Wort aus dem 5. Buch Mose als er dazu auffordert wird, Steine zu Brot zu verwandeln. Er soll dazu verleitet werden, seine Kraft ganz auf die materiellen Bedürfnisse zu richten. Jesus lässt sich nicht darauf ein…

„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund geht.“ Leibliche Nahrung ist das eine, geistliche das andere. Brot und Wort, Materielles und Geistliches – ich wünsche Ihnen, dass es Ihnen gelingt, beide Seiten in einem guten Verhältnis in Ihr Leben zu integrieren.

Pfarrer Horst Gamerdinger, zuerst in Weingarten im Blick, 27.9.2019
Bild: Christophe Maertens, unsplash.com


Siehe, es war sehr gut


Kinder, so habe ich manchmal den Eindruck, haben eine ganz besondere Verbindung zu Tieren und Pflanzen, ja sogar zu Dingen. Eine Verbindung, die uns Erwachsenen wohl irgendwann abhandengekommen ist. Eine kleine Geschichte erzählt von dieser besonderen Verbindung:

Ein furchtbarer Sturm kam auf. Das Meer tobte und meterhohe Wellen brachen sich ohrenbetäubend am Strand. Als das Unwetter nachließ und der Himmel aufklarte, lagen am Strand unzählige Seesterne, die die Wogen auf den Sand gespült hatten.
Ein kleines Mädchen lief am Wasser entlang, nahm einen Seestern nach dem anderen in die Hand und warf ihn zurück ins Meer. Ein Spaziergänger sah das und sprach das Mädchen an: „Ach Kleine! Was du da machst ist vollkommen sinnlos. Siehst du nicht, dass der ganze Strand voller Seesterne ist? Die kannst du niemals alle zurück ins Meer werfen! Was du da tust, ändert nicht das Geringste!“
Das Mädchen schaute den Mann an. Dann nahm sie den nächsten Seestern und warf ihn in die Fluten. „Für ihn wird es etwas ändern!“


Was der Mann sagt, mag vernünftig und realistisch sein, meine Sympathie jedoch hat das Kind. Das Mädchen steht auf der Seite des Lebens. Sie setzt sich ein für das Leben, für jedes einzelne Leben. Und sie lässt sich auch durch die Größe der Aufgabe nicht entmutigen. Sie tut eben, was sie kann, da, wo sie gerade ist. Dass es „nur“ ein Seestern ist, spielt für das Mädchen keine Rolle.
Vielleicht spüren Kinder so etwas wie eine tiefe Verbindung mit anderen Geschöpfen. Und das auf einer Ebene, die tiefer geht, als Vernunft und Realitätssinn je kommen. Wie ein „Band des Lebens“, das alle Lebewesen miteinander verbindet. In der biblischen Schöpfungsgeschichte ist diese Verbindung Gott, er ist der Grund und der Schöpfer, aus dem alles Leben entsteht. „Siehe, es war alles sehr gut.“, heißt es da am Ende. Wie unsere Welt wohl aussähe, wenn uns die Verbindung zwischen allen Geschöpfen genauso selbstverständlich wäre wie dem Mädchen?

Pfarrer Horst Gamerdinger

Die Geschichte ist entnommen dem Buch: Oh! Noch mehr Geschichten für andere Zeiten, Andere Zeiten e.V., Hamburg, das Bild ist von Pedro Lastra auf unsplash.com

M(W)ahlzeit

Liebe Leserinnen und Leser,

Nach der Wahl ist vor der Wahl. Am 26. Mai waren alle europäischen Bürgerinnen und Bürger zur Wahl des Europaparlaments aufgerufen. Am selben Tag fanden auch die Kommunalwahlen statt. Und in Berg wurde am 14. Juli eine neue Bürgermeisterin gewählt. Doch damit nicht genug für dieses Jahr 2019. Denn es steht bereits die nächste Wahl an: Die Kirchenwahl.

Es spricht sich allmählich herum, dass am 1. Dezember in ganz Württemberg die evangelischen Christen zur Wahl der Landessynode und der Kirchengemeinderäte aufgerufen sind. Unsere Landeskirche ist übrigens die einzige in Deutschland, in der die Mitglieder des Kirchenparlaments (= Landessynode) direkt, also per Urwahl gewählt werden. So haben Sie alle am 1. Dezember die Möglichkeit mitzubestimmen, wer die nächsten sechs Jahre über die Zukunft unserer evangelischen Kirche in Württemberg entscheiden soll.
Aber wesentlich näher am Geschehen vor Ort ist natürlich der Kirchengemeinderat, der ebenfalls am 1. Dezember gewählt wird.  

Gemeinsam mit den Pfarrern gestaltet der Kirchengemeinderat das kirchliche Leben bei uns in Weingarten, Berg und Schlier. Alle Mitglieder unseres KGR engagieren sich ehrenamtlich mit ihren Gaben und Fähigkeiten für unsere Gemeinde. Dafür danke ich im Namen der Kirchengemeinde ganz herzlich allen unseren Kirchengemeinderätinnen und -räten für die vergangenen sechs Jahre, für gemeinsames Nachdenken, Diskutieren, Planen, intensives und kreatives Leiten und Gestalten unserer Gemeinde. Einige von ihnen sind bereit, weiterhin im Kirchengemeinderat dabei zu sein und stellen sich erneut zur Wahl. Aber es werden auch Plätze frei. Deshalb suchen wir noch nach Kandidatinnen und Kandidaten, die bereit sind, sich wählen zu lassen.

Wählbar ist jedes Gemeindeglied ab 18 Jahren, das unserer Evangelischen Kirchengemeinde angehört und sich für die Belange unserer Gemeinde aktiv einsetzen möchte. Sie können gerne ein Mitglied des bisherigen Kirchengemeinderates ansprechen und sich bei ihm informieren, was im Kirchengemeinderat auf einen wartet und welche Möglichkeiten man hat, die Kirche vor Ort mitzugestalten.
Der Apostel Paulus hat ja in seinen Briefen öfters die Gemeinde als „Leib Christi“ bezeichnet. Dieses Bild gefällt mir sehr gut, denn es macht deutlich, dass wir als einzelne Glieder dieses Leibes alle zusammengehören und nur gemeinsam existieren und etwas erreichen können. Außerdem betont Paulus immer wieder, dass in Christus keiner über dem anderen steht.

Doch gibt es durchaus verschiedene Gaben und Aufgaben in diesem Leib. Und deshalb ist es wichtig, dass es Menschen gibt, die die Aufgabe der Gemeindeleitung übernehmen, die ihre Gaben und Fähigkeiten dafür einsetzen, dass der Leib als Ganzes gesund bleibt und die Schritte in die richtige Richtung lenkt. Wer weiß - vielleicht sind Sie ja genau der oder die Richtige dafür - und wissen es nur noch nicht?! Trauen Sie sich und sprechen Sie mit uns Pfarrern oder einem unserer Kirchengemeinderäte. Wir freuen uns über jede und jeden, der bereit ist, sich bei uns in der Kirchengemeinde zu engagieren - ob im Kirchengemeinderat oder woanders.
Und schließlich möchte ich alle Leserinnen und Leser des Gemeindebriefs ganz herzlich bitten: Gehen Sie am 1. Dezember wählen (oder wählen Sie vorher per Briefwahl. Übrigens darf man schon ab 14 Jahren wählen!) Machen Sie Gebrauch von der Möglichkeit, Ihre Kirche mitzugestalten. Der Slogan auf den Plakaten, die zur Wahl einladen, lautet: "Meine Kirche – eine gute Wahl." Ich bin überzeugt, dass es immer eine gute Wahl ist, wählen zu gehen. Besonders aber dann, wenn es um Ihre Gemeinde an Ihrem Ort geht. Eine Gemeinde, die sich für Ihre Interessen einsetzt und Ihnen einen Raum bietet, wo Sie willkommen sind und sich gut aufgehoben fühlen. Durch Ihre Wahlbeteiligung zeigen Sie uns auch, dass Ihnen Ihre Kirche wichtig ist und Sie das Engagement der Ehrenamtlichen unterstützen. Vielen Dank für Ihre Wahl.
Übrigens: In unseren Wahllokalen bekommen Sie am Wahltag einen Kaffee oder ein anderes Getränk.
Na dann: "Prost Wahlzeit!"

Ihr Pfarrer Steffen Erstling

zuerst erschienen im Gemeindebrief 3/2019, Juli 2019

Rezept fürs Leben

Bild: Steffen Erstling

Kennen Sie auch solche Lebenskünstler? Menschen, bei denen man den Eindruck hat, dass sie immer und allezeit frohgelaunt und unbeschwert durchs Leben gehen? Nichts und niemand kann – so scheints – ihre gute Laune verderben. Wo sie auftreten, versprühen sie mit ihrem Charme Glück und Zufriedenheit. Lebenskünstler halt. Wie ich solche Menschen beneide. Und ich frage mich, ob sie ein besonderes Rezept für ein glückliches und zufriedenes Leben gefunden haben. Was macht’s, dass die so glücklich sind?

Ich glaube, ein Weg zum Rezept für Lebenskunst könnte darin liegen, die kleinen Dinge im Leben viel mehr wert zu schätzen. Ich selber gehe zurzeit immer wieder mal raus in die Natur, bewaffnet mit meinem Fotoapparat, um nach kleinen Blumen und Blüten Ausschau zu halten. Da muss ich auch gar nicht weit gehen, denn gleich auf der Wiese hinterm Gemeindezentrum erblüht ein kleiner aber feiner Fleck mit Wildblumen (unserm Frauenkreis sei Dank, der die Wildblumenwiese dort angelegt hat). Und dann gehe ich ganz nah ran an die – auf den ersten Blick teils unscheinbaren –Blüten und mache Bilder von ihnen. Und immer wieder sind diese Blümchen von kleinen Insekten, vor allem Wildbienen, besetzt. Noch nie habe ich das vorher so intensiv wahrgenommen. Wie wunderschön diese Blüten sind, jede einzelne in ihrer einmaligen Form und Farbe. Und später dann, wenn ich vor dem Bildschirm sitze, um mir die Bilder anzuschauen, entdecke ich noch viel mehr Einzelheiten, die ich mit dem bloßen Auge gar nicht gesehen habe. Die Blütenpollen z.B., die an den Beinchen der Biene haften geblieben sind. Da komme ich oft aus dem Staunen nicht mehr heraus. Und in all dem erkenne ich die große und überfließende Freundlichkeit und Kreativität des Schöpfergottes, an den ich glaube. Für mich ist diese Entdeckung der Kleinigkeit ein Weg zum eingangs erwähnten Rezept geworden, das Leben intensiver, bewusster und ja, auch glücklicher zu machen.

Vielleicht probieren Sie’s ja auch mal aus. Achten Sie mit wachen Sinnen auf die kleinen und großen Freundlichkeiten Gottes, die Ihnen täglich begegnen. Das Leben wird farbig und gewinnt an Lebensqualität. Entdecken Sie die Vielfalt der Schöpfung. Sammeln Sie schöne Eindrücke, gute Erfahrungen, bereichernde Begegnungen oder gute Worte wie einen Schatz. Jedes kleine und große Erfolgserlebnis ist ein Grund, Gott dankbar zu sein. Und wenn Sie es sich dabei zur guten Gewohnheit machen, mit einem „Danke, lieber Gott“ den Kontakt zu Ihrem Schöpfer zu pflegen, vertieft sich Ihre Freude und Sie kommen der Kunst des Lebens wieder einen großen Schritt näher. Machen Sie sich doch einfach mal mit diesem Rezept auf den Weg durchs Leben. Und wer weiß, vielleicht wird ja auch aus Ihnen ein Lebenskünstler oder eine Lebenskünstlerin?
Pfarrer Steffen Erstling
Evangelische Kirchengemeinde

 

 

Stärke und Schwäche

Tour de France.
Als die Spitzengruppe von einem Zitronenfalter überholt wurde, gaben viele Radfahrer das Rennen auf.

Diese kleine Geschichte steht im Evangelischen Gesangbuch irgendwo zwischen den Liedern. Günter Grass hat sie geschrieben. Schon seit Jahren fasziniert sie mich: Sie wirbelt die gängigen Gedankenwege so schön durcheinander.

Stärke und Schwäche. Was ist eigentlich stark? Der eine hat Muskeln, der andere kann starke mentale Kraft mobilisieren, schon Kinder können das.
Auch Schwächen machen stark! Dann, wenn man sie kennt und seine eigenen Schwächen akzeptieren kann als Teil von sich selbst. Wenn man vielleicht sogar darüber lachen kann. Wirklich menschlich ist nur eine Stärke, die sich der eigenen Schwäche bewusst bleibt.

Und es gibt auch die Stärke, die aus Verletzungen und Niederlagen erwächst. Es sind kostbare Erfahrungen, die Menschen dort machen, wo sie ihre Schwäche nicht mehr verdrängen müssen, sondern sich als „ganz“ erleben, auch in der Niederlage, in der Verletzung. Das geht nicht immer, es ist eher ein Geschenk, wenn es gelingt.

Dass aus Ihren Schwächen Stärken werden können, das wünsche ich Ihnen.

Pfarrer Horst Gamerdinger
Foto: Claudia Brefeld, pixelio.de

 

Der Himmel steht uns offen


Christi Himmelfahrt wird in unserer Stadt Jahr für Jahr ganz besonders gefeiert. Nicht zufällig ist der Blutfreitag mit diesem Fest im Kirchenjahr verbunden. Himmelfahrt ist ein Fest des Segens.
Dass der Himmel offen steht für uns auf der Erde, das ist die frohe Botschaft dieses Tages.

Der Lukas erzählt am Ende seines Evangeliums:
Es geschah, als Jesus sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel.
Jesus geht, aber seinen Segen lässt er da.

Wir kennen den Segen aus dem Gottesdienst.
Wo steht er da?  Natürlich am Ende.
Da, wo wir als Gemeinde wieder auseinandergehen.
Er markiert die Grenze zwischen der gottesdienstlichen Feier und unserem Leben im Alltag.
Auch der Alltag soll ein Gottesdienst werden:
Wir gehen unter dem Segen Gottes hinaus
aus der Kirche.
Der Friede Gottes geht mit uns,
damit wir anderen zum Segen werden.

Im Neuen Testament sind „segnen“ und „loben“ ein und dasselbe Wort. Wörtlich steht da:
Als sie von Christus gesegnet worden waren, kehrten sie nach Jerusalem zurück und „segneten“ Gott, (Lk 24,52) „Sie lobten Gott“ übersetzen wir meist.
Wichtig ist, dass wir verstehen:
Der Segen ist eine Kraft Gottes, die weiter wirkt in denen, die sie zugesprochen bekommen.
Er schenkt uns die Freude über Gott ins Herz, lässt uns loben und danken,
und genau dadurch können wir anderen zum Segen werden.

Die Jünger begreifen: Jetzt, wo Jesus nicht mehr da ist, sollen wir Christus ver-körpern:
Christi Stimme lasst uns sein. Christi Füße.
Christi Hände. Ein Leib mit vielen Gliedern,
wo eins sich um das andere kümmert,
wo das schwächste Glied am meisten umsorgt wird.
Der Moment, wo sie es begreifen, ist da, wo Christus sie segnet. Da ist eine Kraft, die stärker ist als alles andere. Stärker als der Tod, stärker als alles, was von Gott trennt
oder sich zwischen Menschen auftürmt an Entfremdung, Neid, Hass, Feindschaft und Schuld.

Der Segen zeigt den Jüngern:
Wir müssen es weitersagen,
dass Christus der Herr ist,
dass jedem Menschen der Himmel offen steht, dass jeder den Segen Gottes empfangen und weitertragen kann.
Wenn wir Christus Herrn sein lassen,
brauchen wir uns nicht länger selber als Herren aufspielen und andere niedermachen.
Wir werden auf den Boden zurückgeholt.
„Ge-erdet, wie man heute so schön sagt,  
ge-erdet, weil wir den Himmel über uns wissen.

Segnen: Das ist unsere Uraufgabe als Kirche:
Nicht nur die Aufgabe des Pfarrers im Gottesdienst.
Alle sind wir zum Segnen berufen und dazu einander zum Segen zu werden.
 

Stephan Günzler, Pfarrer an der Stadtkirche in Weingarten

zuerst erschienen in "Weingarten im Blick", 24. Mai 2019

(Bild: Artur K.M. Bay)
Bild: Clyde RS on unsplash.com



Gewohnheiten ändern

Magnolienblüte im Garten der Stadtkirche

In den letzten Monaten habe ich mit vielen Menschen über den Klimawandel geredet und auch darüber, was man ganz persönlichen Alltag dagegen tun kann. Mehr Fahrrad zu fahren, möglichst wenig Essensreste wegzuwerfen und Plastikmüll schon beim Einkaufen zu vermeiden ist etwas, was ich mir vorgenommen habe. Ich merke, wie schwer es ist, Alltagsgewohnheiten zu ändern, freue mich aber umso mehr über kleine Erfolge.
Es ist wichtig, dass jeder in seinem Alltag etwas verändert, auch wenn das natürlich Kleinigkeiten sind im Vergleich zu den radikalen Maßnahmen auf allen Ebenen, die nötig wären, um die Erderwärmung zu begrenzen.
Da finde ich es gut, dass die Jugendlichen uns in den Demonstrationen „Fridays for Future“ auf den Klimawandel hinweisen, viele Diskussionen auslösen und einschneidende Konsequenzen fordern. Sie beklagen auch Versäumnisse auf dem Weg vom Wissen zum Tun. Und sie haben recht. Obwohl wir beim Klimawandel schon lange genug Wissen über die Ursachen, Folgen und notwendigen Gegenmaßnahmen haben, passiert zu wenig. So ist es im persönlichen wie im politischen Bereich so viel einfacher, nicht genau hinzusehen und eigentlich nötige radikale Maßnahmen doch lieber nicht zu ergreifen.
Auch für uns als Kirche ist das ein wichtiges Thema. Es geht um die Bewahrung der Schöpfung für zukünftige Generationen. In der Landeskirche gibt es unter anderem ein Klimaschutzkonzept und zahlreiche Projekte und Veranstaltungen für einen nachhaltigen Umweltschutz (www.umwelt.elk-wue.de). Zum Beispiel gibt es seit fast 20 Jahren den „grünen Gockel“, ein Umweltmanagementsystem für kirchliche Einrichtungen, das die stetige Verminderung der Umweltbelastung zum Ziel hat. Bis zum Ziel einer klimaneutralen Landeskirche liegt allerdings noch ein anstrengendes Stück Weg vor uns.
Wie oft bei komplexen Aufgaben ist es hilfreich, sich eine Sache vorzunehmen und die dann anzugehen. Manches macht Spaß, manches ist anstrengend, aber das Ziel ist es wert.

Horst Gamerdinger (Text und Bild)
zuerst abgedruckt im Gemeindebrief 2019/2


Was kommt noch?

Pfarrer Gamerdinger über das Frühjahr, das Osterfest und sein Entfaltungspotential

Das frische Grün der neuen Triebe auf dem Foto bildet ab, was wir zurzeit draußen tausendfach sehen. Ich bin immer wieder beeindruckt. Jedes Frühjahr neu. Diese enorme Lebenskraft, die da zum Ausbruch kommt! Wie auf ein geheimes Zeichen geht es los. Stimmen die Bedingungen, will jede Knospe die erste sein, so scheint es.
Es ist ein enormes Potential, das sich da zur Entfaltung aufmacht. Die ganze Erwartung des künftigen Lebens steckt schon in den ersten kleinen Blättern: Wachsen, Frucht bringen, vergehen.

Was wird sich alles noch entfalten und entwickeln? Was wird noch passieren? Darum kreisen in diesen Tagen meine Gedanken, angestoßen durch die aufblühende Frühlingsnatur und das nahende Osterfest. Welche Erwartungen habe ich für die Zukunft? Was wird noch alles möglich sein? Was gibt mir in meinem Leben immer wieder Kraft und Auftrieb?
Es ist ja kein Zufall, dass das Osterfest gerade in dieser Jahreszeit gefeiert wird, wo sich in der Natur die neu erwachende Lebenskraft Bahn bricht. Im Frühling erleben wir sozusagen mit den Sinnen, was die Ostergeschichte erzählt: Am Ende steht nicht der Tod, sondern das Leben, das Leben in einem ganz umfassenden Sinne. Das Osterfest ist ein Fest des neuen Lebens, das alles umschließt und alles trägt. Im Vertrauen darauf möchte ich unterwegs sein. Was wohl noch alles aufblühen wird?

zuerst erschienen in Weingarten im Blick, 12. April 2019
Bild: Annie Spratt, unsplash.com