Rezept fürs Leben

Bild: Steffen Erstling

Kennen Sie auch solche Lebenskünstler? Menschen, bei denen man den Eindruck hat, dass sie immer und allezeit frohgelaunt und unbeschwert durchs Leben gehen? Nichts und niemand kann – so scheints – ihre gute Laune verderben. Wo sie auftreten, versprühen sie mit ihrem Charme Glück und Zufriedenheit. Lebenskünstler halt. Wie ich solche Menschen beneide. Und ich frage mich, ob sie ein besonderes Rezept für ein glückliches und zufriedenes Leben gefunden haben. Was macht’s, dass die so glücklich sind?

Ich glaube, ein Weg zum Rezept für Lebenskunst könnte darin liegen, die kleinen Dinge im Leben viel mehr wert zu schätzen. Ich selber gehe zurzeit immer wieder mal raus in die Natur, bewaffnet mit meinem Fotoapparat, um nach kleinen Blumen und Blüten Ausschau zu halten. Da muss ich auch gar nicht weit gehen, denn gleich auf der Wiese hinterm Gemeindezentrum erblüht ein kleiner aber feiner Fleck mit Wildblumen (unserm Frauenkreis sei Dank, der die Wildblumenwiese dort angelegt hat). Und dann gehe ich ganz nah ran an die – auf den ersten Blick teils unscheinbaren –Blüten und mache Bilder von ihnen. Und immer wieder sind diese Blümchen von kleinen Insekten, vor allem Wildbienen, besetzt. Noch nie habe ich das vorher so intensiv wahrgenommen. Wie wunderschön diese Blüten sind, jede einzelne in ihrer einmaligen Form und Farbe. Und später dann, wenn ich vor dem Bildschirm sitze, um mir die Bilder anzuschauen, entdecke ich noch viel mehr Einzelheiten, die ich mit dem bloßen Auge gar nicht gesehen habe. Die Blütenpollen z.B., die an den Beinchen der Biene haften geblieben sind. Da komme ich oft aus dem Staunen nicht mehr heraus. Und in all dem erkenne ich die große und überfließende Freundlichkeit und Kreativität des Schöpfergottes, an den ich glaube. Für mich ist diese Entdeckung der Kleinigkeit ein Weg zum eingangs erwähnten Rezept geworden, das Leben intensiver, bewusster und ja, auch glücklicher zu machen.

Vielleicht probieren Sie’s ja auch mal aus. Achten Sie mit wachen Sinnen auf die kleinen und großen Freundlichkeiten Gottes, die Ihnen täglich begegnen. Das Leben wird farbig und gewinnt an Lebensqualität. Entdecken Sie die Vielfalt der Schöpfung. Sammeln Sie schöne Eindrücke, gute Erfahrungen, bereichernde Begegnungen oder gute Worte wie einen Schatz. Jedes kleine und große Erfolgserlebnis ist ein Grund, Gott dankbar zu sein. Und wenn Sie es sich dabei zur guten Gewohnheit machen, mit einem „Danke, lieber Gott“ den Kontakt zu Ihrem Schöpfer zu pflegen, vertieft sich Ihre Freude und Sie kommen der Kunst des Lebens wieder einen großen Schritt näher. Machen Sie sich doch einfach mal mit diesem Rezept auf den Weg durchs Leben. Und wer weiß, vielleicht wird ja auch aus Ihnen ein Lebenskünstler oder eine Lebenskünstlerin?
Pfarrer Steffen Erstling
Evangelische Kirchengemeinde

 

 

Stärke und Schwäche

Tour de France.
Als die Spitzengruppe von einem Zitronenfalter überholt wurde, gaben viele Radfahrer das Rennen auf.

Diese kleine Geschichte steht im Evangelischen Gesangbuch irgendwo zwischen den Liedern. Günter Grass hat sie geschrieben. Schon seit Jahren fasziniert sie mich: Sie wirbelt die gängigen Gedankenwege so schön durcheinander.

Stärke und Schwäche. Was ist eigentlich stark? Der eine hat Muskeln, der andere kann starke mentale Kraft mobilisieren, schon Kinder können das.
Auch Schwächen machen stark! Dann, wenn man sie kennt und seine eigenen Schwächen akzeptieren kann als Teil von sich selbst. Wenn man vielleicht sogar darüber lachen kann. Wirklich menschlich ist nur eine Stärke, die sich der eigenen Schwäche bewusst bleibt.

Und es gibt auch die Stärke, die aus Verletzungen und Niederlagen erwächst. Es sind kostbare Erfahrungen, die Menschen dort machen, wo sie ihre Schwäche nicht mehr verdrängen müssen, sondern sich als „ganz“ erleben, auch in der Niederlage, in der Verletzung. Das geht nicht immer, es ist eher ein Geschenk, wenn es gelingt.

Dass aus Ihren Schwächen Stärken werden können, das wünsche ich Ihnen.

Pfarrer Horst Gamerdinger
Foto: Claudia Brefeld, pixelio.de

 

Der Himmel steht uns offen


Christi Himmelfahrt wird in unserer Stadt Jahr für Jahr ganz besonders gefeiert. Nicht zufällig ist der Blutfreitag mit diesem Fest im Kirchenjahr verbunden. Himmelfahrt ist ein Fest des Segens.
Dass der Himmel offen steht für uns auf der Erde, das ist die frohe Botschaft dieses Tages.

Der Lukas erzählt am Ende seines Evangeliums:
Es geschah, als Jesus sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel.
Jesus geht, aber seinen Segen lässt er da.

Wir kennen den Segen aus dem Gottesdienst.
Wo steht er da?  Natürlich am Ende.
Da, wo wir als Gemeinde wieder auseinandergehen.
Er markiert die Grenze zwischen der gottesdienstlichen Feier und unserem Leben im Alltag.
Auch der Alltag soll ein Gottesdienst werden:
Wir gehen unter dem Segen Gottes hinaus
aus der Kirche.
Der Friede Gottes geht mit uns,
damit wir anderen zum Segen werden.

Im Neuen Testament sind „segnen“ und „loben“ ein und dasselbe Wort. Wörtlich steht da:
Als sie von Christus gesegnet worden waren, kehrten sie nach Jerusalem zurück und „segneten“ Gott, (Lk 24,52) „Sie lobten Gott“ übersetzen wir meist.
Wichtig ist, dass wir verstehen:
Der Segen ist eine Kraft Gottes, die weiter wirkt in denen, die sie zugesprochen bekommen.
Er schenkt uns die Freude über Gott ins Herz, lässt uns loben und danken,
und genau dadurch können wir anderen zum Segen werden.

Die Jünger begreifen: Jetzt, wo Jesus nicht mehr da ist, sollen wir Christus ver-körpern:
Christi Stimme lasst uns sein. Christi Füße.
Christi Hände. Ein Leib mit vielen Gliedern,
wo eins sich um das andere kümmert,
wo das schwächste Glied am meisten umsorgt wird.
Der Moment, wo sie es begreifen, ist da, wo Christus sie segnet. Da ist eine Kraft, die stärker ist als alles andere. Stärker als der Tod, stärker als alles, was von Gott trennt
oder sich zwischen Menschen auftürmt an Entfremdung, Neid, Hass, Feindschaft und Schuld.

Der Segen zeigt den Jüngern:
Wir müssen es weitersagen,
dass Christus der Herr ist,
dass jedem Menschen der Himmel offen steht, dass jeder den Segen Gottes empfangen und weitertragen kann.
Wenn wir Christus Herrn sein lassen,
brauchen wir uns nicht länger selber als Herren aufspielen und andere niedermachen.
Wir werden auf den Boden zurückgeholt.
„Ge-erdet, wie man heute so schön sagt,  
ge-erdet, weil wir den Himmel über uns wissen.

Segnen: Das ist unsere Uraufgabe als Kirche:
Nicht nur die Aufgabe des Pfarrers im Gottesdienst.
Alle sind wir zum Segnen berufen und dazu einander zum Segen zu werden.
 

Stephan Günzler, Pfarrer an der Stadtkirche in Weingarten

zuerst erschienen in "Weingarten im Blick", 24. Mai 2019

(Bild: Artur K.M. Bay)
Bild: Clyde RS on unsplash.com



Gewohnheiten ändern

Magnolienblüte im Garten der Stadtkirche

In den letzten Monaten habe ich mit vielen Menschen über den Klimawandel geredet und auch darüber, was man ganz persönlichen Alltag dagegen tun kann. Mehr Fahrrad zu fahren, möglichst wenig Essensreste wegzuwerfen und Plastikmüll schon beim Einkaufen zu vermeiden ist etwas, was ich mir vorgenommen habe. Ich merke, wie schwer es ist, Alltagsgewohnheiten zu ändern, freue mich aber umso mehr über kleine Erfolge.
Es ist wichtig, dass jeder in seinem Alltag etwas verändert, auch wenn das natürlich Kleinigkeiten sind im Vergleich zu den radikalen Maßnahmen auf allen Ebenen, die nötig wären, um die Erderwärmung zu begrenzen.
Da finde ich es gut, dass die Jugendlichen uns in den Demonstrationen „Fridays for Future“ auf den Klimawandel hinweisen, viele Diskussionen auslösen und einschneidende Konsequenzen fordern. Sie beklagen auch Versäumnisse auf dem Weg vom Wissen zum Tun. Und sie haben recht. Obwohl wir beim Klimawandel schon lange genug Wissen über die Ursachen, Folgen und notwendigen Gegenmaßnahmen haben, passiert zu wenig. So ist es im persönlichen wie im politischen Bereich so viel einfacher, nicht genau hinzusehen und eigentlich nötige radikale Maßnahmen doch lieber nicht zu ergreifen.
Auch für uns als Kirche ist das ein wichtiges Thema. Es geht um die Bewahrung der Schöpfung für zukünftige Generationen. In der Landeskirche gibt es unter anderem ein Klimaschutzkonzept und zahlreiche Projekte und Veranstaltungen für einen nachhaltigen Umweltschutz (www.umwelt.elk-wue.de). Zum Beispiel gibt es seit fast 20 Jahren den „grünen Gockel“, ein Umweltmanagementsystem für kirchliche Einrichtungen, das die stetige Verminderung der Umweltbelastung zum Ziel hat. Bis zum Ziel einer klimaneutralen Landeskirche liegt allerdings noch ein anstrengendes Stück Weg vor uns.
Wie oft bei komplexen Aufgaben ist es hilfreich, sich eine Sache vorzunehmen und die dann anzugehen. Manches macht Spaß, manches ist anstrengend, aber das Ziel ist es wert.

Horst Gamerdinger (Text und Bild)
zuerst abgedruckt im Gemeindebrief 2019/2


Was kommt noch?

Pfarrer Gamerdinger über das Frühjahr, das Osterfest und sein Entfaltungspotential

Das frische Grün der neuen Triebe auf dem Foto bildet ab, was wir zurzeit draußen tausendfach sehen. Ich bin immer wieder beeindruckt. Jedes Frühjahr neu. Diese enorme Lebenskraft, die da zum Ausbruch kommt! Wie auf ein geheimes Zeichen geht es los. Stimmen die Bedingungen, will jede Knospe die erste sein, so scheint es.
Es ist ein enormes Potential, das sich da zur Entfaltung aufmacht. Die ganze Erwartung des künftigen Lebens steckt schon in den ersten kleinen Blättern: Wachsen, Frucht bringen, vergehen.

Was wird sich alles noch entfalten und entwickeln? Was wird noch passieren? Darum kreisen in diesen Tagen meine Gedanken, angestoßen durch die aufblühende Frühlingsnatur und das nahende Osterfest. Welche Erwartungen habe ich für die Zukunft? Was wird noch alles möglich sein? Was gibt mir in meinem Leben immer wieder Kraft und Auftrieb?
Es ist ja kein Zufall, dass das Osterfest gerade in dieser Jahreszeit gefeiert wird, wo sich in der Natur die neu erwachende Lebenskraft Bahn bricht. Im Frühling erleben wir sozusagen mit den Sinnen, was die Ostergeschichte erzählt: Am Ende steht nicht der Tod, sondern das Leben, das Leben in einem ganz umfassenden Sinne. Das Osterfest ist ein Fest des neuen Lebens, das alles umschließt und alles trägt. Im Vertrauen darauf möchte ich unterwegs sein. Was wohl noch alles aufblühen wird?

zuerst erschienen in Weingarten im Blick, 12. April 2019
Bild: Annie Spratt, unsplash.com