Die Quelle alles Guten liegt im Spiel

"Kommt, lasst uns unsern Kindern leben". Fröbelkindergarten in Bad Blankenburg

Corona hat auch sein Gutes. Anders wäre ich wohl kaum in Bad Blankenburg vorbeigekommen. Urlaub in Italien war noch nicht möglich, warum also nicht mal in den Thüringer Wald fahren? Welche Überraschung: Auf einmal stand ich vor dem ersten Kindergarten der Welt, 1840 gegründet.

Eine Welt ohne Kindergarten? Man kann sich das gar nicht mehr vorstellen. Schon drei Monate Schließung wegen der Pandemie waren für viele Familien eine echte Belastungsprobe und für einen Dreijährigen eine halbe Ewigkeit. Es war höchste Zeit, dass Anfang Juli die Kitas wieder geöffnet wurden. Überglücklich waren die Kinder, als sie endlich wieder mit ihren Freunden spielen durften.

Kindergarten: Eine geniale Idee. Kinder sind wie Blumen; man muss sich zu ihnen niederbeugen, wenn man sie erkennen will, so Friedrich Fröbel, der den weltweit ersten Kindergarten gründete und eine ganz neue Sicht des Kindes eröffnete.

Für Fröbel ist das Kind kein zu befüllendes Gefäß, dem wir möglichst viel „beibringen“ müssten. Kleine Kinder erschließen sich ihre Welt selbsttätig. Sie lernen, indem sie spielen. Die Quelle alles Guten liegt im Spiel! dieser Satz von Fröbel hängt als Transparent am Fröbelkindergarten in Blankenburg. Das passt gut zu dem, was Fröbels schwäbischer Namensvetter Friedrich Schiller gesagt hat: „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wenn er spielt.“

Fröbel gibt den Kindern ganz einfache Materialien an die Hand: Kugeln, Zylinder und Würfel, mit denen die Kinder dann ihre Phantasie walten lassen können. Fröbel spricht nicht von Spiel-Zeug, sondern von Spiel-Gaben. Das Kind entdeckt die Welt als Schöpfung Gottes, indem es selbst schöpferisch tätig wird.

Spiel ist nicht Spielerei. Es hat hohen Ernst und tiefe Bedeutung. Für mich waren diese Gedanken des Pfarrerssohns aus dem Thüringer Wald eine echte Entdeckung. Vielleicht sollten wir wieder mehr miteinander spielen. Die Kinder machen´s uns vor. Ihnen gelingt, was uns Erwachsenen oft so schwer fällt: Sich mal ganz vergessen zu können, ganz und mit Hingabe bei einer Sache zu sein.

Und mit anderen zusammen macht´s am meisten Spaß. Probieren Sie´s doch mal aus in den kommenden Wochen, egal ob sie fortfahren im Urlaub oder ob sie im Lande bleiben. Entdecken Sie das Kind in sich! Übrigens spricht sich das immer mehr herum, wie gut es uns tut, das Spielen. Ein bekannter Spielehersteller (in der südlichen Vorstadt Weingartens) macht seit Mitte März dieses Jahres Rekordumsätze. Corona hat tatsächlich auch sein Gutes.

Text und Bild: Pfarrer Stephan Günzler

zuerst erschienen in Weingarten im Blick am 17. Juli 2020

Wasser - Kinder - Taufe

Liebe Leserinnen und Leser,

das Bild vom plätschernden Wasser auf der Titelseite dieses Gemeindebriefs begleitet Sie nun die nächsten Monate. In den heißen Sommerwochen kann es Sie evtl. motivieren, mal eine kleine Wanderung an einem Bach entlang zu machen und die Füße ins Wasser baumeln zu lassen. Aber das Wasser kann auch noch andere Assoziationen hervorrufen.  
Wenn ich so ein Bild z.B. meinen Konfirmanden zeige, dann kommt ganz schnell das Stichwort „Taufe“. Und tatsächlich möchte ich einmal die besonders ansprechen, die ein Kind bekommen haben oder ein Kind erwarten. Das ist ja eine aufregende Sache. Wir haben auch vier Kinder, und ich habe nicht vergessen, wie das jedes Mal war. Wie so ein winziges Baby den Alltag total verändert. Aber davon will ich hier nicht reden. Ich möchte lieber Gedanken aufgreifen, die alle Eltern nach der Geburt eines Kindes umtreiben: Wie wird es unserm Kind wohl mal ergehen? Wird es gesund sein und bleiben? Was wird wohl aus ihm werden?  

Ein Tauflied aus unserem Gesangbuch (Nr. 582) stellt auch lauter solche Fragen:  
Kind, du bist uns anvertraut.
Wozu werden wir dich bringen?
Wenn du deine Wege gehst, wessen Lieder wirst du singen?
Welche Worte wirst du sagen und an welches Ziel dich wagen?
Kampf und Krieg zerreißt die Welt, einer drückt den andern nieder.
Dabei zählen Macht und Geld, Klugheit und gesunde Glieder.
Mut und Freiheit, das sind Gaben, die wir bitter nötig haben. (EG 582,1+2)  

In so ein paar Worten ist eigentlich alles drin: unsere Angst um unsere Kinder, wieviel wir für sie tun möchten, und wie wenig wir im Grunde genommen tun können.  
Da ist so viel in dieser Welt, auf das wir keinen oder nur ganz wenig Einfluss nehmen können. Dabei wollen wir alle doch nur das Beste für unsere Kinder.  

Und da möchte ich Sie fragen, ob Sie eigentlich eingeplant haben, Ihr Kind taufen zu lassen? Oder liegt Ihnen der Gedanke näher, es nicht zu tun? Tatsächlich gibt es auch in unserer Gemeinde immer mehr Eltern, die – aus welchen Gründen auch immer – darauf verzichten, ihr Kind taufen zu lassen. Dabei ist die Taufe so ein wunderbares Geschenk, das Gott jedem von uns macht. Enthalten wir unseren Kindern da nicht etwas vor? Wenn ein Kind im Krankenhaus geboren wird, dann bekommt es ein Bändchen mit seinem Namen angebracht (es soll ja nicht verwechselt werden!) Den Namen haben die Eltern ausgesucht um damit zum Ausdruck zu bringen: Du gehörst zu uns, wir haben dich lieb. So ist auch Gott. Er sagt: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, zu gehörst zu mir – ich hab‘ dich lieb!“ (nach Jesaja 43,1) Wenn wir Eltern noch besorgt denken: Was geben wir unseren Kindern mit? hat sich Gott längst entschieden, was er ihnen mitgibt: Sein JA gegen die vielen Neins, die jedes Kind, jeder Mensch in seinem Leben erfahren muss. Seine Zusage, für einen da zu sein, auch wenn alle anderen einen verlassen. Den Zuspruch seiner Liebe und Treue, egal, was auch passiert.  
Schlimm genug, wenn junge Leute sagen, dass sie angesichts der kinderfeindlichen Umwelt lieber keine Kinder in die Welt setzen wollen. Dabei sollte es doch so sein, wie es die dritte Liedstrophe zum Ausdruck bringt:  
Freunde wollen wir dir sein, sollst des Friedens Brücken bauen. Denke nicht, du stehst allein; kannst der Macht der Liebe trauen. Taufen dich in Jesu Namen. Er ist unsre Hoffnung. Amen (EG 582,3)  

Geboren werden, das ist die Chance eines Beginnens, eines großen Anfangs, dem viele kleine Anfänge folgen. Und hier möchte ich auch diejenigen unter Ihnen ansprechen, die keine jungen Eltern sind, denn im Grunde ist doch von uns allen die Rede bei dem Stichwort „Geburt“.  
Geburt ist nicht ein augenblickliches Ereignis, sondern ein dauernder Vorgang. Das Ziel des Lebens ist es, ganz geboren zu werden, und es ist eine Tragödie, dass die meisten von uns sterben, bevor sie ganz geboren sind. (Erich Fromm)  

Ein geheimnisvoller aber interessanter Gedanke, der uns einlädt, unser Leben aus Gottes Hand zu leben. Denn das verbindet uns doch mit diesen Kleinen, die demnächst getauft werden: dass unser Name im Buch des Lebens geschrieben steht, in die Handflächen Gottes gezeichnet, unverlierbar, unzerstörbar, für immer behütet und bedingungslos geliebt. Herzlichen Glückwunsch allen, die sich über ihr Kind als ein wunderbares Geschenk Gottes erfreuen. Und daran ablesen können: Gott gibt unsere Welt nicht auf! Kinder sind fast so etwas wie ein Unterpfand seiner schöpferischen Kraft und Liebe, die uns allen gilt. Übrigens:  
Taufen sind auch in Coronazeiten möglich. In Planung ist außerdem ein großes Tauffest im Sommer 2021, auf das wir jetzt schon hinweisen möchten. Zeit und Ort wird noch bekannt gegeben.  

Pfarrer Steffen Erstling

zuerst erschienen im Gemeindebrief 3/2020, Juli 2020

Mit allen Sinnen leben

Jetzt hat der Sommer begonnen – für mich nach wie vor die schönste Jahreszeit. Ich genieße die langen Tage, berausche mich an der Natur mit ihrer Farbenpracht und Vielfalt. Viel bewusster als sonst erlebe ich auch meine Sinne. Fühle die Wärme der Sonne auf der Haut, höre den Gesang der Amsel am frühen Morgen, sehe den Schmetterling und die Hummel an der Blüte ihren Nektar holen, schmecke die frisch gepflückte Himbeere oder Tomate auf der Zunge und rieche den betörenden Duft der Rose im Garten. Und dann kann ich gar nicht anders, als Gott ein dickes „Danke“ zu sagen.
Danke für das Wunder der Schöpfung! Danke für meine fünf Sinne, die das alles wahrnehmen dürfen! Aber sind es nicht viel mehr als fünf? Ich empfinde das Gewicht, mit dem ich auf meinen Füßen stehe. Ich fühle, ob ich im Gleichgewicht bin gegenüber den Kräften der Erde. Ich weiß, was Raum ist und was Größe oder Kleinheit. Ich erlebe die Zeit, je nachdem, wie sie gefüllt ist, ganz unterschiedlich. Ich empfinde Schmerz, wenn ich mich verletze. Ich fühle Müdigkeit und lege mich schlafen. Ich atme und fühle den Raum in mir selbst. Ich sehe, was auf mich zukommt und freue oder ängstige mich. Ich empfinde die Gefahr. Ich berühre die Hand oder die Haut eines anderen Menschen und weiß: Ich kann vertrauen.

Gott hat uns in den Sinnen geschaffen, in einem unendlich feinen Netzwerk von Fühlen und Empfinden, von Denken, von Wissen und Erinnern, Aufnehmen und Antworten, von Sein und Werden, von Störung und Heilung, von Freude und Weinen, Liebe und Neugier und allen Instrumenten, die wir brauchen. Nutzen wir sie in ihrer ganzen Vielfalt. Denn sonst werden wir sie nach und nach verlernen und verlieren. Am besten jetzt im Sommer mit seiner ganzen Herrlichkeit und Vielfalt.

Das folgende Gebet von Johannes Kuhn kann uns dabei helfen, uns selbst, die Welt und die Menschen sinnvoll wahrzunehmen:

Ich danke dir, mein Gott, für die Schönheit der Welt.
Du hast mir Augen gegeben zu sehen.
Einen Mund, der alles Staunen in Sprache verwandelt.
Eine Seele, die Bilder aufzunehmen, und den Geist, über ihren Anruf nachzudenken.
Du hast mir Ohren geschenkt, den Stimmen zu lauschen.
Füße hast du geschaffen, damit ich auf ihnen die Welt durchstreife.
Hände, mit denen ich betasten kann, was gewachsen und geworden ist.

Hilf mir, dass ich mich in dieser Freude an deiner Schöpfung nicht verliere, sondern dass Sinne und Organe geschärft werden für den Mitmenschen:
Gib mir Augen, die wahrnehmen, wo einer am Ende ist.
Worte, die einladen zum Leben,
ein Herz, das Wärme ausstrahlt,
eine Seele, die sich öffnet für Ängstliche.
Geist, aus dem menschliche Entscheidungen wachsen.
Ohren, die Stimmen unterscheiden lernen.
Füße, auf Wegen zu begleiten.
Hände zum Zugreifen und Festhalten.
Einen Willen, von dem Frieden ausgeht.
Denn in deiner Hand ist, was unten auf der Erde ist, und die Höhen der Berge sind auch dein.
Amen.


Pfarrer Steffen Erstling (Text und Bild)

zuerst erschienen in Weingarten im Blick am 26. Juni 2020

Daseinsfreude

Wo geht die Reise hin? Bild von Patrick Perkins, unsplash.com

Wo geht die Reise hin?
von Pfr. Horst Gamerdinger


Lockerungen - ein Wort, das zurzeit in vieler Munde ist. Viele freuen sich darauf. Sich endlich wieder ins normale Leben stürzen! Doch was ist normal? Wir haben uns ja alle verändert. Wir haben alle zusammen etwas Extremes erlebt, ja, sind noch mittendrin. Es wird nicht wieder so wie es vorher war. Aber wie wird es dann?

Manche haben mir erzählt, dass sie eher die letzten Wochen als Lockerung empfunden haben. Heraus aus dem engen Terminkorsett, Freizeit- statt Businessklamotten, mehr Ruhe.

Uns ist deutlich geworden, wie wir auf unserem Planeten schon aufeinander angewiesen sind. Das Bewusstsein, in der einen Welt zu leben, ist gewachsen. Wir können nur zusammen eine Krise meistern. Einzelkämpfertum, Abschottung, Unehrlichkeit und gegenseitiges Beschuldigen sind keine Verhaltensweisen, die Gemeinschaft stärken und Zukunft eröffnen.
Füreinander Einstehen und Solidarität dagegen schon. Kooperationsfähigkeit war im Lauf der menschlichen Geschichte schon immer ein Vorteil.

Viele sind sich vor allem selbst begegnet in den letzten Wochen. Hatten Zeit zum Nachdenken. Wo bin ich im Leben angekommen? Will ich in die Richtung weitergehen, die ich eingeschlagen habe? Habe ich genug Zeit für die Dinge, die mir wirklich wichtig sind?

Was hat sich bei Ihnen verändert? Was möchten Sie aus den vergangenen Coronawochen in ihren zukünftigen Alltag übernehmen? Als ich darüber in den letzten Tagen mit anderen gesprochen habe, kamen ganz verschiedene Antworten: „Ich will aufmerksamer dafür sein, wer in meiner Umgebung Unterstützung braucht.“ – „Mir hat es gefallen, alte abgeflaute Kontakte wieder aufzufrischen, das will ich beibehalten.“ – „Ich will mehr Pufferzeit in den Alltag einbauen, statt Termin an Termin zu reihen.“ – „Statt zu einem Meeting zu reisen, werde ich mehr Videokonferenzen machen, jetzt, wo ich weiß wie es geht.“

Und in der Politik und Wirtschaft wird viel über Orientierung an Nachhaltigkeit geredet - und hoffentlich auch getan, für die Erhaltung der Umwelt und Bewahrung der Schöpfung.

Das kommende Pfingstfest kann uns bei all diesen Überlegungen gut unterstützen. Pfingsten ist das christliche Fest, bei dem die Daseinsfreude und Lebenskraft gefeiert wird. Gottes Geist, eine schöpferische und lebensspendende Kraft, verbindet uns zu einer starken Gemeinschaft mit Freude auf das Leben in Zukunft.

Text: Horst Gamerdinger
Bild: Patrick Perkins, unsplash.com

zuerst erschienen in Weingarten im Blick am 22.5.2020

Hoffnung über den Horizont hinaus

Hinter den Horizont sehen, dankbar sein, für das, was ist und Hoffnung haben auf das, was kommt - christliche Lebenshaltungen, die sich auf Ostern und Pfingsten beziehen und unseren Glauben auszeichnen. Bild: Colin Watts, unsplash.com

Andacht im Gemeindebrief
von Pfr. Horst Gamerdinger


Liebe Leserinnen und Leser,
Vieles von dem, was wir im letzten Gemeindebrief angekündigt haben, konnte gar nicht stattfinden. Manches, wie die Konfirmationen oder die Bonhoeffer-Veranstaltungen können wir nachholen, manches, wie das Gemeindefest im Mai und die sonntäglichen persönlichen Begegnungen in den Gottesdiensten musste leider ausfallen.

Veränderungen

Ja, es hat sich vieles verändert in den letzten Monaten.
Hätte uns jemand am 1. Januar fürs neue Jahr vorhergesagt, dass wir bald alle mit Mundschutz einkaufen gehen, dass die Schüler wochen- und monatelang zu Hause digital unterrichtet werden und dass 10 Millionen Menschen für Kurzarbeit angemeldet sind, hätte uns jemand prophezeit, dass außer Lebensmittelgeschäften alle Läden geschlossen haben und überall Schilder hängen, die uns auf den gebotenen Abstand von 1,5 m hinweisen, wir hätten ihn für verrückt erklärt.
Hätte das, was wir in den letzten Monaten erlebt haben, jemand als Drehbuch für einen Fernsehfilm der ARD eingereicht, es wäre als zu unrealistisch zurückgewiesen worden.

Und doch haben wir das und noch viel mehr in den letzten Monaten erlebt und empfinden es fast schon als neue Normalität. Wie schnell das geht! Wie schnell Verordnungen da sind und in Kraft treten, die das ganze öffentliche und private Leben umkrempeln!

Ich halte mich wie die allermeisten daran, weil ich sie für sinnvoll und nachvollziehbar erachte. Ich rechne auch damit, dass die Freiheitsbeschränkungen in Deutschland wieder aufgehoben werden, sobald das möglich ist. Da traue ich den Demokratien in unserem und in den allermeisten europäischen Ländern viel zu.
Und doch bin ich überrascht, wie schnell sich mit Verordnungen der Charakter eines ganzen Landes verändern lässt. Ich sehe, wie wichtig es doch ist, dass wir als mündige Bürger wach und aufmerksam die Politik verfolgen und uns in die Gesellschaft einbringen!

Chancen

Eine Krisenzeit wie die gegenwärtige bringt vieles zutage. Versäumnisse und Konfliktlinien sind deutlicher zu sehen als sonst, im öffentlichen Umfeld genauso wie im privaten.
Eine Chance dieser Krise ist es, diese Punkte anzugehen und positiv zu verändern, zum Beispiel im Hinblick mehr Gerechtigkeit bei der Bezahlung und für mehr Nachhaltigkeit, was das Klima angeht. Darüber wird schon viel geschrieben. Die Punkte im persönlichen Umfeld muss jede und jeder mutig selbst angehen.

Eine weitere Chance ist es, sich darauf zu besinnen, was wirklich wichtig ist im Leben. Konsum, um sich die Langeweile zu vertreiben ist es nicht, das haben wir gesehen. Zusammenhalt zwischen den Menschen in meiner nächsten Umgebung dagegen sehr, in Familie, im (hoffentlich bestehenden) Netzwerk aus Freunden und unterstützenden Personen.
Auch weltweit ist die Solidarität unter uns Menschen wichtig. Gerade bei einer Pandemie, einer weltweiten Krankheit, wird das deutlich, denn eine weltweite Krankheit können wir nur mit weltweiter Zusammenarbeit und Solidarität überwinden.

Hoffnung

Die Krise bietet auch die Chance, sich Gedanken darüber zu machen, was mich eigentlich trägt – über den einzelnen Tag hinaus.

Da hat uns unser christlicher Glaube vieles zu sagen. In vielen biblischen Geschichten, in Bildern und Symbolen erzählt er von Gottes großer und hilfreicher Kraft und seinen vielfältigen Möglichkeiten, die uns auf immer wieder überraschende Weise durchs Leben tragen können.
Wir können in Gott und das Leben vertrauen. Wir können darauf vertrauen, dass wir egal in welcher Situation getragen sind und die erforderliche Kraft und den nötigen Lebensmut bekommen.


Pfarrer Horst Gamerdinger



Der Hunger wächst

Seit 7 Wochen finden keine Gottesdienste mehr statt in der Stadtkirche und in allen andere Kirchen unserer Stadt

Eigentlich hätten wir jetzt im Mai unsere Konfirmationen gefeiert. Die Absage der Festgottesdienste ist nicht nur für unsere Konfirmanden schmerzlich oder für die Kommunionkinder, die Tauffamilien und Brautpaare, die ebenfalls ihre Feiern verschieben mussten.
Die Krise betrifft uns alle als Gemeinde. Von Sonntag zu Sonntag wird deutlicher, was fehlt, wenn wir nicht mehr miteinander Gottesdienst feiern.

Videos auf YouTube sind nur ein schlechter Ersatz. Gottesdienste sind eben keine Eine-Mann-Show, sondern Feste der Begegnung. „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen!“ sagt Jesus.  Im Gottesdienst feiern wir die Begegnung mit unserem auferstandenen Herrn und untereinander.
Wo das fehlt, sind wir nicht mehr Gemeinde. ,„Keiner kann allein Segen sich bewahren!“

Sieben Wochen dauert jetzt schon diese Zeit. Wir Christen mussten auf Ostern verzichten, und unsere muslimischen Glaubensgeschwister trifft es mitten im Ramadan.
Auch wenn uns dieser Verzicht aufgenötigt wurde: Jammern hilft nicht weiter. Ich meine, wir sollten diese Zeit als Fastenzeit sehen. Die Wochen des Verzichts könnten uns helfen, wieder zu entdecken, was uns trägt im Leben und was wir aneinan-der haben.
„Siehe, es kommt die Zeit, spricht Gott, dass ich einen Hunger ins Land schicken werde“ - so heißt es beim Propheten Amos (Amos 8,11) - „nicht einen Hunger nach Brot oder einen Durst nach Wasser, sondern nach dem Wort des Herrn, es zu hören.“
Wo ist Gott? Die durchgeplante Woche und das umtriebige Wochenende ließen bisher kaum Zeit zum Nachdenken. Und jetzt grätscht ein heimtückisches Virus dazwischen. Vieles von dem, was selbstverständlich war, steht plötzlich in Frage.
Auch der Glaube. Auch da sind wir verletzbar. Vorgefertigte Antworten helfen nicht weiter. Ehrlichkeit braucht´s und das Gebet.

Wir werden uns erst langsam wieder herantasten an öffentliche Gottesdienste. Das Fasten ist noch nicht zu Ende.
Aber der Hunger ist da. Die gemeinsame Hoffnung auf ein Ende der Krise. Die Fürbitte. Und manche schöne Zeichen des Aneinanderdenkens.
Im Suchen und Fragen sind wir miteinander verbunden. Auch das ist Gottesdienst.

Text und Bild: Pfarrer Stephan Günzler

zuerst erschienen in Weingarten im Blick, 30. April 2020

Trotz allem Dankbarkeit?!

Es ist enorm, wie durch die Coronakrise unser Leben eingeschränkt wird. Alles ist anders, als wir es gewohnt sind. Unser Alltag hat sich radikal gewandelt. Dazu kommt, dass Angst und Sorgen sich breit machen. Wird die Krankheit auch mich erwischen oder bleibe ich verschont? Wird unser Gesundheitssystem der Pandemie gewachsen sein? Wie lange wird das alles noch dauern?

Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist: Viele von uns haben auf einmal mehr Zeit. Ich sehe Menschen, die halb so schnell an meinem Fenster vorübergehen, als noch vor ein paar Tagen. Kein Stress in der Arbeit, keine Staus auf den Straßen. Die Krise zwingt uns ein anderes Tempo auf. Das hat auch Vorteile. Menschen nehmen einander ganz anders wahr. Man hat auf einmal Zeit zum Reden. In der Partnerschaft, in der Familie. Das langsamere Tempo kann einem auch die Augen öffnen für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens. Worauf kommt es im Leben an? Was ist unbedingt nötig, worauf kann ich auch gut verzichten?

Vieles von dem, was bisher ganz selbstverständlich war, sehe ich auf einmal ganz neu und bewusster. Dass ich gesund bin, zum Beispiel. Oder dass unser Gesundheitssystem so gut ist. Dass wir in einem Land leben, in dem der Staat helfend einspringen kann, wenn eine Krise ausbricht.


Deshalb sollten wir, trotz allem, was gerade unser aller Leben einschränkt, die Dankbarkeit nicht vergessen. Den meisten von uns geht es doch noch gut. Wir haben warme Häuser und Wohnungen und ein Bett, in dem wir uns schlafen legen können. Wir haben genug zu Essen und zu Trinken. Es gibt Ärzte und Medikamente. Es gibt Wissenschaftler und Forscher, die dabei sind, einen Impfstoff gegen das Coronavirus zu entwickeln. Wir sind dem allen nicht hilflos ausgeliefert. Dafür und für so vieles mehr dürfen wir wirklich dankbar sein.


Mir hilft es gerade sehr, dass der Frühling vor der Tür steht. Für jeden Sonnenstrahl, der mein Gesicht erwärmt, bin ich dankbar. Jede Blüte, die mir entgegenleuchtet zeigt mir, dass das Leben weitergeht. Der folgende Liedtext von Andrea Adams-Frey (im Liederbuch „Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder“ Nr. 113) lädt ein, die Dankbarkeit nicht zu vergessen – trotz allem:

Danke für die Sonne, danke für den Regen, danke für den Himmel über mir.
Danke für den Samen, danke für die Früchte, danke für die Erde unter mir.
Danke, danke für die Schönheit, danke für die Farben, danke für das Licht.
Danke für das Lachen, danke für die Tränen, danke dafür, dass ich fühlen kann.
Danke für die Menschen, danke für die Tiere, danke, dass ich nicht alleine bin.
Danke, danke für die Freundschaft, danke für Vertrauen, danke für die Zeit.
Danke für die Hoffnung, danke für den Frieden, danke für Bewahrung und für Schutz.
Danke für den Glauben, danke für die Gnade, danke für Vergebung und das Kreuz.
Danke, danke für das Leben, danke für die Liebe und diesen Augenblick.
Danke, danke für die Freiheit, danke für die Freude und für die Musik.

Pfarrer Steffen Erstling, Evangelische Kirchengemeinde (Text und Bild)

zuerst erschienen in Weingarten im Blick, 27.3.2020

Was hilft

Teil eines Größeren sein; Bild: Shane Rounce, unsplash.com

von Pfarrer Horst Gamerdinger

Zum Thema Coronavirus kann man sich ja in den Medien auf vielfältige Weise informieren. Zwei Äußerungen sind mir in den letzten Tagen besonders positiv aufgefallen.

Zum einen das, was der Direktor der Weltgesundheitsorganisation WHO, Tedros Adhanom Ghebreyesus, sagte: “Die Eindämmung beginnt bei jedem Einzelnen. Die größten Feinde im Kampf gegen die Ausbreitung sind Angst, Gerüchte und Stigma. Nötig sind Fakten, Vernunft und Solidarität“. In wenigen Begriffen brachte er damit wertvolle Verhaltensregeln auf den Punkt.

Zum anderen fiel mir positiv auf, was ich in einem Interview mit dem Berliner Psychotherapeuten Jan Kalbitzer las (Zeit online, 1. 3.). In dem Interview geht es darum, wie man mit den Ängsten umgehen kann, die durch große, ungreifbare Bedrohungen wie Klimawandel oder Coronavirus entstehen können. Generell sei es wichtig, sich eigene Handlungsspielräume gegen Ängste zu erhalten oder neu zu schaffen.

Nun lässt sich ein globaler Prozess wie der Klimawandel oder der aktuelle Virenausbruch nicht durch einen Einzelnen aufhalten. Aber gegen die Angst sei es hilfreich, Teil einer größeren Gruppe Handelnder zu sein. Kalbitzer empfiehlt: „Versuchen Sie, sich eine Gruppe zu suchen, zu der sie sich zugehörig fühlen. Verbündete sind wichtig. Das können Fridays for future sein, eine Partei, ein Verein, die Kirche. Teil von etwas zu sein, ist wichtig. Und ein gemeinsames Ziel zu haben, ist gut für die psychische Widerstandskraft."

Als Einzelperson kann ich in meinem eigenen Umfeld anfangen: Mich zum Beispiel Anderen gegenüber aufmerksam verhalten und mich so in meiner Umwelt dafür einsetzen, die Menschlichkeit zu erhalten. Kalbitzer: „Es geht darum, trotz Sorgen und realer Bedrohungen menschlich zu bleiben. Damit retten Sie im Alltag einen kleinen Teil dessen, was die Menschheit als Ganzes ausmacht.“

Zusammenfassend bedeutet das für mich: Gegen Sorgen und Angst und sogar gegen Virenausbrüche hilft: Teil eines Ganzen zu sein, Mitmenschlichkeit und Solidarität.

 

zuerst erschienen in Weingarten im Blick, 6. März 2020

Angst vor Weihnachten

Liebe Leserin, lieber Leser!

Haben Sie Angst vor Weihnachten? Welches Glück für Sie, wenn Sie über diese Frage nur staunen können und antworten: „Im Gegenteil! Auf Weihnachten freue ich mich!“

Aber mehr Menschen als wir vermuten, fürchten sich vor Weihnachten, und vielleicht gehören Sie dazu. Da sind die Familien, bei denen Weihnachten ein Platz am Tisch leer bleibt, weil der auf dem Friedhof liegt, der sonst dort saß. – Wenn so viele sich freuen, dann wiegt die Trauer doppelt schwer. Da sind die, die schon wissen: „Weihnachten, da bin ich allein!“ Entweder sind die weggestorben, die früher mitgefeiert haben oder sie sind weit weg, oder sie haben einen vergessen. – Wenn so viele im Kreis ihrer Familie feiern, dann wird die Einsamkeit zur drückenden Last.

Da sind die, die sich vor den Feiertagen fürchten, weil sie sich nichts mehr zu sagen haben, weil die Liebe zerbrochen ist, und Worte nur noch böse Worte sind. Oder die, denen an Weihnachten ganz besonders deutlich wird, wie viel in ihnen zerbrochen ist, wie viele Hoffnungen gescheitert sind, wie oft sie versagt haben. Wo so viel Glanz ist wie an Weihnachten, da sind die Schatten besonders lang und dunkel. Und auch ich fürchte mich manchmal vor Weihnachten, vor den Erwartungen der vielen Menschen, die in der Kirche sitzen, die nicht nur „heile Welt“ wollen, sondern ein heiles Leben, wenigstens für drei Tage. Und dabei weiß ich doch, wie wenig ich davon erfüllen kann. Wie viele nach Weihnachten enttäuschter und verzweifelter sind als vorher. Es mag für Sie seltsam klingen: Aber gerade für die, die sich vor Weihnachten fürchten, ist Weihnachten da. Nicht das große, strahlende Fest, aber das, was wir da eigentlich feiern: die Geburt Jesu.

Mit jedem Satz erzählt die Weihnachtsgeschichte, wie Gott ins Dunkel kommt, wie er abseits der Paläste und Feste geboren wird. Sie erzählt davon, wie die, die nichts gelten, die Engel hören und das Kind zu sehen kriegen. „Ein Kind! Was hilft mir ein Kind?“ Wer so fragt, der sucht nicht Rührung oder Erinnerung an sel’ge Kinderzeit, sondern Hilfe und Halt. Und die kann ein Säugling nicht geben, das stimmt. Aber aus diesem Kind ist ja der geworden, der die Not der Verzweifelten und Einsamen teilt, der in die letzte Verlassenheit des Todes geht und am Kreuz schreit: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Nur deshalb ist der, dessen Geburt wir feiern, der Retter. Klar, wem es gut geht, der braucht keinen Retter. Allen anderen aber wird gesagt: „Christ der Retter ist da! In der Mitte der Nacht liegt der Anfang des neuen Tages.“

Dass Sie das er- und begreifen können, dass er Ihnen in Ihrer Trauer, Ihrer Einsamkeit, Schuld oder Verzweiflung begegnet, das wünscht Ihnen

Ihr Pfarrer Steffen Erstling

 

Bild: Thommy Weiss, pixelio.de
zuerst erschienen in Weingarten im Blick, 20.12.2019

Ein neuer Anfang

Erster Schnee, Foto: S. Günzler

Schon als Kind habe ich mich auf den 1. Advent ganz besonders gefreut.
Der Moment, wenn die erste Kerze am Adventskranz angezündet und zum ersten Mal „Macht hoch die Tür“ angestimmt wird, lässt noch heute mein Herz höher schlagen. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben, sagt Hermann Hesse.

Die erste Seite aufzuschlagen in einem neu gekauften Buch, die ersten Schritte zu tun im noch unberührten Schnee am Morgen, einen frischen Laib Brot zum ersten Mal anzuschneiden, die neu eingezogenen Nachbarn herzlich willkommen zu heißen: Für mich sind das besondere Momente im Leben, voller Verheißung.

Auch mit dem ersten Advent beginnt etwas Neues: Wir treten ein in ein neues Kirchenjahr. Der Blick geht nach vorne.
Wir leben der Geburt des Kindes in Bethlehem entgegen. In diesem Kind, das ist die frohe Botschaft - möchte Gott zur Welt kommen. Ein Neuanfang in Person.
Mit der Geburt Jesu feiern wir, - und es ist gut, dass wir es alle Jahre wieder feiern -
dass Gott bereit ist, einen neuen Anfang mit uns zu machen.
Der Apostel Paulus drückt es so aus: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur. Das Alte ist vergangen, siehe es ist alles neu geworden.“ (2. Kor. 5,17)

Neu anfangen zu dürfen, ist Gottes großes Geschenk an uns. Wir müssen nicht einfach immer weiterwursteln wie bisher. Es darf auch etwas unfertig bleiben in unserem Leben. Wir müssen nicht noch alles irgendwie hinbiegen und ein hübsches Mäntelchen drüber legen.
Beim Einzug Jesu in Jerusalem legen die Leute ihre Kleider auf die Straße und rufen „Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!
Das Ablegen des Alten macht bereit für das, was kommt. „Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginne!“ sagt Hermann Hesse in seinem Gedicht.

Für uns Evangelische ist der kommende Sonntag auch der Tag der Kirchenwahl.
Eine sechsjährige Amtsperiode geht zu Ende.  Am 1. Dezember wählen wir einen neuen Kirchengemeinderat und unsere künftige Landessynode. Wir dürfen gespannt sein, welchen Weg unsere Kirche in der Welt von morgen gehen wird. Sind Sie evangelisch? Dann vergessen Sie nicht, wählen zu gehen.

Ich wünsche Ihnen allen eine gesegnete
Adventszeit!


Text und Bild:
Pfarrer Stephan Günzler



zuerst erschienen in Weingarten im Blick, 29. November 2019


Was ist noch wichtig angesichts des Todes?

An Allerheiligen war ich auf dem Friedhof, nachmittags, als es gerade dunkel wird. Fast auf jedem Grab brennt eine Kerze, auf vielen auch mehrere. Ein Lichtermeer des Trostes. Wie schön das aussieht! Und wie viel Hoffnung da demonstriert wird! Ohne Worte ist klar: der Tod ist nicht das Ende.

In der evangelischen Kirche haben wir den Brauch mit den brennenden Kerzen auf dem Friedhof leider nicht. Aber wir gedenken ebenfalls unsere Toten, nämlich am letzten Sonntag im Kirchenjahr am Sonntag vor dem ersten Advent, dem Ewigkeitssonntag. Die Namen aller Verstorbenen unserer Gemeinde im Kirchenjahr werden im Gottesdienst genannt. Und wir zünden für jeden von ihnen eine Kerze an.

An die Toten zu denken, heißt immer auch an den eigenen Tod zu denken. Eigentlich wissen wir es ja alle, doch wenn jemand stirbt, dem man nahe steht, wird es wieder besonders deutlich: Auch unser Leben ist endlich. Damit müssen wir zurechtkommen. Darauf müssen wir uns einstellen. Ein Psalmbeter hat dies in der Bibel so ausgedrückt: "Gott, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir weise werden." (Ps 90,12)

Weise werden im Angesicht des Todes.
Keine leichte Aufgabe.
Eher ein Geschenk, wenn es gelingt.
Was gehört dazu? Vielleicht folgendes:
Bereit sein für das Ende.
Dankbar sein für jeden Tag.
Jeden Augenblick besonders schätzen können.
Sich auf das besinnen, wofür es sich wirklich zu leben lohnt.
Sein Leben nach den Werten auszurichten, die auch noch im Angesicht des Todes Bestand haben. Was noch wichtig ist, wenn man vor dem Tod steht, das sollte auch das ganze Leben über wichtig sein.

"Gott, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir weise werden." Weise werden, das heißt für mich auch: Darauf zu vertrauen, dass mein ganzes Dasein in Gottes Hand liegt. Gott trägt mich, auch dann, wenn es einmal gar nicht danach aussieht. Ich vertraue darauf, dass das auch im Tod gilt und dass er Möglichkeiten für uns findet, die wir uns jetzt, in diesem Leben, gar nicht vorstellen können.

Pfarrer Horst Gamerdinger, Evangelische Kirchengemeinde.
Bild: unsplash.com

 

 

Umleitung

Liebe Leserin, lieber Leser,
zwei kleine „Weggeschichten“ möchte ich Ihnen erzählen – beide habe ich erst kürzlich erlebt. Die erste im Schlossgarten vom Kloster Salem, wohin uns unser diesjähriger Gemeindedienstausflug geführt hat. Vor unserer Führung im Kloster hatten wir noch Zeit für einen kleinen Bummel in eben diesem schön angelegten Garten. Und dort befand sich ein mit Hecken gepflanztes Labyrinth. Einige unserer Ausflügler sind den Weg durch die Hecken gegangen – und das war ein interessantes Erlebnis. Denn immer, wenn man geglaubt hat, man sei ganz nahe am Ziel, führte der Weg doch wieder weg vom Ziel. Zwar hatte man immer das Ziel in der Mitte vor Augen, doch der Weg dahin war am Ende ziemlich weit.
Die andere Weggeschichte passierte mir bei einer Autofahrt. Plötzlich war nämlich die Straße, die mich zum Ziel führen sollte, wegen Bauarbeiten gesperrt. Ganz deutlich in gelb-schwarz wies mich das Umleitungsschild einen ganz anderen Weg. Der kurze, schnelle Weg zum Ziel war mir versperrt und so dauerte es länger – der Umweg war natürlich weiter – bis ich zum Ziel gelangte.

Diese beiden Weggeschichten machen mich nachdenklich. Denn eigentlich mag ich im Leben keine Umwege und Umleitungen. Ich möchte immer möglichst gleich und direkt zum Ziel gelangen. Deshalb ärgere ich mich meistens, wenn’s dann doch nicht so klappt, wie geplant. Übertragen auf mein Leben geht’s mir ganz ähnlich. Wenn ich mir ein Lebensziel gesteckt habe, dann muss gefälligst auch alles so laufen und klappen, damit ich dieses Ziel auch schnell erreiche. Aber wie oft macht einem das Leben einen Strich durch die Rechnung bzw. die Planung. Auf meinem Lebensweg kann sich Unvorhergesehenes ereignen. Plötzlich geht es nicht mehr weiter wie geplant. Stopp! Halt! Umleitung! Eine nicht geschaffte Prüfung, eine unvorhergesehene Krankheit, ein Unfall, ein anderer Mensch – es gibt viele Gründe, weshalb es auf dem direkten Weg nicht mehr weitergeht. Und dann gilt es, den anderen Weg einzuschlagen, der oft länger und umständlicher ist.

Doch manchmal entpuppt sich der Umweg auch als Chance. Als ich die Umleitungsstrecke fahren musste, entdeckte ich Orte und Gebiete, die ich noch gar nicht kannte. Wie gut, dass mir die Umleitungsschilder immer den richtigen Weg gezeigt haben. Eigentlich war die Umleitung gar nicht so schlecht. Klar, es hat länger gedauert. Aber dafür habe ich Neues kennengelernt. Habe mich auf andere Menschen verlassen können, die sich auf der Strecke auskennen. Und auch auf meinen Lebens-Umwegen entdecke ich oft Neuland, lerne Dinge und Menschen kennen, denen ich sonst nie begegnet wäre. Wie dankbar bin ich für Menschen, die mir helfen, den neuen Weg zu finden und zu gehen. So manche Umleitung, so mancher Umweg entpuppt sich im Nachhinein als guter Weg. Dann danke ich auch Gott, der mir durch den Umweg eine ganz neue Sicht auf mein Leben geschenkt hat.
„Vertraut den neuen Wegen und wandert in die Zeit!
Gott will, dass ihr ein Segen für seine Erde seid.
Der uns in frühen Zeiten das Leben eingehaucht,
der wird uns dahin leiten, wo er uns will und braucht.“
(Klaus Peter Hertzsch im Evang. Gesangbuch 395,2)


Ihr Pfarrer Steffen Erstling

 

zuerst erschienen in Weingarten im Blick, 18.10.2019
Foto: Rainer Sturm,
pixelio.de

Erntedank

Gedanken zum Sammeln und Ernten

Vielleicht kennen sie das Bilderbuch von der Maus Frederick, die nicht wie die anderen Mäuse Körner und Nüsse als Vorrat für den Winter sammelt, sondern scheinbar gar nichts tut. Tatsächlich sammelt sie aber Wärme, Farbe und gute Worte, die die anderen Familienmitglieder schließlich über die kalten Tage retten.

Diese Geschichte hat mir schon immer sehr gut gefallen. Ganz ohne Zeigefinger, ganz ohne auf unsympathische Art moralisch zu sein, sagt die Geschichte von Frederick: Materielle Grundversorgung ist zwar lebenswichtig, aber sie ist nicht alles. Auch Wärme, Farbe und gute Worte sind wichtig zum Leben, ja zum Überleben.

Und diese Dinge zu ernten und zu sammeln – das ist wertvoll, auch wenn es manchmal aussehen mag wie Nichts-Tun! Einfallsreichtum und Buntheit machen das Leben schöner und bringen mehr Lebensqualität. Wärme und Liebe im Umgang der Menschen miteinander stärken die Lebenskraft. Das ist ganz besonders dann wichtig, wenn es einem nicht so gut geht. In den Zeiten, in denen die eigenen Vorräte aufgebraucht sind, in denen es kälter und dunkler wird in meinem Leben. Dann ist es gut, sich an das Schöne, Bunte und Fröhliche des Lebens zu erinnern.

Der Mensch lebt eben nicht nur vom Brot allein. Jesus zitiert dieses Wort aus dem 5. Buch Mose als er dazu auffordert wird, Steine zu Brot zu verwandeln. Er soll dazu verleitet werden, seine Kraft ganz auf die materiellen Bedürfnisse zu richten. Jesus lässt sich nicht darauf ein…

„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund geht.“ Leibliche Nahrung ist das eine, geistliche das andere. Brot und Wort, Materielles und Geistliches – ich wünsche Ihnen, dass es Ihnen gelingt, beide Seiten in einem guten Verhältnis in Ihr Leben zu integrieren.

Pfarrer Horst Gamerdinger, zuerst in Weingarten im Blick, 27.9.2019
Bild: Christophe Maertens, unsplash.com


Siehe, es war sehr gut


Kinder, so habe ich manchmal den Eindruck, haben eine ganz besondere Verbindung zu Tieren und Pflanzen, ja sogar zu Dingen. Eine Verbindung, die uns Erwachsenen wohl irgendwann abhandengekommen ist. Eine kleine Geschichte erzählt von dieser besonderen Verbindung:

Ein furchtbarer Sturm kam auf. Das Meer tobte und meterhohe Wellen brachen sich ohrenbetäubend am Strand. Als das Unwetter nachließ und der Himmel aufklarte, lagen am Strand unzählige Seesterne, die die Wogen auf den Sand gespült hatten.
Ein kleines Mädchen lief am Wasser entlang, nahm einen Seestern nach dem anderen in die Hand und warf ihn zurück ins Meer. Ein Spaziergänger sah das und sprach das Mädchen an: „Ach Kleine! Was du da machst ist vollkommen sinnlos. Siehst du nicht, dass der ganze Strand voller Seesterne ist? Die kannst du niemals alle zurück ins Meer werfen! Was du da tust, ändert nicht das Geringste!“
Das Mädchen schaute den Mann an. Dann nahm sie den nächsten Seestern und warf ihn in die Fluten. „Für ihn wird es etwas ändern!“


Was der Mann sagt, mag vernünftig und realistisch sein, meine Sympathie jedoch hat das Kind. Das Mädchen steht auf der Seite des Lebens. Sie setzt sich ein für das Leben, für jedes einzelne Leben. Und sie lässt sich auch durch die Größe der Aufgabe nicht entmutigen. Sie tut eben, was sie kann, da, wo sie gerade ist. Dass es „nur“ ein Seestern ist, spielt für das Mädchen keine Rolle.
Vielleicht spüren Kinder so etwas wie eine tiefe Verbindung mit anderen Geschöpfen. Und das auf einer Ebene, die tiefer geht, als Vernunft und Realitätssinn je kommen. Wie ein „Band des Lebens“, das alle Lebewesen miteinander verbindet. In der biblischen Schöpfungsgeschichte ist diese Verbindung Gott, er ist der Grund und der Schöpfer, aus dem alles Leben entsteht. „Siehe, es war alles sehr gut.“, heißt es da am Ende. Wie unsere Welt wohl aussähe, wenn uns die Verbindung zwischen allen Geschöpfen genauso selbstverständlich wäre wie dem Mädchen?

Pfarrer Horst Gamerdinger

Die Geschichte ist entnommen dem Buch: Oh! Noch mehr Geschichten für andere Zeiten, Andere Zeiten e.V., Hamburg, das Bild ist von Pedro Lastra auf unsplash.com

M(W)ahlzeit

Liebe Leserinnen und Leser,

Nach der Wahl ist vor der Wahl. Am 26. Mai waren alle europäischen Bürgerinnen und Bürger zur Wahl des Europaparlaments aufgerufen. Am selben Tag fanden auch die Kommunalwahlen statt. Und in Berg wurde am 14. Juli eine neue Bürgermeisterin gewählt. Doch damit nicht genug für dieses Jahr 2019. Denn es steht bereits die nächste Wahl an: Die Kirchenwahl.

Es spricht sich allmählich herum, dass am 1. Dezember in ganz Württemberg die evangelischen Christen zur Wahl der Landessynode und der Kirchengemeinderäte aufgerufen sind. Unsere Landeskirche ist übrigens die einzige in Deutschland, in der die Mitglieder des Kirchenparlaments (= Landessynode) direkt, also per Urwahl gewählt werden. So haben Sie alle am 1. Dezember die Möglichkeit mitzubestimmen, wer die nächsten sechs Jahre über die Zukunft unserer evangelischen Kirche in Württemberg entscheiden soll.
Aber wesentlich näher am Geschehen vor Ort ist natürlich der Kirchengemeinderat, der ebenfalls am 1. Dezember gewählt wird.  

Gemeinsam mit den Pfarrern gestaltet der Kirchengemeinderat das kirchliche Leben bei uns in Weingarten, Berg und Schlier. Alle Mitglieder unseres KGR engagieren sich ehrenamtlich mit ihren Gaben und Fähigkeiten für unsere Gemeinde. Dafür danke ich im Namen der Kirchengemeinde ganz herzlich allen unseren Kirchengemeinderätinnen und -räten für die vergangenen sechs Jahre, für gemeinsames Nachdenken, Diskutieren, Planen, intensives und kreatives Leiten und Gestalten unserer Gemeinde. Einige von ihnen sind bereit, weiterhin im Kirchengemeinderat dabei zu sein und stellen sich erneut zur Wahl. Aber es werden auch Plätze frei. Deshalb suchen wir noch nach Kandidatinnen und Kandidaten, die bereit sind, sich wählen zu lassen.

Wählbar ist jedes Gemeindeglied ab 18 Jahren, das unserer Evangelischen Kirchengemeinde angehört und sich für die Belange unserer Gemeinde aktiv einsetzen möchte. Sie können gerne ein Mitglied des bisherigen Kirchengemeinderates ansprechen und sich bei ihm informieren, was im Kirchengemeinderat auf einen wartet und welche Möglichkeiten man hat, die Kirche vor Ort mitzugestalten.
Der Apostel Paulus hat ja in seinen Briefen öfters die Gemeinde als „Leib Christi“ bezeichnet. Dieses Bild gefällt mir sehr gut, denn es macht deutlich, dass wir als einzelne Glieder dieses Leibes alle zusammengehören und nur gemeinsam existieren und etwas erreichen können. Außerdem betont Paulus immer wieder, dass in Christus keiner über dem anderen steht.

Doch gibt es durchaus verschiedene Gaben und Aufgaben in diesem Leib. Und deshalb ist es wichtig, dass es Menschen gibt, die die Aufgabe der Gemeindeleitung übernehmen, die ihre Gaben und Fähigkeiten dafür einsetzen, dass der Leib als Ganzes gesund bleibt und die Schritte in die richtige Richtung lenkt. Wer weiß - vielleicht sind Sie ja genau der oder die Richtige dafür - und wissen es nur noch nicht?! Trauen Sie sich und sprechen Sie mit uns Pfarrern oder einem unserer Kirchengemeinderäte. Wir freuen uns über jede und jeden, der bereit ist, sich bei uns in der Kirchengemeinde zu engagieren - ob im Kirchengemeinderat oder woanders.
Und schließlich möchte ich alle Leserinnen und Leser des Gemeindebriefs ganz herzlich bitten: Gehen Sie am 1. Dezember wählen (oder wählen Sie vorher per Briefwahl. Übrigens darf man schon ab 14 Jahren wählen!) Machen Sie Gebrauch von der Möglichkeit, Ihre Kirche mitzugestalten. Der Slogan auf den Plakaten, die zur Wahl einladen, lautet: "Meine Kirche – eine gute Wahl." Ich bin überzeugt, dass es immer eine gute Wahl ist, wählen zu gehen. Besonders aber dann, wenn es um Ihre Gemeinde an Ihrem Ort geht. Eine Gemeinde, die sich für Ihre Interessen einsetzt und Ihnen einen Raum bietet, wo Sie willkommen sind und sich gut aufgehoben fühlen. Durch Ihre Wahlbeteiligung zeigen Sie uns auch, dass Ihnen Ihre Kirche wichtig ist und Sie das Engagement der Ehrenamtlichen unterstützen. Vielen Dank für Ihre Wahl.
Übrigens: In unseren Wahllokalen bekommen Sie am Wahltag einen Kaffee oder ein anderes Getränk.
Na dann: "Prost Wahlzeit!"

Ihr Pfarrer Steffen Erstling

zuerst erschienen im Gemeindebrief 3/2019, Juli 2019

Rezept fürs Leben

Bild: Steffen Erstling

Kennen Sie auch solche Lebenskünstler? Menschen, bei denen man den Eindruck hat, dass sie immer und allezeit frohgelaunt und unbeschwert durchs Leben gehen? Nichts und niemand kann – so scheints – ihre gute Laune verderben. Wo sie auftreten, versprühen sie mit ihrem Charme Glück und Zufriedenheit. Lebenskünstler halt. Wie ich solche Menschen beneide. Und ich frage mich, ob sie ein besonderes Rezept für ein glückliches und zufriedenes Leben gefunden haben. Was macht’s, dass die so glücklich sind?

Ich glaube, ein Weg zum Rezept für Lebenskunst könnte darin liegen, die kleinen Dinge im Leben viel mehr wert zu schätzen. Ich selber gehe zurzeit immer wieder mal raus in die Natur, bewaffnet mit meinem Fotoapparat, um nach kleinen Blumen und Blüten Ausschau zu halten. Da muss ich auch gar nicht weit gehen, denn gleich auf der Wiese hinterm Gemeindezentrum erblüht ein kleiner aber feiner Fleck mit Wildblumen (unserm Frauenkreis sei Dank, der die Wildblumenwiese dort angelegt hat). Und dann gehe ich ganz nah ran an die – auf den ersten Blick teils unscheinbaren –Blüten und mache Bilder von ihnen. Und immer wieder sind diese Blümchen von kleinen Insekten, vor allem Wildbienen, besetzt. Noch nie habe ich das vorher so intensiv wahrgenommen. Wie wunderschön diese Blüten sind, jede einzelne in ihrer einmaligen Form und Farbe. Und später dann, wenn ich vor dem Bildschirm sitze, um mir die Bilder anzuschauen, entdecke ich noch viel mehr Einzelheiten, die ich mit dem bloßen Auge gar nicht gesehen habe. Die Blütenpollen z.B., die an den Beinchen der Biene haften geblieben sind. Da komme ich oft aus dem Staunen nicht mehr heraus. Und in all dem erkenne ich die große und überfließende Freundlichkeit und Kreativität des Schöpfergottes, an den ich glaube. Für mich ist diese Entdeckung der Kleinigkeit ein Weg zum eingangs erwähnten Rezept geworden, das Leben intensiver, bewusster und ja, auch glücklicher zu machen.

Vielleicht probieren Sie’s ja auch mal aus. Achten Sie mit wachen Sinnen auf die kleinen und großen Freundlichkeiten Gottes, die Ihnen täglich begegnen. Das Leben wird farbig und gewinnt an Lebensqualität. Entdecken Sie die Vielfalt der Schöpfung. Sammeln Sie schöne Eindrücke, gute Erfahrungen, bereichernde Begegnungen oder gute Worte wie einen Schatz. Jedes kleine und große Erfolgserlebnis ist ein Grund, Gott dankbar zu sein. Und wenn Sie es sich dabei zur guten Gewohnheit machen, mit einem „Danke, lieber Gott“ den Kontakt zu Ihrem Schöpfer zu pflegen, vertieft sich Ihre Freude und Sie kommen der Kunst des Lebens wieder einen großen Schritt näher. Machen Sie sich doch einfach mal mit diesem Rezept auf den Weg durchs Leben. Und wer weiß, vielleicht wird ja auch aus Ihnen ein Lebenskünstler oder eine Lebenskünstlerin?
Pfarrer Steffen Erstling
Evangelische Kirchengemeinde

 

 

Stärke und Schwäche

Tour de France.
Als die Spitzengruppe von einem Zitronenfalter überholt wurde, gaben viele Radfahrer das Rennen auf.

Diese kleine Geschichte steht im Evangelischen Gesangbuch irgendwo zwischen den Liedern. Günter Grass hat sie geschrieben. Schon seit Jahren fasziniert sie mich: Sie wirbelt die gängigen Gedankenwege so schön durcheinander.

Stärke und Schwäche. Was ist eigentlich stark? Der eine hat Muskeln, der andere kann starke mentale Kraft mobilisieren, schon Kinder können das.
Auch Schwächen machen stark! Dann, wenn man sie kennt und seine eigenen Schwächen akzeptieren kann als Teil von sich selbst. Wenn man vielleicht sogar darüber lachen kann. Wirklich menschlich ist nur eine Stärke, die sich der eigenen Schwäche bewusst bleibt.

Und es gibt auch die Stärke, die aus Verletzungen und Niederlagen erwächst. Es sind kostbare Erfahrungen, die Menschen dort machen, wo sie ihre Schwäche nicht mehr verdrängen müssen, sondern sich als „ganz“ erleben, auch in der Niederlage, in der Verletzung. Das geht nicht immer, es ist eher ein Geschenk, wenn es gelingt.

Dass aus Ihren Schwächen Stärken werden können, das wünsche ich Ihnen.

Pfarrer Horst Gamerdinger
Foto: Claudia Brefeld, pixelio.de

 

Der Himmel steht uns offen


Christi Himmelfahrt wird in unserer Stadt Jahr für Jahr ganz besonders gefeiert. Nicht zufällig ist der Blutfreitag mit diesem Fest im Kirchenjahr verbunden. Himmelfahrt ist ein Fest des Segens.
Dass der Himmel offen steht für uns auf der Erde, das ist die frohe Botschaft dieses Tages.

Der Lukas erzählt am Ende seines Evangeliums:
Es geschah, als Jesus sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel.
Jesus geht, aber seinen Segen lässt er da.

Wir kennen den Segen aus dem Gottesdienst.
Wo steht er da?  Natürlich am Ende.
Da, wo wir als Gemeinde wieder auseinandergehen.
Er markiert die Grenze zwischen der gottesdienstlichen Feier und unserem Leben im Alltag.
Auch der Alltag soll ein Gottesdienst werden:
Wir gehen unter dem Segen Gottes hinaus
aus der Kirche.
Der Friede Gottes geht mit uns,
damit wir anderen zum Segen werden.

Im Neuen Testament sind „segnen“ und „loben“ ein und dasselbe Wort. Wörtlich steht da:
Als sie von Christus gesegnet worden waren, kehrten sie nach Jerusalem zurück und „segneten“ Gott, (Lk 24,52) „Sie lobten Gott“ übersetzen wir meist.
Wichtig ist, dass wir verstehen:
Der Segen ist eine Kraft Gottes, die weiter wirkt in denen, die sie zugesprochen bekommen.
Er schenkt uns die Freude über Gott ins Herz, lässt uns loben und danken,
und genau dadurch können wir anderen zum Segen werden.

Die Jünger begreifen: Jetzt, wo Jesus nicht mehr da ist, sollen wir Christus ver-körpern:
Christi Stimme lasst uns sein. Christi Füße.
Christi Hände. Ein Leib mit vielen Gliedern,
wo eins sich um das andere kümmert,
wo das schwächste Glied am meisten umsorgt wird.
Der Moment, wo sie es begreifen, ist da, wo Christus sie segnet. Da ist eine Kraft, die stärker ist als alles andere. Stärker als der Tod, stärker als alles, was von Gott trennt
oder sich zwischen Menschen auftürmt an Entfremdung, Neid, Hass, Feindschaft und Schuld.

Der Segen zeigt den Jüngern:
Wir müssen es weitersagen,
dass Christus der Herr ist,
dass jedem Menschen der Himmel offen steht, dass jeder den Segen Gottes empfangen und weitertragen kann.
Wenn wir Christus Herrn sein lassen,
brauchen wir uns nicht länger selber als Herren aufspielen und andere niedermachen.
Wir werden auf den Boden zurückgeholt.
„Ge-erdet, wie man heute so schön sagt,  
ge-erdet, weil wir den Himmel über uns wissen.

Segnen: Das ist unsere Uraufgabe als Kirche:
Nicht nur die Aufgabe des Pfarrers im Gottesdienst.
Alle sind wir zum Segnen berufen und dazu einander zum Segen zu werden.
 

Stephan Günzler, Pfarrer an der Stadtkirche in Weingarten

zuerst erschienen in "Weingarten im Blick", 24. Mai 2019

(Bild: Artur K.M. Bay)
Bild: Clyde RS on unsplash.com



Gewohnheiten ändern

Magnolienblüte im Garten der Stadtkirche

In den letzten Monaten habe ich mit vielen Menschen über den Klimawandel geredet und auch darüber, was man ganz persönlichen Alltag dagegen tun kann. Mehr Fahrrad zu fahren, möglichst wenig Essensreste wegzuwerfen und Plastikmüll schon beim Einkaufen zu vermeiden ist etwas, was ich mir vorgenommen habe. Ich merke, wie schwer es ist, Alltagsgewohnheiten zu ändern, freue mich aber umso mehr über kleine Erfolge.
Es ist wichtig, dass jeder in seinem Alltag etwas verändert, auch wenn das natürlich Kleinigkeiten sind im Vergleich zu den radikalen Maßnahmen auf allen Ebenen, die nötig wären, um die Erderwärmung zu begrenzen.
Da finde ich es gut, dass die Jugendlichen uns in den Demonstrationen „Fridays for Future“ auf den Klimawandel hinweisen, viele Diskussionen auslösen und einschneidende Konsequenzen fordern. Sie beklagen auch Versäumnisse auf dem Weg vom Wissen zum Tun. Und sie haben recht. Obwohl wir beim Klimawandel schon lange genug Wissen über die Ursachen, Folgen und notwendigen Gegenmaßnahmen haben, passiert zu wenig. So ist es im persönlichen wie im politischen Bereich so viel einfacher, nicht genau hinzusehen und eigentlich nötige radikale Maßnahmen doch lieber nicht zu ergreifen.
Auch für uns als Kirche ist das ein wichtiges Thema. Es geht um die Bewahrung der Schöpfung für zukünftige Generationen. In der Landeskirche gibt es unter anderem ein Klimaschutzkonzept und zahlreiche Projekte und Veranstaltungen für einen nachhaltigen Umweltschutz (www.umwelt.elk-wue.de). Zum Beispiel gibt es seit fast 20 Jahren den „grünen Gockel“, ein Umweltmanagementsystem für kirchliche Einrichtungen, das die stetige Verminderung der Umweltbelastung zum Ziel hat. Bis zum Ziel einer klimaneutralen Landeskirche liegt allerdings noch ein anstrengendes Stück Weg vor uns.
Wie oft bei komplexen Aufgaben ist es hilfreich, sich eine Sache vorzunehmen und die dann anzugehen. Manches macht Spaß, manches ist anstrengend, aber das Ziel ist es wert.

Horst Gamerdinger (Text und Bild)
zuerst abgedruckt im Gemeindebrief 2019/2


Was kommt noch?

Pfarrer Gamerdinger über das Frühjahr, das Osterfest und sein Entfaltungspotential

Das frische Grün der neuen Triebe auf dem Foto bildet ab, was wir zurzeit draußen tausendfach sehen. Ich bin immer wieder beeindruckt. Jedes Frühjahr neu. Diese enorme Lebenskraft, die da zum Ausbruch kommt! Wie auf ein geheimes Zeichen geht es los. Stimmen die Bedingungen, will jede Knospe die erste sein, so scheint es.
Es ist ein enormes Potential, das sich da zur Entfaltung aufmacht. Die ganze Erwartung des künftigen Lebens steckt schon in den ersten kleinen Blättern: Wachsen, Frucht bringen, vergehen.

Was wird sich alles noch entfalten und entwickeln? Was wird noch passieren? Darum kreisen in diesen Tagen meine Gedanken, angestoßen durch die aufblühende Frühlingsnatur und das nahende Osterfest. Welche Erwartungen habe ich für die Zukunft? Was wird noch alles möglich sein? Was gibt mir in meinem Leben immer wieder Kraft und Auftrieb?
Es ist ja kein Zufall, dass das Osterfest gerade in dieser Jahreszeit gefeiert wird, wo sich in der Natur die neu erwachende Lebenskraft Bahn bricht. Im Frühling erleben wir sozusagen mit den Sinnen, was die Ostergeschichte erzählt: Am Ende steht nicht der Tod, sondern das Leben, das Leben in einem ganz umfassenden Sinne. Das Osterfest ist ein Fest des neuen Lebens, das alles umschließt und alles trägt. Im Vertrauen darauf möchte ich unterwegs sein. Was wohl noch alles aufblühen wird?

zuerst erschienen in Weingarten im Blick, 12. April 2019
Bild: Annie Spratt, unsplash.com