Der vorläufig letzte Gottesdienst

Evangelische Stadtkirche, Bild H. Gamerdinger

Am heutigen Sonntag feierten wir in unserer Stadtkirche den vorläufig letzten Gottesdienst - bis auf weiteres. D.h., wir feierten ihn nicht IN der Kirche, sondern draußen, VOR der Kirche. Und es war auch kein Gottesdienst mit normalem Ablauf, sondern eine kurze Andacht.
Über 30 Menschen waren gekommen, manche, weil sie noch nicht wussten, dass die Gottesdienste ausfallen müssen, manche gerade deshalb, weil sie noch mal dabei sein wollten.
Auch in Berg, wo an diesem Vormittag im Gemeindehaus ebenfalls ein Gottesdienst vorgesehen war, versammelten wir uns draußen zu einer kurzen Andacht.


Ich sprach folgendes Gebet:

Lebendiger Gott,
wir leben in Zeiten großer Umbrüche und Veränderungen.
Es gibt einiges, was uns Angst macht.
Viele spüren ein Gefühl der Beklommenheit.

Lass uns darauf vertrauen, dass du bei uns bist und uns begleitest.
Möge dein Geist und deine Kraft in uns und zwischen uns sein,
uns stark machen und mit Lebensmut beseelen.

Wir denken an die, die krank sind und nicht wissen wie es weitergeht.
Wir denken an alle, die sich Sorgen machen.
Wir denken an das medizinische Personal, das sich für dich die Kranken einsetzt.

Wir denken an alle, die Entscheidungen treffen müssen und Verantwortung tragen.
Wir denken an die, die sich für andere einsetzen und Solidarität vorleben.

Wir denken an alle, die noch ganz andere Sorgen und Nöte haben,
weil sie im Krieg leben oder auf der Flucht sind oder überhaupt niemanden haben …

Wir bleiben noch eine Weile im Stillen und denken an Personen, die ganz besonders unsere Hilfe, unsere Gedanken und unsere Gebete brauchen.


Gott, du stützt und stärkst uns. Du hältst und trägst uns.
Du lässt uns wachsen im Vertrauen auf dich.
Dafür danken wir dir.
Amen.


Nach dem anschließenden kurzen Lied “Du Gott stützt mich, du Gott stärkst mich, du Gott machst mir Mut“ und dem Segen verabschiedeten wir uns - und blieben danach doch noch beieinander stehen, die Allermeisten mit dem gebotenen Abstand.

Ein seltsames Gefühl, zu wissen, jetzt beginnt etwas, was wir alle noch nie erlebt haben, zu wissen, wir stehen am Anfang einer ungewissen Zukunft. Schwankend zwischen Katastrophenszenarien, die sich in unserem Kopf abspielen wie in einem dystopischen Film, und der Hoffnung, dass doch alles nicht so schlimm werden möge.

„Gott hält und trägt mich“ - Sätze wie diese, die ich sowieso noch nie gedankenlos nur so dahin gesagt habe, müssen sich jetzt noch einmal auf eine ganz andere Art bestätigen.

Pfarrer Horst Gamerdinger

Sonntag, den 16. März 2020