Umleitung

Liebe Leserin, lieber Leser,
zwei kleine „Weggeschichten“ möchte ich Ihnen erzählen – beide habe ich erst kürzlich erlebt. Die erste im Schlossgarten vom Kloster Salem, wohin uns unser diesjähriger Gemeindedienstausflug geführt hat. Vor unserer Führung im Kloster hatten wir noch Zeit für einen kleinen Bummel in eben diesem schön angelegten Garten. Und dort befand sich ein mit Hecken gepflanztes Labyrinth. Einige unserer Ausflügler sind den Weg durch die Hecken gegangen – und das war ein interessantes Erlebnis. Denn immer, wenn man geglaubt hat, man sei ganz nahe am Ziel, führte der Weg doch wieder weg vom Ziel. Zwar hatte man immer das Ziel in der Mitte vor Augen, doch der Weg dahin war am Ende ziemlich weit.
Die andere Weggeschichte passierte mir bei einer Autofahrt. Plötzlich war nämlich die Straße, die mich zum Ziel führen sollte, wegen Bauarbeiten gesperrt. Ganz deutlich in gelb-schwarz wies mich das Umleitungsschild einen ganz anderen Weg. Der kurze, schnelle Weg zum Ziel war mir versperrt und so dauerte es länger – der Umweg war natürlich weiter – bis ich zum Ziel gelangte.

Diese beiden Weggeschichten machen mich nachdenklich. Denn eigentlich mag ich im Leben keine Umwege und Umleitungen. Ich möchte immer möglichst gleich und direkt zum Ziel gelangen. Deshalb ärgere ich mich meistens, wenn’s dann doch nicht so klappt, wie geplant. Übertragen auf mein Leben geht’s mir ganz ähnlich. Wenn ich mir ein Lebensziel gesteckt habe, dann muss gefälligst auch alles so laufen und klappen, damit ich dieses Ziel auch schnell erreiche. Aber wie oft macht einem das Leben einen Strich durch die Rechnung bzw. die Planung. Auf meinem Lebensweg kann sich Unvorhergesehenes ereignen. Plötzlich geht es nicht mehr weiter wie geplant. Stopp! Halt! Umleitung! Eine nicht geschaffte Prüfung, eine unvorhergesehene Krankheit, ein Unfall, ein anderer Mensch – es gibt viele Gründe, weshalb es auf dem direkten Weg nicht mehr weitergeht. Und dann gilt es, den anderen Weg einzuschlagen, der oft länger und umständlicher ist.

Doch manchmal entpuppt sich der Umweg auch als Chance. Als ich die Umleitungsstrecke fahren musste, entdeckte ich Orte und Gebiete, die ich noch gar nicht kannte. Wie gut, dass mir die Umleitungsschilder immer den richtigen Weg gezeigt haben. Eigentlich war die Umleitung gar nicht so schlecht. Klar, es hat länger gedauert. Aber dafür habe ich Neues kennengelernt. Habe mich auf andere Menschen verlassen können, die sich auf der Strecke auskennen. Und auch auf meinen Lebens-Umwegen entdecke ich oft Neuland, lerne Dinge und Menschen kennen, denen ich sonst nie begegnet wäre. Wie dankbar bin ich für Menschen, die mir helfen, den neuen Weg zu finden und zu gehen. So manche Umleitung, so mancher Umweg entpuppt sich im Nachhinein als guter Weg. Dann danke ich auch Gott, der mir durch den Umweg eine ganz neue Sicht auf mein Leben geschenkt hat.
„Vertraut den neuen Wegen und wandert in die Zeit!
Gott will, dass ihr ein Segen für seine Erde seid.
Der uns in frühen Zeiten das Leben eingehaucht,
der wird uns dahin leiten, wo er uns will und braucht.“
(Klaus Peter Hertzsch im Evang. Gesangbuch 395,2)


Ihr Pfarrer Steffen Erstling

 

zuerst erschienen in Weingarten im Blick, 18.10.2019
Foto: Rainer Sturm,
pixelio.de

Erntedank

Gedanken zum Sammeln und Ernten

Vielleicht kennen sie das Bilderbuch von der Maus Frederick, die nicht wie die anderen Mäuse Körner und Nüsse als Vorrat für den Winter sammelt, sondern scheinbar gar nichts tut. Tatsächlich sammelt sie aber Wärme, Farbe und gute Worte, die die anderen Familienmitglieder schließlich über die kalten Tage retten.

Diese Geschichte hat mir schon immer sehr gut gefallen. Ganz ohne Zeigefinger, ganz ohne auf unsympathische Art moralisch zu sein, sagt die Geschichte von Frederick: Materielle Grundversorgung ist zwar lebenswichtig, aber sie ist nicht alles. Auch Wärme, Farbe und gute Worte sind wichtig zum Leben, ja zum Überleben.

Und diese Dinge zu ernten und zu sammeln – das ist wertvoll, auch wenn es manchmal aussehen mag wie Nichts-Tun! Einfallsreichtum und Buntheit machen das Leben schöner und bringen mehr Lebensqualität. Wärme und Liebe im Umgang der Menschen miteinander stärken die Lebenskraft. Das ist ganz besonders dann wichtig, wenn es einem nicht so gut geht. In den Zeiten, in denen die eigenen Vorräte aufgebraucht sind, in denen es kälter und dunkler wird in meinem Leben. Dann ist es gut, sich an das Schöne, Bunte und Fröhliche des Lebens zu erinnern.

Der Mensch lebt eben nicht nur vom Brot allein. Jesus zitiert dieses Wort aus dem 5. Buch Mose als er dazu auffordert wird, Steine zu Brot zu verwandeln. Er soll dazu verleitet werden, seine Kraft ganz auf die materiellen Bedürfnisse zu richten. Jesus lässt sich nicht darauf ein…

„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund geht.“ Leibliche Nahrung ist das eine, geistliche das andere. Brot und Wort, Materielles und Geistliches – ich wünsche Ihnen, dass es Ihnen gelingt, beide Seiten in einem guten Verhältnis in Ihr Leben zu integrieren.

Pfarrer Horst Gamerdinger, zuerst in Weingarten im Blick, 27.9.2019
Bild: Christophe Maertens, unsplash.com


Siehe, es war sehr gut


Kinder, so habe ich manchmal den Eindruck, haben eine ganz besondere Verbindung zu Tieren und Pflanzen, ja sogar zu Dingen. Eine Verbindung, die uns Erwachsenen wohl irgendwann abhandengekommen ist. Eine kleine Geschichte erzählt von dieser besonderen Verbindung:

Ein furchtbarer Sturm kam auf. Das Meer tobte und meterhohe Wellen brachen sich ohrenbetäubend am Strand. Als das Unwetter nachließ und der Himmel aufklarte, lagen am Strand unzählige Seesterne, die die Wogen auf den Sand gespült hatten.
Ein kleines Mädchen lief am Wasser entlang, nahm einen Seestern nach dem anderen in die Hand und warf ihn zurück ins Meer. Ein Spaziergänger sah das und sprach das Mädchen an: „Ach Kleine! Was du da machst ist vollkommen sinnlos. Siehst du nicht, dass der ganze Strand voller Seesterne ist? Die kannst du niemals alle zurück ins Meer werfen! Was du da tust, ändert nicht das Geringste!“
Das Mädchen schaute den Mann an. Dann nahm sie den nächsten Seestern und warf ihn in die Fluten. „Für ihn wird es etwas ändern!“


Was der Mann sagt, mag vernünftig und realistisch sein, meine Sympathie jedoch hat das Kind. Das Mädchen steht auf der Seite des Lebens. Sie setzt sich ein für das Leben, für jedes einzelne Leben. Und sie lässt sich auch durch die Größe der Aufgabe nicht entmutigen. Sie tut eben, was sie kann, da, wo sie gerade ist. Dass es „nur“ ein Seestern ist, spielt für das Mädchen keine Rolle.
Vielleicht spüren Kinder so etwas wie eine tiefe Verbindung mit anderen Geschöpfen. Und das auf einer Ebene, die tiefer geht, als Vernunft und Realitätssinn je kommen. Wie ein „Band des Lebens“, das alle Lebewesen miteinander verbindet. In der biblischen Schöpfungsgeschichte ist diese Verbindung Gott, er ist der Grund und der Schöpfer, aus dem alles Leben entsteht. „Siehe, es war alles sehr gut.“, heißt es da am Ende. Wie unsere Welt wohl aussähe, wenn uns die Verbindung zwischen allen Geschöpfen genauso selbstverständlich wäre wie dem Mädchen?

Pfarrer Horst Gamerdinger

Die Geschichte ist entnommen dem Buch: Oh! Noch mehr Geschichten für andere Zeiten, Andere Zeiten e.V., Hamburg, das Bild ist von Pedro Lastra auf unsplash.com

M(W)ahlzeit

Liebe Leserinnen und Leser,

Nach der Wahl ist vor der Wahl. Am 26. Mai waren alle europäischen Bürgerinnen und Bürger zur Wahl des Europaparlaments aufgerufen. Am selben Tag fanden auch die Kommunalwahlen statt. Und in Berg wurde am 14. Juli eine neue Bürgermeisterin gewählt. Doch damit nicht genug für dieses Jahr 2019. Denn es steht bereits die nächste Wahl an: Die Kirchenwahl.

Es spricht sich allmählich herum, dass am 1. Dezember in ganz Württemberg die evangelischen Christen zur Wahl der Landessynode und der Kirchengemeinderäte aufgerufen sind. Unsere Landeskirche ist übrigens die einzige in Deutschland, in der die Mitglieder des Kirchenparlaments (= Landessynode) direkt, also per Urwahl gewählt werden. So haben Sie alle am 1. Dezember die Möglichkeit mitzubestimmen, wer die nächsten sechs Jahre über die Zukunft unserer evangelischen Kirche in Württemberg entscheiden soll.
Aber wesentlich näher am Geschehen vor Ort ist natürlich der Kirchengemeinderat, der ebenfalls am 1. Dezember gewählt wird.  

Gemeinsam mit den Pfarrern gestaltet der Kirchengemeinderat das kirchliche Leben bei uns in Weingarten, Berg und Schlier. Alle Mitglieder unseres KGR engagieren sich ehrenamtlich mit ihren Gaben und Fähigkeiten für unsere Gemeinde. Dafür danke ich im Namen der Kirchengemeinde ganz herzlich allen unseren Kirchengemeinderätinnen und -räten für die vergangenen sechs Jahre, für gemeinsames Nachdenken, Diskutieren, Planen, intensives und kreatives Leiten und Gestalten unserer Gemeinde. Einige von ihnen sind bereit, weiterhin im Kirchengemeinderat dabei zu sein und stellen sich erneut zur Wahl. Aber es werden auch Plätze frei. Deshalb suchen wir noch nach Kandidatinnen und Kandidaten, die bereit sind, sich wählen zu lassen.

Wählbar ist jedes Gemeindeglied ab 18 Jahren, das unserer Evangelischen Kirchengemeinde angehört und sich für die Belange unserer Gemeinde aktiv einsetzen möchte. Sie können gerne ein Mitglied des bisherigen Kirchengemeinderates ansprechen und sich bei ihm informieren, was im Kirchengemeinderat auf einen wartet und welche Möglichkeiten man hat, die Kirche vor Ort mitzugestalten.
Der Apostel Paulus hat ja in seinen Briefen öfters die Gemeinde als „Leib Christi“ bezeichnet. Dieses Bild gefällt mir sehr gut, denn es macht deutlich, dass wir als einzelne Glieder dieses Leibes alle zusammengehören und nur gemeinsam existieren und etwas erreichen können. Außerdem betont Paulus immer wieder, dass in Christus keiner über dem anderen steht.

Doch gibt es durchaus verschiedene Gaben und Aufgaben in diesem Leib. Und deshalb ist es wichtig, dass es Menschen gibt, die die Aufgabe der Gemeindeleitung übernehmen, die ihre Gaben und Fähigkeiten dafür einsetzen, dass der Leib als Ganzes gesund bleibt und die Schritte in die richtige Richtung lenkt. Wer weiß - vielleicht sind Sie ja genau der oder die Richtige dafür - und wissen es nur noch nicht?! Trauen Sie sich und sprechen Sie mit uns Pfarrern oder einem unserer Kirchengemeinderäte. Wir freuen uns über jede und jeden, der bereit ist, sich bei uns in der Kirchengemeinde zu engagieren - ob im Kirchengemeinderat oder woanders.
Und schließlich möchte ich alle Leserinnen und Leser des Gemeindebriefs ganz herzlich bitten: Gehen Sie am 1. Dezember wählen (oder wählen Sie vorher per Briefwahl. Übrigens darf man schon ab 14 Jahren wählen!) Machen Sie Gebrauch von der Möglichkeit, Ihre Kirche mitzugestalten. Der Slogan auf den Plakaten, die zur Wahl einladen, lautet: "Meine Kirche – eine gute Wahl." Ich bin überzeugt, dass es immer eine gute Wahl ist, wählen zu gehen. Besonders aber dann, wenn es um Ihre Gemeinde an Ihrem Ort geht. Eine Gemeinde, die sich für Ihre Interessen einsetzt und Ihnen einen Raum bietet, wo Sie willkommen sind und sich gut aufgehoben fühlen. Durch Ihre Wahlbeteiligung zeigen Sie uns auch, dass Ihnen Ihre Kirche wichtig ist und Sie das Engagement der Ehrenamtlichen unterstützen. Vielen Dank für Ihre Wahl.
Übrigens: In unseren Wahllokalen bekommen Sie am Wahltag einen Kaffee oder ein anderes Getränk.
Na dann: "Prost Wahlzeit!"

Ihr Pfarrer Steffen Erstling

zuerst erschienen im Gemeindebrief 3/2019, Juli 2019

Rezept fürs Leben

Bild: Steffen Erstling

Kennen Sie auch solche Lebenskünstler? Menschen, bei denen man den Eindruck hat, dass sie immer und allezeit frohgelaunt und unbeschwert durchs Leben gehen? Nichts und niemand kann – so scheints – ihre gute Laune verderben. Wo sie auftreten, versprühen sie mit ihrem Charme Glück und Zufriedenheit. Lebenskünstler halt. Wie ich solche Menschen beneide. Und ich frage mich, ob sie ein besonderes Rezept für ein glückliches und zufriedenes Leben gefunden haben. Was macht’s, dass die so glücklich sind?

Ich glaube, ein Weg zum Rezept für Lebenskunst könnte darin liegen, die kleinen Dinge im Leben viel mehr wert zu schätzen. Ich selber gehe zurzeit immer wieder mal raus in die Natur, bewaffnet mit meinem Fotoapparat, um nach kleinen Blumen und Blüten Ausschau zu halten. Da muss ich auch gar nicht weit gehen, denn gleich auf der Wiese hinterm Gemeindezentrum erblüht ein kleiner aber feiner Fleck mit Wildblumen (unserm Frauenkreis sei Dank, der die Wildblumenwiese dort angelegt hat). Und dann gehe ich ganz nah ran an die – auf den ersten Blick teils unscheinbaren –Blüten und mache Bilder von ihnen. Und immer wieder sind diese Blümchen von kleinen Insekten, vor allem Wildbienen, besetzt. Noch nie habe ich das vorher so intensiv wahrgenommen. Wie wunderschön diese Blüten sind, jede einzelne in ihrer einmaligen Form und Farbe. Und später dann, wenn ich vor dem Bildschirm sitze, um mir die Bilder anzuschauen, entdecke ich noch viel mehr Einzelheiten, die ich mit dem bloßen Auge gar nicht gesehen habe. Die Blütenpollen z.B., die an den Beinchen der Biene haften geblieben sind. Da komme ich oft aus dem Staunen nicht mehr heraus. Und in all dem erkenne ich die große und überfließende Freundlichkeit und Kreativität des Schöpfergottes, an den ich glaube. Für mich ist diese Entdeckung der Kleinigkeit ein Weg zum eingangs erwähnten Rezept geworden, das Leben intensiver, bewusster und ja, auch glücklicher zu machen.

Vielleicht probieren Sie’s ja auch mal aus. Achten Sie mit wachen Sinnen auf die kleinen und großen Freundlichkeiten Gottes, die Ihnen täglich begegnen. Das Leben wird farbig und gewinnt an Lebensqualität. Entdecken Sie die Vielfalt der Schöpfung. Sammeln Sie schöne Eindrücke, gute Erfahrungen, bereichernde Begegnungen oder gute Worte wie einen Schatz. Jedes kleine und große Erfolgserlebnis ist ein Grund, Gott dankbar zu sein. Und wenn Sie es sich dabei zur guten Gewohnheit machen, mit einem „Danke, lieber Gott“ den Kontakt zu Ihrem Schöpfer zu pflegen, vertieft sich Ihre Freude und Sie kommen der Kunst des Lebens wieder einen großen Schritt näher. Machen Sie sich doch einfach mal mit diesem Rezept auf den Weg durchs Leben. Und wer weiß, vielleicht wird ja auch aus Ihnen ein Lebenskünstler oder eine Lebenskünstlerin?
Pfarrer Steffen Erstling
Evangelische Kirchengemeinde

 

 

Stärke und Schwäche

Tour de France.
Als die Spitzengruppe von einem Zitronenfalter überholt wurde, gaben viele Radfahrer das Rennen auf.

Diese kleine Geschichte steht im Evangelischen Gesangbuch irgendwo zwischen den Liedern. Günter Grass hat sie geschrieben. Schon seit Jahren fasziniert sie mich: Sie wirbelt die gängigen Gedankenwege so schön durcheinander.

Stärke und Schwäche. Was ist eigentlich stark? Der eine hat Muskeln, der andere kann starke mentale Kraft mobilisieren, schon Kinder können das.
Auch Schwächen machen stark! Dann, wenn man sie kennt und seine eigenen Schwächen akzeptieren kann als Teil von sich selbst. Wenn man vielleicht sogar darüber lachen kann. Wirklich menschlich ist nur eine Stärke, die sich der eigenen Schwäche bewusst bleibt.

Und es gibt auch die Stärke, die aus Verletzungen und Niederlagen erwächst. Es sind kostbare Erfahrungen, die Menschen dort machen, wo sie ihre Schwäche nicht mehr verdrängen müssen, sondern sich als „ganz“ erleben, auch in der Niederlage, in der Verletzung. Das geht nicht immer, es ist eher ein Geschenk, wenn es gelingt.

Dass aus Ihren Schwächen Stärken werden können, das wünsche ich Ihnen.

Pfarrer Horst Gamerdinger
Foto: Claudia Brefeld, pixelio.de

 

Der Himmel steht uns offen


Christi Himmelfahrt wird in unserer Stadt Jahr für Jahr ganz besonders gefeiert. Nicht zufällig ist der Blutfreitag mit diesem Fest im Kirchenjahr verbunden. Himmelfahrt ist ein Fest des Segens.
Dass der Himmel offen steht für uns auf der Erde, das ist die frohe Botschaft dieses Tages.

Der Lukas erzählt am Ende seines Evangeliums:
Es geschah, als Jesus sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel.
Jesus geht, aber seinen Segen lässt er da.

Wir kennen den Segen aus dem Gottesdienst.
Wo steht er da?  Natürlich am Ende.
Da, wo wir als Gemeinde wieder auseinandergehen.
Er markiert die Grenze zwischen der gottesdienstlichen Feier und unserem Leben im Alltag.
Auch der Alltag soll ein Gottesdienst werden:
Wir gehen unter dem Segen Gottes hinaus
aus der Kirche.
Der Friede Gottes geht mit uns,
damit wir anderen zum Segen werden.

Im Neuen Testament sind „segnen“ und „loben“ ein und dasselbe Wort. Wörtlich steht da:
Als sie von Christus gesegnet worden waren, kehrten sie nach Jerusalem zurück und „segneten“ Gott, (Lk 24,52) „Sie lobten Gott“ übersetzen wir meist.
Wichtig ist, dass wir verstehen:
Der Segen ist eine Kraft Gottes, die weiter wirkt in denen, die sie zugesprochen bekommen.
Er schenkt uns die Freude über Gott ins Herz, lässt uns loben und danken,
und genau dadurch können wir anderen zum Segen werden.

Die Jünger begreifen: Jetzt, wo Jesus nicht mehr da ist, sollen wir Christus ver-körpern:
Christi Stimme lasst uns sein. Christi Füße.
Christi Hände. Ein Leib mit vielen Gliedern,
wo eins sich um das andere kümmert,
wo das schwächste Glied am meisten umsorgt wird.
Der Moment, wo sie es begreifen, ist da, wo Christus sie segnet. Da ist eine Kraft, die stärker ist als alles andere. Stärker als der Tod, stärker als alles, was von Gott trennt
oder sich zwischen Menschen auftürmt an Entfremdung, Neid, Hass, Feindschaft und Schuld.

Der Segen zeigt den Jüngern:
Wir müssen es weitersagen,
dass Christus der Herr ist,
dass jedem Menschen der Himmel offen steht, dass jeder den Segen Gottes empfangen und weitertragen kann.
Wenn wir Christus Herrn sein lassen,
brauchen wir uns nicht länger selber als Herren aufspielen und andere niedermachen.
Wir werden auf den Boden zurückgeholt.
„Ge-erdet, wie man heute so schön sagt,  
ge-erdet, weil wir den Himmel über uns wissen.

Segnen: Das ist unsere Uraufgabe als Kirche:
Nicht nur die Aufgabe des Pfarrers im Gottesdienst.
Alle sind wir zum Segnen berufen und dazu einander zum Segen zu werden.
 

Stephan Günzler, Pfarrer an der Stadtkirche in Weingarten

zuerst erschienen in "Weingarten im Blick", 24. Mai 2019

(Bild: Artur K.M. Bay)
Bild: Clyde RS on unsplash.com



Gewohnheiten ändern

Magnolienblüte im Garten der Stadtkirche

In den letzten Monaten habe ich mit vielen Menschen über den Klimawandel geredet und auch darüber, was man ganz persönlichen Alltag dagegen tun kann. Mehr Fahrrad zu fahren, möglichst wenig Essensreste wegzuwerfen und Plastikmüll schon beim Einkaufen zu vermeiden ist etwas, was ich mir vorgenommen habe. Ich merke, wie schwer es ist, Alltagsgewohnheiten zu ändern, freue mich aber umso mehr über kleine Erfolge.
Es ist wichtig, dass jeder in seinem Alltag etwas verändert, auch wenn das natürlich Kleinigkeiten sind im Vergleich zu den radikalen Maßnahmen auf allen Ebenen, die nötig wären, um die Erderwärmung zu begrenzen.
Da finde ich es gut, dass die Jugendlichen uns in den Demonstrationen „Fridays for Future“ auf den Klimawandel hinweisen, viele Diskussionen auslösen und einschneidende Konsequenzen fordern. Sie beklagen auch Versäumnisse auf dem Weg vom Wissen zum Tun. Und sie haben recht. Obwohl wir beim Klimawandel schon lange genug Wissen über die Ursachen, Folgen und notwendigen Gegenmaßnahmen haben, passiert zu wenig. So ist es im persönlichen wie im politischen Bereich so viel einfacher, nicht genau hinzusehen und eigentlich nötige radikale Maßnahmen doch lieber nicht zu ergreifen.
Auch für uns als Kirche ist das ein wichtiges Thema. Es geht um die Bewahrung der Schöpfung für zukünftige Generationen. In der Landeskirche gibt es unter anderem ein Klimaschutzkonzept und zahlreiche Projekte und Veranstaltungen für einen nachhaltigen Umweltschutz (www.umwelt.elk-wue.de). Zum Beispiel gibt es seit fast 20 Jahren den „grünen Gockel“, ein Umweltmanagementsystem für kirchliche Einrichtungen, das die stetige Verminderung der Umweltbelastung zum Ziel hat. Bis zum Ziel einer klimaneutralen Landeskirche liegt allerdings noch ein anstrengendes Stück Weg vor uns.
Wie oft bei komplexen Aufgaben ist es hilfreich, sich eine Sache vorzunehmen und die dann anzugehen. Manches macht Spaß, manches ist anstrengend, aber das Ziel ist es wert.

Horst Gamerdinger (Text und Bild)
zuerst abgedruckt im Gemeindebrief 2019/2


Was kommt noch?

Pfarrer Gamerdinger über das Frühjahr, das Osterfest und sein Entfaltungspotential

Das frische Grün der neuen Triebe auf dem Foto bildet ab, was wir zurzeit draußen tausendfach sehen. Ich bin immer wieder beeindruckt. Jedes Frühjahr neu. Diese enorme Lebenskraft, die da zum Ausbruch kommt! Wie auf ein geheimes Zeichen geht es los. Stimmen die Bedingungen, will jede Knospe die erste sein, so scheint es.
Es ist ein enormes Potential, das sich da zur Entfaltung aufmacht. Die ganze Erwartung des künftigen Lebens steckt schon in den ersten kleinen Blättern: Wachsen, Frucht bringen, vergehen.

Was wird sich alles noch entfalten und entwickeln? Was wird noch passieren? Darum kreisen in diesen Tagen meine Gedanken, angestoßen durch die aufblühende Frühlingsnatur und das nahende Osterfest. Welche Erwartungen habe ich für die Zukunft? Was wird noch alles möglich sein? Was gibt mir in meinem Leben immer wieder Kraft und Auftrieb?
Es ist ja kein Zufall, dass das Osterfest gerade in dieser Jahreszeit gefeiert wird, wo sich in der Natur die neu erwachende Lebenskraft Bahn bricht. Im Frühling erleben wir sozusagen mit den Sinnen, was die Ostergeschichte erzählt: Am Ende steht nicht der Tod, sondern das Leben, das Leben in einem ganz umfassenden Sinne. Das Osterfest ist ein Fest des neuen Lebens, das alles umschließt und alles trägt. Im Vertrauen darauf möchte ich unterwegs sein. Was wohl noch alles aufblühen wird?

zuerst erschienen in Weingarten im Blick, 12. April 2019
Bild: Annie Spratt, unsplash.com